Die Chausseestraße im Berliner Bezirk Mitte ist die älteste Straße der Oranienburger Vorstadt. Rund 1,7 km lang, führt sie von der Friedrichstraße im Südosten zur Müllerstraße im Nordwesten und durchquert dabei die Ortsteile Mitte und Wedding. In ihrem Verlauf befinden sich zahlreiche bemerkenswerte Bauten und Friedhofsanlagen Berlins, von denen einige als denkmalgeschützt registriert sind. Entlang dieser Straße entstand nach 1800 die erste frühkapitalistische Schwerindustrie Preußens, gefolgt von den ersten Eisenbahnproduktionsstätten des Landes. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte die Chausseestraße zur innerstädtischen Geschäftsgegend.
Lage, Benennung Die Chausseestraße beginnt an der Kreuzung Torstraße/Hannoversche Straße im Ortsteil Mitte, an der bis 1867 das Oranienburger Tor stand. Sie verläuft in nordwestlicher Richtung und ist damit Teil der früheren Oranienburger Vorstadt. Sie endet im Ortsteil Wedding an der Nordpanke, dem vormaligen Schönhauser Graben. Die Ortsteilgrenze kennzeichnete von 1961 bis 1989 zugleich auch den Verlauf der Berliner Mauer.
Im Stadtentwicklungsplan (StEP) ist sie zwischen Oranienburger Tor und Invalidenstraße als örtliche Straßenverbindung (StEP III), zwischen Invalidenstraße und Übergang in die Müllerstraße als übergeordnete Straße (StEP II) eingetragen. Die Grundstücke sind in Hufeisennummerierung gezählt, wobei einige Nummern ausgelassen und andere Grundstücke geteilt sind.Regionales Bezugssystem Chausseestraße. fbinter.stadt-berlin.deBlockkarte 1:5000 (ISU5) Angerufen 1. Dezember 2018 Die Chausseestraße besitzt die Straßennummer 6093. Die Grundstücke auf beiden Straßenseiten in Mitte tragen die Postleitzahl 10115, für die westlichen Grundstücke gilt 13353.
Geschichte mini|Chausseestraße in der Oranienburger Vorstadt, Flurkarte von 1884
Der Name der Straße ist eine Tautologie: Eine Chaussee ist das Synonym für eine befestigte Straße. Der bis 1750 als Ruppiner Heerweg, bis 1800 als Ruppiner Straße und Oranienburger Landstraße oder Allee nach Oranienburg benannte Verbindungsweg zwischen Alt-Berlin und Tegel wurde um 1800 als gepflasterte Kunststraße ausgebaut. In Anlehnung an die aus Frankreich stammende Bezeichnung wurde die Straße danach Chausseestraße oder auch Oranienburger Chaussee genannt. Ein von den Anwohnern im Jahre 1861 eingereichtes Gesuch, wegen der Tautologie die Straße in Humboldtstraße umzubenennen, wurde vom Magistrat abgelehnt; zuvor war ein am nahe gelegenen Spreebogen neu geschaffenes Hafenbecken Humboldthafen benannt worden. Ein Stadtplan des Kartografen Jean Chrétien Selter von 1804, mit Genehmigung der Akademie der Wissenschaften veröffentlicht, führte bereits die Bezeichnungen Chausseestraße und Invalidenstraße auf.Jean Chrétien Selter: Grundriss von Berlin. Stich von 1804, Auflage von 1811 Ein Adressbuch von 1812 erwähnt an der Chausseestraße ein Chausseehaus. Es befand sich an der Nordecke zur späteren Habersaathstraße und diente dem Chausseewärter als Wohnung und Amtsstube, von der aus er das Chausseegeld kassierte.
Die ersten Parzellen im Jahr 1812 trugen die Nummern 1 bis 79. 1878 registrierte das Polizeipräsidium auf einem Plan bereits 122 Parzellen. Nach dem Mauerfall und dem Wieder-Zusammenführen beider Teile der Chausseestraße erforderten eine komplett neue Hausnummernfestlegung. Diese seit den späten 1990er Jahren geltenden Nummern beginnen südöstlich an der Ecke Torstraße mit der Chausseestraße 1 und verlaufen in Hufeisennummerierung nach Nordwesten bis zur Nummer 75 an der Nordpanke und dann auf der gegenüberliegenden südwestlichen Straßenseite ab Chausseestraße 76 weiter bis zur Nummer 131 zurück am Oranienburger Tor.
