mini|Großer Tempel mit Magazinen, dahinter Wohnbezirk und rekonstruierte Stadtmauer, links Haus der Arbeitsleistung

Der Große Tempel, auch als Tempel 1 bezeichnet, ist ein Tempel in Ḫattuša, der Hauptstadt des altorientalischen Großreichs der Hethiter. Die Stadt liegt im nördlichen Zentralanatolien beim Ort Boğazkale, früher Boğazköy, in der Türkei. Tempel 1 war der größte Tempel der Stadt und gleichzeitig nach dem Tempel des Wettergottes in Kuşaklı der zweitgrößte bisher bekannte des Hethiterreichs. Er lag als einziger der 31 bisher bekannten Tempel von Ḫattuša im Norden des Stadtgeländes in der Unterstadt, dem älteren Stadtbezirk. Er entstand in althethitischer Zeit, nach neuesten Erkenntnissen spätestens im frühen 16. Jahrhundert v. Chr. Mit dem Untergang des Hethiterreiches im 12. Jahrhundert v. Chr. wurden die Stadt und damit auch der Tempel aufgegeben. Wie bei allen Gebäuden der Stadt sind nur die bis zu 1,5 Meter hohen Sockel der Mauern erhalten, das aufgehende Mauerwerk aus Holzfachwerk und Lehmziegeln ist vergangen. Diese Sockel lagen in Teilen bereits bei der Entdeckung der Stadt im 19. Jahrhundert frei. Bemerkenswert ist der Tempel außer durch seine Größe durch das Vorhandensein von zwei Adyta (Allerheiligsten), die sonst nur beim Tempel 5 in der Oberstadt vorkommen. Welchen Gottheiten er gewidmet war, ist unsicher.

Forschungsgeschichte mini|Kupferstich von Augustin François Lemaître nach einer Zeichnung von Charles Texier (1834) 1834 besuchte als erster westlicher Reisender der Franzose Charles Texier den Ort Boğazköy, wo er neben dem Felsheiligtum von Yazılıkaya auch die Ruinen einer Stadt entdeckte, die er für das medische Pteria hielt. Dort sah und zeichnete er auch die nur schwach überwachsenen Reste des Tempels und deutete sie als Tempel der Anaitis.Charles Texier: Description de l’Asie Mineure: faite par ordre du gouvernement français en 1833–1837; beaux-arts, monuments historiques, plans et topographie des cités antiques. Band 1, Paris 1839, S. 218. 1836 fertigte William John Hamilton phantasievolle Zeichnungen des Großen Tempels an, er hielt den Ort für Tavium.William John Hamilton: Researches in Asia Minor, Pontus, and Armenia: with some account of their antiquities and geology; in two volumes. Band 1, London 1842, S. 382, 392. Die ersten Ausgrabungen unternahm 1893/94 der französische Archäologe Ernest Chantre mit seiner Frau, der den Tempel allerdings als Palast bezeichnete. Er erstellte ebenfalls einen Plan.Silvia Alaura: “Nach Boghasköi!” Zur Vorgeschichte der Ausgrabungen in Boğazköy-Hattusa und zu den archäologischen Forschungen bis zum Ersten Weltkrieg (= 13. Sendschrift der Deutschen Orient-Gesellschaft.). Harrassowitz, Wiesbaden 2006, ISBN 3-00-019295-6, S. 45.

