mini|hochkant|Kamal El-Helbawy Kamal Tawfik El-Helbawy (, geb. 9. April 1939 in Kafr al-Batanūn (Gouvernement al-Minufiyya); gest. 28. Februar 2023 in LondonWafāt al-qiyādī as-sābiq bi-ǧamāʿat al-iḫwān Kamāl al-Hilbāwī aljazeera.net vom 28. Februar 2023.) war ein britisch-ägyptischer islamistischer Aktivist und Dissident der Muslimbruderschaft. Er gehörte über Jahrzehnte zu den führenden Kreisen der Organisation und war maßgeblich am Aufbau ihrer globalen Netzwerke beteiligt. Nach seiner Übersiedlung nach London 1994 hatte er von 1995 bis 1997 das Amt des „Offiziellen Sprechers der internationalen Organisation der Muslimbruderschaft“ inne. Unter seinem Einfluss wurde London zu einer entscheidenden Basis für Aktivitäten der Bruderschaft außerhalb Ägyptens.Frampton: The Muslim Brotherhood and the West. 2018, S. 342. Nach seinem Rücktritt vom Amt des Sprechers baute El-Helbawy ein Netzwerk von mit der Bruderschaft verbundenen Organisationen in London auf und trat mit militanten Stellungnahmen zum Nahostkonflikt hervor.

Zu Beginn des Arabischen Frühlings kehrte El-Helbawy nach Ägypten zurück, um für die Muslimbruderschaft den demokratischen Wandel des Landes mitzugestalten. Ende März 2012 trat er jedoch aus Protest gegen die Kandidatur von Chairat al-Schater bei der ägyptischen Präsidentschaftswahl überraschend aus der Muslimbruderschaft aus. Nachdem er im Sommer 2013 den Militärputsch gegen Mohammed Mursi unterstützt hatte, wurde er zu einem der schärfsten Kritiker der Organisation. Aufgrund der großen Rolle, die El-Helbawy beim Aufbau vieler Unterorganisationen der Bruderschaft im Westen gespielt hatte, und seiner persönlichen Verbindungen zu vielen der Aktivisten, die sie leiten, fand sein Verhalten bei den Muslimbrüdern im Westen großen Widerhall und brachte einige dazu, die Organisation ebenfalls zu verlassen.Vidino: The Closed Circle. 2020, S. 55f. Im Jahre 2018 näherte er sich der Muslimbruderschaft wieder an, indem er auf TV-Sendern, die der Muslimbruderschaft zugerechnet werden, eine letztlich erfolglose Initiative zur gesellschaftlichen Aussöhnung in Ägypten vorstellte.

Heranführung an die Muslimbruderschaft und Studium El-Helbawy wurde 1939 in Kafr al-Batanūn, einem kleinen Dorf im ägyptischen Nildelta, geboren. Nachdem er sich in der Grundschule als besonders begabt erwiesen hatte, beschlossen seine Eltern 1951, ihn bei der Sekundarschule al-Masāʿī al-MaschkūraMaḥmūd Šūmān: Kamāl al-Hilbāwī: Ǧamāʿat al-iḫwān al-muslimīn inḥarafat ʿan al-mašrūʿ al-islāmī wa-mālat ilā l-ʿunf in Cairo24 19. April 2022. in Schibin al-Kaum anzumelden, die ihn in einem etwas schnellerem Tempo als üblich an die Universität heranführen sollte. Diese Schule, die vorher schon von Hosni Mubarak besucht worden war,ʿAbd as-Sattār Ḥutaita: Dr. Kamāl al-Hilbāwī fī ḥiwār maʿa «aš-Šarq al-ausaṭ»: Iʿtirāf ḥizb «al-Iḫwān» bi-wilāyat al-Qibṭī wa-l-marʾa šarṭ li-naǧāḥihī aš-Šarq al-ausaṭ 18. Mai 2011. wurde von der Muslimbruderschaft betrieben. El-Helbawys Eltern gehörten dieser Organisation zwar nicht an, dachten jedoch, dass eine religiöse Schule eher zu den konservativen islamischen Werten passte, die in ihrem ländlichen Umfeld gepflegt wurden.Vidino: The Closed Circle. 2020, S. 33. El Helbawy selbst wusste anfangs nicht, dass die Schule der Muslimbruderschaft angehört, allerdings wurde er immer wieder charakterlichen Tests und Loyalitätsprüfungen unterworfen.Vidino: The Closed Circle. 2020, S. 33f.

