mini|St.-Agatha-Kirche in Unterweissach (Ansicht von der Straße Kirchberg) Die Sankt-Agatha-Kirche (früher St. Sebastian und St. Agatha) ist eine nach der Heiligen Agatha von Catania benannte evangelische Pfarrkirche im Ortsteil Unterweissach der baden-württembergischen Gemeinde Weissach im Tal. Die Kirche steht frei auf dem Kirchberg an der Kreisstraße K 1907. Die Kirchengemeinde Weissach im Tal gehört dem Kirchenbezirk Backnang der Evangelischen Landeskirche in Württemberg an.

Geschichte Es ist nicht genau bekannt, seit wann es eine Kirche in Unterweissach gibt. Es wird angenommen, dass schon um 900 n. Chr. eine kleine Kapelle auf dem Kirchberg in Unterweissach stand. Jedenfall sind romanische Mauerreste im Fundament des heutigen Kirchturms erhalten. Der Neubau des gotischen Schiffs fällt in die 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das Datum einer Altar- und Kirchenweihe ist nicht bekannt, doch musste sie generell vor einer gottesdienstlichen Nutzung erfolgt sein. Offenbar gab es zunächst aber noch keinen ortsansässigen Pfarrer, denn am 27. Mai 1423 erging die Bitte an den Probst zu Backnang, dass er einen „Pleban“ (Leutpriester) „häuslich nach Weissach setzen soll.“ Das Datum dessen „Aufzugs“ ist ebenfalls nicht bekannt. Jedenfalls ist nach der Speyrer Bistumsmatrikel von 1468/70 die Inkorporation der Plebanstelle („plebania in Wissach“) erst 1468 geschehen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt kann von der genehmigten „Urpfarrei“ ausgegangen werden. Die Kaplaneipfründe wurde 1493 endgültig bestätigt.Gustav Bossert: Die Urpfarreien Württembergs. In: Blätter für württembergische Kirchengeschichte, 1. Jg. (1886), S. 49. 52 mini|Die St.-Agatha-Kirche im 17. Jahrhundert (von Andreas Kieser, etwa um 1686). Nach Einführung der Reformation im Herzogtum Württemberg wird 1535 mit Jodokus (oder Johannes) Scholl erstmals ein evangelischer Pfarrer erwähnt. Im Jahre 1542 wird rückblickend (die Heiligenverehrung wurde in ihrer alten Form nicht fortgeführt) als bisherige Schutzpatronin Agatha von Catania genannt, welche in einer Christenverfolgung unter Kaiser Decius um etwa 250 n. Chr. den Märtyrertod erlitten hatte.

Kirchengemeinde Die Kirchengemeinde umfasst heute die Ortsteile Aichholzhof, Bruch, Cottenweiler, Dresselhöfe, Kammerhof, Oberweissach, Seemühle, Unterweissach, Viehhaus und Wattenweiler.

In früheren Zeiten gehörten auch noch Allmersbach im Tal, Däfern, Ebersberg, Gallenhof, Heutensbach, Hohnweiler, Lippoldsweiler, Sachsenweiler, Sechselberg, Unterbrüden und Waldenweiler zur Pfarrei Unterweissach. Diese wurden nach und nach ausgegliedert und anderen Gemeinden hinzugefügt: Ebersberg wurde mit der Gegenreformation wieder katholisch und die evangelischen Einwohner wurden entweder vertrieben oder zur Konversion gezwungen. Waldenweiler fiel 1862 an Althütte. Lippoldsweiler mit Hohnweiler, Däfern und Sechselberg wurden 1864 aus der Gemeinde Unterweissach ausgegliedert und erhielten 1878 eine eigene Kirche, die heutige Lutherkirche. 1935 fiel Sachsenweiler an Backnang. In Unterbrüden wurde ab 1969 eine neue Kirche, die Kreuzkirche errichtet. In der Folgezeit wurde auch Unterbrüden aus der Kirchengemeinde Unterweissach ausgegliedert und der Kirchengemeinde von Oberbrüden zugeteilt.

