Der Londoner Rundfunk () war der deutschsprachige Dienst der British Broadcasting Corporation (BBC) in London, ein internationaler Hörfunksender aus Großbritannien, der ab dem 27. September 1938 von der BBC in London ausgestrahlt wurde. Im Zweiten Weltkrieg war er eine Stimme der freien Welt, in der Nachkriegszeit berichtete er bis über den Fall des Eisernen Vorhangs hinaus über den Alltag in Großbritannien und Mitteleuropa. Im Jahre 1999 wurde der Sendebetrieb des German Service eingestellt.

Geschichte Der Londoner Rundfunk war Teil der BBC und verstand sich als deutschsprachige unabhängige Stimme Großbritanniens.

Als Identifikation und Sendezeichen dienten vier dumpfe Trommelschläge, die den Beginn der Nachrichtensendungen für Europa ankündigten. Das Sendezeichen Bum-Bum-Bum-Bom – wurde vom Schlagzeuger James Blades auf einer dumpfen afrikanischen Trommel geschlagen. Die Schläge, erinnerten an die 5. Sinfonie (Beethoven) und gaben den Morse-Code für V wie „Victory“ wieder.

Das Programm begann durch eine Ansage mit den folgenden Worten: „Hier ist der Londoner Rundfunk. Big Ben hat sieben Uhr geschlagen, bei Ihnen, meine Damen und Herren, ist es jetzt 20 Uhr und von jetzt bis 22 Uhr hören Sie unser Abendprogramm in deutscher Sprache.“

Entstehung Der German Service der BBC wurde am 27. September 1938 etwas übereilt ins Leben gerufen, um direkt mit Deutschen in deren eigener Sprache zu kommunizieren. Gesendet wurde die deutsche Übersetzung einer Rede des damaligen britischen Premierministers Neville Chamberlain, nach seiner Rückkehr von einem Treffen mit Hitler, mit dem er das Münchner Abkommen ausgehandelt hatte. Die Rede wurde vom österreichischen Journalisten Robert Lucas übersetzt und von Walter Goetz, einem in Deutschland geborenen Karikaturisten des Daily Express verlesen: „Ich gebe die Hoffnung auf eine friedliche Lösung nicht auf und stelle meine Bemühungen um den Frieden nicht ein, solange noch eine Aussicht auf Frieden besteht“. Die Rede endete mit den Worten: „...unter einer solchen Herrschaft würde für Menschen, die an Freiheit glauben, das Leben nicht mehr lebenswert sein“.

Unmittelbar danach folgte eine kurze Nachrichtensendung, eingeleitet durch die Worte: „Hier spricht London“.

Auf dem damaligen Höhepunkt der Krise um die Tschechoslowakei sollte die Übertragung der Rede einen von Chamberlain befürchteten und von Deutschland betriebenen Kriegsausbruch verhindern. Mit dieser politisch motivierten Eilmaßnahme hoffte man britischerseits im Sinne der Appeasement-Politik Chamberlains, Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland zu nehmen.

Die Sendung wurde kurioserweise über die Frequenzen des Inlandsdienstes der BBC ausgestrahlt, was Verwirrung bei der britischen Hörerschaft stiftete. Anzunehmen ist jedoch, dass erst die spätere Ausstrahlung der Rede durch den deutschen Programmkanal von Radio Luxembourg eine nennenswerte Anzahl deutschsprachiger Hörer erreichte. An diese erste Sendung des späteren Deutschen Dienstes aus London erinnert sich der Übersetzer der Chamberlain-Rede, Robert Lucas:

„Am frühen Nachmittag des 27. September wurde ich in meinem Büro angerufen. ‚Können Sie abends ins Funkhaus kommen?‘, wurde ich gefragt. Die Regierung, so sagte man mir, habe eben beschlossen, den Text der Rede, die der Premierminister am Abend halten würde, auch in deutscher Sprache zu senden, damit die Bevölkerung Deutschlands über den Ernst der Lage aufgeklärt werde. Könnte ich, so fragte man mich, bei der Übersetzung helfen? Als ich später ins Funkhaus kam, wurde mir sofort klar, daß der Beschluß der Regierung unerwartet gekommen war. Keine Sekretärin stand zur Verfügung, ja nicht einmal eine Schreibmaschine. An einem langen Konferenztisch saßen außer mir noch ein französischer und italienischer Übersetzer, denn es war beschlossen worden, den Text der Chamberlain-Rede auch in diesen Sprachen zu senden. Der englische Text kam Satz für Satz mit beträchtlichen Intervallen auf dem Fernschreiber durch. Als ich fragte, für welche Zeit die Sendung angesetzt sei, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß sie schon begonnen hatte, und zwar auf den Wellenlängen des Heimatdienstes. Der unselige Ansager – ein bekannter Maler, der zum ersten Mal in einem Rundfunkstudio war – mußte manchmal minutenlang auf den nächsten Satz warten.“

Ab dem 27. Januar 1939 wurde das deutschsprachige Programm der BBC regelmäßig werktags zwischen 19 und 20 Uhr abends und zusätzlich vormittags ab 10:45 Uhr ausgestrahlt. Sonntags wurde zwischen 18:00 und 18:45 Uhr auf Deutsch gesendet.

