mini|hochkant|Innenraum, 2025 Die römisch-katholische Stadtkirche St. Nikolaus in Wil im Schweizer Kanton St. Gallen ist ein Beispiel spätgotischer und neugotischer Sakralarchitektur im Kanton St. Gallen. Sie befindet sich in der südöstlichen Flanke der Wiler Altstadt auf einem Moräne-Sporn und steht (als Kulturgut von regionaler/kantonaler Bedeutung) auf der Liste der Kulturgüter in Wil SG. Sie ist dem Heiligen Nikolaus von Myra als Namenspatron gewidmet und Teil des Seelsorgebereiches Wil der Katholischen Pfarr- und Kirchgemeinde Wil. Seit 2026 ist Marjan Paloka Pfarradministrator und Mitglied der Co-Leitung des Seelsorgeteams.
Baugeschichte und Ausstattung mini|hochkant|Innenraum mit Empore und Mathis-Orgel, 2026 Die katholische Stadtkirche St. Nikolaus ist (hinsichtlich der bis heute vorhandenen Bausubstanz) der älteste erhaltene Sakralbau in WilVon der ursprünglichen Bausubstanz der katholischen Kirche St. Peter, die erstmals um 1209 urkundlich erwähnt wird, sind heute lediglich Teile des Kirchturms und Chorraums in veränderter Form erhalten. und geht in ihrer ursprünglichen Form auf das 15. Jahrhundert zurück.
mini|hochkant|Wandbild des Hl. Christophorus, um 1400 Mit dem Wiederaufbau von Wil nach der Brandkatastrophe von 1292 baute man zunächst eine romanische Saalkirche. Ab 1429 entstand an gleicher Stelle ein spätgotischer Neubau; unter dem Pfarrer Johannes Spätzle († 1460) baute man zuerst einen Chorraum, der 1478–1500 (unter Fürstabt Ulrich Rösch) durch ein dreischiffiges Langhaus ergänzt wurde. Diese Rundpfeiler-Basilika mit flachgedecktem Mittelschiff und gewölbten Seitenschiffen wurde 1486 an den alten Wehrturm der damaligen Stadtbefestigung herangeführt, der mit der Erweiterung um ein Glockengeschoss 1486 zum Kirchturm umgestaltet wurde. Der damalige Runderker auf der Nordseite, der auch am 1932–1933 neu gebauten Kirchturm vorhanden ist, verweist auf die frühere Funktion als Wachturm. Die bis heute erhaltene Einwölbung des Chorraums erfolgte um 1501. Im Jahre 1505 führte man eine wöchentliche Freitags-Prozession von St. Nikolaus nach St. Peter ein, die 1840 aufgegeben wurde.
mini|Ölbergnische, um 1600 Das grosse Wandbild des Hl. Christophorus an der Nordseite im hinteren Bereich des linken Seitenschiffes entstand um 1400 und wird Hans Haggenberg zugeschrieben. Es war ab 1664 weiss überstrichen und wurde beim Umbau der Kirche 1932 wieder freigelegt und von August Schmid (Diessenhofen) restauriert. Im rechts folgenden Joch ist seit 1981 die Ölbergnische zu sehen, die 1867 zugunsten eines gemalten Ölbergbildes entfernt und später im Wiler Stadtmuseum wiederentdeckt worden war; dieses Relief entstand um 1600.Informationstafel in der linken Eingangshalle der Kirche.
mini|hochkant|Gotisches Sakramentshaus im Chorraum, frühes 17. Jahrhundert Der aus Konstanz stammende und 1602 in Wil eingebürgerte Künstler Hans Caspar Knus gestaltete ab 1603 den Chorraum mit einer Darstellung der kirchlichen Sakramente und versah die Kreuzrippengewölbe mit Ornamenten; dort findet sich auch ein gotisches Sakramentshaus. In dieser Zeit wurde eine neue Orgel eines unbekannten Orgelbauers auf dem Lettner über dem Dreikönigsaltar aufgestellt. 1664 wurden die Knus-Malereien weiss übertüncht, um den Innenraum heller wirken zu lassen, und zusätzliche und grössere Fenster in den beiden Seitenschiffen eingefügt. Durch die Vermittlung von Fürstabt Gallus Alt wurden 1672 die Gebeine des Hl. Pankratius aus Rom als neuer dritter Stadtheiliger nach Wil überführt. Das silbergetriebene Reliquiar in der Rüstung eines römischen Legionärs (1777 von Joseph Anton Seethaler geschaffen) ist in einer Nische an der Stirnwand des rechten Seitenschiffes aufgestellt.
