Die Juraplebiszite () waren eine Reihe von Volksabstimmungen in der Schweiz, welche die mögliche Abspaltung überwiegend französischsprachiger Gebiete im Kanton Bern zum Thema hatten. Der Begriff umfasst im engeren Sinne drei Abstimmungen in den Jahren 1974 und 1975, bei denen es um die grundsätzliche Zustimmung zur Gründung des Kantons Jura und dessen genaue Grenzziehung ging. Im weiteren Sinne dazu gezählt werden mehrere Abstimmungen zuvor und danach über die Schaffung der verfassungsrechtlichen Grundlagen sowie spätere Grenzziehungen. Volksabstimmungen, die das Laufental betreffen, werden im Artikel Kantonswechsel des Laufentals behandelt.
Historischer Kontext
Der Jura gehörte einst zum Fürstbistum Basel, an dessen Stelle 1792 die revolutionäre Raurakische Republik trat. Frankreich annektierte ein Jahr später seine Tochterrepublik und schuf das Département Mont-Terrible. Dieses wiederum ging 1800 im Département Haut-Rhin auf. Nach der Eroberung durch die Koalitionstruppen wurde der Jura 1815 durch Beschluss des Wiener Kongresses dem Kanton Bern hinzugefügt. Im 19. Jahrhundert gab es zwei Konfliktebenen: einerseits zwischen dem überwiegend französischsprachigen Jura und dem deutschsprachigen alten Kantonsteil, andererseits zwischen dem landwirtschaftlich geprägten, katholischen Norden des Jura und dem reformierten, zunehmend industrialisierten Süden. Ausgelöst durch Germanisierungstendenzen vor und nach dem Ersten Weltkrieg vergrösserte sich der Gegensatz zwischen Bern und Jura, und es entstanden die ersten separatistischen Bewegungen. 1947 verweigerte der Berner Grosse Rat dem französischsprachigen jurassischen Regierungsrat Georges Moeckli die Leitung des Baudepartements mit der Begründung, dass er französischsprachig und ein Deutschberner für dieses wichtige Amt besser geeignet sei. Die Moeckli-Affäre löste grosse Empörung aus und bildete die eigentliche Initialzündung der separatistischen Bewegung, die unter der Führung des (RJ) die Gründung eines eigenständigen Kantons anzustreben begann.
Kantonale Volksinitiative (1959) Am 3. August 1957 kündigte das RJ eine kantonale Volksinitiative «im Hinblick auf die Organisation einer Volksbefragung im Jura über das Problem der Autonomie» an. Die Unterschriftensammlung begann am 1. September und brachte 23'396 Unterschriften ein, was selbst die kühnsten Erwartungen des RJ übertraf (erforderlich wären 12'000 gewesen). Sie wurde bei der Berner Staatskanzlei eingereicht und für gültig erklärt.Henecka: Die jurassischen Separatisten. 1972, S. 179–181. Entgegen den Erwartungen deutschbernischer Kreise handelte es sich dabei nicht um eine Volksinitiative zur Änderung der Kantonsverfassung, mit der die gesamte bernische Wählerschaft direkt zur Kantonsteilung befragt werden würde. Das RJ ging realistischerweise ohnehin davon aus, dass eine solche angesichts der Mehrheitsverhältnisse von vornherein chancenlos wäre. Es schlug daher ein indirektes Vorgehen vor, bei dem durch Annahme einer Gesetzesinitiative ein Gesetz erlassen werden sollte, das die spätere Durchführung einer Abstimmung in den sieben jurassischen Bezirken über die Meinung der Jurassier hinsichtlich einer Trennung von Bern vorsah.Henecka: Die jurassischen Separatisten. 1972, S. 179–180.
