Die kenianische Rugby-Union-Nationalmannschaft (; ) ist die Nationalmannschaft Kenias in der Sportart Rugby Union und repräsentiert das Land bei allen Länderspielen (Test Matches) der Männer. Die Mannschaft trägt den Spitznamen Simbas (Swahili: „die Löwen“), nach dem Wappentier des Landes, dem Löwen (Panthera leo). Die organisatorische Verantwortung trägt der 1970 gegründete Verband Kenya Rugby Union (, KRU; ). Kenia wird vom Weltverband World Rugby in die dritte Stärkeklasse () eingeteilt und gilt, zusammen mit der Elfenbeinküste und Simbabwe, traditionellerweise als eine der stärksten Nationalmannschaften Afrikas nach den Springboks aus Südafrika und den Welwitschias aus Namibia.
Der Rugby-Union-Sport in Kenia geht auf die britische Kolonialzeit zurück und ist seitdem stark von der früheren Kolonialmacht beeinflusst worden. Das erste Test Match fand 1954 gegen Tanganjika (heute Tansania) statt. Heimstadion ist der RFUEA Ground in Nairobi, der 1955 mit einem Spiel einer ostafrikanischen Mannschaft gegen die British Lions eingeweiht wurde. Die Mannschaft errang bisher zwei Titel bei Afrikameisterschaften und klassierte sich viermal auf dem dritten sowie viermal auf dem vierten Platz. Für eine Weltmeisterschaft konnte sich die Mannschaft bislang nicht qualifizieren. Traditionell spielt Kenia in roten Trikots mit schwarzen Hosen und grünen Socken – also in den Farben der Flagge Kenias. Bisher wurde ein kenianischer Nationalspieler in die World Rugby Hall of Fame aufgenommen.
Organisation
Verantwortlich für die Organisation von Rugby Union in Kenia ist die Kenya Rugby Union (, KRU; ). Der Verband wurde 1970 gegründet und 1990 Vollmitglied des International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby). Die KRU ist außerdem Gründungsmitglied der Confédération africaine de rugby (; ; heute Rugby Africa, RA), die 1986 in Tunis von acht afrikanischen Verbänden gegründet wurde.
Die höchste Rugbyliga in Kenia ist der Kenya Cup mit elf Mannschaften. Ein Großteil der für die Nationalmannschaft antretenden Spieler speist sich aus dieser Liga, weitere Spieler sind vor allem in Südafrika als Profisportler tätig oder stehen bei europäischen Vereinen unter Vertrag.
Neben der eigentlichen Nationalmannschaft ruft die KRU weitere Auswahlmannschaften zusammen. Wie andere Rugbynationen verfügt Kenia über eine U-20-Nationalmannschaft, die an der World Rugby U20 Trophy teilnimmt. Hinzu kommt Kenya Sevens, die Nationalmannschaft für Siebener-Rugby. Kinder und Jugendliche werden in Schulen an den Rugbysport herangeführt und je nach Interesse und Talent beginnt dann die Ausbildung.
Geschichte Einführung und Verbreitung von Rugby Anfang des 20. Jahrhunderts brachten britische Siedler den Rugbysport in die damalige Kolonie Britisch-Ostafrika; 1909 fand das erste dokumentierte Rugbyspiel statt. Anfangs war es nur „weißen“ Siedlern erlaubt, Rugby zu spielen, während Einheimischen der Zugang zu dieser Sportart verwehrt blieb. Die Rugby Football Union of Kenia (RFU-K) wurde im August 1921 gegründet und nahm 1923 ihre Arbeit auf, nachdem der der erste Rugbyverein Kenias, der Nairobi Rugby Club, wegen seiner übermächtigen Stellung in den Nondescripts RFC und die Harlequins (nicht identisch mit dem heutigen Kenya Harlequin FC) aufgeteilt worden war. Frühe Wettbewerbe waren die Nairobi District Championships seit 1925, der Enterprise Cup seit 1930 und ein Turnier der Royal Armed Forces seit 1937.
