Nacht, Tag und Nacht (OT. Noc, dzień i noc.) ist der Titel eines 1991im Saww Verlag Posen veröffentlichten Romans des polnischen Schriftstellers Andrzej Szczypiorski. Im selben Jahr erschien die deutsche Übersetzung von Klaus Staemmler.im Diogenes Verlag Zürich Erzählt wird mit autobiographischen Bezügen die Geschichte Antoni Rudowskis, der zusammen mit seiner Freundin Justyna während des Zweiten Weltkrieges gegen die deutschen Truppen kämpfte und anschließend zehn Jahre lang Opfer des stalinistischen Machtapparates wurde. Der Autor entfaltet an Charakteren der verschiedenen Bevölkerungsgruppen ein Bild der polnischen Geschichte von der deutschen Besetzung 1944 über die kommunistische Zeit bis zur Wende 1989.
Inhalt Überblick Der Roman besteht aus einer Rahmenhandlung und, in sie eingebettet, einer Reihe von Kurzporträts einzelner repräsentativer Personen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und politischen Lager.
In der nach der Wende 1989, zur Zeit der Dritten polnischen Republik, spielenden Rahmenhandlung erzählt der ca. 70-jährige Antoni Rudowski in der Ich-Form einer Schweizer Journalistin sein Leben, vermutlich für eine Biographie, kommentiert das Geschehen, wie es in seiner Erinnerung noch präsent ist, und erklärt der in der Friedenszeit der westlichen Wohlstandsgesellschaft sozialisierten jungen Frau die historischen Zusammenhänge. Die Rückblicks-Handlung aus der sowjetisch dominierten kommunistischen Volksrepublik Polen wird in der Personalform aus den wechselnden Perspektiven der mit Rudowskis Schicksal verstrickten Personen entwickelt. Dabei werden die Psychogramme einzelner Figuren zunehmend zu einer zusammenhängenden Handlung vernetzt.
Das erzählte Geschehen umfasst im Wesentlichen drei Zeitabschnitte: Der Widerstand gegen die deutsche Besatzung 1944 und das Kriegsende Die Verhaftungen und Verhöre während der kommunistischen Herrschaft. Der pessimistische Romantitel bezieht sich auf die Gedanken des Juden Knoller nach seiner ersten Nacht im Gefängnis und spiegelt den Lebensrhythmus der Gefangenen; in den Gedanken des alten Juden Swarcblat gibt es jedoch in der Stimme der Natur die optimistische Fortsetzung „und dann wieder der Tag“ (Kap. 28). Die Schicksale und „Nachtgedanken“ einzelner Personen nach der Wende 1989 in Verbindung mit der Rahmenhandlung.
Der kommunistische Machtapparat Am Beispiel der Verhörstrategien, die bei Antoni Rudowski, dem Auschwitz-Überlebenden Knoller, dem polnischen Gutsherrensohn Hryniewicz und dem in Gefangenschaft geratenen deutschen SS-Offizier Klaus Arens eingesetzt werden, zeigt der Erzähler das Zusammenspiel des Staatssicherheitsdienstes (Ministerstwo Bezpieczeństwa Publicznego) mit Parteifunktionären und dem russischen Geheimdienst. Dabei geht es nicht um die Wahrheitsfindung, sondern um die Durchsetzung der kommunistischen Doktrin des Realsozialismus und die Ausschaltung potentieller Gegner. Die politisch Verantwortlichen kommen auf sehr unterschiedlichen Wegen zu ihren Ämtern:
Der Sicherheitsoffizier Trojan hat sich erst Ende des Krieges nach wechselhaften Entwicklungsphasen für das kommunistische Lager entschieden hat. Der Sohn reicher, jedoch über ihre Verhältnisse lebender Eltern ist durch Anlagen und Sozialisation ein egozentrisches, verwöhntes Kind. Nach der Einschränkung des großbürgerlichen Haushalts muss der Jurastudent in Lemberg mit einem kleinen Budget auskommen, führt trotzdem das Leben eines Genussmenschen und bricht sein Studium ab. Ende des Krieges, als russische Truppen einziehen, ist er 26 Jahre alt und schließt sich aus rationalen Überlegungen über sein neues Leben der kommunistischen Partei an und wird Offizier des Sicherheitsdienstes. Autoritäten haben ihm immer schon imponiert: als frommes Kind war es Gott, nun ist es der Sieger Stalin (Kap. 4). Dagegen ist Czeslaw Czarnocki seit seiner Jugend Anhänger des Kommunismus. (Kap. 5) Er führt selbst keine Verhöre durch, ist aber an der Vorbereitung der Aktionen durch seine Aufgaben als Redakteur eines Parteiorgans und als Berichterstatter in politischen Prozessen maßgeblich beteiligt. Geboren wird der Sohn eines Warschauer jüdischen Textilgroßhändlers unter dem Namen Chaim Szwarcblat. Er studiert Jura und Philosophie und nimmt als Journalist den Namen Czarnocki an. Mit seiner 15 Jahre jüngeren Frau Lidka lebt er während des Krieges 4 Jahre lang in Warschau in einem Versteck. Nach der Befreiung und dem Tod Lidkas beginnt seine Krise. Bisher war er in der räumlichen Isolation mit sich und seinen Theorien allein, nun ist er einer anderen Welt ausgesetzt und muss sich im Aufbau des Landes nach der sozialistischen Idee engagieren: „So begann sein revolutionäres Epos“ Andrzej Szczypiorski: Nacht, Tag und Nacht. Diogenes Verlag Zürich 1991, S. 47.. Da entdeckt der Intellektuelle und Theoretiker, „dass diese Frau ihn geschützt hatte vor dem Hass und dem unbegreiflichen Nihilismus, den er immer in sich trug.“ Andrzej Szczypiorski: Nacht, Tag und Nacht. Diogenes Verlag Zürich 1991, S. 50. Zunehmend fühlt er in sich einen Zwiespalt: Als Kommunist ist er Stalin für die Befreiung seines Landes dankbar und sieht nun enttäuscht die Entfernung des polnischen Kommunismus von den europäischen Werten und Menschenrechten (Kap. 15).
Der Mann im Hintergrund ist der von Moskau nach Polen entsandte Offizier der Sonderdienste Fjodor Iwanowitsch Lomakin (Kap. 9). Er wird als Pragmatiker, der nicht mehr an die kommunistischen Ideale glaubt, mit untertäniger russischer Seele beschrieben. Seine Aufgabe ist es, die Befehle der Führung erfolgreich auszuführen, nach Möglichkeit mit friedlichen Mitteln. Er sympathisiert mit dem Juden Charnocki, denn beiden ist der versteckte und russlandfeindliche Patriotismus der Polen fremd: Er fühlt den Widerspruch in den unfreien Augen der Polen, in denen der „Widerschein des im Menschen tobenden Feuers der Freiheit“ glimmt. Es macht ihn misstrauisch, „wenn in den Augen der dressierten, an Folgsamkeit gewöhnten, von der kalten Flamme der Illusion der Welterlösung erfassten Augen dieser seltsame, schreckliche Funke bewusster Unfreiheit, der Selbstvernichtung, der Schande, des Hasses und der Knechtschaft glüht“. Andrzej Szczypiorski: Nacht, Tag und Nacht. Diogenes Verlag Zürich 1991, S. 88.
Verhaftungen und Verhöre Am Beispiel Antoni Rudowskis veranschaulicht der Erzähler die aufwändige, die Biographien vieler Menschen nutzende Strategie des Apparates. Rudowski hat sich während der deutschen Besatzung der Widerstandsgruppe Armia Krajow, im Roman Heimatarmee genannt, angeschlossen und kämpft als 23-Jähriger, wie auch das Nachbarmädchen, die 19-jährige Justyna Stefania, beim Warschauer Aufstand 1944 auf den Barrikaden (Kap. 2). Die beiden können nach der Niederschlagung der Aktion durch die deutsche Wehrmacht aus Warschau fliehen, begegnen sich im Januar 1945 wieder in einer kleinen Provinzstadt, wo die junge Frau bei Verwandten wohnt, und verlieben sich ineinander (Kap. 14). Antoni lebt von Gelegenheitsarbeiten, hält sich viel auf der Straße auf, wo sein Nachbar, der Jude Knoller mit Devisen handelt, und wird dadurch in dessen Geschichte verwickelt. Obwohl unpolitisch, hält man ihn, den ehemaligen Kämpfer des Aufstandes und der Heimatarmee, für einen Gegner des kommunistischen Systems und bereitet seine Verhaftung vor. Die politische Polizei und der Geheimdienst verbinden dies mit einer großen Aktion gegen die Devisenhändler und nutzen die antijüdische Stimmung in Teilen der Bevölkerung aus.
