Gandi, auch ga-ndi, gaṇḍī, gaN Di (), ist ein tragbarer Schlagbalken, der in tibetisch-buddhistischen Klöstern geschlagen wird, um Mönche zu alltäglichen oder besonderen Anlässen zusammenzurufen. Das aus Indien stammende und nachweislich seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. bis heute gebrauchte Signalinstrument ist in Form und Funktion mit dem frühchristlichen naqus verwandt. Die gandi wird in einigen buddhistischen Schriften, darunter im Gandisutra behandelt, einer ursprünglich auf Sanskrit verfassten buddhistischen Lehrrede (Mahayana-Sutra), die vollständig nur in einer tibetischen Übersetzung vermutlich vom Anfang des 9. Jahrhunderts erhalten ist. Über Tibet gelangte die gandi später auch in den Buddhismus der Mongolei.
Verbreitung mini|Holzfisch, chinesisch mùyú, eine fischförmige Schlitztrommel, die mit einem Holzhammer in buddhistischen Klöstern in Ostasien rituell geschlagen wird. Fayuan-Tempel in Peking Auf dem Boden liegende oder häufiger frei hängende Schlagbalken (Schlagbretter) gehören zu den ältesten Schlag- und Rhythmusinstrumenten. Sie werden wie die weiterentwickelten Schlitztrommeln als Signalinstrumente für Aufrufe zu Versammlungen, für Zeitanzeigen oder Warnungen vor Gefahren meist in kultisch-religiösen Zusammenhängen verwendet. Nachfolger des naqus der frühen nahöstlichen Christen werden bis heute mancherorts in orthodoxen Kirchen und Klöstern Osteuropas eingesetzt, wo sie etwa in Griechenland semantron (griechisch, „Zeichen“), in Rumänien toacă, in Bulgarien bilo und in Serbien klepalo genannt werden. Die römisch-katholischen Gläubigen im übrigen Europa wurden anstelle dieses „Zeichens“ ab dem 6. Jahrhundert mit Glocken, die in den Klosterregeln des hl. Benedikt signum (lateinisch, „Zeichen“) heißen, zu den Gottesdiensten gerufen.Kurt Kramer: Die Glocke. Eine Kulturgeschichte. 2. Auflage. Butzon & Bercker, Kevelaer 2012, S. 33f
In buddhistischen Klöstern in Asien werden außer den tibetischen gandi auch in den Klöstern einzelner buddhistischer Sekten in Japan hölzerne Schlagbretter (moppan) verwendet, um die Mönche zur Meditation oder zum Essen zu rufen. Die häufigsten Signalgeber buddhistischer Mönche in Japan sind jedoch zwei Formen von Metallplatten: unpan (wolkenförmig) und gyoban (fischförmig). Zu den gyoban gehört die vom Priester bei Ritualen geschlagene Metallplatte kei, die einen geöffneten Fischmund darstellt und früher aus Stein bestand. Vergleichbare, rituell verwendete Litophone sind die Steinplatten teukgyeong (Winkel) in Korea und khánh (Form eines Karpfens) in Vietnam.
An buddhistischen Tempeln in Myanmar wird die dreieckige Messingplatte kyizi rituell geschlagen. Buddhistische Priester in China schlagen mit einem langen Stock die dicke, 40 Zentimeter lange und 25 Zentimeter breite Messingplatte hsiang pan,Arthur Christopher Moule: A List of Musical and Other Sound-Producing Instruments of the Chinese. (Journal of the North China Branch of the Royal Asiatic Society. Band 39, 1908) Neuauflage: (Source Materials in Ethnomusicology. Band 3) Frits Knuf Publishers, Buren, Niederlande 1989, S. 29 während mit der größeren Metallplatte xuban in chinesischen Klöstern zu Versammlungen gerufen wird. In ostasiatischen buddhistischen Klöstern wird der zur Gruppe der Schlitztrommeln gehörende Holzfisch (chinesisch mùyú) bei verschiedenen Ritualen geschlagen. Mathews’ Chinese-English Dictionary von 1931 beschreibt mùyú als eine Art gandi (jianchui).Hayan Hu-von Hinüber, 1991, S. 739
