mini|Hanns Zischler, 2017
Christoph Johann „Hanns“ Zischler (* 18. Juni 1947 in Nürnberg) ist ein deutscher Filmschauspieler, Dramaturg, Regisseur, Hörspielsprecher, Hörbuchsprecher, Fotograf, Übersetzer und Essayist.
Leben Hanns Zischler ist als Sohn eines Steinbruchbesitzers und Steinhändlers Johann Zischler im fränkischen Dorf Langenaltheim aufgewachsen. Nach dem Tod seiner Mutter ging er auf ein protestantisches Internat in Ingolstadt zur Schule, wo sein Interesse an Musik und Philosophie gefördert wurde. Danach besuchte er das Internat MarquartsteinIn: Gero von Boehm begegnet Hanns Zischler. In: 3sat, 8. November 2010 und In: 3sat. und erlangte 1966 sein Abitur.Hanns Zischler. In: guenter-peter.de, aufgerufen am 19. Mai 2015. In München und Berlin belegte er Vorlesungen in Philosophie, Ethnologie, Musikwissenschaft und LiteraturwissenschaftClaudia Christophersen: Hanns Zischler über die Kunst des Redens. In: NDR, 6. April 2016, Interview.. Zischler arbeitete als Lektor und Übersetzer französischer Philosophen und ging 1968 an die Berliner Schaubühne, wo er von 1973 bis 1975 als Dramaturgie- und Regieassistent für Peter Stein und Klaus Michael Grüber tätig war. In Karlsruhe und Basel inszenierte er 1976 gemeinsam mit Regisseur Harun Farocki die Theaterstücke Die Schlacht und Traktor von Heiner Müller. Er ließ die Welt des Theaters hinter sich, da er nach eigenen Angaben nicht dauerhaft in geschlossenen, fensterlosen Räumen arbeiten mochte.
Als Schauspieler war er seit den 1970er-Jahren in deutschen Filmproduktionen unter anderem von Wim Wenders, Peter Handke, Peter Lilienthal, Rudolf Thome zu sehen. In Thomes Spielfilmen trat er bisher achtmal auf.Katharina Losso: auf film-zeit.de, März 2009. Bekannt wurde Zischler vor allem 1976 durch das Roadmovie Im Lauf der Zeit von Wim Wenders. Auch in internationalen Produktionen von Autorenfilmern wie Claude Chabrol, Andrew Birkin und István Szabó wirkte er mit. 2005 spielte er in Steven Spielbergs Filmdrama München die Rolle des Mossad-Agenten Hans.
In der schwedischen Krimiserie Kommissar Beck – Die neuen Fälle spielte er die Rolle des Josef Hillman in den Folgen Das Kartell, Der Mann ohne Gesicht, Preis der Rache (TV, 2001), Der Junge in der Glaskugel, Tod per Inserat, Der Einsiedler und Absender unbekannt (Fernsehen, 2002). In dem auf der Berlinale 2009 uraufgeführten Film Hilde über das Leben Hildegard Knefs spielte Zischler die Rolle des UFA-Filmproduzenten Erich Pommer.
Zischler spielt seine Rollen mit sehr großer GeistesgegenwartMichael Althen und Andreas Kilb: „Geistesgegenwart ist das einzige Gebot.“ In: FAZ, 19. Januar 2006, Interview. und Präsenz.Jochen Hieber: Hanns Zischler zum Sechzigsten: Auch wenn er auf dem Sofa liegt, bleibt er präsent. In: FAZ, 18. Juni 2007. Nach Meinung von Reclams Lexikon des deutschen Films verkörpere er eine „vertrauenerweckende Männlichkeit, die jeder modischen Attitüde trotzt und sympathisch altmodisch auftritt.“Gerda-Marie Schönfeld: In: Stern, 4. Februar 2006, Nr. 5. Von dem Regisseur Jean-Luc Godard wurde er als Gentleman Actor bezeichnet. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 2010. Die FAZ urteilte über seine Schauspielkunst: Zischler agiere im Film auf „eine emphatische, dabei absichtsvoll zurückhaltende Weise“, sein „Markenzeichen“ sei „die expressive Lakonie“. Er ist einer der meistbeschäftigten Schauspieler Deutschlands,Anna Loll: Hanns… wer? Ach der! In: FAZ, 31. Januar/1. Februar 2009. bis 2015 wurden mehr als 220 Film- und Fernsehrollen gezählt, in denen er sehr unterschiedliche Charaktere dargestellt hatte. Dennoch wird er bis heute vor allem von Filmkennern geschätzt und geachtet, deren Anerkennung ihm jedoch nach eigener Aussage genüge.
Zischler weist eine große Bandbreite bei seinen Tätigkeitsfeldern auf; angefangen bei seinen Einlesungen von Helmut-Schmidt-Hörbüchern über das Singen von Chansons und seine Übersetzung von Jacques Derrida bis hin zu einer Monographie im Auftrag von Polaroid.
2006 gründete Zischler nach 1968 zum zweiten Mal den Alpheus Verlag in Berlin, worin von 2007 bis 2010 die Schriftenreihe TUMULT. Schriften zur Verkehrswissenschaft (herausgegeben von Walter Seitter und Frank Böckelmann) vorübergehend erschien.
