mini|alt=Eine beige Tonkugel liegt auf einer Wiese bei einem Baumstamm. Rechts im Bildrand sind Schalen mit Veilchen zu sehen.|Gedenkkugel 2022

Die Gedenkkugel für die verfolgten und ermordeten lesbischen Frauen und Mädchen im ehemaligen Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und Uckermark, kurz Gedenkkugel Ravensbrück genannt, ist ein Gedenkzeichen in Form einer Tonkugel, das im Jahr 2022 dauerhaft in die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück eingebracht wurde. Seit Mitte der 1990er-Jahre organisierten Aktivistinnen aus Deutschland und Österreich vor Ort Gedenkfeiern, um an lesbische Frauen und Mädchen zu erinnern, die zur Zeit des Nationalsozialismus im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und im Jugendkonzentrationslager für Mädchen und junge Frauen Uckermark verfolgt, inhaftiert, auch ermordet wurden. Im Jahr 2015 brachten sie erstmals eine Gedenkkugel an den „Neuen Gedenkort“ der Gedenkstätte ein. Die Gedenkkugel ist das bisher einzige Gedenkzeichen, das an lesbische KZ-Häftlinge am Ort ihres Leidens erinnert.

Beschreibung und Lage Die Gedenkkugel befindet sich in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (MGR), die in unmittelbarer Nähe der Stadt Fürstenberg/Havel im Norden Brandenburgs liegt. Während des 77. Jahrestages zur Befreiung des KZ Ravensbrück wurde das Gedenkzeichen von der Initiative Autonome feministische Frauen und Lesben aus Deutschland und Österreich am 1. Mai 2022 offiziell am „Neuen Gedenkort“ der MGR eingeweiht. Der „Neue Gedenkort“ befindet sich neben der „Mauer der Nationen“ in einem leicht abgegrenzten Areal. Die Außenseite der etwa vier Meter hohen Lagermauer, an der zahlreiche Gedenktafeln angebracht sind, bildet zusammen mit dem davor liegenden, mit Gras und Bäumen bewachsenen Bereich den „Neuen Gedenkort“. Von dort blickt man auf den Schwedtsee, an dessen Ufer die Bronzeskulptur „Die Tragende“ von Will Lammert aufragt.Alexandra de Leon: Gedenken an lesbische Inhaftierte in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, in: Amélie Eulenburg, Irmgard Zündorf (Hrsg.): Konkurrenz um öffentliches Gedenken. Erinnerungskulturen im Raum Potsdam und Brandenburg, Transcript, Bielefeld 2023, ISBN 978-3-8376-6425-6, S. 75. Von diesem Standort aus ist die Stadt Fürstenberg mit dem Blick über den See gut zu sehen.

Die Künstlerin Petra Abel fertigte das Gedenkzeichen in Form einer Kugel mit einem Durchmesser von etwa 80 cm an. Die Kugel besteht aus rotem gebrannten Ton, in den eine handschriftliche Inschrift als Vertiefung eingearbeitet und mit weißer Glasur hervorgehoben wurde.W. Jake Newsome: “We Died There, Too”: Commemoration and the Construction of a Transatlantic Gay Identity. In: Pink Triangle Legacies. Coming Out in the Shadow of the Holocaust. Cornell University Press 2022, ISBN 978-1-5017-6550-6. S. 170. Die Inschrift lautet: „In Gedenken aller lesbischen Frauen und Mädchen im Frauen-KZ Ravensbrück und Uckermark. Sie wurden verfolgt, inhaftiert, auch ermordet. Ihr seid nicht vergessen.“ Oberhalb dieser Inschrift sind Hände abgebildet, deren gespreizte Daumen und Zeigefinger sich berühren und ein Dreieck bilden. Die Gedenkkugel ist das erste und bisher einzige Gedenkzeichen, das an lesbische KZ-Häftlinge am Ort ihres Leidens erinnert.

Historischer Hintergrund mini|Karte des Lagerkomplexes Ravensbrück mit dem KZ Uckermark als sogenanntes Jugendschutzlager|alternativtext=Die grafische Darstellung zeigt einen kartografischen Ausschnitt, bei dem die Nähe des KZ Uckermark sichtbar ist. Er wird durchtrennt von der Eisenbahnlinie, die zum Siemenslager führt, das direkt an das KZ Ravensbrück angrenzte.

