Anatomie eines Falls (Originaltitel: Anatomie d’une chute, internationaler Titel: ) ist ein französischer Spielfilm von Justine Triet aus dem Jahr 2023. Das Justizdrama handelt von einer deutschen Autorin, die in die Ermittlungen zur ungeklärten Todesursache ihres französischen Ehemanns gerät. Die Hauptrollen übernahmen Sandra Hüller, Swann Arlaud und Milo Machado Graner. Der Film wurde im Mai 2023 bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt und gewann die Goldene Palme, den Hauptpreis des Festivals. Am 23. August desselben Jahres kam Anatomie eines Falls regulär in die französischen Kinos. In Deutschland war der Kinostart am 2. November 2023. Anatomie eines Falls. In: filmstarts.de (abgerufen am 27. August 2023). Bei der Oscarverleihung 2024 erhielt das Werk fünf Nominierungen, unter anderem als Bester Film, für die Beste Regie und Sandra Hüller als Beste Hauptdarstellerin und gewann den Oscar für das Beste Originaldrehbuch.

Handlung Das deutsch-französische Ehepaar Sandra und Samuel lebt mit seinem elfjährigen Sohn Daniel, der seit einem Unfall stark sehbehindert ist, in den französischen Alpen bei Grenoble. Sandra ist eine erfolgreiche Romanautorin, während Samuel als Dozent an der nahen Universität arbeitet. Daniel wird an zwei Tagen in der Woche zur Schule nach Grenoble gebracht, an den anderen Tagen wird er zu Hause von Samuel unterrichtet, weil dieser das so wollte.

Samuel führt Ausbauarbeiten an ihrem Chalet durch, um das Dachgeschoss an Touristen vermieten zu können. Als Daniel von einem Spaziergang mit seinem Hund Snoop zurückkehrt, stößt er auf seinen reglos und blutüberströmt im Schnee liegenden Vater, der offenbar vom Balkon oder aus dem Fenster des Dachgeschosses gestürzt ist. Daniel alarmiert seine Mutter, die einen Krankenwagen herbeiruft, doch es kann nur noch Samuels Tod festgestellt werden.

Die Kriminalpolizei untersucht den Fall, wobei offenbleibt, ob es sich um einen Unfall, einen Suizid oder ein von Sandra begangenes Tötungsdelikt handelt. Sandra hatte vor Samuels Sturz ein Interview mit der Studentin Zoé Solidor geführt, das die beiden abbrachen, als Samuel im Dachgeschoss begann, sehr laute Musik zu hören. Nach Zoé hatte auch Daniel mit Snoop das Haus verlassen.

Zu ihrer Verteidigung beauftragt Sandra den Strafverteidiger Vincent, der einst in sie verliebt war. Er rät ihr, den Verdacht auf einen Suizid zu lenken, da ein Unfall unglaubwürdig sei. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage, sodass es zu einem Gerichtsprozess gegen Sandra kommt, der großes Medieninteresse weckt. Sandra verteidigt sich zunächst, indem sie erklärt, sich nach dem abgebrochenen Interview in ihr Schlafzimmer zurückgezogen zu haben, um noch zu arbeiten und danach schlafen zu gehen. Vom Tod ihres Ehemannes sei sie erst durch Daniels Schreie alarmiert worden. Später berichtet sie von einem früheren Suizidversuch Samuels.

Im Lauf des Gerichtsprozesses, an dem Daniel auf eigenen Wunsch teilnimmt, wird die Beziehung seiner Eltern durchleuchtet. Die bisexuelle Sandra liebte Samuel, obwohl er sexuelle Intimität mit ihr seit Daniels Unfall mied. Sie hatte etwa ein Jahr vor seinem Tod Sex mit einer Frau. Während einer früheren Beziehungskrise, nach Daniels Unfall, hatte sie sexuelle Kontakte zu anderen Personen. Die Sehbehinderung Daniels ist einem Autounfall in London geschuldet, wo sie damals wohnten. Samuel hatte vergessen, den Vierjährigen von der Schule abzuholen; das Kindermädchen sollte es tun, kam aber zu spät, wobei es auf dem Heimweg zu dem Unfall kam, bei dem Daniels Sehnerv beschädigt wurde.

Samuels Schuldgefühle führten zu einer Schreibblockade und belasteten das Familienleben. Zugleich arbeitete Sandra ein Kapitel aus der Romanskizze ihres Ehemanns zu ihrem ersten Roman, L’éclipse, aus, der ihren Ruhm begründete. Durch die hohen Arztkosten für Daniel verschuldete sich das Paar. Zu Sandras Enttäuschung zog die Familie schließlich nach Frankreich in die Gegend, in der Samuel aufgewachsen war. Samuel besuchte einen Psychiater, der ihm ein Antidepressivum verschrieb. Er hatte das Gefühl, nicht mehr zum Schreiben zu kommen, weil er zu viel für die Familie zu tun habe. Sandra hingegen schrieb einen erfolgreichen Roman nach dem anderen und ließ sich dabei von realen Ereignissen aus ihrem Privatleben inspirieren.