Zischler wohnt seit 1968 in Berlin, lebte seit 1978 mit der Landschaftsarchitektin und Künstlerin Regina Poly (1942–2014) zusammen und war seit 2008/2009 mit ihr verheiratet. Sein Sohn Julian Middendorf (1978–2013) war als Schauspieler, Tänzer und Yoga-Lehrer tätig., Sonntagsinterview. Er ist Mitgründer des PEN Berlin.
Er beteiligte sich im April 2021 an der kontrovers diskutierten Aktion #allesdichtmachen, bei der über 50 prominente Schauspieler die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie in ironisch-satirischen Videos kommentierten.
Auszeichnungen 2004: Friedrich-Baur-Preis 2009: Heinrich-Mann-Preis 2010: Deutscher Hörbuchpreis in der Kategorie „Beste Fiktion'“ für seine Lesung (mit Peter Fricke und Ilja Richter) der Chronik der Gefühle von Alexander Kluge, Regie: Karl Bruckmaier, Produktion: BR und Verlag Antje Kunstmann. 2011: Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland 2013: Preis der Literaturhäuser 2016: Cicero RednerpreisKnut Cordsen: In: BR, 7. April 2016, Audio-Datei, 5:44 Min. 2018: Ehrendoktorwürde der Bauhaus-Universität Weimar 2022: August Graf von Platen Literaturpreis der Stadt Ansbach
Filmografie (Auswahl)
Dokumentarfilme Gero von Boehm begegnet Hanns Zischler. Gespräch, Deutschland, 2010, 44:25 min, Produktion: interscience, 3sat, Erstausstrahlung: 8. November 2010, Film-Informationen von interscience, 3sat-Video depubliziert. „Ich gehe in ein anderes Blau.“ Fernsehdokumentation zu Rolf Dieter Brinkmann, BR Deutschland, 1981, 45 min, Buch und Regie: Hanns Zischler, Produktion: Südwestfunk „Amerika“ vor Augen oder Kafka in 43 min. 30 sec. Dokumentarfilm, BR Deutschland, 1978, 43:30 min, Buch und Regie: Hanns Zischler, Produktion: WDR, Erstsendung: 1. September 1978 bei WDR 3
Schriften (Auswahl) – umgekehrt chronologisch - mit Hanna Zeckau (Illustrationen): Der Bleistift. Residenz-Verlag, 2025. ISBN 978-3-7017-3646-1. Der zerrissene Brief. Roman. Galiani, Berlin 2020, ISBN 978-3-86971-207-9. Errata. Fehler aus zweiter Hand. Ein Gespräch in x Stichworten mit Hanns Zischler (= Marbacher Magazin, 153). Ausstellungskatalog. Marbach 2016, ISBN 978-3-944469-19-5. Das Mädchen mit den Orangenpapieren. Galiani, Berlin 2014, ISBN 978-3-86971-096-9. Berlin ist zu groß für Berlin. Galiani, Berlin 2013, ISBN 978-3-86971-071-6. mit Hanno Rink (Illustrationen): Lady Earl Grey. Arche Verlag, Zürich/Hamburg 2012, ISBN 978-3-7160-2676-2. mit Hanna Zeckau: Der Schmetterlingskoffer. Die tropischen Expeditionen von Arnold Schultze. Galiani, Berlin 2010, ISBN 978-3-86971-024-2.Elke Schmitter: Romantisches Trockenmaterial. In: Der Spiegel, Nr. 49, 6. Dezember 2010, Seite 162, Besprechung von Der Schmetterlingskoffer. mit Sara Danius: Nase für Neuigkeiten: Vermischte Nachrichten von James Joyce. Zsolnay, Berlin 2008, ISBN 978-3-552-05425-7. mit Jörg Probst (Hrsg.): Großes Kino, kleines Kino. 1968 Bilder. Merve Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-88396-248-1. mit Frank Böckelmann (Hrsg.): Der hinreiszende Klang des Amerikanischen. Alpheus, Berlin 2007. (Tumult, Band 32). als Hrsg.: Literaturmagazin 43. Borges im Kino. Rowohlt, Reinbek 1999, ISBN 3-498-03906-7. Kafka geht ins Kino. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996, ISBN 3-499-22376-7. Überarbeitete Neuauflage: Galiani Berlin, Berlin 2017, ISBN 978-3-86971-105-8. Tagesreisen. Merve, Berlin 1993, ISBN 3-88396-106-X.
Artikel Die durchbrochene Leinwand. Georges Méliès’ Autoportrait de l’Artiste. In: Trajekte, 25. Kopf Schädel Gesicht. 2012. Hrsg. vom Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. Auf Sand gebaut. Berlin ist zu groß für Berlin. In: Tagesspiegel, 3. Januar 2010. Werner Hamacher: „Ich soll der Delamarche sein.“ Amerika vor Augen: Kafka in 43 Minuten 30 Sekunden. In: Aris Fioretos (Hrsg.): Babel. Festschrift für Werner Hamacher. Urs Engeler, Basel 2009, ISBN 3-938767-55-3, S. 408–416, Transkript einer Sendung im WDR 3, 1978, Inhaltsverzeichnis. Die schönste Mondlandschaft, die man sich denken kann: die Fränkische Alb. In: Deutsche Landschaften. 2003, S. 293–303.