Zumindest im Jura erwartete das RJ eine überwältigende Zustimmung der Gesetzesinitiative. Selbst bei einer gesamtkantonalen Ablehnung hätten die Separatisten die Deutungshoheit über das weitere Schicksal des Jura erhalten. Bei einer gesamtkantonalen Annahme hätten sie umgehend Vorbereitungen für eine weitere Volksabstimmung in den sieben jurassischen Bezirken begonnen. In jedem Falle eines positiv zu deutenden Ergebnisses plante das RJ die Lancierung einer eidgenössischen Volksinitiative zur Änderung der Bundesverfassung.Henecka: Die jurassischen Separatisten. 1972, S. 180–181. Geplant war die Änderung von Artikel 1 mit der Aufzählung der Kantone, die um einen neuen Kanton Jura ergänzt würde. Das Ergebnis der am 5. Juli 1959 durchgeführten Abstimmung endete für die Initianten mit einer Enttäuschung. Während im gesamten Kanton eine Zustimmung von lediglich 20,6 % resultierte, betrug sie in den jurassischen Bezirken 48,1 %, wodurch das RJ auch sein Minimalziel verfehlte. Nur in den nördlichen Bezirken Franches-Montagnes, Delémont und Porrentruy wurde sie angenommen, dort jedoch deutlich. Bemerkenswert war auch der deutliche Unterschied bezüglich der Stimmbeteiligung zwischen dem alten Kantonsteil und dem Jura.Henecka: Die jurassischen Separatisten. 1972, S. 185–186.
Abstimmungsfrage: «Wünscht Ihr, dass im Jura eine Volksbefragung durchgeführt wird, die die Meinung der Jurassier hinsichtlich einer Separation des Jura von Bern sondiert?»
mini|Bezirksergebnisse der Volksabstimmung 1959 +Ergebnis der kantonalen Volksabstimmung vom 5. Juli 1959Kantonsteil /BezirkJaNeinleer /ungültigGesamtBeteiligungErgebnisStimmen%Stimmen% Jurassischer Kantonsteil 15'159 48,1 % 16'355 51,9 % 535 32'049 85,3 % Alter Kantonsteil 7971 11,1 % 63'786 88,9 % 663 72'420 32,9 % Gesamt 23'130 22,4 % 80'141 77,6 % 1198 104'469 41,2 % Detailergebnisse im jurassischen Kantonsteil 22x22px Courtelary 1532 23,8 % 4911 76,2 % 102 6445 85,5 % 22x22px Delémont 4131 71,9 % 1614 28,1 % 108 5853 86,5 % 22x22px Franches-Montagnes 1794 76,0 % 568 24,0 % 37 2399 92,6 % 22x22px La Neuveville 364 34,5 % 691 65,5 % 18 1073 81,4 % 22x22px Laufen 533 26,9 % 1450 73,1 % 44 2027 62,4 % 22x22px Moutier 2566 34,3 % 4912 65,7 % 126 7604 88,7 % 22x22px Porrentruy 4239 65,7 % 2209 34,3 % 100 6548 88,2 % Detailergebnisse im alten Kantonsteil 22x22px Aarberg 106 4,6 % 2221 95,4 % 9 2336 36,2 % 22x22px Aarwangen 257 6,8 % 3495 93,2 % 22 3774 36,2 % 22x22px Bern 2869 13,5 % 18.314 86,5 % 203 21'386 33,3 % 22x22px Biel 1992 24,8 % 6048 75,2 % 171 8211 47,9 % 22x22px Büren 115 5,9 % 1834 94,1 % 12 1961 39,4 % 22x22px Burgdorf 391 9,6 % 3668 90,4 % 26 4085 37,0 % 22x22px Erlach 58 5,9 % 919 94,1 % 6 983 39,7 % 22x22px Fraubrunnen 136 6,4 % 1990 93,6 % 26 2152 41,4 % 22x22px Frutigen 61 7,4 % 765 92,6 % 4 830 19,2 % 22x22px Interlaken 254 9,1 % 2541 90,9 % 28 2823 29,8 % 22x22px Konolfingen 194 5,5 % 3338 94,5 % 9 3541 33,4 % 22x22px Laupen 53 4,7 % 