An einem der Prozesstage lässt der Staatsanwalt als Beweisstück Tonaufzeichnungen Samuels abspielen, die Sandra belasten und sie als egoistisch erscheinen lassen könnten. Ein von Handgreiflichkeiten begleiteter Streit ist vernehmbar, der einen Tag vor Samuels Tod stattfand. Es stellt sich heraus, dass er, zunächst mit Sandra abgestimmt und später heimlich, Alltagssituationen mit dem Handy für ein potenzielles Romanprojekt dokumentierte. Weil sich kein Verlag dafür interessierte, drohte das Projekt zu scheitern.

Auch Daniel muss vor Gericht aussagen. Seine bei der Polizei gemachten Angaben erweisen sich als widersprüchlich. Damit er nicht von Sandra manipuliert werden kann, begleitet die Justizangestellte Marge den Alltag der beiden. Kurz vor seiner Vernehmung wünscht Daniel, das Wochenende ohne seine Mutter zu verbringen. Beunruhigt und niedergeschlagen zieht Sandra in ein Hotel. Der verunsicherte Daniel gibt Snoop Aspirin zu fressen, um eine Theorie zu überprüfen, zumal sein Vater angeblich bei seinem Suizidversuch Aspirin eingenommen hatte. Der Hund war kurz nach Samuels Suizidversuch, von dem Daniel während der Gerichtsverhandlung erfährt, schwer erkrankt. Daniel vermutet, dass er damals die von Samuel erbrochenen Tabletten gefressen hatte. Tatsächlich zeigt Snoop dieselben schweren Symptome wie damals und wird von Marge gerettet.

Sandra wird freigesprochen, nachdem Daniel als letzter Zeuge ausgesagt hatte, dass sein Vater bei einer Erkrankung von Snoop auf dem Weg zum Tierarzt eine merkwürdige Unterhaltung mit ihm geführt hatte. Samuel deutete an, dass Snoop vielleicht sterben werde, dass das Leben der anderen aber weitergehen müsse. Daniel sagt der Richterin, sein Vater habe wohl in Wirklichkeit über sich selbst gesprochen und ihn auf seinen Tod vorbereiten wollen. Nach dem Freispruch verbringt Sandra den Abend mit dem ihr romantisch verbundenen Vincent und ihren übrigen Unterstützern, ehe sie nach Hause zu Daniel und Snoop zurückkehrt.

Entstehungsgeschichte Drehbuch und Besetzung mini|hochkant|Regisseurin und Drehbuchautorin Justine Triet (2017) Anatomie eines Falls ist der vierte Spielfilm der französischen Regisseurin Justine Triet. Das Drehbuch verfasste sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Filmemacher Arthur Harari. Nach ihrem vorangegangenen Werk, Sibyl – Therapie zwecklos (2019), arbeitete sie erneut mit dem Produzenten David Thion (Les Films Pelléas), dem Kameramann Simon Beaufils, dem Filmeditor Laurent Sénéchal und der Schauspielerin Sandra Hüller zusammen. Triet hatte mit Hüller erneut zusammenarbeiten wollen und schrieb ihr die weibliche Hauptrolle auf den Leib. Die zweite Hauptrolle besetzte sie mit Swann Arlaud.

Als Ausgangspunkt für den Film diente Triet die Idee, einen Albtraum erlebbar zu machen. Sie wollte abermals einen Film über die Beziehung zwischen Männern und Frauen drehen. In Anatomie eines Falls wollte sie „untersuchen, wie ein Paar auseinanderbricht“. Dabei legte sie Wert darauf, „auf technische Weise“ die Geschichte eines Körpers zu erzählen, „der zusammenbricht“, und zugleich vom Zerfall einer Beziehung zu berichten. Daraufhin kam Triet die Idee eines kleinen Jungen, der an einem Prozess teilnimmt, der die Beziehung seiner Eltern methodisch analysiert. Als rechtlicher Berater stand Triet und Harari der Pariser Strafverteidiger Vincent Courcelle-Labrousse zur Seite.Benoit Pavan: Justine Triet dissects relationships in Anatomie d’une chute (Anatomy of a Fall). In: festival-cannes.com, 21. Mai 2023 (abgerufen am 25. Mai 2023). Beide zeigten sich überrascht vom Prozessverlauf in Frankreich, der ihnen etwa im Vergleich zu ähnlichen Verfahren in den USA ungeordnet schien. Triet bezeichnet Anatomie eines Falls als „einen sehr französischen Film“, der sich diametral zu den spektakuläreren US-amerikanischen Gerichtsfilmen verhalte.Dossier de Presse. In: cdn-medias.festival-cannes.com, S. 7 (PDF-Datei; abgerufen am 25. Mai 2023).