Im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, dem größten Konzentrationslager für Frauen im Dritten Reich, waren schätzungsweise 132.000 Frauen inhaftiert, darunter auch lesbische Frauen. Seit den 1980er-Jahren gibt es Bemühungen von Lesbengruppen und -organisationen, Historikerinnen und Aktivistinnen, einen Gedenkort in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück zu schaffen, um an die lesbischen Frauen zu erinnern, die im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und im Jugendkonzentrationslager für Mädchen und junge Frauen Uckermark verfolgt und ermordet wurden.W. Jake Newsome: “We Died There, Too” Commemoration and the Construction of a Transatlantic Gay Identity. In: Pink Triangle Legacies Coming Out in the Shadow of the Holocaust. S. 168.

Bereits zu DDR-Zeiten gedachte die Ostberliner Gruppe Lesben in der Kirche öffentlich der lesbischen Opfer des Nationalsozialismus, als sie am 8. März 1984, dem Internationalen Frauentag, zur Gedenkstätte Ravensbrück reisten. Sie legten einen Kranz mit der Aufschrift: „zum Gedenken an die Frauen des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück, insbesondere an unsere lesbischen Schwestern“ nieder und verfassten Gästebucheinträge, die kurze Zeit später wieder entfernt wurden.W. Jake Newsome: “We Died There, Too” Commemoration and the Construction of a Transatlantic Gay Identity. In: Pink Triangle Legacies Coming Out in the Shadow of the Holocaust. S. 169. Trotz ihrer Bemühungen, die Öffentlichkeit für ihre Themen herzustellen, wurden sie kriminalisiert. Alle aktiv Beteiligten waren der Überwachung und Repression durch die Stasi ausgesetzt, die die Gruppe als „terroristische Organisation“ einstufte.

Verschiedene Historikerinnen haben in den letzten Jahren belegt, dass lesbische Frauen aus vielfältigen Gründen der Verfolgung ausgesetzt waren. Zwar wurde im Unterschied zu Österreich weibliche Homosexualität in Deutschland nicht wie männliche Homosexualität nach § 175 des Reichsstrafgesetzbuchs kriminalisiert. Dennoch wurden lesbische Frauen zwangsweise in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen oder als sogenannte Asoziale, Prostituierte, Kriminelle oder wegen anderer Verstöße verhaftet und verfolgt. Es gab unter den Gefangenen aller Häftlingsgruppen auch lesbische Frauen beziehungsweise lesbische Handlungen, die bei den Mitgefangenen oft auf Ablehnung stießen und von der Lagerleitung bei Entdeckung geahndet wurden.Claudia Schoppmann: Lesbische Frauen und weibliche Homosexualität im Dritten Reich. In: Michael Schwartz: Homosexuelle im Nationalsozialismus. Neue Forschungsperspektiven zu Lebenssituationen von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen 1933 bis 1945. De Gruyter Oldenbourg 2014, ISBN 978-3-486-85750-4, S. 85–91.

Die erste Historikerin, die sich mit der Verfolgung lesbischer Frauen im Nationalsozialismus beschäftigte, war Claudia Schoppmann. Ende der 1980er-Jahre veröffentlichte sie die bisher einzige Monografie zum Thema unter dem Titel: Nationalsozialistische Sexualpolitik und weibliche Homosexualität, die durch ein Stipendium des Hamburger Instituts für Sozialforschung gefördert wurde. Sie ist aufgrund ihrer Forschungsarbeiten als Pionierin der Lesbenforschung in Deutschland anerkannt. Während des 40. Jahrestages der Befreiung im Jahr 1995 in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück formierte sich eine Gruppe von feministischen Forscherinnen, die sich mit der spezifischen Frauengeschichte in den Konzentrationslagern auseinandersetzten und auf den grundlegenden Forschungen von Claudia Schoppmann aufbauten. Die Soziologin Christa Schikorra konnte dort ein Interview mit Irene Miller aufnehmen, einer der wenigen lesbischen Überlebenden des KZ Ravensbrück, die darüber Zeugnis ablegte.

Geschichte der Gedenkkugel Bereits Mitte der 1990er-Jahre hatten autonom agierende Frauen- und Lesben-Gruppen mit jährlichen Besuchen in Ravensbrück begonnen, um verschiedene Aktionen durchzuführen, wie beispielsweise den Widerstand gegen den Bau einer Umgehungsstraße, die durch den Gedenkort Uckermark führen sollte. Dabei war es ihnen wichtig, die Geschichte des Jugend-KZ Uckermark sichtbar zu machen und eine Verbindung zur Initiative für ein Gedenken an die lesbischen Frauen herzustellen.Anna Hájková: Aktivistinnen des lesbischen Gedenkens. In: Invertito. Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten. hrsg. vom Fachverband Homosexualität und Geschichte e.V., 21. Jg., 2019, S. 74–97.