Übersetzungen Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt. Graphic Novel, dtv, München 2019, ISBN 978-3-423-28208-6 Jacques Derrida: Grammatologie. Suhrkamp, Frankfurt 2003, ISBN 3-518-06739-7, mit Hans-Jörg Rheinberger. Jean-Luc Godard: Histoire(s) du cinéma. Tonspur der achtteiligen Histoire(s) du cinéma (1988–1998) auf fünf CDs mit vier Text- und Bildbänden. ECM Records, München 1999, ISBN 3-00-005329-8. Hugh Kenner: Von Pope zu Pop. Kunst im Zeitalter von Xerox. Philo, Berlin 1995, ISBN 3-86572-388-8, mit Wulf Teichmann.
Hörbücher Ferdinand von Schirach: Nachmittage. der Hörverlag, 2022, ISBN 978-3-8445-4768-9. Bernhard Schlink: Die Enkelin. Diogenes Hörbuch, Zürich 2021. Ungekürzt gelesen von Nina Petri und Hanns Zischler, ISBN 978-3-257-69437-6. Graham Greene: Der dritte Mann. Der Audio Verlag (DAV), Berlin 2016, 3 CDs, 3h 53 min, ISBN 978-3-86231-691-5. Elisabeth de Waal: Donnerstags bei Kanakis. Hörbuch Hamburg 2014, ISBN 978-3-89903-736-4. Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt. Gesprochen von Hanns Zischler und Marcus Off. Der Audio Verlag (DAV), Berlin 2012, 3 CDs, ISBN 978-3-86231-237-5. Helmut Schmidt: Religion in der Verantwortung: Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung. Random House Audio, 2011, ISBN 978-3-8371-1179-8. Helmut Schmidt, Fritz Stern: Unser Jahrhundert: Ein Gespräch. Der Audio Verlag (DAV), 5 CDs, 307 min, Berlin 2010, ISBN 978-3-89813-978-6. Martin Burckhardt: Die Offenbarung des Daniel Paul Schreber. Kulturverlag Kadmos, Berlin, ISBN 978-3-931659-04-2. Arnold Stadler: Komm wir gehen. Argon, Berlin 2007, ISBN 3-86610-253-4. Gabriel García Marquez: Erinnerungen an meine traurigen Huren. 3 Audio-CDs. Aufbau, Berlin 2007, ISBN 3-89813-560-8. Gabriel García Marquez: Chronik eines angekündigten Todes. 3 Audio-CDs. Aufbau, Berlin 2007, ISBN 3-89813-632-9. Kapuscinskis Welt. Stationen eines Weltreisenden. CD-ROM + Audio-CD. Eichborn, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-8218-5448-9. Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Argon Verlag, 2 Audio-CDs, 2006, ISBN 3-86610-010-8. Vladimir Nabokov: Der Zauberer. 2 Audio-CDs, Süddeutsche Zeitung, München 2006, ISBN 3-86615-362-7. Fernando Pessoa: Ein anarchistischer Bankier. LeseOhr von Wagenbach, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-8031-4090-6. Heinrich Heine: „Ich will meine Seele tauchen“. Gedichte. Patmos, Düsseldorf 2006, mit Rufus Beck, Audio-CD, ca. 80 min, ISBN 3-491-91196-6. Eckhard Henscheid: Die Vollidioten. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004 , ISBN 3-86150-655-6. (Hörbuch auf 1 MP3-CD, Audio-CD, 418 min, mit Beiheft, 24 S.)Wiglaf Droste: Hanns Zischler liest „Die Vollidioten“ von Eckhard Henscheid. In: Taz, 13. Januar 2006, Besprechung. Kathrin Röggla: Wir schlafen nicht. parlando, Hamburg 2004, ISBN 3-935125-38-0. (Audio-CD Laufzeit 81 min, mit Beiheft, 8 S.) Gustav Schwab: Sagen des Klassischen Altertums. Eichborn, Frankfurt am Main 2003–2006, 16 CDs, ca. 1250 min, ISBN 3-8218-5426-X. Tim Parks: Schicksal. Kunstmann, München 2001, ISBN 3-88897-287-6, gekürzt, 2 CDs, 268 min.
Hörspiele 1991: Gabriel Josipovici: Nachruf auf L. S. (Interviewer) – Regie: Robert Matejka (Hörspiel – RIAS Berlin) 2004: Irina Vrkljan, Benno Meyer Wehlack: Sirovys Träume, Regie: Annette Kurth (Hörspiel – WDR) 2014: Kathrin Röggla: Lärmkrieg – Regie: Leopold von Verschuer (Hörspiel – BR)
Literatur Hermann J. Huber: Langen Müller’s Schauspielerlexikon der Gegenwart. Deutschland. Österreich. Schweiz. Albert Langen • Georg Müller Verlag GmbH, München • Wien 1986, ISBN 3-7844-2058-3, S. 1150.