Für die Rolle Samuels, der kaum im Film auftaucht, aber für die Geschichte von entscheidender Bedeutung ist, wählte Triet Samuel Theis aus. Triet hielt Theis für gutaussehend und mochte seine von ihr als „süß“ empfundene Stimme.

Für den Part des Filmsohns Daniel wollte Triet ursprünglich ein sehbehindertes Kind verpflichten. In vier Monaten Casting fand sich jedoch kein geeigneter Darsteller. Daraufhin wurde die Suche für weitere drei Monate auf nicht sehbehinderte Kinder ausgedehnt, bis Milo Machado Graner entdeckt wurde. Triet war von seiner Natürlichkeit beeindruckt. Als Vorbereitung erhielt er Klavierunterricht. Auch wurde er mit Hilfe von im Umgang mit Sehbehinderten erfahrenen Spezialisten angeleitet, einen Sehbehinderten darzustellen. Gewählt wurde eine starke Kurzsichtigkeit ohne Beeinträchtigung des peripheren Sehens. Triet beschrieb ihn als „ein Kind mit außergewöhnlichen intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten und einer Art melancholischer Ausstrahlung“.Dossier de Presse. In: cdn-medias.festival-cannes.com, S. 9 (PDF-Datei; abgerufen am 25. Mai 2023).

Antoine Reinartz, der den anklagenden Staatsanwalt spielte, wurde wegen seiner „Modernität“ ausgewählt. Er stelle ihn als „einen sehr verführerischen, hinterhältigen, extravaganten Bösewicht“ dar. Dagegen wirke Sandras Verteidiger Vincent, gespielt von Swann Arlaud, defensiv, sensibel und zerbrechlich. Triet empfand ihn als eine Art Doppelgänger des verstorbenen Samuel, auch aufgrund der äußerlichen Ähnlichkeit der beiden Männer.

Dreharbeiten und Produktion mini|hochkant|Sandra Hüller übernahm die Hauptrolle Die Dreharbeiten begannen Anfang März 2022, neun Drehwochen waren angesetzt. Triet versuchte, ihre Schauspieler bei den Dreharbeiten nicht zurückzuhalten, sondern sie tief in ihre Rollen eintauchen zu lassen. Sie hatte das Gefühl, dass den „Darstellungen des Rechtssystems oft zu viel Gewicht“ beigemessen werde. Hüller habe laut Triet den Film wie nur wenige Darsteller förmlich „aufgesogen“ und war sehr zufrieden mit ihrer Leistung. Der Kinderdarsteller Milo Machado Graner bekam für den Part des Filmsohns Daniel viel Zeit eingeräumt, damit die zu drehenden Szenen mit ihm besprochen werden konnten. Bis zu Beginn der Dreharbeiten wurde er nicht über das Ende der Geschichte in Kenntnis gesetzt. Dadurch sollte er die Unsicherheit der Figur besser verkörpern. Auch sollte der Kinderdarsteller seinen Text nicht im Voraus lernen, um nicht verkrampft zu wirken.

Die Dreharbeiten erfolgten zwischen und hauptsächlich im Département Savoien im Gebiet Maurienne in den französischen Westalpen.

Triet wollte den Film ursprünglich mit 35-mm-Filmmaterial drehen, aber das erwies sich als zu kostspielig, da sie viele Aufnahmen machte. Stattdessen schlug Kameramann Simon Beaufils vor, ältere Objektive an einer Alexa-Kamera auszuprobieren. Bei der Farbkorrektur des Films präsentierte sich das Material laut Triet als „rau und farbenfroh“. Dadurch wurde Triet klar, dass einen Film zu erstellen „auch ein technischer Prozess“ ist.

Zwar gibt es keine eigens für den Film komponierte Musik, trotzdem spielt Musik in dem Film eine dominierende Rolle, wobei eine von der Hamburger Bacao Rhythm & Steel Band interpretierte Steelpan-Version des 50 Cent-Hits P.I.M.P. im scharfen Kontrast zu Klaviermusik von Chopin und Albéniz steht.La musique occupe une place importante dans ce film de Justine Triet, Palme d'or 2023 MAXXI Classique, Radio France, abgerufen am 21. November 2023. Einige Passagen aus den Asturias von Albéniz, die Daniel immer wieder am Klavier übt, sind ebenso entscheidend für die Atmosphäre des Films wie der auf volle Lautstärke aufgedrehte Rap des Vaters.