Das Präfix (lateinisch praefixum ‚vorne angeheftet‘), in der traditionellen Grammatik auch Vorsilbe, ist ein unselbständiger Wortteil (Affix), der vorne an den Wortstamm angefügt wird (im Gegensatz zum Suffix, das dem Stamm nachfolgt). In der deutschen Morphologie finden sich Präfixe in der Wortbildung bei Verben, Substantiven und Adjektiven. Im Sprachvergleich findet man vielfältige weitere Anwendungen, allerdings zeigt sich der statistische Effekt, dass natürliche Sprachen den Gebrauch von Suffixen gegenüber Präfixen bevorzugen.

Begriff Präfix als Stellungstyp von Affixen Definition und Beispiele für Präfigierung Ein Affix ist ein unselbständiger Wortbestandteil, der sich mit einem selbständigen Wortteil als seiner Basis verbindet, um ein erweitertes Wort zu bilden. Ein Präfix ist dann definiert als ein Affix, das vor seiner Basis (oder „links“ an der Basis) angefügt wird (dieser Vorgang heißt Präfigierung). Beispiele: verbale Basis: „schenk(en)“ – Präfigierung: „ver-schenk(en)“ (Die Infinitivendung muss bei den Beispielen zunächst ignoriert werden, siehe später im Abschnitt #Flexion von Präfixverben.) adjektivische Basis: „schön“ – Präfigierung: „un-schön“ substantivische Basis: „Sinn“ – Präfigierung: „Un-sinn“

Anmerkung: „Basis“ ist ein allgemeiner und rein relativer Begriff für das Gegenstück zum Affix, der bekanntere Begriff Wortstamm hat hingegen eine engere Bedeutung. In den obigen Beispielen ist die Basis aber jedes Mal auch ein Wortstamm (wenn man Infinitivendungen wegstreicht).

Abgrenzung von Komposition Die Präfigierung ist zu unterscheiden von der Bildung eines Kompositums, also einer Verbindung, bei der einem (traditionell so genannten) „Grundwort“ ein „Bestimmungswort“ vorangestellt wird. In der Komposition hat man zwei wortfähige Einheiten (mit lexikalischem Gehalt); in der Präfigierung ist nur die Basis wortfähig, das Präfix zählt als ein grammatisches und abhängiges Element. Dieser theoretische Unterschied ist in manchen Anwendungsfällen sehr subtil und auch strittig: Präfigierung „Un-sinn“ – Komposition: „Schwach-sinn“ (Nur „schwach“ ist selbst wortfähig.) Präfigierung: „Erz-herzog“Fleischer & Barz (2012), S. 256 – Komposition: „Groß-herzog“Fleischer & Barz (2012), S. 159. (Nur „groß“ ist wortfähig. Das Präfix „Erz-“ ist ein anderes Element als das Substantiv „Erz“.) Es gibt also einen Übergangsbereich, bei dem fraglich ist, wie wortartig das erste Element noch ist oder wie präfixartig es schon ist. Man spricht dann auch von einer Klasse von Präfixoiden, speziell bei emotional-wertender Funktion: „Riesen-sauerei“, „Mords-spaß“ Siehe auch im Artikel Komposition (Grammatik) #Die Abgrenzung zwischen Komposition und Derivation.

Mehrfache Präfigierung Die Basis einer Präfigierung kann ihrerseits komplex sein. Theoretisch könnte sie sogar selbst eine Präfixbildung sein; allerdings ist dieser Fall im Deutschen selten. (Nur Kombinationen aus Partikel und Präfix sind häufig.) Beispiele sind aber: „Missgeschick“: miss- [ge- [schick]]Fleischer & Barz (2012), S. 258. „überbeleg(en)“: über- [be- [leg]]

Der Begriff Präfix ist jedenfalls, ebenso wie Suffix, so angelegt, dass nur die relative Stellung zur jeweiligen Basis bezeichnet wird. Diese Affixe können folglich durchaus im Wortinneren erscheinen, wenn mehrere Affigierungsschritte hintereinander abgelaufen sind. Im obigen Beispiel ist also „über-“ ein Präfix, seine Basis ist „beleg(en)“, darin ist „be-“ ein Präfix zur Basis „leg-“. (Zur Analyse solcher Beispiele siehe: Präfix- und Partikelverben im Deutschen #Zwei Präfixe als Problemfall.)