Eine Übersicht der Grundstückslagen ist auf dem Straubeplan IVA und IVG von 1910 zu finden. Die Frontbreite der Wohn- und Mietshäuser beträgt meist 20 m, teilweise 13 m. Davon abweichen: das Friedrich-Wilhelmstädtische Theater (Nr. 30, 31, mit 60 m Straßenfront), das Erste Kriegervereinshaus (Nr. 94 mit 40 m), das ehemalige Kasernengelände (Kaserne des Garde-Füsilier-Regiments; Nr. 95–97 mit 94 m Straßenlauf) das Eckhaus (Nr. 98 an der Kesselstraße [heutige Habersaathstraße], 95 m Straßenfront) sowie der Kirchhof der Französischen Gemeinde auf Grundstück 127. Weitere Gebäude mit öffentlicher Nutzung weichen ebenfalls von den 20 Metern ab: Nr. 23 mit 40 m, Nr. 64 an die Panke grenzend mit 30 m; Nr. 110 Germania-Pracht-Säle mit 36 m Straßenfront.
mini|Grenzübergang Chausseestraße, Blick Richtung Wedding, 1964 Von 1961 bis 1990 trennte die Berliner Mauer ein etwa 280 m langes Stück der Straße nach Nordwesten ab. Sie verlief hier an der Südseite der Liesenstraße bis zum Grenz-Kontrollpunkt und folgte dann der westlichen Seite der Chausseestraße bis zur Boyenstraße, wo sie am nördlichen Bürgersteig in Richtung Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal weiter führte. Der streng kontrollierte und über die Jahre immer raffinierter ausgebaute Grenzübergang Chausseestraße befand sich zwischen dem Krieger-Vereinshaus, der Südecke Liesenstraße und der Nordecke zur Wöhlertstraße. Bezirksamt Mitte; abgerufen am 28. Februar 2009. Im Zuge einer archäologischen Untersuchung konnte der sukzessive Ausbau und die Verstärkung des Umfelds der GÜSt Chausseestraße nachvollzogen werden.
Bebauung: Vergangenheit und Gegenwart Entlang der östlichen Straßenseite Hausnummern 1–21 mini|1886 stillgelegtes Stammwerk der A. Borsig Maschinenbauanstalt Chausseestraße 1, das sich entlang der Torstraße bis zur Borsigstraße hinzog
Die Straße beginnt mit der Hausnummer 1 an der Einmündung der Torstraße mit dem 1888–1889 im neobarocken Stil erbauten Wohn- und Geschäftshaus, an dessen Stelle sich zuvor der Kolonnadeneingang zum Borsigwerk befand, das heißt, zur Maschinenbauanstalt von August Borsig. Über einer abgerundeten Gebäudeecke dieser Parzelle dominieren korinthische Dreiviertelsäulen über zwei Geschosse die Fassade, die in Putz ausgeführt ist und einige Stuckornamente aufweist. Im Erdgeschoss, das mehrfach baulich verändert wurde, befinden sich zwei Verkaufseinrichtungen. Bis 1990 boten hier ein Spirituosengeschäft und die Humboldt-Apotheke ihre Waren bzw. Dienstleistungen an.
mini|links|Nach Entfernung der Eingangskolonnaden des Borsigwerks wurde hier 1888/1889 das Eckhaus errichtet Im 19. Jahrhundert bildete die östliche Straßenseite der Chausseestraße einen Schwerpunkt der Berliner Maschinenbauindustrie. Die Gegend wurde wegen der vielen Schornsteine Feuerland genannt (siehe dort die Auflistung der einzelnen Betriebe). Dieses Industriegebiet lag ursprünglich vor dem Oranienburger Tor und damit außerhalb der Grenze der Stadt Berlin, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine flächenmäßige Ausdehnung erfuhr. Fabriken, die hier zuerst am Stadtrand entstanden waren, wurden daher später auf größere Flächen weiter außerhalb der Stadt umgesiedelt, beispielsweise ging die Firma Borsig nach Tegel. Entlang der Chausseestraße entwickelte sich anschließend eine zusammenhängende Wohn- und Geschäftsbebauung, während auf einigen Hinterhöfe Fabrik- oder Werkstatthallen stehen blieben, aber auch neu hinzu kamen.
