Der Ring der Niegelungen (Originaltitel What’s Opera, Doc?) ist ein US-amerikanischer Zeichentrickkurzfilm aus dem Jahr 1957. Er ist eine der Produktionen um die Figuren Bugs Bunny und Elmer Fudd. Letzterer nimmt dabei die Rolle von Siegfried dem Drachentöter ein, der auf der Jagd nach Hasen ist. Bugs versucht, ihn zu überlisten, indem er sich als Walküre Brünhild ausgibt.

Der Ring der Niegelungen stammt von Chuck Jones, der oft Kurzfilme mit den beiden Charakteren drehte. Die Handlung ist eine Parodie des Opernzyklus Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner. Im Film sind jedoch nur wenige Musikstücke aus den Nibelungen zu hören, dafür aber welche aus anderen Werken des Komponisten. Auch die eigentliche Handlung weist abgesehen von den humoristischen Einlagen einige Unterschiede zur Vorlage auf, beispielsweise hinsichtlich der Beziehung zwischen Siegfried und Brünhild.

Der Film wurde in den USA erstmals 1957 im Kino veröffentlicht. Er gilt in der Gegenwart unter Animationshistorikern und Filmkritikern nicht nur als Jones’ beste Arbeit, sondern auch als Klassiker des Zeichentrickfilms. In Deutschland wird er seit den 2000er Jahren regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt.

Handlung Ein Mann von scheinbar riesiger, kräftiger Gestalt lässt es auf einem Berg stehend gewittern. In Wahrheit ist er der eher schmächtige Elmer Fudd, der Siegfried den Drachentöter darstellt. Im Rezitativ erzählt er davon, mithilfe seines Speers und magischen Helms einen Hasen jagen zu wollen. Als Elmer den Bau seines Erzfeinds Bugs Bunny findet, sticht er mit dem Speer hinein, während er seinen Standardsatz Tötet den Hasen spricht. Bugs steigt währenddessen aus einem anderen Loch und fragt Elmer wie so oft Is’ was, Doc? Danach verspottet er dessen Waffen und Rüstung, worauf Elmer erneut Gewitterwolken erzeugt. Bugs ergreift daraufhin die Flucht und wird von Elmer verfolgt.

Elmer beendet augenblicklich seine Suche nach Bugs, als er auf die Walküre Brünhild trifft. Die beiden reiten auf Brünhilds stark übergewichtiger Stute davon, tanzen anschließend in einem Wald ein Ballett und singen im Duett ein Liebeslied. An einem Gartenpavillon findet ihre Liebe ein jähes Ende, als Brünhild in Elmers Armen liegend die Perücke runterrutscht und sich herausstellt, dass sie ein verkleideter Bugs ist. Daraufhin zieht Bugs Elmers Helm weit herunter, dass er auf dessen Kopf festsitzt, und sucht das Weite.

Nachdem Elmer seinen Helm wieder gerade gerückt hat, gerät er in Rage und erzeugt Blitze, Taifune, Hurrikane, Erdbeben und Smog, um Bugs zu töten. Der Hase ist in der Zwischenzeit auf einen Berg geklettert, der durch das Unwetter zerstört wird. Elmer eilt erfreut zu den Ruinen, als er Bugs’ leblosen Körper auf einem Stein liegend findet. Elmer bereut seine Tat zutiefst und trägt die Leiche weinend den Berg in Richtung eines Lichts hoch. In der letzten Szene blickt Bugs in die Kamera und fragt die Zuschauer, ob sie am Ende einer Oper wirklich ein Happy End erwartet haben, ehe er sich wieder tot stellt.