Mit dem 15. März 1939, dem Datum der Besetzung der sogenannten Rest-Tschechei durch Deutschland, änderte sich das. Ab April 1939 wurde die Sendezeit auf wöchentlich fast fünfeinhalb Stunden ausgedehnt. Seither war das deutschsprachige Programm als eigenständiger Auslandsdienst der BBC eingerichtet.

Erster Leiter war Hugh C. Greene – Bruder des Schriftstellers Graham Greene. Er fungierte auch als Kommentator. Zu den leitenden Mitarbeitern gehörten Lindley Macnaghten Fraser (1940–1963), der vor dem Krieg Professor der Philosophie an der Universität Aberdeen war, Marius Goring (alias Charles Richardson) sowie Richard Crossman und Patrick Gordon Walker. Die beiden letztgenannten wurden in den Nachkriegsjahren führende Minister der Labour Regierungen.Der Deutsche Dienst der BBC 1945–1955 in:

Nach Kriegsausbruch wurde der in Berlin aufgewachsene Sefton Delmer von Fraser regelmäßig als Kommentator zum Deutschlanddienst der BBC hinzugebeten. Seinen ersten Kommentar im Londoner Rundfunk sendete Delmer am 19. Juli 1940, dem Tag, an dem Adolf Hitler anlässlich seines Sieges über Frankreich einen vermeintlich „letzten Friedensappell“ an England verbreitete. Eine Stunde nach dieser Botschaft erhielt Hitler von Delmer in seinem Kommentar die unzweideutig ablehnende Antwort „mitten in Ihre übelriechende Führerfresse“. Nach 1941 wurde Delmer für die britische Abwehr mit dem Aufbau der geheimen „schwarzen“ Rundfunkpropaganda über Tarnsender (Gustav Siegfried 1, Deutscher Kurzwellensender Atlantik und Soldatensender Calais) betraut.

Von 1940 an verfolgte der Sender das von ihm verantwortete journalistische Leitbild, sich als „Stimme der Wahrheit“ inhaltlich gegen das Nazi-Regime zu positionieren und seinen Zuhörern im Dritten Reich genaue und wahrheitsgetreue Nachrichten zu liefern, selbst wenn sie sich für die eigene Seite als ungünstig erwiesen. Quellen waren der britische Monitoring Service, der deutsche Radiostationen abhörte, sowie der britische Geheimdienst.Hans Sarkowicz: Geheime Sender. Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler. Hörbuch. Der Hörverlag, München 2016, ISBN 978-3-84452-4444, Track 34.

Im Frühjahr 1941 erfolgte der Umzug sämtlicher Abteilungen der BBC ins „Bush House“ in der Straße Strand in der Londoner City of Westminster. Dies ist heute noch der Sitz der BBC.

Funktion im Zweiten Weltkrieg Besondere Bedeutung erlangte der deutschsprachige Dienst in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die BBC war in die Strategie des britischen PWE (Political Warfare Executive) eingebunden. Dies war ein britischer Geheim- und Nachrichtendienst, der zuständig für Information, Propaganda und Desinformation war. Die BBC war im Gegensatz zu den Tarnsendern für die sogenannte „weiße“ Propaganda zuständig. Sie bemühte sich, ein zutreffendes Bild der Realität zu zeichnen und wurde so zu einer zuverlässigen Informationsquelle für die Zuhörerschaft in Deutschland. Es gab zwar wöchentliche Direktiven der britischen Regierung, aber keine Einmischung in die Unabhängigkeit der Berichterstattung. 'Was waren schon wöchentliche Anweisungen angesichts einer sich womöglich binnen Stunden ändernden Kriegslage?', führte Hugh Carleton Greene nach dem Krieg rückblickend aus.Hans Sarkowicz: Geheime Sender. Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler. Hörbuch, Track 35.

Die BBC hatte sich der sogenannten Strategy of the Truth verpflichtet, d. h. Ziel war, sich strikt an die Wahrheit zu halten. Die Hauptaussage in ihren Sendungen lautete: „Die deutsche Niederlage ist unausweichlich, jeder Widerstand sinnlos“. Das Hören des Senders war in Deutschland verboten.