Zwischen den 1920er und 1950er Jahren tourten mehrere nennenswerte Mannschaften durch Kenia, darunter die Auswahlteams der südafrikanischen Universitäten Kapstadt und Stellenbosch sowie 1951 eine gemeinsame Mannschaft der britischen Universitäten Oxford und Cambridge. Spielort war jeweils das Mitchell Park Stadium, bis zur Eröffnung des RFUEA Ground in Nairobi im Jahr 1952. 1950 bildete sich die Ostafrikanische Rugby-Union-Mannschaft, eine Auswahl der besten Spieler der Kolonien Kenia, Tanganjika (heute Tansania) und Uganda, deren Vorbild die British Lions waren. Man bezeichnete sie auch als Tuskers, wobei dieses Wort für Afrikanische Elefanten mit besonders großen Stoßzähnen steht. Die Tuskers unternahmen in den drei folgenden Jahrzehnten mehrere Touren, unter anderem nach England (1966) und Irland (1972). Ebenso trafen sie in Nairobi auf mehrere durchreisende Teams, darunter die British Lions (1955 und 1962), die Barbarians (1958), die südafrikanischen Springboks (1961) und die Nationalmannschaft von Wales (1964).
1953 traten Tanganjika und Uganda als Teilverbände der RFU-K bei, wodurch die Rugby Football Union of East Africa (RFUEA) entstand. 1954 traf eine kenianische Mannschaft in Arusha erstmals auf eine Mannschaft Tanganjikas und gewann diese Begegnung. Sie diente als Auswahlverfahren für die Tour der Tuskers in den Copperbelt von Nordrhodesien im selben Jahr. 1955 wurde diese Partie abermals ausgetragen, wobei Tanganjika mit 11:3 gewann. 1956 fand das dritte Spiel zwischen beiden Teams in Arusha statt und endete mit einem 13:0-Sieg Kenias. 1956 löste sich die nur noch formal bestehende RFU-K auf, da die Regionalverbände bereits Mitglied der RFUEA waren. 1958 schlug eine kenianische Mannschaft Ugandas Auswahl mit 21:11. Für die Auswahl Kenias und die Tuskers wurden oft Spieler anderer ostafrikanischer Länder und auch europäischer Herkunft berufen. Obschon die Ergebnisse meist recht einseitig waren, halfen diese Spiele dabei, die Beliebtheit des Rugbysports in Kenia zu fördern.
Unabhängigkeit und Integration 1963 erlangte Kenia die Unabhängigkeit. Aufgrund des damit einhergehenden Endes der Rassentrennung im Schulsystem durfte die einheimische Bevölkerung (oder zumindest deren Oberschicht) nun ebenfalls Eliteschulen wie Duke of York und Prince of Wales besuchen, die traditionelle Rugby-Hochburgen waren. Spieler wie Chris Onsotti, John Gichinga, Dennis Awori, George Kariuki, Jackson „Jacko“ Omaido und Jim Owino gehörten der ersten Generation einheimischer kenianischer Rugbyspieler an. Diese leistete die entscheidende Vorarbeit für die folgenden Spieler, unter denen das kenianische Rugby weiter aufblühte. 1970 fiel der Beschluss, die bestehenden regionalen Teilverbände zur Kenya Rugby Union (KRU; ) mit Sitz in Nairobi zusammenzulegen. Im selben fand die erste Austragung des Kenya Cup statt. 1972 wurde Ted Kabetu der erste einheimische Spieler, der in einem Spiel für die Tuskers antrat.
Ein Zustrom an Spielern aus Tansania gab den Tuskers Auftrieb und Kenia konnte sich allmählich als angesehene Rugbynation etablieren. In den 1970er Jahren besuchten mehrere englische Klubs das Land für Spiele gegen die Ostafrika-Auswahl. Das beachtlichste Ergebnis war eine knappe 15:20-Niederlage gegen die Harlequins. Die eigentliche kenianische Nationalmannschaft hingegen trat von 1958 bis 1979 nur einmal in Erscheinung, da es ihr an möglichen Gegnern mangelte. Um trotzdem einheimische Spieler fördern zu können, stellte die Tageszeitung Daily Nation im April 1974 den Miro RFC zusammen, eine Einladungsmannschaft nach dem Vorbild des Barbarian FC. Miro war überwiegend eine Mannschaft für „schwarze“ Spieler und hatte lediglich zwei „weiße“ Spieler in seinen Reihen. Der Mannschaft kam eine wichtige Rolle bei der Etablierung des Rugby unter Afrikanern in Kenia zugute. 1976 gewann sie mit 20:12 gegen den italienischen Erstligisten Rugby Roma Olimpic. Aufgrund von Uneinigkeiten über die ethnische Auswahl der Spieler wurde die Mannschaft vorübergehend aufgelöst. Nach dreijähriger Pause nahm sie ihre Tätigkeit jedoch wieder auf und erzielte einen 32:19-Sieg über den englischen Blackheath FC, was den „schwarzen“ Rugbyspielern neue Hoffnung gab.