1065 95,3 % 6 1124 37,8 % 22x22px Nidau 181 8,0 % 2077 92,0 % 17 2275 36,9 % 22x22px Niedersimmental 122 9,1 % 1215 90,9 % 13 1350 27,6 % 22x22px Oberhasli 38 8,4 % 412 91,6 % 5 455 20,6 % 22x22px Obersimmental 47 9,5 % 448 90,5 % 7 502 21,6 % 22x22px Saanen 36 10,1 % 321 89,9 % 5 362 15,9 % 22x22px Schwarzenburg 31 5,4 % 543 94,6 % 5 579 20,4 % 22x22px Seftigen 161 7,9 % 1866 92,1 % 9 2036 30,4 % 22x22px Signau 71 3,8 % 1776 96,2 % 5 1852 24,5 % 22x22px Thun 522 10,0 % 4713 90,0 % 37 5272 28,6 % 22x22px Trachselwald 104 4,9 % 2018 95,1 % 20 2142 29,3 % 22x22px Wangen 163 7,0 % 2173 93,0 % 17 2353 36,2 % Militärangehörige 9 25,7 % 26 74,3 % 1 36 – Quelle: Staatsarchiv des Kantons BernStaatsarchiv des Kantons Bern, StABE A 3.1.3144.
Zusatz zur Kantonsverfassung (1970) Unter Vermittlung der vom Berner Regierungsrat eingesetzten «Kommission der 24» und anschliessend der «Kommission der guten Dienste» fanden ab 1967 Verhandlungen über ein Autonomiestatut für den Jura statt. Diese steckten aber angesichts der unverrückbaren Positionen des RJ, das die beiden Kommissionen nicht als neutral betrachtete, bald in einer Sackgasse. Unter diesen Umständen schien ein Autonomiestatut geringe Chancen auf Verwirklichung zu haben, weshalb der Grosse Rat am 9. September 1969 dem Antrag des Regierungsrats zustimmte, Volksabstimmungen in die Wege zu leiten, die eine mögliche Kantonstrennung ermöglichen würden. Das RJ war mit diesem Vorgehen zunächst nicht einverstanden, änderte aber Ende 1969 seine Meinung.Molliet: Les événements qui ont modelé l’histoire jurassienne. 2017, S. 52–53.
Der am 9. September 1969 vom Grossen Rat einstimmig verabschiedete Zusatz zur Kantonsverfassung legte das detaillierte Verfahren für kaskadierende Volksabstimmungen in den sieben jurassischen Bezirken fest. Diese würden die Gründung eines neuen Kantons und gegebenenfalls die genaue Ausdehnung seines Gebiets zum Gegenstand haben. Dabei hatte das Selbstbestimmungsrecht der Bezirke und Gemeinden ein höheres Gewicht als jenes der gesamten Region, was eine Teilung begünstigte.Henecka: Die jurassischen Separatisten. 1972, S. 290. Als erstes sollte die Gesamtheit der sieben betroffenen Bezirke grundsätzlich gefragt werden, ob ein neuer Kanton gegründet werden soll. Im Falle eines mehrheitlichen Neins im gesamten Jura sollten die zustimmenden Bezirke mittels Volksinitiativen das Recht erhalten, erneut darüber abzustimmen, ob sie sich vom Kanton Bern trennen wollen. Sollte hingegen im gesamten Jura eine Ja-Mehrheit resultieren, hätten die ablehnenden Bezirke das Recht, mittels Volksinitiativen eine Abstimmung über den Verbleib beim Kanton Bern zu verlangen. Gemeinden an der zukünftigen Kantonsgrenze sollten in einer dritten Abstimmung darüber befinden, welchem der beiden Kantone sie angehören wollen. Die Volksabstimmung über den Verfassungszusatz fand am 1. März 1970 statt, wobei das Ergebnis mit 86,5 % Zustimmung eindeutig ausfiel.
