mini|Animation: Nachladevorgang auf Basis eines einfachen Masseverschlusses Der Masseverschluss ist eine Art des Verschlusses des Patronenlagers einer automatischen Schusswaffe. Er zeichnet sich dadurch aus, dass Lauf und Verschluss nicht mechanisch miteinander verriegelt sind.Pietzner: Waffenlehre. 1998, S. 42–46. Der Verschluss basiert dabei auf Massenträgheit; Peter Dannecker beschreibt ihn physikalisch als „kraftschlüssig-dynamisch verriegelten Verschluss“.
Der Masseverschluss findet Anwendung bei zwei Arten von Verschlussantrieben. Zum einen als Rückdrucklader, entsprechend der englischen Bezeichnung blowback operation;René Dick: Die Polizeilichen Online-Informationssysteme: in der Bundesrepublik Deutschland, Verlag BoD – Books on Demand, 2011, ISBN 978-3-8423-4236-1, S. 305 dabei ist der Lauf starr, der Verschluss hingegen nach hinten beweglich und zum anderen als Blow Forward (englisch für Vordrucklader) bei dem der Lauf nach vorne beweglich, der Verschluss bzw. die Stützplatte hingegen starr ist. Beide Verschlussantriebsarten sind Gasdrucklader.Jaroslav Lugs: Handfeuerwaffen. Band I. 6-te Auflage, Militärverlag der DDR, 1979, S. 302Dannecker: Verschlusssysteme von Feuerwaffen. 2009, S. 468–46 Da das Blow-Forward-Prinzip praktisch kaum Anwendung findet, wird in der Literatur der Masseverschluss meistens implizit als Masseverschluss beim Rückdrucklader verstanden.F. Flanhardt, K. Harbrecht: Kapitel Einteilung der automatichen Schusswaffen in: Waffentechnisches Taschenbuch. 3. Auflage, Rheinmetall, Düsseldorf 1977. S. 243–245 Dieser Artikel ist dementsprechend aufgebaut.
Als Erfinder wird meistens John Moses Browning, aber auch Hugo Schmeisser und Georg von Dormus genannt. Das Prinzip des Masseverschlusses findet Anwendung in vielen Varianten, von kleinen Taschenpistolen bis zu schweren Maschinenkanonen.
Allgemeines mini|Wird die Patronenhülse zu schnell bzw. früh aus dem Patronenlager gedrückt, beult sie aus. Dies kann zum Reißen der Hülse führen, was die Funktionssicherheit der Waffe und den Schützen gefährdet. Beim Masseverschluss sind der feststehende Lauf und bewegliche Verschluss nicht mechanisch miteinander verriegelt. Nach der Zündung der Treibladung bewegt sich die Patronenhülse samt Verschluss unter Druck rückwärts. Dabei muss die Rücklaufgeschwindigkeit des Verschlusses so weit begrenzt werden, dass die Hülse, solange sich das Geschoss im Lauf bewegt und dort hoher Druck herrscht, ausreichend vom Patronenlager abgestützt wird. Grundsätzlich sollen die Patronen aus dem Patronenlager höchstens die Stärke des Patronenbodens zurückrutschen, da sonst der hohle Hülsenteil nicht mehr unterstützt wird und es zu Hülsenriss kommen kann.Pietzner: Waffenlehre. 1998, S. 42–46.
Nachdem das Geschoss den Lauf verlassen hat, bewegt sich der Verschluss durch seine Massenträgheit weiter nach hinten, wobei die Patronenhülse ganz aus der Patronenkammer ausgezogen und ausgeworfen wird. Die gespeicherte Federenergie steigt mit stärkerer Kompression der Feder an. Wenn der Verschluss seine gesamte kinetische Energie an die Feder abgegeben hat oder an einen Anschlag stößt und sich so in seinem hinteren Totpunkt befindet, wird er durch die Feder wieder nach vorne beschleunigt, wobei eine neue Patrone aus dem Magazin ins Patronenlager geführt wird.
Der Verschluss kann zuschießend oder aufschießend konstruiert sein. Bei Mustern in zuschießender Ausführung kann auf einen beweglichen Schlagbolzen verzichtet werden. Hier schlägt ein Dorn beim Schließen des Verschlusses auf das Zündhütchen der Patrone.
