Die chilenische Rugby-Union-Nationalmannschaft () ist die Nationalmannschaft Chiles in der Sportart Rugby Union und repräsentiert das Land bei allen Länderspielen (Test Matches) der Männer. Sie hat den Spitznamen („die Kondore“), nach dem Andenkondor (Vultur gryphus), dem Nationalvogel des südamerikanischen Landes. Die organisatorische Verantwortung trägt der im Jahr 1953 gegründete Verband Federación Deportiva Nacional de Rugby (FDNR). Vom Weltverband World Rugby wird die chilenische Nationalmannschaft in die dritte Stärkeklasse () eingeteilt. Das Team gilt als die fünftbeste Nationalmannschaft auf dem amerikanischen Doppelkontinent (nach Argentinien, den Vereinigten Staaten, Kanada und Uruguay). Bisher wurden zwei chilenische Nationalspieler in die World Rugby Hall of Fame aufgenommen.

Das erste Test Match fand 1936 gegen Argentinien statt. 2022 qualifizierte sich Chile erstmals für eine Weltmeisterschaft und wurde damit das dritte südamerikanische Land, dem dies gelang; bei der WM 2023 verlor es jedoch alle Spiele in der Vorrunde. Die Mannschaft errang bisher einen Titel bei Südamerikameisterschaften und klassierte sich zwölfmal auf dem zweiten sowie 28-mal auf dem dritten Platz. Seit 2016 nimmt Chile an der jährlichen Americas Rugby Championship teil, zusammen mit der zweiten Mannschaft Argentiniens, Brasilien, Kanada, Uruguay und den USA. Traditionell spielt Chile in roten Trikots mit blauen Farbakzenten, blauen Hosen und blau-rot-gestreiften Socken.

Organisation

Verantwortlich für die Organisation von Rugby Union in Chile ist die Federación Deportiva Nacional de Rugby (FDNR). Der Verband wurde 1953 unter dem Namen Federación Chilena de Rugby (FCR) gegründet und ist seit 1991 Vollmitglied des International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby). Er war außerdem im Jahr 1988 Gründungsmitglied des südamerikanischen Kontinentalverbandes CONSUR (Confederación Sudamericana de Rugby; heute Sudamérica Rugby, SAR).

Die höchste Rugby-Union-Liga des Landes ist die seit 1948 bestehende Primera Nacional TOP 10 mit zehn Mannschaften, die meisten davon aus der Hauptstadt Santiago de Chile oder deren Metropolregion. Einst kamen die meisten Spieler der Nationalmannschaft aus dieser Liga und waren Amateure. Seit 2020 gehören sie jedoch überwiegend dem Team Selknam an, das an der Profiliga Super Rugby Americas teilnimmt. Diese umfasst auch Teams aus Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Weitere Spieler sind vor allem in Frankreich oder in der nordamerikanischen Major League Rugby als Profisportler tätig.

Neben der eigentlichen Nationalmannschaft ruft die FDNR weitere Auswahlmannschaften zusammen. Wie andere Rugbynationen verfügt Chile über eine U20-Nationalmannschaft, die an der World Rugby U20 Trophy teilnimmt. Hinzu kommt Chile Sevens, die Nationalmannschaft für Siebener-Rugby. Kinder und Jugendliche werden bereits in der Schule an den Rugbysport herangeführt und je nach Interesse und Talent beginnt dann die Ausbildung.

Geschichte Einführung und Verbreitung von Rugby Die zu den Mapuche gehörenden Huilliche-Ureinwohner in der Región de Los Lagos und insbesondere im Chiloé-Archipel betreiben seit Jahrhunderten ein Linao genanntes Spiel, das gewisse Ähnlichkeiten mit Rugby aufweist. Dabei versuchen jeweils 15 bis 30 Spieler, einen mit Wolle oder Lumpen umwickelten Ball aus Seegras ins gegenüberliegende Tor zu befördern, das etwa zwei Meter breit ist und von einem Torhüter bewacht wird. Die balltragenden Spieler müssen über genügend Geschicklichkeit und Ausdauer verfügen, um allen Arten von Angriffen auszuweichen und standzuhalten.