Nach drei Jahren „unter Beobachtung“ trat El-Helbawy offiziell der Bruderschaft bei und wurde ein vollwertiges, beitragszahlendes Mitglied. Er begann ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Kairo und erwarb 1960 einen Abschluss in Literaturwissenschaft.Vidino: The Closed Circle. 2020, S. 35. In den frühen 1960er Jahren arbeitete er für die Zentrale Trainingsorganisation der Muslimbruderschaft, die für die Ausbildung neuer Mitglieder und Verbreitung ihrer Ideologie verantwortlich war. Die Muslimbruderschaft war in dieser Zeit starken Repressionen ausgesetzt, und El-Helbawy unterlag einem Reiseverbot. 1971 erwarb er einen Abschluss in Business Administration und Simultandolmetschen von der American University in Cairo.Vidino: The Closed Circle. 2020, S. 36.

Im Dienste der Bruderschaft im islamischen Ausland In Nord-Nigeria Als 1970 Gamal Abdel Nasser starb und das El-Helbawy auferlegte Reiseverbot aufgehoben wurde, entschloss er sich, Ägypten zu verlassen. Er reiste zunächst nach Nigeria, wo er zusammen mit Scheich Ahmed Lemu und anderen lokalen Gelehrten in Sokoto den Islamic Education Trust ins Leben rief. Der Erfolg, den er in Nigeria hatte, veranlasste einige Muslimbrüder, die in Saudi-Arabien tätig waren, darunter Ahmad al-Shawi, ihn dorthin einzuladen. Nach Angaben auf seiner eigenen Website war El-Helbawy von 1972 bis 1973 auch als Lecturer an der Universität von Sokoto tätig.

In Saudi-Arabien 1972 zog El-Helbawy nach Dschidda und wurde zum ersten Geschäftsführenden Direktor der World Assembly of Muslim Youth (WAMY) ernannt, einer Kooperation der Muslimbruderschaft und der saudischen Monarchie, die ein immenses Budget zur Verfügung hatte. Seine Aufgabe bestand darin, die WAMY-Projekte im Westen und in anderen Teilen der Welt zu managen, Jugendcamps einzurichten und muslimische Jugend- und Studentenorganisationen zu betreuen, was viele Reisen mit sich brachte. El Helbawy organisierte Konferenzen in ganz Europa und Nordamerika und brachte die ersten Pioniere, die die Muslimbruderschaft im Westen aufbauen sollten, zusammen.Vidino: The Closed Circle. 2020, S. 37. 1974 reiste er zusammen mit Mohammed Mahdi Akef in die Türkei, um die Kontakte zur islamistischen Bewegung von Necmettin Erbakan auszubauen und auf Nordzypern, das kurz zuvor von der Türkei besetzt worden war, ein Daʿwa-Zentrum einzurichten und eine WAMY-Konferenz vorzubereiten. Hierbei erhielten sie auch die Unterstützung von Rauf Denktaş, der ihnen mehrere Villen in Kyrenia zur Verfügung stellte. Die Konferenz fand schließlich 1977 statt und führte ältere und angehende islamistische Aktivisten aus aller Welt zusammen.Vidino: The Closed Circle. 2020, S. 38. El-Helbawy führte das Amt des Geschäftsführenden Direktors der WAMY noch bis 1982 weiter.Khaled Hroub: Political Islam. Context versus Ideology. Saqi, London 2010. S. 288.

Von 1980 bis 1981 lebte El-Helbawy in London und leitete dort das Muslim Welfare House. Von 1981 bis 1983 bzw. nach anderen Angaben von 1982 bis 1987 arbeitete er für das Arab Bureau of Education for the Gulf States (ABEGS) mit Sitz in Saudi-Arabien. In dieser Zeit erstellte er zusammen mit M. Moinuddin Siddiqui und Syed Shukry eine englische Übersetzung von Yūsuf al-Qaradāwīs Buch „Das Erlaubte und das Verbotene im Islam“ (al-Ḥalāl wa-l-ḥarām fī l-islām).Yusuf al-Qaradawi: The lawful and the prohibited in Islam. Translated by Kamal El-Helbawy, M. Moinuddin Siddiqui, Syed Shukry. The Holy Koran Publishing House, Beirut 1984.

In Afghanistan und Pakistan 1988 wurde er nach Afghanistan entsandt, um als Verbindungsmann der Muslimbruderschaft zu den afghanischen Kämpfern im Kampf gegen die sowjetische Besatzungsmacht zu fungieren.Vidino: The Closed Circle. 2020, S. 39. Nach eigener Darstellung auf seiner persönlichen Website war er in Afghanistan als Berater der Mudschāhidūn-Führung tätig.Dr Kamal El-Helbawy Curriculum Vitae Hier arbeitete er auch eng mit Abdallah Azzam zusammen.Vidino: The Closed Circle. 2020, S. 40. Seine Aufgabe bestand darin, soziale Dienste für die Ehefrauen, Witwen und Familien der Mudschāhidūn zu organisieren.