Die Begriffe Präfix und Silbe Präfixe sind Einheiten des Wortaufbaus (der linguistischen Morphologie), hingegen sind Silben Einheiten der Lautstruktur (Phonologie). Die traditionelle Bezeichnung „Vorsilbe“ für ein Präfix wird daher in der Sprachwissenschaft kritisch gesehen.Als „highly misleading“ bezeichnet in Joachim Mugdan: Units of Word-Formation. In: Peter O. Müller, Ingeborg Ohnheiser, Susan Olsen, Franz Rainer (Hrsg.): Word-Formation. An International Handbook of the Languages of Europe (5 Bände). De Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-024624-7, Band 1, Artikel 15, S. 235–301, hier S. 263.Grammis: Wissenschaftliche Terminologie / Präfix. Online, IDS Mannheim. Abgerufen am 12. Mai 2023. Beispielsweise gibt es im Deutschen Präfixe, die aus zwei Silben bestehen, und in manchen Sprachen auch Präfixe aus einzelnen Konsonanten, die lautlich gar nie eine Silbe bilden könnten: Deutsch: „wieder-holen“ Russisch: делать delat’ („machen“, imperfektiver Aspekt) → сделать s-delat’ („machen“, perfektiv)

Bei Suffixen geht die Silbenbildung sogar über die Grenzen der morphologischen Einteilung hinweg; Suffixe sind also oft keine eigenständige Silbe, von daher keine „Nachsilbe“: „Zauberei“ – Verbstamm „zauber-“(n) mit Affix: „-ei“ – Silbenbildung: „Zau-be-rei“ Hier verhalten sich die deutschen Präfixe allerdings anders: Es gibt zwischen Präfix und Basis oft eine stärkere Grenze, die von der Silbenbildung respektiert wird – daher tritt nach einem Präfix bei vokalisch anlautender Basis auch der Kehlkopf-Knacklaut „ʔ“ auf, genauso wie am Wortanfang: Basis: „einfach“ – Präfigierung: „ver-einfach(en)“ – Silbenbildung „ver-ʔein-fa-chen“, nicht: * „ve-rein-fa-chen“ Dies wird in der Literatur so formuliert, dass sich Präfixe vielleicht sogar wie ein eigenständiges Phonologisches Wort verhalten (eine Einheit, die größer ist als die Silbe und die Bereiche der Silbenbildung begrenzt), jedenfalls wenn das Präfix silbenfähiges Material enthält.Richard Wiese: The Phonology of German. Oxford University Press 1996. Vgl. S. 65–74.Ebenso: Rochelle Lieber, Joachim Mugdan: Internal Structure of Words. In: Geert Booij et al. (eds.): Morphologie. Ein internationales Handbuch zur Flexion und Wortbildung. De Gruyter, Berlin 2000, S. 404–416. Siehe S. 414.

Andererseits findet eine sprachvergleichende Untersuchung, dass es bei Präfixen häufiger ist als bei Suffixen, dass sie nur aus einem Konsonanten bestehen.Hall (2000), S. 537. Die dortige Häufigkeitsangabe (17,7 % der Präfixe, 6,9 % der Suffixe aus 1 Konsonanten) ist bezogen auf die Stichprobe in GRAMCATS. Siehe bereits das russische Beispiel weiter oben.

Präfixe im Deutschen Präfixe begegnen im Deutschen in der Wortbildung von Substantiven, Adjektiven und Verben. Für die Wortbildung im Verbwortschatz des Deutschen spielen sie eine besonders große Rolle. Für die Flexion im Deutschen wird die Existenz von Präfixen häufig verneint,Franziska Münzberg: Präfix. In: Stefan Schierholz, Pál Uzonyi (Hrsg.): Grammatik: Formenlehre (= Wörterbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (WSK), 1.1). De Gruyter, Berlin 2022, ISBN 978-3-11-018472-3, Lemma „Präfix“, S. 605. teilweise wird aber das Affix ge- der Partizipform (die als Infinite Verbform dienen kann) als Präfix bezeichnet.Dudengrammatik (2022), Randnr. 1061 / S. 604 (unten). – Dudengrammatik 8. Aufl. (2009), Randnr. 614 / S. 440.

Bei Substantiven und Adjektiven Die Substantiv- und Adjektiv-Präfixe im Deutschen überschneiden sich teilweise, jedenfalls der äußeren Erscheinung nach. Die Abgrenzung zwischen Präfigierung und Komposition ist oft schwierig; beispielsweise können Verbindungen mit Präpositionen bzw. Adverbien als Komposita gewertet werden, etwa unter-ernährt, zu-geknöpft, ab-geneigt.Fleischer & Barz (2012), S. 329.

