Benjamin „Benni“ Gottfried Locher (; * 16. Januar 1909 in Elberfeld; † 18. Mai 1987 in Düsseldorf) war ein reformierter Theologe, Pfarrer, Studiendirektor und Landeskirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Leben Benjamin Locher war fünftes von zehn Kindern des Pfarrers (seit 1905/1906) der Niederländisch-reformierten Gemeinde zu Elberfeld Gottfried Willem Locher (1871–1930) und dessen Frau (⚭ 1899 in Leiden) Egberdina Margaretha geb. Oberman (* 1879; † nach 1967).Heiratsregister Leiden, Eintrag vom 4. Mai 1899; Stadsarchief van Leiden (Stadsbestuur (SA III)) (1816–1929), Teil: 4895, Zeitraum: 1899, Leiden, Archiv 0516, Inventarnummer 4895, 4. Mai 1899, Huwelijksakten 1899, Archivnummer 117 (openarch.nl). Gottfried Willem Locher war 1902 bis 1906 Predikant van de Hervormde Gemeente in Zuilichem. Der in Zevenhoven in Südholland geborene Vater war Schweizer Herkunft – sein Vater, der Pfarrer Theodor Jakob Locher (1831–1882), stammte aus Seebach bei Zürich –,Gottlieb Friedrich Daniël Locher (1906–1990): Locher, Theodor Jakob. In: Biografisch lexicon voor de geschiedenis van het Nederlands protestantisme. Band I. Kok, Kampen 1978, S. 134–136 (huygens.knaw.nl). die Mutter wurde in Stad Ommen in der niederländischen Provinz Overijssel geboren. Benjamin G. Locher war ein älterer Bruder des Berner Theologieprofessors Gottfried W. Locher (1911–1996). Der niederländische Kirchenhistoriker Heiko Augustinus Oberman war ein Neffe seiner Mutter.
Tätigkeit in der „Bekennenden Kirche“ Nach einem Theologiestudium in Münster, Zürich und BonnStudien-Bescheinigung von Karl Barth für Benjamin G. Locher vom 14. Januar 1932; Karl Barth Archiv Basel (KBA 9232.24.2; kba.karl-barth.ch). legte Locher im Frühjahr 1933 das Erste Theologische Examen vor dem Konsistorium in Koblenz abKirchliches Amtsblatt der Rheinprovinz 1933,8 vom 15. April 1933, S. 41 (redstorage.ekir.de).Vgl. Anmerkung zu einem Brief von Elisabeth Freiling (1908–1999), Sprecherin der Vikarinnen in der „Bruderschaft rheinischer Hilfsprediger und Vikare“, an Charlotte von Kirschbaum vom 18. November 1937. In: Günther van Norden (Hrsg.): Charlotte von Kirschbaum und Elisabeth Freiling. Briefwechsel von 1934 bis 1939 Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, S. 156 Anm. 197 (Google-Books). (die Bekennende Kirche begann mit ihren eigenen Examinierungen erst im Herbst 1934).Wilhelm Neuser: Die Teilnahme der Professoren aus Münster an den kirchlichen Prüfungen – ein Stück westfälischer Kirchenkampf. In: Leonore Siegele-Wenschkewitz, Carsten Nicolaisen (Hrsg.): Theologische Fakultäten im Nationalsozialismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, S. 317–346, bes. S. 323. Er war 1933/34 Vikar bei Pfarrer Gustav Schönberger (1898–1954) in Gummersbach und London. Im November 1934 protokollierte er eine Konferenz der deutschen evangelischen Pfarrer in Großbritannien, an der u. a. auch Dietrich Bonhoeffer teilnahm, 1934–1937 plante er eine Promotion, war „Bernhardiner“-Stipendiat an der Universität Utrecht1761 von Daniel Bernhard (1676–1761) aus Frankenthal, 1710–1716 niederländischer Gouverneur der Koromandelküste, für kurpfälzische (Gebietsstand: 1761) und ungarische reformierte Theologen gestiftet; Bedingungen zur Erlangung einer Unterstützung aus dem ‚Stipendium Bernhardinum‘ der Universität Utrecht, 1820; Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 429/7 Weilburg, Gymnasium Philippinum, Nr. 86); Wijnand Maarten Schinkelshoek: Das Stipendium Bernhardinum. (diss. theol. Evangelisch-Reformierte theologische Universität „Gáspár Károlyi“ Budapest). Budapest 2012, S. 50 und 86: „Locher, B. G., aus Elberfeld, 1934–1937, mit der Absicht, das Doktorandenexamen zu machen“ ( (PDF) ). und predigte 1936/37 aushilfsweise in der Deutschen Gemeinde in Amsterdam.Uwe Kaminsky: Kirche in der Öffentlichkeit. Die Transformation der Evangelischen Kirche im Rheinland (1948–1989). (Evangelische Kirchengeschichte im Rheinland 5. Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte 173). R. Habelt, Bonn 2008, S. 332. Wie viele andere Schüler von Karl Barth hielt sich Benjamin Locher zur Bekennenden Kirche und unterstand dem Provinzial-Bruderrat als ihrer Leitung. Er lehnte es ab, sich dem deutschchristlichen Konsistorium der Kirchenprovinz Rheinland der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union zu unterstellen und einen Treueid auf Adolf Hitler zu leisten. Im Herbst 1936 legte Benjamin Locher aus W.-Elberfeld vor dem Ausbildungsamt der Bekennenden Kirche das Zweite (praktische) Theologische Examen ab,Offizielle Akten der Herbstexamen - Prüfungsergebnisse (1. und 2. Examen), 1936; Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland Moers (1OB 028 BK-Prüfungen BK-Prüfungen). wurde unter die Kandidaten der Theologie aufgenommen und Hilfsprediger in Elberfeld; am 11. April 1937 wurde er im Auftrag des Bruderrates durch Pastor Johannes Schlingensiepen in Barmen-Gemarke „als Hilfsprediger der Deutschen Gemeinde in Amsterdam“ ordiniert.Hermann-Peter Eberlein (Hrsg.): Album ministrorum der Reformierten Gemeinde Elberfeld. Prediger und Pastoren seit 1552. (Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte 163). Habelt, Bonn 2003, S. 213f.Amtsblatt der Evangelischen Bekenntnissynode im Rheinland 1937, 1/2 vom 20. April 1937, S. 1 und 3 (redstorage.ekir.de).
1937–1940 war Benjamin Locher Studieninspektor am illegalen (von der Gestapo geschlossenen) Reformierten Predigerseminar Am Mäuerchen 8a in Elberfeld. Am frühen Morgen des 3. Februar 1938 wurde er verhaftet und einen Tag im Polizeigefängnis Bendahl inhaftiert, abends wieder freigelassen.Gottfried Abrath (Hrsg.): Die Tagebücher des Pfarrers Hermann Klugkist Hesse 1936–1939. (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte B 21). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, S. 351f. Die Arbeit mit den Kandidaten des Reformierten Predigerseminares in Elberfeld wurde noch bis 1940 illegal fortgeführt. Von April 1938 bis zum Verbot der Zeitschrift 1939 nahm Pastor Benjamin G. Locher die Schriftleitung der in Barmen herausgegebenen Reformierten Kirchenzeitung des Reformierten Bundes für Deutschland wahr.Sigrid Lekebusch: Die Reformierten im Kirchenkampf. Das Ringen des Reformierten Bundes, des Coetus reformierter Prediger und der reformierten Landeskirche Hannover um den reformierten Weg in der Reichskirche. Rheinland-Verlag, Köln 1994, S. 272. Locher trat im Herbst 1938 gegen den Antrag des Bruderrates an die Bekenntnissynode ein, beim Konsistorium die „Legalisierung“ der Prüfungen der Bekennenden Kirche zu beantragen,Stellungnahme B. Locher: Was bedeutet der Anspruch der Bek. Kirche auf Legalisation? vom Oktober 1938; Karl Barth Archiv Basel (kba.karl-barth.ch).Gottfried Abrath (Hrsg.): Die Tagebücher des Pfarrers Hermann Klugkist Hesse 1936–1939. (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte B 21). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, S. 337: „Locher … hat … die Möglichkeit, nach Holland zu retirieren.“ (H. K. Hesse); Karte von Elisabeth Freiling an Charlotte von Kirschbaum vom 19. September 1938. In: Günther van Norden (Hrsg.): Charlotte von Kirschbaum und Elisabeth Freiling. Briefwechsel von 1934 bis 1939 Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, S. 200; vgl. S. 195f Anm. 259 zur „Legalisierung“. und lehnte den Eid auf Hitler weiterhin ab.Gottfried Abrath (Hrsg.): Die Tagebücher des Pfarrers Hermann Klugkist Hesse 1936–1939. (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte B 21). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, S. 336.
Benni Locher nahm am 12.–15. Juli 1938 in Utrecht mit insgesamt 15 deutschen Pfarrern der Bekennenden Kirche an einer geheimen Konferenz mit Karl Barth teil. Unter den Teilnehmern waren Heinrich-Ludwig Otten (1909–⚔ 1942), Günther Dehn, Helmut Gollwitzer, Heinrich Bornkamm, Harry Weisberg (1911–1971), Hans Hellbardt (1910–⚔ 1944), Karl Gerhard Steck, Walter Kreck, Ludwig Quaas (1908–1998), Hans Emil Weber, Edmund Schlink.Gottfried Abrath (Hrsg.): Die Tagebücher des Pfarrers Hermann Klugkist Hesse 1936–1939. (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte B 21). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, S. 168 und 329f; Hans-Georg Ulrichs: Reformierter Protestantismus im 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, S. 416 Anm. 335 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau).