Der Geheimdienst beginnt mit der Liquidation (Kap. 12) des Juden Szya Gutmajer, eines ehemaligen Auschwitzhäftlings, der jetzt als „König der Devisenhändler“ mit oft wechselnden Geliebten luxuriös lebt und damit seine Erinnerungen an die Krematorien verdrängt. Eines Morgens findet man ihn erstochen in seinem Bett. Es entsteht eine Unruhe unter den Händlern, u. a. bei dem 63-jährigen Knoller (Kap. 10), der in Auschwitz Frau und Tochter verloren, selbst aber überlebt hat. Auch er kann diese Zeit nicht vergessen und hofft auf ein neues Leben in Amerika. Dazu beliefert er den „Schnüffler der Miliz“ Kamaszek mit Informationen über amerikanische Devisen reicher Juden. Dieser zeigt sie jedoch nicht seiner Behörde an, sondern erpresst sie auf eigene Rechnung. Als Gegenleistung verspricht er Knoller einen Pass für seine Ausreise in die USA (Kap. 6).
Nach dem Mord hat Knoller Angst, er werde mit seinen Informationen für die Tat verantwortlich gemacht, zumal zu diesem Zeitpunkt Kamaszek aus der Öffentlichkeit verschwindet. Als nächster Schritt des Sicherheitsdienstes erfolgt die Verhaftung Knollers in einer spektakulär inszenierten Aktion. Der Erzähler veranschaulicht an Knollers Verhör während seiner dreimonatigen Untersuchungshaft die Strategie des Geheimdienstes: Knoller soll bezeugen, dass Antoni und Kamaszek, mit Berufung auf einen Befehl der faschistischen und großteils antisemitischen Untergrundorganisation namens Polnische Nationalarmee, die Ermordung Gutmajers geplant und ausgeführt haben. Man setzt ihn durch die Beschuldigung seiner Mitbeteiligung am Mord unter Druck und verhört ihn erst hart durch den Hauptmann des Sicherheitsdienstes Glabusz und dann verständnisvoll vertraulich durch Trojan. Glabusz behauptet, Knoller habe zugegeben, ein Gespräch zwischen Rudowski und Kamaszek über ihre Planung der Ermordung Gutmajers gehört zu haben, was Knoller Trojan gegenüber bestreitet. Dieser gibt vor, ihm zu glauben, er könne aber nicht seinem Vorgesetzten widersprechen. Würde Knoller die angebliche Aussage widerrufen, drohe ihm wegen einer Falschaussage eine schwere Strafe. Trojan erklärt ihm, in dieser Phase des politischen Kampfes sei Glabusz von der Mittäterschaft Knollers überzeugt, er, Trojan, wolle ihn jedoch aus dieser Situation retten und baue ihm eine Brücke: Wenn er eine vage formulierte Zusatzerklärung über das fragliche Gespräch unterschreibe, die nicht Bestandteil des offiziellen Protokolls sei, werde er sofort entlassen und Glabusz sorge für die Ausstellung eines Passes für seine Ausreise in die USA (Kap. 11). Dazu kommt es jedoch nicht. Durch die Aktionen gegen die Devisenhändler wird die Stimmung der Bevölkerung gegen die Juden angeheizt. In der Stadt macht eine aufgebrachte Menge die nach dem Kriegsende zurückgekehrten Juden, die ihre alten Wohnungen beanspruchen, für ihre Armut verantwortlich und attackiert sie. Dabei werden einige getötet, u. a. der aus der Haft entlassene Knoller (Kap. 13).Vorlage dieser Morde an polnischen Juden ist der Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946.
Zermürbungsstrategie Nach Knollers Aussage wird Antoni von Glabusz verhaftet und verhört (Kap. 14). Da dieser bestreitet, Mitglied einer Untergrundorganisation zu sein und seine Unschuld beteuert, verfolgt man bei ihm eine Ermüdungs- und Zermürbungsstrategie (Kap. 16). Er wird in verschiedene Gefängnisse des Landes verlegt und immer wieder verhört. Seine Freundin Justyna, die selbst Ende 1948 in Warschau verhaftet und nach anderthalb Jahren plötzlich ohne Prozess entlassen wird, hat Schwierigkeiten, seinen jeweiligen Aufenthaltsort herauszufinden und ihn zu besuchen (Kap. 19).