Im Jahr 1906 begannen Theodor Makridi vom osmanischen Museum in Istanbul und der deutsche Altorientalist Hugo Winckler mit systematischen Ausgrabungen in Boğazköy. Darauf ordnete Winckler den Ort dem bis dahin nur wenig bekannten Reich der Hethiter zu und identifizierte ihn als dessen Hauptstadt. Im Zuge dieser Arbeiten untersuchten Otto Puchstein und Daniel Krencker ab 1907 im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts das Tempelareal. Dem Bauforscher Krencker hatte es dabei „nicht darauf ankommen können, das ganze Mauerwerk vollständig von allem Schutte zu säubern, sondern die einzelnen Mauerzüge und die Fußböden nur soweit erforderlich freizulegen.“ Krencker vermaß das Tempelgelände mitsamt den Nebengebäuden und fertigte eine Zeichnung an, nach der laut Puchstein die Pläne von Texier „überholt und, soweit ich sehe, überhaupt nicht mehr zu beachten sind.“ Er begann mit der Beschreibung des Gebäudes, „sie wurde von mir [Puchstein] im Juli vervollständigt.“Otto Puchstein unter Mitwirkung von Heinrich Kohl und Daniel Krencker: Boghasköi – die Bauwerke. Leipzig 1912, S. 94. Nach einer Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg übernahm 1931 Kurt Bittel die Leitung der Grabungen, die wiederum durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurden. In Bittels Grabungszeit wurde eine weitere, umfassendere Zeichnung des Gebiets erstellt, die nun auch die nördlich angrenzenden Wohngebiete bis zur angrenzenden Abschnittsmauer umfasste.Kurt Bittel: Hattuscha – Hauptstadt der Hethiter. Geschichte und Kultur einer altorientalischen Großmacht. DuMont, Köln 1983, ISBN 3-7701-1456-6 (3. Auflage ebenda 1991) S. 72–73 Abb. 41. Unter dem folgenden Grabungsleiter (1978–1993) Peter Neve wurde der Bereich westlich des Kultraums eingehender untersucht und freigelegt. Dabei bestätigte sich die Annahme, dass der Tempel hier über ein zweites Adyton verfügte, was die Vermutung nahelegte, dass es sich um einen Tempel der zwei hethitischen Hauptgötter, des Wettergottes von Ḫatti und der Sonnengöttin von Arinna handelt.Peter Neve: Der Große Tempel in Bogazköy-Hattusa. In: Le Temple et le Culte – Compte Rendu de la vingtième Rencontre Assyriologique Internationale. Istanbul 1975, S. 73–79. In den folgenden Grabungsjahren hatten Jürgen Seeher zwischen 1994 und 2005 und Andreas Schachner von 2006 bis heute (2023) die Grabungsleitung inne. Unter Schachner wurden durch gezielte Nachgrabungen die Kenntnisse über den Aufbau und die Baugeschichte der Tempelräume und der umgebenden Magazine kontinuierlich erweitert.Vgl. die Grabungsberichte ab 2010, siehe Ḫattuša#Literatur.

Baugeschichte Über die Entstehung des Großen Tempels gibt es keine schriftlichen Zeugnisse. Nach archäologischen Erkenntnissen war das Gelände am Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr. von Südosten her – vom sogenannten Nordwesthang – mit der Vorgängersiedlung bebaut, zu der auch der vorhethitische Regierungssitz auf Büyükkale gehörte. Daran schloss sich im Norden die Niederlassung der assyrischen Kaufleute, das karum, an.Jürgen Seeher: Hattuscha-Führer. Ein Tag in der hethitischen Hauptstadt. 4., überarbeitete Auflage. Ege Yayınları, Istanbul 2011, ISBN 978-605-5607-57-9, S. 159–160. Ab dem 17. Jahrhundert v. Chr. wurde die Stadt von Hethitern besiedelt und ein Herrscher mit Namen (oder dem Titel) Labarna machte den Ort zur Hauptstadt seines Reiches und benannte sich danach Ḫattušili, „der von Ḫattuša“.Andreas Schachner: Hattuscha. Auf der Suche nach dem sagenhaften Großreich der Hethiter. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-60504-8, S. 71. An der Identität von Labarna und Ḫattušili I. gibt es allerdings Zweifel, möglicherweise war Ḫattušili I. der Nachfolger Labarnas.Birgit Brandau: Hethiter – Die unbekannte Weltmacht. Piper, München 2001, ISBN 3-492-04338-0, S. 38. Am Übergang vom 17. zum 16. Jahrhundert v. Chr. wurde der Bereich im Zuge einer kompletten Neukonzipierung der Unterstadt in der bisherigen Form aufgegeben, der Bau des Tempels begann spätestens im frühen 16. Jahrhundert v. Chr.Andreas Schachner: Of Assyrians, Hittites and Romans: an annotated bibliographical summary of recent Work in Boğazköy/Ḫattuša. In: News from the Lands of the Hittites. Band 3–4, 2019–2020, ISSN 2611-0555, S. 237–249, hier S. 238. Über mögliche spätere Bautätigkeiten am Tempelkomplex ist nichts bekannt.Andreas Schachner: Hattuscha. Auf der Suche nach dem sagenhaften Großreich der Hethiter. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-60504-8, S. 245.

Als im frühen 12. Jahrhundert v. Chr. das hethitische Großreich aus verschiedenen, nicht abschließend geklärten Gründen unterging, wurde auch der Tempel einschließlich der umgebenden Gebäude verlassen. Dass nur auffallend wenige Funde in den Räumen geborgen werden konnten, deutet auf ein geplantes Verlassen hin, wobei danach möglicherweise von den zurückgelassenen Bewohnern die Gebäude geräumt beziehungsweise geplündert wurden. Die einzigen zahlreichen Funde waren Keilschrifttafeln, die für die späteren Bewohner ohne Wert waren. In fast allen Räumen der Magazine außer im Südareal wurden Spuren von Bränden gefunden, die jedoch nicht gleichzeitig gewesen sein müssen. Anzeichen für feindliche Aktionen sind nicht nachzuweisen.Jürgen Seeher: Die Zerstörung der Stadt Ḫattuša. In: Gernot Wilhelm (Hrsg.): Akten des IV. Internationalen Kongresses für Hethitologie Würzburg, 4.–8. Oktober 1999. Harrassowitz, Wiesbaden 2001, S. 623–634. Durch diesen Brand waren die Keilschrifttafeln gebrannt, die ursprünglich nur luftgetrocknet waren.