Baugeschichte und Architektur Die Weissacher Kirchengeschichte von St. Agatha und die Veränderungen ihrer Baugestalt sind beispielhaft für Altwürttembergs liturgische und demographisch bedingte Kirchenbau-Entwicklung. Sie ist baugeschichtlich und konzeptionell direkt vergleichbar mit beispielsweise Kirchheim am Neckar: Der für die Region übliche Typus einer kleineren romanischen und dann gotisch erweiterten Chorturmkirche mit schmalem Kirchenschiff wurde zur Aufnahme der zahlenmäßig gewachsenen Gemeinde 1721 unter Pfarrer Joseph Schelling durch südlichen Anbau in voller Schifflänge saalartig erheblich erweitert. Der breitgedehnte Raum mit der optisch und akustisch sehr vorteilhaften Konzeption einer Querkirche wurde damit – allerdings im Vergleich mit anderen Kirchen der Region verhältnismäßig spät – angepasstUlrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche. Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen. Ubstadt 2025, S. 251, 326 – ISBN 978-3-95505-592-9 an die schon vorreformatorisch seit mindestens zweihundert Jahren enorm gestiegene Bedeutung guten Hörens und Sehens zur Kanzel: Der evangelisch-württembergische Gottesdienst ist seit der Reformation ein Predigtgottesdienst aus der Tradition reichsstädtischer und oberdeutscher Prädikanten. Bis 1931 wurde er vom Pfarrer ausschließlich von der Kanzel aus gehalten (mit Ausnahme bei Taufe und Abendmahl) und unterschied und unterscheidet sich in der Liturgie grundlegend von den Gottesdiensten in der Form der Deutschen Messe nach Martin Luther der übrigen lutherischen Landeskirchen.Matthias Figel: Der reformatorische Predigtgottesdienst. Eine liturgiegeschichtliche Untersuchung zu den Ursprüngen und Anfängen des evangelischen Gottesdienstes in Württemberg. Dissertation Tübingen; Epfendorf/Neckar 2013.

Die Süderweiterung wurde zunächst auch wie das bisherige Dach eigenständig mit einem Satteldach versehen und die gemeinsame Fußpfette im Kirchenraum dreifach abgestützt. Die Konstruktion von zwei Dachstühlen nebeneinander wich bereits 1745 durch den Landbaumeister Johann Adam Groß d. Ä. dann doch einem neuen einheitlichen Satteldach über einem dreistöckige Dachwerk mit Kehlbalkendach und liegendem Stuhl, der Unterzug samt Flachdecke getragen von Wandkonsolen und einer Mittelstütze im Schiff. Wegen der größeren Schiffsbreite ergab sich auch ein höherer Dachfirst, was eine Turmerhöhung nach sich zog: Auf den romanischen Turm wurden vier Giebeldreiecke als Basis für den achtseitigen spitzen Turmhelm gesetzt. Der Helmdachstuhl erhielt dadurch eine sehr komplizierte fünfstöckige stehende Konstruktion, die eigentlich damals schon nicht mehr zulässige Elemente enthält (vor die Balken geblattete Streben). Ob dies zur leichten Abweichung der Turmspitze aus dem Lot beiträgt, ist nicht ausgeschlossen. Die Turm-Dachziegel sind bunt lasiert. Die beiden seit der Schiff-Erweiterung in der Westwand vorhandenen spitzbogigen Portale, davon das nördliche noch spätgotisch mit überstabten Rundprofilen auf spiralig kannelierten Sockeln, wurden 1930 – gegen das Mittelfenster zusammengerückt – wieder eingebaut. Ein weiteres Portal erschließt von Osten her den Kirchenraum. Das dreistöckige Dachwerk mit Krüppelwalmdach am Westgiebel wurde wohl als Fruchtkasten genutzt – dies zeigt die segmentbogige Speichertür im südöstlichen Halbgiebel über dem kleinen Ostwandfenster direkt am Turm. Dem Turm wurde im 19. Jahrhundert ein Sakristei-Quaderbau mit Pultdach angebaut. Seit 1711 ist innen die Dreiseiten-Empore auf der Mittelachse zur Kanzel und zum Altar darunter an der Schiff-Ostwand neben dem Chorbogen ausgerichtet. Der Stuttgarter Architekt Hans Seytter leitete 1930 eine umfassende Innenerneuerung; 1963 gab es eine Turm-Außenrenovierung, 1965 und 1991 je eine Schiff-Innenrenovierung.

Ausstattung An der südlichen Außenwand befindet sich eine Sonnenuhr. Turmchor oder Taufkapelle Der kleine nördliche gotische Chor mit Kreuzrippengewölbe enthält den Taufstein, Epitaphe, Weltkriegsgedenken und den modernen Osterleuchter.

Wandmalerei: Im Jahre 1928 wurde im Chor eine spätgotische Wandmalerei aufgedeckt, jedoch nicht freigelegt und restauriert, sondern dokumentiert und wieder unter Putz verborgen. Rechts vom Ostfenster ist eine Verspottungsszene aus der Passionsgeschichte, in der Fensternische rechts die Kreuztragung und links der Drachenkampf des Hl. Georg abgebildet. An den anderen Wänden sind weitere Gemäldereste vorhanden, aber wegen des schlechten Erhaltungszustands kaum zu deuten.