Grundsätzlich wird zwischen Gasdruckladern und Rückstoßladern unterschieden. Der Masseverschluss arbeitet nach dem Prinzip des Gasdruckladers. Die Verbrennungsgase der Treibladung breiten sich in alle Richtungen aus. Durch diesen Gasdruck wird zum einen das Geschoss nach vorne, zum anderen die Hülse nach hinten geschoben.Engineering Design Handbook : Automatic Weapons, United States Army Materiel Command, 1970, Kapitel 1-1 Ein Bewegungsimpuls des Geschosses zum Erzeugen eines Rückstoßes ist auch gar nicht nötig. Der Masseverschluss funktioniert auch sehr gut mit Platzpatronen, wenn ein Manöverpatronengerät den Querschnitt der Rohrmündung stark verengt und somit der nötige Gasdruck aufgebaut wird. Ein Rückstoßlader benötigt hingegen eine Geschossbewegung, um den Rückstoß zu erzeugen. Dennoch wird fälschlicherweise der Masseverschluss manchmal den Rückstoßladern zugeordnet.Heinz Dathan: Waffenlehre für die Bundeswehr. (4. neu bearbeitete Aufl.), Mittler & Sohn Verlag, 1980, ISBN 3-87599-040-4, S. 72 Alternativ ist die Bezeichnung Rückdrucklader, entsprechend der englischen Bezeichnung blowback operation für den Masseverschluss, möglich. Diese Bezeichnung nimmt Bezug auf die öffnende Kraft, den Druck im Lauf, wohingegen Masseverschluss Bezug auf die Art der schließenden Komponente, der Massenträgheit, nimmt.
Essentiell für den Masseverschluss ist, dass die Hülse die das Patronenlager abdichtet gleichzeitig aber auch nach hinten rutscht. Durch ein Verklemmen der Hülse im Patronenlager würde nicht genügend Energie an den Verschluss übertragen werden mit der Folge, dass der Nachladevorgang der nächsten Patrone stoppen würde. Während das bei schwacher Pistolenmunition noch von sich aus funktioniert, müssen bei stärkerer Munition Vorkehrungen getroffen werden. Frühe Maschinengewehre mit Masseverschluss wie das österreichische Maschinengewehr SchwarzloseChinn: The Machine Gun. 1951, Band I, S. 231. oder das italienische Breda 30Terry Wieland: Gun Digest Book of Classic American Combat Rifles. Verlag Krause Publications, 2011, ISBN 978-1-4402-3017-2, S. 515 und vor allem Maschinenkanonen benötigten deshalb geölte Hülsen. Die Ölung bringt aber große Probleme mit sich, so dass man auf diese verzichten möchte.Chinn: The Machine Gun. 1951, Band I, S. 522.
Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs kamen Patronenlager mit Druckausgleichsrillen auf. Bei der US-amerikanischen Variante der 20-mm-Oerlikon-Kanone, der Mark 4, wurden diese Rillen beim Übergang des Patronenlagers auf den Lauf eingeführt, um Ausziehprobleme trotz Hülsenölung zu verbessern.Philip Gutzman: Vietnam: Naval and Riverine Weapons. Verlag Lulu.com, 2010, ISBN 978-0-557-17743-1, S. 454 http://www.navweaps.com/Weapons/WNUS_2cm-70_mk234.htm United States of America 20 mm/70 (0.79") Marks 2, 3 & 4 Durch diese Rillen herrscht der gleich hohe Druck im Inneren der Hülse wie auch in den Rillen um diese. Dadurch wird die Hülse weniger stark an die Wände der Patronenkammer gepresst und kann leichter zurückgleiten.Brian J. Heard: Handbook of Firearms and Ballistics: Examining and Interpreting Forensic Evidence. Verlag John Wiley & Sons, 2011, ISBN 978-1-119-96477-3, S. 174
Um Gasverluste wegen schlechter Liderung möglichst zu vermeiden und Hülsenreißern im Patronenlager vorzubeugen, sollten die Hülsen zylindrisch oder nur leicht konisch sein und über keine sehr stark ausgeprägte Schulter bei einer Flaschenhalshülse verfügen, denn je weiter die konische Hülse aus dem Patronenlager herausragt, desto weniger wird sie von dem Patronenlager unterstützt.Chinn: The Machine Gun. Band IV, 1951, S. 10.Georg Ortenburg: Waffen der Landsknechte 1871–1914. Bechtermünz, 2005, original 1992, ISBN 3-8289-0521-8, S. 78. So traten bei Bergmann-Pistolen wegen schlechter Liderung Gasverluste auf, was die Leistung der Waffe verminderte und bei Verschmutzung zu Störungen führen konnte.