Wie in anderen südamerikanischen Ländern wurde der Rugbysport Ende des 19. Jahrhunderts von britischen Einwanderern in chilenischen Hafenstädten eingeführt. Jahrzehntelang galt als gesichert, dass das erste dokumentierte Rugbypiel auf chilenischem Boden 1894 in Iquique im äußersten Norden des Landes stattfand. Damals traf die Besatzung eines britischen Frachtschiffs auf eine Mannschaft, die sich aus Angestellten von Salpeter-Bergbauunternehmen zusammensetzte. Daraufhin soll sich der Rugbysport allmählich südwärts nach Santiago de Chile und Valparaíso verbreitet haben. Neuere historische Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass das erste Spiel bereits am 16. Juni 1892 in Coronel stattfand. Dort traf die Besatzung des britischen Kriegsschiffs HMS Warspite auf eine Mannschaft örtlicher Seeleute aus der Nachbarstadt Concepción. Bis in die 1930er Jahre war Rugby in Chile vor allem der Sport von Nachkommen britischer Einwanderer, und auch danach blieb er weitgehend der Oberschicht vorbehalten.

Erste internationale Begegnungen In Valparaíso fand am 20. September 1936 das erste Test Match der Chilenen gegen Argentinien statt, das mit 0:29 verloren ging; es war das erste Spiel zwischen zwei südamerikanischen Ländern. Eine Woche später folgte das nächste Test Match, das mit einer 3:31-Niederlage endete. 1938 unternahmen die Chilenen ihre erste Tour ins Nachbarland und trafen unter anderem zweimal auf die argentinische Nationalmannschaft, wobei beide Begegnungen nicht als Test Matches zählten. Die erste Begegnung mit Uruguay folgte am 5. August 1948. Sie fand auf neutralem Boden in Buenos Aires statt und endete mit dem ersten Sieg Chiles. Der Organisationsgrad erhöhte sich, als sich 1948 die Regionalverbände von Santiago de Chile und Valparaíso bildeten; im selben Jahr organisierten sie gemeinsam die erste chilenische Meisterschaft Primera Nacional TOP 10. 1953 entstand dann der nationale Verband Federación Chilena de Rugby (FCR), der sich seit 2015 Federación Deportiva Nacional de Rugby (FDNR) nennt.

mini|Chile gegen Uruguay bei der Südamerikameisterschaft 1951 Im Februar 1951 hätten die Condores, wie die Mannschaft nach ihrem Emblem genannt wurde, an den ersten Panamerikanischen Spielen in Buenos Aires teilnehmen sollen, doch das Rugbyturnier kam aus organisatorischen Gründen nicht zustande. Es wurde auf September verschoben und nun als ABCU-Turnier bezeichnet (nach den vier Teilnehmerländern). Beim ersten Rugby-Kontinentalwettbewerb Südamerikas erreichten die Chilenen den dritten Schlussrang. Sie siegten deutlich gegen Brasilien, unterlagen Uruguay und Argentinien aber knapp. Sieben Jahre später wurde das Turnier nachträglich als erste Südamerikameisterschaft anerkannt. 1952 unternahm die irische Nationalmannschaft eine mehrwöchige Südamerikatour, wobei sie auch in Santiago Halt machte und die Gastgeber mit 30:0 schlug. Frankreich, ein weiteres Team der Five Nations, führte 1954 ebenfalls eine Tour durch und setzte sich mit 34:3 gegen die Condores durch, wobei die europäischen Verbände den Spielen wegen des großen Klassenunterschieds nicht den Test-Match-Status zuerkannten. 1958 wurde Chile in der ersten von Anfang an so bezeichneten Südamerikameisterschaft Zweiter nach Siegen gegen Peru und Uruguay sowie einer Niederlage gegen Argentinien.

Im Jahr 1959 unternahmen die Junior Springboks, die südafrikanische U20-Auswahl, eine Südamerikatour, die sie auch nach Santiago de Chile führte. Erwartungsgemäß waren die Condores völlig chancenlos und unterlagen 0:73. Ähnlich deutlich ging ein Gastspiel der Franzosen im folgenden Jahr aus. Bei der Südamerikameisterschaft 1961 unterlag Chile der argentinischen Mannschaft knapp, worauf deutliche Siege über Uruguay und Brasilien folgten. Enttäuschend verlief hingegen die Südamerikameisterschaft 1964 mit einem Unentschieden gegen Brasilien sowie Niederlagen gegen Uruguay und Argentinien, was gleichbedeutend mit dem vierten und letzten Platz war. 1966 waren die Gazelles zu Gast, eine Auswahl südafrikanischer Spieler unter 23 Jahren, die nicht der eigentlichen Nationalmannschaft angehörten. Doch auch dieses Reserveteam erwies sich den Condores als haushoch überlegen und setzte sich mit 73:3 durch. An der Südamerikameisterschaft 1967 nahmen nur drei Mannschaften teil, wobei Chile Uruguay schlug und wie üblich Argentinien unterlag. Genauso verlief auch die Südamerikameisterschaft 1969.