1977 gründeten sich der Mean Machine RFC und der Mwamba RFC unabhängig voneinander als Klubs für einheimische Spieler. Mean Machine, die Mannschaft der University of Nairobi mit Spielern wie Absalom “Bimbo” Mutere, Tom Oketch und Joe “JJ” Masiga, gewann die kenianische Meisterschaft in der ersten Saison. Dies erwies sich als durchschlagenden Erfolg, da das Rugby in Kenia damals immer noch von „weißen“ Klubs wie Kenya Harlequins, Nondescripts, Impala RFC und Western Kenya/Oribis dominiert wurde. Dem Historiker Michael Mundia Kamau zufolge begann mit der Gründung von Mean Machine ein Transformationsprozess. Seitdem spielen in Kenia vor allem einheimische Studenten Rugby.Richards: A Game for Hooligans: The History of Rugby Union. S. 278. Black Blad RFC, das Team der Kenyatta University, gewann im Jahr darauf den Meistertitel. Es waren vor allem Spieler der zweiten Generation, die bei der Gründung beider Vereine führend waren. Als Folge des gescheiterten Putschversuch gegen Präsident Daniel arap Moi im August 1982 und der darauffolgenden Schließung der University of Nairobi musste Mean Machine rund ein Jahr lang den Spielbetrieb ruhen lassen.
Die Verbände Kenias, Ugandas und Tansanias gingen zunehmend ihre eigenen Wege und zeigten immer weniger Interesse am gemeinsamen ostafrikanischen Auswahlteam. Die letzte Tour der Tuskers fand 1982 statt. Andererseits bemühte sich die Kenya Rugby Union ab 1979 aktiv darum, dass die bisher vernachlässigte Nationalmannschaft jedes Jahr mindestens ein Test Match gegen andere afrikanische Länder austrug. Gegner im Verlaufe der 1980er Jahre waren Simbabwe, Sambia, Madagaskar und Nigeria. Vor allem Simbabwe und nach 1990 auch Namibia erwiesen sich als ernsthafte Konkurrenten. Im Januar 1986 war der kenianische Verband in Tunis eines der Gründungsmitglieder des Kontinentalverbandes Confédération africaine de rugby (; ; heute Rugby Africa, RA). Die anderen Gründungsmitglieder waren Elfenbeinküste, Madagaskars, Marokkos, Senegals, der Seychellen, Tansanias und Tunesiens. Ein Jahr zuvor hatte der International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby), der damals noch sehr exklusiv war und nur acht Mitglieder zählte, die Einführung der Weltmeisterschaft beschlossen. Für die erste Austragung 1987 vergab der IRFB neun Startplätze durch Einladungen, wobei Kenia wie erwartet unberücksichtigt blieb.
Lang anhaltende Krise Zwar erfolgte 1990 die Aufnahme der Kenya Rugby Union in den IRFB und im selben Jahr wurde Rugby als Schulsport an weiterführenden Schulen eingeführt, doch nahmen die Kenianer nicht an der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1991 teil. Allgemein steckte der kenianische Rugbysport in den 1990er Jahren in einer Krise. Einer der Gründe dafür war 1992 der tragische Unfalltod von Ken Kanyi, der als einer der besten Spieler des Landes galt. Er kam während eines Turniers des Impala RFC unter unglücklichen Umständen ums Leben, worauf fast eine ganze Spielergeneration den Sport aufgab. Die Nationalmannschaft musste neu aufgebaut werden und konnte nur sporadisch Test Matches bestreiten. Zudem herrschte eine wachsende Konkurrenzsituation mit der Variante Siebener-Rugby, die sich nicht zuletzt dank internationaler Erfolge immer größerer Beliebtheit erfreute. In der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1995 unterlagen die Kenianer Simbabwe und Namibia, während gegen Arabien ein knapper Sieg resultierte; somit verpassten sie den Einzug in die zweite Runde. In der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 1999 gelang den Kenianern ein Sieg über Arabien, während sie Tunesien unterlagen und aufgrund ihrer schlechteren Punktedifferenz abermals vorzeitig ausschieden.
mini|Kenia gegen die Army National Guard, 2009