Soldat im Zweiten Weltkrieg Benjamin Locher war 1940 als Soldat in Bulgarien stationiert, dann auf der griechischen Insel Chios. Im Rang eines Oberfeldwebels wurde er dort bei der Geheimen Feldpolizei (GFP) eingesetzt, wegen seiner Sprachkenntnisse – er sprach auch fließend Neugriechisch –Brief von Benjamin Locher, an Johannes Schlingensiepen vom 28. Oktober 1943 aus „Huettengesaess über Hanau (sonst Saloniki/Griechenland)“. In: Holger Weitenhagen: „Wie ein böser Traum …“. R. Habelt, Köln 2006, S. 291 f, bes. S. 291. als Dolmetscher bei der Spezialeinheit GFP-Gruppe 921, und ging einer „etwas merkwürdigen Tätigkeit nach, secreto-inquisitorischen Charakters“, in einer Einheit, die offene bzw. verdeckte Ermittlungen gegen Gruppen des Widerstands und Partisanen durchführte.Brief von Hans Hilmar Schreiber (1910–1971), der Locher in Saloniki getroffen hatte, an Johannes Schlingensiepen vom 25. März 1943 aus Griechenland. In: Holger Weitenhagen: „Wie ein böser Traum …“. R. Habelt, Köln 2006, S. 292; Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland Moers (6HA 002 Oberkirchenrat Johannes Schlingensiepen, 29). Auf Chios war er nach eigenem Bekunden im Haus einer zum griechischen Widerstand gehörenden Familie einquartiert. Als die Widerstandsgruppe aufflog, habe er wider besseres Wissen vielen Mitgliedern bezeugt, sie seien nicht beteiligt gewesen, was zu zahlreichen Freisprüchen geführt habe.Heta Kriener: Benjamin Locher, erfolgreicher Kämpfer an vielen Fronten. In: Günther van Norden, Klaus Schmidt: Sie schwammen gegen den Strom. Greven, Köln 2006, S. 95–98, bes. S. 96f. Ab Mai 1943 soll er Leiter der GFP in Katerini und als solcher verantwortlich für ein „Säuberungsunternehmen“ (Massaker mit 13 ermordeten Griechen) der GFP-Gruppe 921 am 17. Juli 1943 in Trilofos bei Saloniki gewesen sein.Efthymios Chalkidis, Miltiadis Terzopoulos: Παπά Λόχερ απολογήσου … Livros, 1984.
Benjamin Locher erhielt das Kriegsverdienstkreuz I und II, beide mit Schwertern, und das Bulgarische Infanterie-Sturmabzeichen.
Nachkriegszeit Im Juni 1947 wurde die Wahl des Hilfspredigers Benjamin Locher als Nachfolger von Pfarrer Alfred Bonn († 1944) zum Pfarrer der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde Elberfeld, Kreisgemeinde Elberfeld, von der Kirchenleitung bestätigt,Kirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz 1946, 6/7 vom 30. Juni 1946, S. 50. er war bereits am 7. Juli 1946 in das Amt eingeführt worden. 1946–1958 war Locher Pfarrer der 4. Reformierten Pfarrstelle in Wuppertal und Dozent für Altes Testament am Seminar für Gemeindepflege und Kirchenmusik. Auf der Hauptversammlung vom 1.–3. Oktober 1946 in Detmold wurde Locher zum Stellvertreter von Wilhelm Niesel als Moderator des Reformierten Bundes gewählt.Hans-Georg Ulrichs: Reformierter Protestantismus im 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, S. 487. Im Mai 1947 wurde Pfarrer Locher zum Leiter des neugeordneten Bezirkskonventes „Elberfeld / Barmen / Lennep / Niederberg / Solingen“ der Bruderschaft Rheinischer Hilfsprediger und Vikare berufen, sein Assistent wurde der Alttestamentler Hans-Joachim Kraus.Kirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz 1947, 8/9 vom 15. Juni 1947, S. 35. Locher gehörte auch dem Kuratorium des 1951 wiedereröffneten Reformierten Predigerseminars Wuppertal-Elberfeld an.Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland (6HA 006 Präses Heinrich Held - Handakten, 6HA 006 (Präses Heinrich Held - Handakten, Reformiertes Predigerseminar Wuppertal-Elberfeld, 1950–1954), 226).