Taufstein: Das große spätgotische achteckige Taufbecken mit späterem Pfeilersockel ist seit 1974 von einem bronzenen Deckel mit einer Jona-Gruppe versehen, geschaffen von Gertrud Angelika Wetzel-Planck. Die Kleinskulptur stellt die Errettung des Propheten Jona zu neuem Leben aus dem Bauch des Fisches dar, ein starkes Symbol für die Taufe als „Bad der Wiedergeburt“.

Gedenktafel: Für die Gefallenen der beiden Weltkriege gestaltete die Stuttgarter Holzbildhauerin Edelgarde vom Berge und Herrendorff (1904–1982) 1954 eine Gedenktafel an der Chornordwand.Ruth Schraub, Else Kienle, Lydia Präger: Edelgarde vom Berge und Herrendorff. Ein Künstlerleben. Selbstverlag, 1982 Eine weitere Gedenktafel weist auf frühere Schultheißen und Richter hin.

Osterleuchter: Der Osterleuchter wurde von dem Unterweissacher Künstler Peter Haußmann gestaltet.

Kanzel mini|Blick auf die barocke Kanzel und Kruzifix In der Sankt-Agatha-Kirche steht eine schlichte spätbarocke Kanzel aus dem Jahre 1722 mit fünf Achteckseiten. Die tragende Säule mit geschnitztem Blattkapitell ruht auf umgekehrt kapitellartigem Sandsteinpostament mit Blättern, Rosetten und Engelsköpfen. Der Schalldeckel trägt am Außenkranz die Aufschrift „Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren“. Die Inschrift war lange übermalt und wurde 1967 bei einer Restaurierung wieder freigelegt. Der Deckel wird über zurückspringenden Voluten bekrönt vom auferstandenen Christus mit seinen Wundmalen, dem Lendentuch, dem Leichentuch als Königsmantel und der Siegesfahne als Triumph über den Tod.

Altar Der Stipes des modernen Steinaltars von 1965 ist nicht blockartig wie der 1930 zur Aufstellung im Chorbogen gefertigte (und längst abgängige), sondern als Tischaltar gestaltet. Der Kruzifixus ist ein ländliches Holzbildwerk um 1720. Es stellt eigentlich den sterbenden Jesus dar, nicht den toten, weil die den Tod bestätigende Seitenwunde erst 1930 durch einen Restaurator aufgemalt wurde.

Fenster mini|Der gotische Chor mit Taufstein, Epitaphen und dem Fenster von Walter Kohler Die Glasgemälde von Vater und Sohn Kohler, so unscheinbar oder wenig beachtet sie auch sein mögen, haben jeweils für sich genommen eine Eigenart, die sie auszeichnet.Alle drei nebeneinander abgebildet in: Carla Fandrey: Glasmalerei im Rems-Murr-Kreis. In: Kreissparkasse Waiblingen Waiblingen, Geschäftsbericht 1985, S. 16.

In der Taufkapelle: Das kleine östliche romanische Rundbogenfenster mit gotischem Maßwerk wurde 1930 von dem Künstler Walter Kohler mit einer expressionistischen Bleiverglasung in starken Farben für starke Emotionen gestaltet. Das Bildthema der Verleugnung des Petrus () zeigt die Großspurigkeit, Lüge, Selbstverfluchung und schließlich das „... und weinte bitterlich“ des Jesusjüngers Simon, welcher „Petrus“ (der Fels) genannt wurde.Walther Kohler: Die Glasmalerei der Gegenwart. In: Kunst und Kirche, 17. Jg. N.F. Heft 5/6. Berlin 1940, S. 84–86.

Im Kirchenschiff: 1966 kamen von Wolf-Dieter Kohler zwei weitere Farbfenster hinzu. Das kleine Kanzelfenster zeigt dem Prediger und der Gemeinde mit dem Bildthema der Majestas Domini, wer der Herr der Kirche ist: der auferstandene Jesus Christus in der Mandorla, thronend auf dem Himmelsbogen, umgeben von den sieben Leuchtern der Johannesvision () und begleitet in den Sphären des Kosmos von den vier Evangelisten mit ihren Symbolen (Matthäus/Mensch, Markus/Löwe, Lukas/Stier, Johannes/Adler). Daneben das große Fenster bietet eine ganze Fortsetzungsgeschichte in einem Bild und zwar so, dass die einzelnen Szenen gleichzeitig gesehen, aber in der zeitlichen Abfolge nacheinander von unten nach oben gelesen werden können: Das Gleichnis vom großen Gastmahl (), dessen erstgeladene Gäste mit allerhand Ausreden absagen und der Gastgeber dann mit den Vielen „von den Hecken und Zäunen“ feiert.Oliver Kohler (Hrsg.): Licht und Farbe. Wolf-Dieter Kohler 1928-1985. Selbstverlag, Stuttgart 1988.

Emporen-Tafeln