mini|Reste der Lokfabrik auf dem Hofgelände mini|Eingangsportal der Aktiengesellschaft für Fabrication von Eisenbahnbedarf im damaligen Haus Nummer 11, wo seit 1877 die Schlegel- in die Chausseestraße mündet; um 1870 mini|hochkant|links|Borsighaus in der Chausseestraße 13 mini|hochkant|links|Treppenaufgang im Borsighaus; Modell-Lokomotive Beuth, Borsig-Fabriknummer 24 von 1844
Entlang der Chausseestraße hatten die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs viele Lücken in den Hausreihen hinterlassen, die sowohl zur DDR-Zeit als auch nach der Wiedervereinigung geschlossen wurden, beispielsweise die Nummern 2–4. Die folgenden Häuser bis zur Tieckstraße, um 1900 auf dem ehemaligen Fabrikgelände von Borsig und Egells mit historisierenden Stuckfassaden errichtet, verloren in der DDR-Zeit ihren Bauschmuck. Hinter den Mietshäusern Chausseestraße 5–10 befinden sich Fabrikhallen des 19. Jahrhunderts. Die Hallen hinter den Häusern 9 und 10 sind ein letztes Überbleibsel der Maschinenbauanstalt von Egells, der hier 1826 die erste private bürgerliche Eisengießerei in Preußen gründete. In der Maschinenbauanstalt arbeiteten später August Borsig und weitere namhafte Firmengründer und bildeten sich dabei weiter. Diese inzwischen renovierten Produktions- bzw. Werkstättengebäude werden vielfältig genutzt und als Alte Lokfabrik bzw. als Pianofabrik vermarktet. 1901 wurde dieses Fabrikgebäude samt Grundstück der Chausseestraße 5 an den damals angesehenen Klavierfabrikanten Adolf Knöchel – ein Schüler von Carl Bechstein – verkauft, der dort bis zum Jahr 1929 Pianos herstellte. Neben anderen Firmen der Medienbranche hatte die Werbeagentur Scholz & Friends hier lange ihren Berliner Sitz.Berliner Straßen neu entdeckt … Nach einer Fliesen-Mosaik-Darstellung im Durchgang hatte in der DDR-Zeit das Tiefbaukombinat (TK) eine kleine Filiale in den Hallen. Bekannteste Nutzerin der Hofgebäude war die Starköchin Sarah Wiener, die hier einige Jahre Sarah Wieners Speisezimmer betrieb. Im Haus Nr. 8 befindet sich das erste in Berlin nach dem Guide Michelin 2020 als Drei-Sterne-Restaurant ausgezeichnete Restaurant Rutz, geführt vom Koch Marco Müller.Guide Michelin 2020
Die Tieckstraße hatte August Borsig Mitte des 19. Jahrhunderts nach Ankauf des Grundstücks Chausseestraße 5 in unmittelbarer Nachbarschaft seines Konkurrenten Anton Egells anlegen lassen. Ihren Namen erhielt die Straße erst kurz nachdem beide Fabrikgründer 1854 verstorben waren. Nördlich der Tieckstraße gehörten Borsig weitere Grundstücke an der Chausseestraße, auf denen 1899 das markante Verwaltungsgebäude der Firma fertiggestellt wurde (Borsighaus, heutige Nummer 13). Der Bau im Neorenaissancestil mit historisierender Sandstein-Fassade wurde nach Plänen der Architekten Konrad Reimer und Friedrich Körte erbaut. Er setzt sich hofseitig in zwei schlichten Gebäudeflügeln fort. Die Straßenfront ist mit zwei zweigeschossigen Erkern unter jeweils einer kupfergedeckten Schweifhaube und einer lebensgroßen Bronzefigur des Firmengründers (AB) in Gestalt eines Schmiedes über der Einfahrt geschmückt. Am Dreiecksgiebel erinnert die Inschrift „A. Borsig“ an den Firmengründer August Borsig und den 1878 verstorbenen Sohn Albert. Neben ein paar historischen Möbelstücken sind im Vorderhaus der stählerne, begehbare Tresor erhalten.
An der Ecke Schlegel-/Chausseestraße hatte Friedrich Adolf Pflug ein größeres Areal erworben, auf dem seine Actiengesellschaft für Eisenbahnbedarf (vormals: F. A. Pflug) hauptsächlich Eisenbahnwaggons produzierte. Infolge des Börsenkrachs von 1873 ging das Unternehmen 1875 in Insolvenz, das Werksgelände wurde geräumt und parzelliert. 1876 wurden hier die Schlegel- und die Eichendorffstraße angelegt.
Im Hinterhaus des wilhelminischen Wohn- und Geschäftshauses Chausseestraße 16 befand sich von 1919 bis 1961 das damals bekannte Kino Astra.allekinos.com, abgerufen am 17. November 2012. Das 1891 erbaute Haus Chausseestraße 17, ein Baudenkmal, birgt im Inneren eine „üppige Gestaltungsweise […], die ein hohes kunsthandwerkliches Niveau erreicht“.
In der Chausseestraße 18 befindet sich ein Zugang zur Kunstfabrik Schlot, einem Jazz-Keller., Stand 2011. Abgerufen am 16. September 2012
mini|Ehemalige Hafenbar, Chausseestraße 20, um 2016 abgerissen Im weiteren Verlauf der Chausseestraße gab es das zweigeschossige Haus mit der Nummer 20 in einfachen Formen, das wahrscheinlich aus der ersten Bauzeit im frühen 19. Jahrhundert stammte und bis 2016 das Tanzlokal Hafenbar beherbergte. Nach dem Auszug der bekannten Bar erwarb ein Investor das gesamte Grundstück, zusammen mit einer unbebauten Fläche in der angrenzenden Invalidenstraße (Nr. 113). Hier entstand 2017/2018 ein mehrgeschossiges und aus mehreren Bauteilen bestehendes Bürogebäude, ritter-projekte.de; abgerufen am 2. April 2019. das u. a. den Wissenschaftsdienstleister Researchgate beherbergt.