1704 wurden die Kirche unter dem Baumeister Daniel Glattburger barock umgestaltet. Der bislang flachgedeckte Kirchenraum erhielt ein massives Tuffstein-Gewölbe; der Lettner wurde abgebrochen und durch ein Chorgitter ersetzt. Eine neue Orgel des Augsburger Orgelbauers Johann Christoph Leo (1675–1749) auf der Westempore mit 24 Registern ersetzte die bisherige Lettner-Orgel. Zusätzlich erhielt die Kirche vom gleichen Orgelbauer eine kleinere Orgel mit 12 Registern, die am Chorbogen über dem nördlichen Seitenschiff aufgestellt wurde. 1729 wurde ein Dachreiter mit Zwiebelturm und zwei Glocken auf dem Dachfirst hinzugefügt und das Kirchendach mit Ziegeln eingedeckt.
1829 fand eine Umgestaltung im Sinne des Klassizismus statt, und der Innenraum wurde weiss gestrichen. Aus statischen Gründen musste das Gewölbe des Mittelschiffes mit Zugstangen verstärkt werden. 1858 empfahlen der Architekt Ferdinand Stadler und der Staatsbauinspektor Johann Caspar Wolff aus Zürich den Abbruch und Ersatz des Gewölbes durch eine flache Holzdecke. 1866–1867 erfolgte ein neugotischer Umbau, bei dem das barocke Gewölbe durch ein spitzbogiges Gipsplatten-Gewölbe ersetzt wurde, die Obergadenfenster eine spitzbögige Form erhielten, die Seitenschiffe bis zur Turmfront nach Westen verlängert und eine Doppelempore aus Holz eingebaut wurden. 1866 baute der deutsche Orgelbauer Martin Braun aus Hofen bei Spaichingen eine neue Orgel mit 24 Registern auf zwei Manualen und Pedal auf der oberen Doppelempore. Dieses Instrument wurde mehrfach revidiert: 1874 durch Friedrich Goll (Luzern), 1882 durch Max Klingler (Rorschach), und 1910 durch Carl Hochreutener (Wil). 1925 wurde die Braun-Orgel durch ein neues Instrument mit 50 Registern von Orgelbau Kuhn (Männedorf) auf der oberen Doppelempore ersetzt, bei dem rund 72 Prozent des Pfeifenmaterials aus der Martin Braun-Orgel übernommen wurde.
Bereits seit 1906 wurden verschiedene Varianten geprüft, diskutiert und verworfen, um die Stadtkirche St. Nikolaus zu vergrössern. 1932–1933 erfolgte ein weitreichender Umbau des Kirchengebäudes unter Leitung der Architekten Erwin J. Schenker (St. Gallen) und Paul Truniger (Wil): Die erst sieben Jahre zuvor erbaute Kuhn-Orgel wurde abgebaut und eingelagert. Der mittelalterliche Turm in der Mitte der Westseite, die hintersten (neugotischen) Seitenschiff-Joche und die hölzerne Doppelempore aus den 1860er Jahren wurden abgebrochen, das Langhaus verlängert und durch eine neue Doppelempore (aus Beton) und neue Westfassade mit drei Portalen abgeschlossen. Josef Büsser gestaltete die Bronze-Türen der drei neuen Westportale: die beiden Doppeltüren links und rechts mit vier Heiligen-Darstellungen, und das Hauptportal mit 16 Reliefs von St. Nikolaus-Legenden (das künstlerisches Hauptwerk von Büsser). Die Mosaiken des äusseren Hauptportalbogens wurden von Karl Peterli entworfen und von Jean Kern ausgeführt. Der neue Kirchturm, in seiner Bauweise an den vorherigen Turm angelehnt, wurde an der Nordwestseite der Kirche in Beton-Bauweise errichtet. Die doppelstöckige Sakristei links vom Chorraum wurde im Erdgeschoss zur Taufkapelle umfunktioniert und eine neue Sakristei hinter dem Chorraum eingerichtet. Das Mittelschiff erhielt anstelle des bisherigen Kreuzrippengewölbes eine neue Holzflachdecke mit Deckenmalereien von Albert Schenker. August Wanner schuf die Glasfenster (1933), darunter das grosse blaue Weihnachtsfenster vorne im Chorraum sowie das vorderste dreiteilige Fenster im rechten Seitenschiff: es stellt die Wiler Kirche St. Peter mit den Heiligen Petrus und Paulus, die Stadtkirche St. Nikolaus sowie die Liebfrauenkapelle neben der Kirche St. Peter in Wil dar. Von Karl Glauner stammt das dreiteilige Hochaltarbild, von dem heute noch das mittlere Altarbild mit Kreuzigung und der Unterbau mit Tabernakel und emaillierten Emblemen von Adolf Bick erhalten sind. Werner Hilber schuf die Skulptur auf der Innenseite des Hauptportalbogens unter der Empore (1933). Die Kuhn-Orgel wurde auf 57 Register erweitert und 1933 auf der neuen oberen Doppelempore aufgestellt (mit dem III. Manual und Gebläse der Orgel wie bereits 1925 im Dachstuhl über der Orgel).