Im Unterschied zu den Gedenkzeichen, die in KZ-Gedenkstätten in Deutschland und Österreich homosexuellen Opfern beider Geschlechter gewidmet sind, wurde 2013 an der Lagermauer der Mahn- und Gedenkstätte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück eine Gedenktafel angebracht, die allein homosexuellen Männern gewidmet ist mit der Inschrift: „Den Männern, die wegen Homosexualität 1939 bis 1945 im KZ Ravensbrück inhaftiert, geschunden und ermordet wurden.“Alexandra de Leon: Gedenken an lesbische Inhaftierte in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, in: Amélie Eulenburg, Irmgard Zündorf (Hrsg.): Konkurrenz um öffentliches Gedenken. Erinnerungskulturen im Raum Potsdam und Brandenburg, Transcript, Bielefeld 2023, ISBN 978-3-8376-6425-6, S. 77.

Aktivistinnen gründeten die Initiative Autonome Feministische Frauen und Lesben aus Deutschland und Österreich mit dem Ziel, Sichtbarkeit für die lesbischen Frauen und Mädchen zu schaffen, die während des Zweiten Weltkriegs in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Uckermark inhaftiert waren. Im Jahr 2014 fand das erste Gedenken als Initiative im Rahmen des 70. Jahrestages der Befreiung des KZ Ravensbrück statt. Dabei wurden Blumen am Ufer des Schwedtsees niedergelegt und eine Schweigeminute abgehalten. Im Besucherzentrum der Gedenkstätte fand daraufhin ein offenes Treffen statt, bei dem Zitate von Frauen verlesen wurden, deren Spuren Claudia Schoppmann veröffentlicht hatte. Es entstand die Idee, für das Jahr 2015 ein sichtbares Gedenkzeichen zu organisieren. Am 19. April 2015, dem 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Ravensbrück, wurde die Gedenkkugel mit der Inschrift „In Gedenken an die verfolgten und ermordeten lesbischen Frauen und Mädchen. Ihr seid nicht vergessen.“ im „Neuen Gedenkort“ der Gedenkstätte niedergelegt.W. Jake Newsome: Appendix A: Timeline of Key Events. In: Pink Triangle Legacies Coming Out in the Shadow of the Holocaust. S. 219–220.

Auseinandersetzungen um das Gedenkzeichen mini|Gedenkkugel während der Befreiungsfeier 2018|alternativtext=Die Gedenkkugel ist umgeben von verschiedenen Blumen und Kränzen, an denen Schleifen befestigt sind.

Im Mai 2016 wurde das Gedenkzeichen auf Verlangen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten von der Leitung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück entfernt mit der Begründung, dass die Stiftungsgremien über die Verlegung neuer Gedenkzeichen vorab entscheiden müssen.Alexandra de Leon: Gedenken an lesbische Inhaftierte in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, in: Konkurrenz um öffentliches Gedenken. Erinnerungskulturen im Raum Potsdam und Brandenburg, Transcript, Bielefeld 2023, ISBN 978-3-8376-6425-6, S. 80 Die Initiative wurde daraufhin aufgefordert, einen offiziellen Antrag zu stellen, was im Oktober 2016 erfolgte. Dem Antrag war eine Liste von Unterstützenden beigefügt, die sich ebenfalls für das Gedenkzeichen aussprachen. Zusätzlich gab es ein Schreiben des Internationalen Ravensbrück Komitees (IRK) an den Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, um zu verdeutlichen, dass sie den Antrag unterstützen.Lisa Steininger: In Gedenken aller lesbischen Frauen und Mädchen im Frauen-KZ Ravensbrück und Uckermark. In: Mitteilungsblatt der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück & FreundInnen. Dezember 2016 online als PDF S. 5–6.

Der Internationale Beirat der Brandenburgischen Gedenkstätten-Stiftung lehnte diesen Antrag im Dezember 2016 mit der Begründung ab, es habe während der Prüfung des Antrags „kontroverse Diskussionen“ gegeben. Der Historiker Alexander Zinn, der von 2008 bis 2023 Mitglied des Beirates war, sprach sich vehement gegen den Antrag aus. Er argumentierte, Lesben seien keiner strafrechtlichen Verfolgung durch das NS-Regime ausgesetzt gewesen, da § 175 RStGB nur für homosexuelle Männer galt: „Ein Denkmal für lesbische Frauen, ja, aber nur, wenn man eine Inschrift hat, die keine Verfolgung unterstellt.“