In Indien sind mehrere Schlagplatten aus Metall verbreitet. Die jayaghanta (Sanskrit, „Siegesglocke“, auch Bezeichnung für eine Ritualglocke) ist eine ein Zentimeter dicke Schlagplatte mit ungefähr 46 Zentimetern Durchmesser, die in der im 13. Jahrhundert verfassten Musiktheorie Sangitaratnakara erwähnt wird. Metallene Schlagplatten mit unterschiedlichen Namen und Formen sind in Indien mutmaßlich älter. Die runde Schlagplatte (Becken) ghari (oder ghanta) aus Bronze mit 20 Zentimetern Durchmesser wird in Nordindien in der hinduistischen Ritualmusik, das größere Becken gharyal („Uhr“) wird zur Zeitanzeige verwendet.Gretel Schwörer-Kohl: Schlagplatten und Schlagplattenspiele. I. Schlagplatten. 2. Geschichte, Verbreitung und Funktion. In: MGG Online, November 2016
Zu den Idiophonen der altindischen Zeit gehören neben Becken, Glocken und Rasseln auch hölzerne Schlagstäbe von einem halben Meter Länge, die in Nordindien heute danda genannt und von Adivasi bei Volkstänzen verwendet werden. Auf einem Relief am Stupa von Bharhut (2./1. Jahrhundert v. Chr.) sind Tänzerinnen abgebildet, die von Musikern mit Bogenharfen (vina), Trommeln, Händeklatschen und Schlagstäben begleitet werden. Gongs sind aus altindischer Zeit nicht bekannt,Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 31, 42, 104 die früher häufig vorkommende Übersetzung von gandi als „Gong“ (auch „Holzgong“) ist irreführendMireille Helffer, 1983, S. 112 und „hölzerne Glocke“ ist nur der Bedeutung nach zutreffend.
Wortbedeutung mini|Tibetisch-buddhistischer Schutzgott Mahakala. Mit seinen Füßen stampft er auf einem Toten, in der linken Hand hält er eine mit Blut gefüllte Schädelschale (Sanskrit kapala) und in der rechten Hand ein rituelles Häutungsmesser (kartika). Über beiden Unterarmen liegt quer eine gandi. Thangka, um 1500 In Monier-Williams Sanskrit-Englisch-Wörterbuch von 1872 wird das Sanskritwort gandi mit „Stamm eines Baums von der Wurzel bis zum Beginn der Äste“ erklärt. Pali gandi wird mit „Schaft, Stiel, Balken“ übersetzt.Gandi, Gaṇḍī, Gaṇḍi, Gāṇḍī, Gāndī, Gamdi: 16 definitions. Wisdom Library („the trunk of a tree from the root to the beginning of the branches“) Somit bezeichnet gandi seit dem 1. Jahrtausend bis heute ein Brett oder einen Balken aus Holz.
In altindischen (klassischen) Sanskrittexten ist das Wort gandi nicht überliefert, dafür gleichlautend im mittelindischen Sanskrit und Pali als gandi, gandī oder gandika. Ein Zusammenhang mit dem altindischen ghanta ist unklar, aber wegen der unterschiedlichen Bedeutungen („gut klingendes Holz“ – „Glocke“) eher unwahrscheinlich. In buddhistischen Sanskrittexten kommen beide Wörter nebeneinander vor. Gandi gelangte unverändert ins Tibetische und Chinesische (hier als jiandi oder jianzhi transkribiert). In dem um die Mitte des 7. Jahrhunderts während der Tang-Dynastie von Xuanying verfassten chinesisch-buddhistischen Wörterbuch Yiqiejing yinyi heißt es zu gandi: „ein Klanginstrument, nämlich man schlägt Holz auf Holz“. Ein weiteres Mal bestätigt der zur Zeit der Song-Dynastie lebende Shi Fayun (1088–1158) in seinem Lexikon Fan Yi Ming Yi Ji das Material Holz der gandi. Im 60. Kapitel („Gandi und andere Gegenstände für religiöse Angelegenheiten“) heißt es: „Das Sanskrit jianchui (gandi) bedeutet das Holz, das angeschlagen wird, entweder Sandel- oder Maulbeer(baum). Davon gibt es keine direkte Übersetzung. Denn die (Inder) haben keine Glocke aus Metall bzw. Stein (zhong qing).“ Hölzerne gandi werden auch im Sanskrit-Tibetisch-Mongolisch-Lexikon buddhistischer Begriffe Mahavyutpatti (9./10. Jahrhundert) erwähnt.Hayan Hu-von Hinüber, 1991, S. 738f
In Turfanfragmenten, überwiegend alttürkische Handschriften uigurischer Buddhisten vom Ende des 1. Jahrtausends, die in Turfan gefunden wurden, kommt das auf gandi zurückzuführende Wort gantik/gandik vor, das sich in einer Erzählung auf das um die Mittagszeit zu schlagende Holzbrett bezieht.Jens Wilkens: Alttürkische Handschriften, Teil 10: Buddhistische Erzähltexte. (Verzeichnis der orientalischen Handschriften in Deutschland, Band XIII, 18) Franz Steiner, Stuttgart 2010, S. 188, 237