1981–1983 wurde eine umfangreiche Aussen- und Innenrestauration durchgeführt. Die Kuhn-Orgel von 1925/1933 wurde abgetragen und die obere Doppelempore entfernt; die untere Empore wurde auf Mittelschiffbreite reduziert und erhielt eine neue Verkleidung und Brüstung aus Holz. In der Mitte der Emporenbrüstung wurde eine Kanzel eingefügt, an deren Vorderseite sich ein rechteckiges Bild befindet, das den harfespielenden David darstellt, eingerahmt von Versen aus den Psalmen 100 und 108. Auf der neugestalteten Empore wurde 1982–1983 eine neue Orgel von Mathis Orgelbau (Näfels) mit 45 Registern gebaut. Die Taufkapelle wurde als Marien-Kapelle umgestaltet, und der Kirchenraum erhielt eine neue Farbgestaltung.Bernhard Anderes: Wil, St. Nikolaus (= Schweizerische Kunstführer). Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 1983.
2016 erfolgte eine Aussenrenovation der Kirche, bei der neben der Sanierung der Fassade die Zifferblätter der Turmuhr ersetzt, die Zeiger neu vergoldet, und der Turmhelm und Dachreiter restauriert wurden. Seit 2018 befindet sich in der 2017 neugestalteten Marienkapelle vorne links neben dem Chorraum eine romanische Marienstatue (Wiler Madonna). Sie wurde zwischen 1160 und 1180 von einem unbekannten Künstler geschaffen.
In der Kirche befindet sich ein Teil des Kirchenschatzes aus der Blütezeit des Klosters St. Gallen und der Pfarrei sowie Stiftungen des Burgerrates.
2026 wurden der Emporenboden und die Seitenwände im Emporenbereich saniert.
Orgeln Mathis-Orgel (1983) mini|Mathis-Orgel mini|Spieltisch, 2026 Die Orgel wurde 1982–1983 von Mathis Orgelbau AG (Näfels) gebaut, am 24. April 1983 eingeweiht und am 12. August 1983 offiziell abgenommen. Das Instrument hat 45 Register (Schleifladen mit mechanischer Spiel- und Registertraktur/Doppeltraktur und elektronischer Setzeranlage) auf drei Manualen und Pedal (mit insgesamt 3'187 Pfeifen), ist regelmässig in Liturgie und Konzerten zu hören und wird darüber hinaus für öffentliche Orgelkurse, in Kooperation mit der Diözesanen Kirchenmusikschule St. Gallen, genutzt. 2000 wurde eine Ausreinigung des Pfeifenwerks durch die Erbauerfirma durchgeführt. 2026 erfolgte eine umfassende Revision der Orgel durch Mathis Orgelbau, bei der eine elektronische Setzeranlage und zusätzliche elektrische Koppeln installiert wurden. Die Disposition:
I Hauptwerk C–g3PrincipalC–F Holz; Fis–f2 im Prospekt. 16′OctaveC–f0 Kupfer; ab fis0 Zinn. 8′FlautoC–H Holz; ab c0 Zinn. 8′Gemshorn 8′Octave 4′Spitzflöte 4′Quinte ′Octave 2′Cornet V 8′Ab f0. Aufgebänkt.Mixtur III–IVC–f0 3-fach; ab fis0 4-fach. ′Cymbel III ′Trompete 8′ II Schwellwerk C–g3DiapasonC–f0 Kupfer; ab fis0 Zinn. 8′BourdonC–H Holz; ab c0 Zinn. 8′Gambe 8′Unda marisAb c0. Schwebung zu Gambe 8'. 8′Octave 4′TraversflöteAb c0 überblasend. 4′Nasat ′Hohlflöte 2′Terz ′Plein jeu III–IV 2′Fagott 16′Trompette harmonique 8′Oboe 8′ClaironAb gis2 labial. 4′Tremulant III Positiv C–g3HolzgedacktC–c3 Holz; ab cis3 Zinn. 8′PrincipalD-b1 im Prospekt. 4′Rohrflöte 4′Sesquialter II ′Octave 2′Quinte ′Scharf III 1′Krummhorn 8′RegalC-c3 Holzbecher; ab cis3 Zinn (labial). 8′Tremulant Pedal C–f1UntersatzAuf Zusatzladen links und rechts hinter der Orgel. 32′PrincipalC-H im Prospekt. Ab c0 Kupfer (im Gehäuse). 16′Subbass 16′OctaveKupfer (im Gehäuse). 8′Gedacktbass 8′Octave 4′Mixtur IV ′Posaune 16′Trompete 8′Trompete 4′ Normalkoppeln (als Wippen und Pistons): II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P. Suboktavkoppeln (als Wippen und Pistons): II/I, III/I, II/II, III/II. Spielhilfen: Elektrische Koppeln an (als Piston). Elektronische Setzeranlage (2026; Doppeltraktur). Sequenzer vor und zurück (als Taster und Pistons). Blättern vor und zurück via Bluetooth (als Pistons). Schwelltritt für II. Manual (Schwellwerk).
Kuhn-Orgel (1925–1981) mini|Kuhn-Orgel, 1925 mini|Kuhn-Orgel mit Rückpositiv, 1933, nach dem Umbau der Kirche