Produktion

Entstehung Der Trickfilmregisseur Chuck Jones, der in seiner Karriere etliche Filme für die Looney-Tunes-Serie von Warner Bros. drehte, hatte bei seiner Arbeit eine Vorliebe für Parodien von klassischer Musik und Opern. So veröffentlichte er im Jahr 1950 Der Hase von Sevilla, in dem sich Bugs Bunny und Elmer Fudd in einer Aufführung von Der Barbier von Sevilla wiederfinden.Giannalberto Bendazzi: Animation: A World History. CRC Press, Boca Raton 2016, ISBN 978-1-138-94307-0, Kapitel Chuck Jones. Ein Grund hierfür war unter anderem die von ihm angestrebte Verspottung des Spielfilms Fantasia von 1940. Die Produktion des Warner-Konkurrenten Disney bestand aus mehreren Realfilm- und Zeichentrickszenen, die von klassischen Musikstücken begleitet wurden. Die Anfangsszene von Der Ring der Niegelungen, in der es der vermeintlich monströse Elmer gewittern lässt, ist daher nach Einschätzung einiger Animationshistoriker eine Anspielung auf eine Fantasia-Sequenz. In der Szene spielt im Hintergrund als einziges Musikstück im Jones-Film, das nicht von Richard Wagner stammt, Eine Nacht auf dem kahlen Berge. Dieselbe Musik ist in Fantasia zu hören, wenn der Dämon Cherabog erscheint.David Schroeder: Cinema’s Illusions, Opera’s Allure: The Operatic Impulse in Film. Bloomsbury Publishing, London 2016, ISBN 978-1-4742-9141-5, S. 226. Das Drehbuch zum Film schrieb der Autor Michael Maltese, mit dem Jones häufiger zusammenarbeitete. Maltese hatte mehr als zehn Jahre zuvor das Skript für den Propagandafilm Herr Meets Hare verfasst. In einer Szene verkleidete sich Bugs als Brünhild, ritt auf einem Schimmel und verführte Elmer, der mit seiner kräftigen Statur eine Karikatur von Hermann Göring darstellte.Daniel Eagan: America’s Film Legacy: The Authoritative Guide to the Landmark Movies in the National Film Registry. Bloomsbury Academic, London 2010, ISBN 978-0-8264-2977-3, S. 532.

Die ersten Entwürfe von Der Ring der Niegelungen fertigte der Animator Ernie Nordli an, der kurz nach Beginn der Produktionsphase Warner Bros. verließ und zu Disney wechselte.Tod Polson: The Noble Approach: Maurice Noble and the Zen of Animation Design. Chronicle Books, San Francisco 2013, ISBN 978-1-4521-2738-5, S. 29. Jones fand als Ersatz Maurice Noble, der seinerseits bei Disney kündigte. Noble arbeitete mit Jones bereits während des Zweiten Weltkriegs an der Propaganda-Zeichentrickreihe Private Snafu zusammen.Robert J. McKinnon: Stepping Into the Picture: Cartoon Designer Maurice Noble. University Press of Mississippi, Jackson 2008, ISBN 978-1-934110-44-7, S. 74. Er ersetzte Nordlis nach seiner Einschätzung „fantasielose und langweilige“ Skizzen vollständig durch seine eigenen, die er als „gigantisch, ultrapathetisch und prachtvoll“ bezeichnete.Robert J. McKinnon: Stepping Into the Picture: Cartoon Designer Maurice Noble. University Press of Mississippi, Jackson 2008, ISBN 978-1-934110-44-7, S. 33. Von Warner Bros. erhielt Jones für die Fertigstellung die übliche Frist von fünf Wochen. Der Regisseur wusste, dass das für Der Ring der Niegelungen nicht ausreichen würde. Deswegen ließ er seine Zeichner falsche Arbeitspläne erstellen. Warner Bros. ließen sie so im Glauben, zusätzlich einen neuen Teil der beliebten Road-Runner-Reihe zu entwerfen. Das Studio gab Jones für diesen Film ebenfalls fünf Wochen, er hatte also für beide Produktionen zehn Wochen Zeit. Weil das Team mit der Produktion der Road Runner-Kurzfilme sehr vertraut war, brauchte es für dessen Anfertigung lediglich drei Wochen. Da Jones für Der Ring der Niegelungen nun sieben Wochen zur Verfügung hatte, konnten die Dreharbeiten beginnen.Ryan Dunlavey, Fred van Lente: The Comic Book History of Animation: True Toon Tales of the Most Iconic Characters, Artists and Styles! IDW Publishing, San Diego 2021, ISBN 978-1-64936-000-7, S. 71.