Obwohl das Material Holz so deutlich aus den Manuskripten hervorgeht, scheint der während der Song-Dynastie lebende chinesische Mönch Shi Daochen (10./11. Jahrhundert) unsicher gewesen zu sein, denn in seinem Werk Shi Shi Yao Lan schreibt er abschließend über die gandi: „(Es) kann alles, was einen Ton von sich gibt und zum Versammeln des Sangha dient, Gandi heißen, entweder eine Glocke aus Metall (zhong) bzw. Stein (qing), oder eine Holzplatte, oder ein (Stein- oder eiserner) Block mit ebener Fläche.“Hayan Hu-von Hinüber, 1991, S. 740
Herkunft Die Herstellung und Bedeutung des Schlagbalkens gandi geht primär aus dem Gandisutra hervor, dessen ursprüngliche, wohl um das 1. Jahrhundert n. Chr. in Indien entstandenen Sanskritfassung verschwunden ist. Dem Kolophon der tibetischen Übersetzung zufolge wurde diese von den tibetischen Mönchen Dharmashribhadra und Tsültrim Yönten angefertigt und von Rinchen Sangpo (958–1055), einem bedeutenden Übersetzer mahayana-buddhistischer Schriften, herausgegeben. Diese tibetische Übersetzung lässt sich damit an den Anfang des 11. Jahrhunderts datieren. Da das Gandisutra bereits im Denkarma (auch Lhenkarma) gelistet ist, muss es bereits Anfang des 9. Jahrhunderts in einer tibetischen Übersetzung existiert haben. Das Denkarma ist ein 812 n. Chr. datierter Katalog offizieller tibetischer Schriften, der während der Regierungszeit des Königs Mutik Tsenpo (um 764 – um 817) entstand. Im Karchag Phangthangma, einem weiteren Katalog buddhistischer Schriften aus dem 9. Jahrhundert, die aus dem Sanskrit ins Tibetische übersetzt wurden, ist das Gandisutra nicht enthalten.Annie Bien, 2021, Introduction
Sutras sind die zunächst mündlich überlieferten und ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. schriftlich fixierten Lehrreden des historischen Buddha. In den Sutras werden Glaubensinhalte und Handlungsanweisungen gegeben. Die Mahayana-Sutras sind für die Mahayana-Schulen kanonisch und werden in Sammlungen auf Sanskrit, Tibetisch und Chinesisch überliefert. Die in den mahayana-buddhistischen Schriften mitgeteilten Anweisungen für Einweihungsrituale (tibetisch rab-gnas), die etwa nach der Vollendung von Thangkas, Tempeln und Stupas durchzuführen sind, werden, da sie magische Elemente wie die Anrufung von Vajrayana-Gottheiten (yidam) beinhalten, allgemein zu den tantrischen Schriften und nicht zu den Sutras gezählt. Das Gandisutra bildet hierbei die einzige Ausnahme.
Das Gandisutra beschreibt die Herstellung des Schlagbalkens gandi und dessen Einweihungsritual, für das jedoch keine tantrischen Praktiken erforderlich sind. Zu diesem Ritual gehört die Rezitation von drei Verszeilen, mit denen die gandi dem Dharmakaya zugeordnet wird. Dharmakaya ist eine der drei geistigen Ebenen im Konzept des Trikaya, der Drei-Körper-Lehre, die sich auf ein erleuchtetes Wesen (einen Buddha) bezieht. Einige Vertreter der Nyingma- und Kagyü-Schule betrachten das Einweihungsritual der gandi als einen Ursprung tantrischer Weiherituale im tibetischen Buddhismus.Yael Bentor: Sutra-style Consecration in Tibet and its Importance for Understanding the Historical Development of the Indo-Tibetan Consecration Ritual for Stupas and Images. In: Tibetan Studies, 1989, S. 1–12, hier S. 2f Dagegen erklärten Sakya Pandita (1182–1251), der Begründer der Sakya-Schule, und ihm darin folgend Gungthang Tenpe Drönme (1762–1823), dass das gandi-Einweihungsritual lediglich als solches bezeichnet werde, ohne dessen wesentlichen Qualitäten zu besitzen.Yael Bentor, 1989, S. 11