Abstimmungsfrage: «Stimmt Ihr dem Zusatz über die neuen Verfassungsbestimmungen zum Jura zu?»
+Ergebnis der kantonalen Volksabstimmung vom 1. März 1970Kantonsteil /BezirkJaNeinleer /ungültigGesamtBeteiligungErgebnisStimmen%Stimmen% Jurassischer Kantonsteil 20'421 90,0 % 2259 10,0 % 193 22'873 59,5 % Alter Kantonsteil 69'937 85,5 % 11'874 14,5 % 617 82'428 34,4 % Gesamt 90'358 86,5 % 14'133 13,5 % 810 105'301 37,8 % Detailergebnisse im jurassischen Kantonsteil 22x22px Courtelary 3681 89,1 % 452 10,9 % 41 4174 56,2 % 22x22px Delémont 4110 89,9 % 460 10,1 % 47 4617 62,9 % 22x22px Franches-Montagnes 1579 91,1 % 154 8,9 % 11 1744 69,0 % 22x22px La Neuveville 586 84,1 % 111 15,9 % 6 703 49,1 % 22x22px Laufen 1562 88,7 % 199 11,3 % 8 1769 48,8 % 22x22px Moutier 4382 90,4 % 465 9,6 % 33 4880 56,5 % 22x22px Porrentruy 4521 91,5 % 418 8,5 % 47 4988 67,2 % Detailergebnisse im alten Kantonsteil 22x22px Aarberg 2515 85,7 % 418 14,3 % 25 2958 40,9 % 22x22px Aarwangen 3365 84,0 % 642 16,0 % 23 4030 36,2 % 22x22px Bern 23'003 86,7 % 3478 13,3 % 244 26'725 37,6 % 22x22px Biel 4646 83,6 % 912 16,4 % 48 5606 32,4 % 22x22px Büren 1549 79,3 % 405 20,7 % 9 1963 34,4 % 22x22px Burgdorf 3519 84,0 % 671 16,0 % 27 4217 35,4 % 22x22px Erlach 927 85,0 % 163 15,0 % 9 1099 43,1 % 22x22px Fraubrunnen 2317 84,8 % 415 15,2 % 22 2754 39,4 % 22x22px Frutigen 1044 86,9 % 157 13,1 % 9 1210 26,0 % 22x22px Interlaken 2474 85,0 % 437 15,0 % 25 2936 29,7 % 22x22px Konolfingen 3619 86,6 % 558 13,4 % 35 4212 33,8 % 22x22px Laupen 1149 87,8 % 160 12,2 % 5 1314 37,9 % 22x22px Nidau 2379 83,1 % 485 16,9 % 17 2881 33,3 % 22x22px Niedersimmental 1499 88,0 % 204 12,0 % 4 1707 31,4 % 22x22px Oberhasli 584 88,4 % 77 11,6 % 1 662 28,8 % 22x22px Obersimmental 544 89,6 % 63 10,4 % 6 613 25,3 % 22x22px Saanen 381 90,5 % 40 9,5 % 0 421 20,7 % 22x22px Schwarzenburg 676 83,5 % 134 16,5 % 1 811 29,0 % 22x22px Seftigen 2069 84,2 % 389 15,8 % 21 2479 30,8 % 22x22px Signau 1670 84,0 % 319 16,0 % 12 2001 26,3 % 22x22px Thun 5914 85,9 % 969 14,1 % 44 6927 31,6 % 22x22px Trachselwald 2176 86,0 % 353 14,0 % 12 2541 34,6 % 22x22px Wangen 1904 81,8 % 424 18,2 % 18 2346 34,0 % Militärangehörige 14 93,3 % 1 6,7 % 0 15 – Quelle: Staatsarchiv des Kantons BernStaatsarchiv des Kantons Bern, StABE A 3.1.3180.
Eigentliche Juraplebiszite Erstes Juraplebiszit (1974) mini|Gemeindeergebnisse des ersten Juraplebiszits 1974