Beschreibung mini|Schematischer Plan des Bezirks des Großen Tempels

Der Tempelkomplex liegt im Norden des Stadtgebiets von Ḫattuša, in der sogenannten Unterstadt, die den älteren Teil der Hauptstadt darstellt. Für den Bau des Tempelkomplexes wurde eine künstliche Terrasse angelegt, die bis zu acht Meter die Umgebung überragt und das nach Norden leicht abschüssige Gelände begradigt. Der Bereich misst von Südwesten nach Nordosten etwa 200 Meter, von Nordwesten nach Südosten 130 Meter. Eine etwa acht Meter breite Straße, die zum sogenannten Südtor in der nördlich des Tempels liegenden Abschnittsmauer führt, teilt den Komplex in zwei Teile. Den nordöstlichen Teil bildet der Tempel mit den ihn umschließenden Magazintrakten, südwestlich der Straße liegt das als Südareal oder Haus der Arbeitsleistung bezeichnete Gebäude. Das nördliche Gebiet mit Tempel und Magazinen betritt man üblicherweise durch den Haupteingang im Südosten. Dort kam ein von der Herrscherresidenz auf Büyükkale kommender Weg an, der ungefähr der modernen Straße entsprach. Der Torbau bestand aus zwei Wächterkammern und einer Pfeilerhalle an der Innenseite. Von dort führt die Tempelstraße zum Eingang des eigentlichen Tempels. Sie umrundet weiter den gesamten Tempel und trennt ihn damit von den Magazinbauten. Ein weiterer, einfacher Torbau findet sich im Südwesten durch die Südmagazine von der Straße zum Südtor her. Peter Neve beschreibt zwei unverschlossene Nebeneingänge im Nordosten sowie im Nordwesten des Areals. Wegen der Aufschüttung des Geländes waren sie über lange Rampen erreichbar. Sie dienten nach Neve vermutlich für den Transport von Tempelgütern und als Eingang der Tempelbediensteten.Peter Neve: Der Große Tempel in Bogazköy-Hattusa In: Le Temple et le Culte – Compte Rendu de la vingtième Rencontre Assyriologique Internationale. Istanbul 1975, S. 76.

Auf der breiten Straße vom Haupteingang zum Tempel passiert der Besucher auf halbem Weg in einem Knick der Straße ein aus Kalkstein gearbeitetes, monolithes Wasserbecken, das in das Straßenpflaster eingelassen ist. Die Pflasterung weist starke Verwerfungen auf, was daher rührt, dass der darunter verlaufende Abwasserkanal eingebrochen ist.Andreas Schachner: Hattuscha. Auf der Suche nach dem sagenhaften Großreich der Hethiter. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-60504-8, S. 186.

Tempelgebäude mini|hochkant|Plan des Tempels von Puchstein und Krencker, 1912 (Das zweite Adyton war zu der Zeit noch nicht erkannt und ausgegraben)

Der Tempel ist von Südwesten nach Nordosten ausgerichtet und hat Maße von 42 × 65 Metern. Im Gegensatz zu den anderen Gebäuden der Stadt sind die Steinsockel der beiden Allerheiligsten und eines separaten Gebäudes im Hof nicht aus Kalkstein gebaut, sondern aus grünlichem Gabbro. Dieser Stein kommt – im Gegensatz zu Kalkstein – nicht in Boğazköy vor, sondern musste eigens aus Gebieten im Süden hergebracht werden, die mindestens acht bis zehn Kilometer entfernt lagen. Von den Schwierigkeiten der Beschaffung zeugen dort im Gelände gefundene, wohl auf dem Transport zerbrochene Steinblöcke. Dies betont die besondere Bedeutung des Bauwerks, genauso wie die Steinblöcke, von denen hier die bisher größten aus hethitischen Gebäuden bekannten gefunden wurden.Andreas Schachner: Hattuscha. Auf der Suche nach dem sagenhaften Großreich der Hethiter. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-60504-8, S. 182–183. Auf der Oberseite von zahlreichen Steinen sind regelmäßig angelegte Bohrlöcher zu sehen. Sie dienten der Anbringung der Balken des aufgehenden Fachwerks.