Von 1988 bis 1994 war El-Helbawy außerdem Universitätsdozent an der Daʿwa-Akademie der International Islamic University in Islamabad und Berater und Dozent am dortigen Institute of Policy Studies,Istaqāl min al-ǧamāʿa wa-daʿam al-iṭāḥa bi-Mursī.. Wafāt Kamāl al-Hilbāwī al-mutaḥaddiṯ as-sābiq bi-sm al-iḫwān fi l-ġarb Arabicpost.net 28. Februar 2023. einer Gründung von Khurshid Ahmed. Aus der Zusammenarbeit mit ihm ging die politisch-analytische Zeitschrift al-Qaḍāyā ad-daulīya – International Issues hervor, die ebenfalls der islamischen Bewegung verpflichtet war. Martyn Frampton beschreibt sie als das Wochenmagazin der Muslimbruderschaft zu Afghanistan.Frampton: The Muslim Brotherhood and the West. 2018, S. 342. Die Zeitschrift musste zwar aus finanziellen Gründen schon bald wieder eingestellt werden – al-Helbawy lehnte eine Finanzierung von saudischer Seite ab, doch war sie deswegen besonders wichtig, weil an ihr mediale Kader ihre ersten journalistischen Erfahrungen sammelten, die später hohe Positionen bei Al Jazeera und anderen Medien der arabischen und islamischen Welt übernahmen. ʿIsām Talīma, ein Schüler von Yusuf al-Qaradawi, hält deswegen diese Zeit für eine der fruchtbarsten Schaffensperioden von El-Helbawy.ʿIṣām Talīma: Kamāl al-Hilbāwī… tārīḫ min al-ʿaṭāʾ wa-l-ǧadal. Arabi21 2. März 2023. Auch während dieser Zeit reiste El-Helbawy häufig in den Westen, um an Konferenzen teilzunehmen, Seminare zu halten und dort lebende Muslimbrüder zu treffen.

Als islamischer Aktivist in London Nachdem die US-Regierung bei ihrer Forderung, arabisch-islamistische Netzwerke auf pakistanischem Boden unschädlich zu machen, immer mehr Druck auf die pakistanische Regierung ausgeübt hatte, zog El-Helbawy 1994 nach London. Seine Verbindung zu den afghanischen Mudschāhidūn machte ihm eine Rückkehr nach Ägypten unmöglich, weil das Regime von Hosni Mubarak, Ägypter, die von der Front in Afghanistan zurückkehrten, inhaftierte. In London hielt er Vorträge an lokalen Hochschulen und festigte seine Kontakte zur islamischen Szene. Außerdem veröffentlichte er ein arabisches Buch zur amerikanischen Politik im Nahen Osten.as-Siyāsa al-Amrīkīya fī š-šarq al-ausaṭ. Markaz al-Iʿlām al-ʿArabī, Kairo 1994. Seinen Lebensunterhalt verdiente er ab 1997 mit dem Betrieb eines Pflegeheims in Wembley. El-Helbawy gibt in seinem Lebenslauf als Namen dieses Pflegeheims St. Ann’s Elderly Care Home an.

Das Global Muslim Brotherhood Information Center Um die Mitte der 1990er Jahre war El-Helbawy auch Mitglied der Führung der globalen Organisation, was bedeutete, dass er einen Sitz im Führungsbüro (maktab al-iršād) und im Konsultativrat (maǧlis aš-šūrā) der Muslimbruderschaft hatte. Im September 1995 eröffnete El-Helbawy im Auftrag des KonsultativratsLorenzo Vidino: Who speaks for Western Muslims? The problem of representation of Muslim communities in the West and its political and security repercussions. PhD Dissertation, Fletcher School, 2010. S. 223. das Global Muslim Brotherhood Information Center, das erste offizielle Büro der Organisation im Westen. Dieses Büro sollte unter anderem authentische Informationen in verschiedenen Sprachen über den Islam, islamische Themen und Bewegungen, insbesondere die Muslimbruderschaft, speichern, klassifizieren und verbreiten, ein aktuelles Dossier an Fakten über die Muslimbruderschaft im Besonderen und andere zeitgenössische islamische Momente im Allgemeinen führen, um der Presse und anderen authentische Informationen und Daten zur Verfügung zu stellen, und der Islamischen Bewegung, insbesondere der Muslimbruderschaft (Al-Ikhwanul Muslimun), Repräsentationsmöglichkeiten bereitstellen, wo immer dies erforderlich oder erwünscht ist.Siehe die archivierte Website der Muslimbruderschaft vom 18. April 1997 im Internet Archive.