Um die Hülse länger in der Patronenkammer von den Wänden zu unterstützen, muss die Patronenkammer verlängert werden. Die dafür vorgesehenen Hülsen haben einen speziellen sogenannten unterschnittenen Boden (engl.: rebated rim), d. h. der Bodendurchmesser ist kleiner als der Querschnitt der Hülse. Dadurch kann der Auszieher mit der Patrone in die Patronenkammer hineinfahren.Manfred R. Rosenberger, Katrin Hanné: Vom Pulverhorn zum Raketengeschoss: Die Geschichte der Handfeuerwaffen-Munition. Motorbuch Verlag, 1993, ISBN 3-613-01541-2, S. 150–151.Chinn: The Machine Gun. Band IV, 1951, S. 12–13.
Waffen mit einfachem Masseverschluss eignen sich hauptsächlich für Pistolenmunition. Für Gewehrpatronen wie die 7,62 × 51-mm-NATO-Patrone sind Zusatzmechanismen zur Verzögerung des Verschlusses notwendig, der Verschluss wird dann verzögerter Masseverschluss genannt. Weiter gibt es noch die bei Maschinenkanonen verwendete Variante mit Vorlaufzündung – bei der die Patrone bereits zündet, während der Verschluss sich noch schließt.
Bei modernen fremdgesteuerten automatischen Waffen wird die natürliche Masse durch eine magnetische Massensimulation für die Zeit, in der sich das Geschoss im Lauf befindet, erhöht.
Varianten Einfacher Masseverschluss mini|Prinzip des einfachen Masseverschlusses mini|Die Maschinenpistole M3 hat einen einfachen Masseverschluss. Aufgrund der benötigten hohen Verschlussmasse sind einfache Masseverschlüsse bei Pistolen grundsätzlich nur für Kaliber kleiner als 9 × 19 mm geeignet. Pistolen ab diesem Kaliber sind meistens Rückstoßlader mit kurz zurückgleitendem Lauf. Die häufigste Verschlussart ist dabei das Browning-System mit seinen Variationen. Die technisch einfachste Variante eines Verschlusses für eine automatische Waffe ist der einfache Masseverschluss. Er setzt das Prinzip des Masseverschlusses ohne weitere Mechanismen um. Dank diesem einfachen Aufbau gelten Waffen mit Masseverschluss als sehr zuverlässig.Robert E. Walker: Cartridges and Firearm Identification Verlag CRC Press, 2013, ISBN 978-1-4665-8881-3, S. 24 Der Verschluss kann sehr einfach gewartet werden, was die Zerlegung und Reinigung beinhaltet.Automatic weapons, United States Army Materiel Command, 1970 S. 2–47
Der Verschluss wird von verschiedenen Kräften gebremst: Reibungswiderstand zwischen Hülse und Patronenlager, Trägheitskraft der Verschlussmasse, Reibungswiderstand zwischen Verschluss und Gehäuse sowie Rückstellkraft der Schließ- und Schlagfedern.Pietzner: Waffenlehre. 1998, S. 43 Der einfache Masseverschluss wird daher manchmal Feder-Masse-Verschluss bzw. Masse-Feder-Verschluss genannt. Das ist jedoch technisch nicht richtig, weil die Federkraft bezüglich des Verschlusses sehr gering, also vernachlässigbar ist. Der Verschluss wirkt durch seine Massenträgheit.
Da die Masse des Verschlusses direkt auf die Leistung der Patrone abgestimmt sein muss, sind dem Verschlussprinzip bei Handfeuerwaffen engere Grenzen gesetzt als bei anderen Verschlusskonstruktionen. Je leistungsstärker die Patrone ist, desto schwerer muss der Verschluss und größer die Federkraft der Schließfeder sein, was die Handhabung erschwert. So würde ein einfacher Masseverschluss für die Patrone 7,62 × 51 mm NATO circa 11 kg wiegen. Darum kommen einfache Feder-Masse-Verschlüsse nur bei relativ leistungsschwachen Patronen zum Einsatz.
Damit der Druck im Lauf schnell abgebaut wird, haben Waffen mit einfachem Masseverschluss kurze Läufe, was zu einer geringen Mündungsgeschwindigkeit führt.Dr. Franz Felberbauer, Truppendienst Taschenbuch, Reihe – Wehrtechnik, Waffentechnik l: Rohrwaffen, Lenkwaffen und Flugkörper, Ballistik, Zielen und Richten, 1. Auflage, Verlag HEROLD, Wien, S. 35