„Hier ist England, hier ist England, hier ist England ... zunächst die Nachrichten in Schlagzeilen.“

Das deutschsprachige Programm dieser Zeit bestand aus Nachrichten, Kommentaren und Berichten sowie satirischen Sendungen. Während des gesamten Krieges sendete der Londoner Rundfunk mehrere Stunden täglich Nachrichten, politische Kommentare und Sendefolgen in deutscher Sprache. Drei Hauptsendeblocks morgens, in der Mittagszeit und am Abend gingen über den Äther.

Die Nachrichten waren so konzipiert, dass Fakten dargelegt wurden. Man wollte Glaubwürdigkeit vermitteln. Die Wahrheit zählte, nicht das Wunschdenken. Im Vordergrund standen die Informationsvermittlung und die Aufklärung über NS-Verbrechen. Propaganda durch gezielte Falschinformationen – wie bei den Sendekonzepten der NS-Propaganda – wollte man bewusst vermeiden.

In einem Ausnahmefall wurde jedoch davon abgewichen: Nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 verbreitete die BBC die Nachricht vom Ausbruch eines Bürgerkriegs in Deutschland – in der Hoffnung, Regime-Gegner und Widerstandsgruppen in Deutschland zu mobilisieren und zusammenzuführen. Da der gewünschte Erfolg ausblieb, verzichtete man auf weitere Propaganda-Falschinformationen.

Zum Widerstand gegen das Regime wurde selten offen aufgerufen. Das Auslandsprogramm in deutscher Sprache versuchte vielmehr durch besondere Sendeformate Einfluss auf die Stimmung in Deutschland zu nehmen. Der Hörerschaft in Deutschland wurde jedoch vermittelt, dass die Briten sich so lange nicht zufriedengäben, bis das Hitlerregime gestürzt werden würde.

Erst kurz vor Kriegsende änderte sich der Ton der BBC-Sendungen, da die Absicht bestand, zwischen nationalsozialistischem Regierungshandeln und dem Anliegen der Zivilbevölkerung zu differenzieren.

Sendeformate während des Krieges Grundsätzlich war in jeder Nachricht, in jedem Kommentar und in jeder Unterhaltungssendung der Eindruck hinterlegt, dass Deutschland den Krieg nur verlieren könne.

Besonderer Beliebtheit erfreuten sich satirische Programme. In diesen nur wenige Minuten dauernden Sendungen traten immer die gleichen, den Stammhörern vertraute Figuren auf, die sich über die Lage in Deutschland und der Welt äußerten.

Drei der beliebtesten satirischen Sendefolgen wurden fast während des ganzen Krieges über gesendet:

Bruno Adler, unter dem Pseudonym Urban Roedl ein bekannter Stifterforscher, war der Erfinder der Frau Wernicke. Frau Wernicke, gesprochen von der Berliner Schauspielerin Annemarie Hase, war eine Berliner Kleinbürgerin, die mit einem losen Mundwerk und gesundem Menschenverstand ausgestattet, die Nazis lächerlich machte.

In der satirischen Hörspielserie Kurt und Willi – sie schrieb Adler gemeinsam mit dem englischen Lyriker Norman Cameron – wurde ein fiktives Gespräch zwischen einem linientreuen Oberlehrer und seinem zynischen Freund aus dem NS-Propagandaministerium vorgeführt.

Großer Beliebtheit erfreute sich auch die von Robert Lucas geschaffene Serie Briefe des Gefreiten Hirnschal an seine Frau in Zwieselsdorf. Hier berichtete der einfache und führergläubige Landser Adolf Hirnschal (Sprecher: Fritz Schrecker) seiner Frau Amalia in Briefen von der Front.

Bekannt waren auch die von Sefton Delmer verfassten und jeden Donnerstag gesendeten direkten Antworten auf den zuvor im Großdeutschen Rundfunk verbreiteten »Kommentar zur Lage« des Goebbelschen Chef-Propagandisten Hans Fritzsche. Delmer gab Fritzsche gezielt Kontra, indem er „mit englischer Gründlichkeit die Argumente von Hans Fritzsche zerpfückte“. Möglich war dies auch, weil die britische Seite über den Inhalt der Kommentare frühzeitig Kenntnis hatte, noch ehe diese im Großdeutschen Rundfunk gesendet wurden, da man Zugriff auf einen Hellschreiber hatte, über den die Akteure der deutschen Rundfunkpropaganda im Vorwege kommunizierten.