Dreharbeiten Nach der Fristverlängerung fingen die Zeichner mit ihrer Arbeit an Der Ring der Niegelungen an. Maltese hatte in seinem Drehbuch die Szene aus Herr Meets Hare übernommen, in der Bugs und Elmer verliebt miteinander tanzen. Die Zeichner sahen sich vor der Anfertigung dieser Sequenz Aufführungen des populären Balletttänzerpaars Tatjana Michailowna Rjabuschinskaja und David Lichine an. Die Eheleute waren zu dieser Zeit oft als Referenzmodelle für Disney-Zeichentrickproduktionen tätig, unter anderem bei FantasiaGeoff Andrew: Film: The Critics’ Choice: 150 Masterpieces of World Cinema Selected and Defined by the Experts. Aurum Press, London 2001, ISBN 1-85410-798-4, S. 324. und Make Mine Music.Larry F. Kiner: Nelson Eddy: A Bio-discography. Scarecrow Press, Lanham 1992, ISBN 1-85410-798-4, S. 346. Für die nachfolgende Szene, in der Bugs und Elmer singen, verfasste Maltese ein Duett mit dem Titel Return my Love, das den für damalige Liebeslieder typischen sentimentalen Text parodierte.Jerry Beck: The 100 Greatest Looney Tunes Cartoons. Insight Editions Publishing, San Rafael 2020, ISBN 978-1-64722-137-9, S. 198.

Sprecher in der Produktion waren Mel Blanc und Arthur Q. Bryan, die Stammstimmen der Figuren Bugs und Elmer. In der Schlüsselszene, in der Elmer mehrere Naturgewalten heraufbeschwört, ist beim kräftigsten Ausruf Smog! Blanc statt Bryan zu hören.Keith Scott: Cartoon Voices of the Golden Age, Vol. 2. BearManor Media, Watchung 2022, ISBN 979-8-88771-011-2, Kapitel 1957. Der Ring der Niegelungen war der vorletzte Elmer-Fudd-Kurzfilm mit Bryan in der Hauptrolle, der noch vor Veröffentlichung des darauffolgenden Das Interview starb.Keith Scott: Cartoon Voices of the Golden Age, Vol. 2. BearManor Media, Watchung 2022, ISBN 979-8-88771-011-2, Kapitel 1960.

Der Film unterscheidet sich in zwei Aspekten von den meisten Bugs-Bunny-Filmen. Laut Jones war die Anzahl der Schnitte mit 104 für einen Zeichentrickkurzfilm überdurchschnittlich hoch.Maureen Furniss, Stormy Gunter, Chuck Jones: Chuck Jones: Conversations. University Press of Mississippi, Jackson 2005, ISBN 1-57806-729-4, S. 82. Zudem ist Der Ring der Niegelungen neben Elmers RacheDavid McGowan: Animated Personalities: Cartoon Characters and Stardom in American Theatrical Shorts. University of Texas Press, Austin 2019, ISBN 978-1-4773-1746-4, Kapitel Authorship. und Hasentausch von 1955 eine der wenigen Produktionen mit Bugs Bunny, in denen Elmer gegen ihn gewinnt.Roger Allan Bullis: A Thematic Study of the Post-war Warner Brothers Animated Films. University of Wisconsin–Madison, Madison 1971, S. 31.

Unterschiede zur Vorlage Im Film gibt es von den parodistischen Elementen abgesehen weitere wesentliche Unterschiede zur Vorlage. Zum einen sind die Rollen von Siegfried und Brünhild vertauscht. In Wagners Götterdämmerung lässt sie ihn aus Rache ermorden, verfällt allerdings nach seinem Tod in tiefe Trauer und Reue.John George Robertson: Richard Wagner as Poet & Thinker: Ten Lectures. Australian Scholarly Publishing, Melbourne 2014, ISBN 978-1-4773-1746-4, S. 72–73. Zum anderen ist das Pferd Grani in der Oper weder eine Stute noch übergewichtig. Das weibliche Geschlecht und der runde Körperbau des Tiers sind eine Anlehnung an den in den Vereinigten Staaten bekannten Stereotyp der kräftig gebauten Opernsängerin, vor allem in Klassikern wie Werken von Wagner.Hugh Kenner: Chuck Jones: A Flurry of Drawings. University of California Press, Berkeley 2022, ISBN 978-0-520-35746-4, S. 94. Laut Jones sei es unmöglich gewesen, den als Brünhild verkleideten Bugs dem Klischee gemäß zu gestalten, weswegen sich das Animationsteam entschied, stattdessen das Pferd wie eine korpulente Frau aussehen zu lassen.Daniel Goldmark: Tunes for ’Toons: Music and the Hollywood Cartoon. University of California Press, Berkeley 2005, ISBN 0-520-25311-6, S. 157.