Popularisierung des Rugbysports Mit Ausnahme eines Besuchs der Junior Springboks 1975 traf Chile in den 1970er Jahren ausschließlich auf südamerikanische Mannschaften. Im Rahmen der Südamerikameisterschaft 1971, der ersten mit fünf Teilnehmern, unterlag Chile Argentinien und schlug Uruguay, woraufhin es erstmals auf Paraguay traf und sich mit 40:0 durchsetzte; zum Abschluss folgte ein deutlicher Sieg über Brasilien. Bei der Südamerikameisterschaft 1973 unterlag Chile Uruguay knapp und Argentinien deutlich, worauf es sich nach zwei Siegen gegen Brasilien und Paraguay mit dem dritten Platz zufriedengeben musste. In der Südamerikameisterschaft 1975 belegten die Condores nach Siegen gegen Brasilien, Paraguay und Uruguay sowie einer Niederlage gegen Argentinien den zweiten Platz. Nach Siegen über Paraguay und Brasilien sowie Niederlagen gegen Argentinien und Uruguay beendeten die Chilenen die Südamerikameisterschaft 1977 als Drittplatzierte. In der Südamerikameisterschaft 1979 waren sie nach Siegen gegen Brasilien und Paraguay sowie einem Unentschieden gegen Uruguay tabellenpunktgleich mit ebenjener Mannschaft hinter Argentinien, wiesen aber die schlechtere Spielpunktedifferenz auf.

Im Jahr 1978 übernahm der Franzose Jean-Pierre Juanchich die Betreuung der Nationalmannschaft. Er machte es sich zusätzlich zur Aufgabe, mit viel Enthusiasmus den Rugbysport in Chile populärer zu machen und ihn aus seinem gesellschaftlichen Nischendasein zu befreien. Zu diesem Zweck reiste er im ganzen Land umher, brachte vielen Menschen Rugby näher und vermittelte ihnen auch die dazu gehörenden Werte. Während seines sechs Jahre dauernden Aufenthalts vergrößerte sich die Anzahl der Vereine von 14 auf 120. Fernando Paulsen, damaliger Mannschaftskapitän, sagte über Juanchich: „Er war ein neuer Typ, der die Parameter veränderte; er kam mit einem völlig anderen Spielsystem nach Chile; alle Trainer haben sich an seine Spielweise angepasst.“

Während der Militärdiktatur von Augusto Pinochet unterhielt Chile enge Beziehungen zum Apartheid-Regime Südafrikas – nicht etwa aus ideologischen Überlegungen heraus, sondern wegen des gemeinsamen Status als international geächteter Pariastaat. Als das Nachbarland Argentinien sämtliche sportlichen Begegnungen mit Südafrika untersagte, bildete sich 1980 eine „Schattenmannschaft“ namens Sudamérica XV (auch Jaguares Sudamericanos genannt). Zwar setzte sie sich überwiegend aus Argentiniern zusammen, doch auch mehrere Chilenen gehörten ihr an. Die insgesamt fünf betroffenen Verbände erkannten die Mannschaft offiziell zwar nicht an, duldeten sie aber stillschweigend. Im Verlaufe der nächsten vier Jahre trat die Sudamérica XV achtmal gegen die Springboks, die südafrikanische Nationalmannschaft, an, konnte aber nur ein Spiel für sich entscheiden (am 3. April 1982 in Bloemfontein).Garcia: La fabuleuse histoire du rugby. S. 611–612. Als die Condores im März und April 1983 erstmals außerhalb Südamerikas eine Tour unternahmen, führte diese ins sportlich isolierte Südafrika. Sie bestritten zehn Partien gegen verschiedene Auswahlteams, von denen sie drei gewannen; Test Matches standen jedoch nicht auf dem Programm. Ein halbes Jahr später stattete die Auswahl Südwestafrikas (heute Namibia) in Santiago de Chile einen Gegenbesuch ab; die Begegnung wurde ebenfalls nicht als Test Match gewertet.