Die nachfolgende Beispielübersicht ist nach inhaltlichen Funktionen gegliedert und ist kein vollständiges Verzeichnis der deutschen Präfixe.Siehe insgesamt Fleischer & Barz (2012), Abschnitt 2.4 Präfixderivation (des Substantivs), S. 255ff. und Abschnitt 3.4 Präfixderivation (des Adjektivs), S. 351ff.

Manche Präfixe haben eine steigernde Bedeutung: erz-konservativ, Erz-schurke Haupt-problem, Haupt-vertreter (eines Typs) (Hier kann es strittig sein, ob die Verbindung mit „Haupt-“ als Präfigierung oder als Komposition angesehen wird.Siehe die Diskussion zur Einstufung als Präfix bei Fleischer & Barz (2012), S. 257f.; auf S. 168 wird jedoch das Beispiel „Hauptfilm“ anscheinend als Kompositum eingeordnet.) Wertende Präfixe mit der Bedeutung eines negativen konträren Gegenstücks zu einem positiven Begriff, oder in der Bedeutung „falsch / misslungen“: Miss-achtung, Miss-griff (hingegen wird Fehl-griff als Kompositum angesehen, mit einem Verbstamm (ver)fehl-Fleischer & Barz (2012), S. 164.). Adjektivische Basis ist seltener, vgl. aber miss-liebig. Wertungsumkehrung verflochten mit Negation: Un-mensch, Un-sinn (un- bei substantivischer Basis ist wertend, nur teilweise negierend) Substantive wie Unabhängigkeit sind hingegen Substantivableitungen von einem Adjektiv mit un-. Un-kraut (keine Komponente von Negation)

Reine Negationspräfixe: un-schön, un-abhängig (un- bei adjektivischer Basis ist eine konträre Negation) Nicht-Mitglied, nicht-flüssig non-verbal

Häufig und sehr produktiv ist das Präfix Ex- in der Bedeutung, dass eine vom Substantiv bezeichnete Eigenschaft nicht mehr vorliegt. Dieses und sehr viele andere regelmäßige Präfixe sind Entlehnungen aus dem Lateinischen oder Griechischen (auch: ultra-, prä-, pro-, hyper-, anti-, pseudo-).

Eine der wenigen eher grammatischen Kategorien, die von einem Präfix ausgedrückt werden, ist die Kollektivbildung bei Substantiven mit Ge-: Berg – Gebirge, Busch – Gebüsch, Ast – Geäst. Im Unterschied dazu werden Ableitungen von Verben wie Ge-schrei, Ge-tu-e, Ge-renn-e als Zirkumfix (zweiteiliges Affix) der Form Ge-…(-e) analysiert, nicht als reines Präfix.Fleischer & Barz (2012), S. 262.

Verbpräfixe

Präfix- und Partikelverben

Bei der Wortbildung des Verbs im Deutschen ist eine Unterscheidung zwischen nicht abtrennbaren Wortteilen und abtrennbaren Verbalpartikeln wichtig: (a) Er umfährt das Hindernis. („umfáhren“ in nicht trennbarer Variante, Bedeutung: einen Weg drum herum nehmen) (b) Er fährt das Hindernis um. (trennbares „úmfahren“, Bedeutung: beim Fahren verursachen, dass etwas umfällt.) Die bevorzugte Terminologie ist heute, eine strikte Unterscheidung zu machen, so dass nur die nicht trennbare Variante (a) als Präfixverb bezeichnet wird, im Unterschied zu (b) als einem Partikelverb. Dies ist im Einklang mit der Sichtweise, dass ein Präfix ein Wortteil ist, der einen integralen Bestandteil des Wortes ergibt, und dass die Syntaxregeln immer ganze Wörter verarbeiten. Die Verbalpartikel in (b) ist hingegen eine Besonderheit, sie verhält sich syntaktisch wie ein eigenes Wort.

Ein Element wie das obige „um-“ in der nicht trennbaren Variante wird als Präfix bezeichnet, obwohl es einer Präposition gleicht und Zusammensetzungen mit Präposition als Erstglied sonst als Komposition gewertet werden. Der Grund hierfür ist, dass dieses „um-“ als gleichwertig zu anderen Präfixen eingeordnet wird, die nicht auch als Präposition vorkommen, so wie „be-“, „ent-“, „er-“ etc. (Trennbare Bildungen, also Partikelverben, werden hingegen manchmal als Komposita eingeordnet.)