mini|300x300px|Die Karte zeigt Lage und innere Gliederung der Großlandschaft „Inneranatolien“ (İç Anadolu) in der Türkei nach weitgehendem wissenschaftlichem Konsens im Zusammenhang mit dem ersten Geographiekongress in Ankara 1941. Inneranatolien () als Bezeichnung des Inneren Kleinasiens, des Kernraums des anatolischen Hochlandes, wurde auf dem ersten Geographiekongress der Türkei vom 6. bis 21. Juni 1941 in Ankara offiziell eingeführt. Diese Großlandschaft firmiert in der Literatur auch unter den Bezeichnungen „Zentralanatolien“ oder „Mittelanatolien“ (Orta Anadolu).

Ein geographischer Überblick Im Inneren der breit ausladenden kleinasiatischen Halbinsel zwischen dem Schwarzen Meer im Norden und dem östlichen Mittelmeer im Süden breitet sich, umrahmt im Norden und Süden von höher aufragenden randlichen Kettengebirgsgürteln, ein weites gebirgiges Hochland aus. Es bildet das Mittelstück des geographischen Anatoliens. Dieses von Randgebirgen umrahmte Binnenhochland stellt einen großen Teilbereich der Türkei dar, der seiner Lage wegen als Inneranatolien (oder auch Zentralanatolien) bezeichnet wird. Dieser riesige, etwa 150.000 km² große Bereich im Innern der kleinasiatischen Halbinsel ist die zweitgrößte der sieben 1941 ausgewiesenen geographischen Großlandschaften der Türkei und nimmt etwa 20 % des türkischen Staatsgebiets ein. Sie umfasst Beckenlandschaften, Flussniederungen, zertalte Schichttafeln und Hochebenen, welliges Schollenland, Bruch- und Schichtstufen sowie hoch aufragende Einzelvulkane und ist nach landläufiger Ansicht – nicht unumstritten – im Wesentlichen ein Steppenland. Gegen die umrahmenden Randgebirge grenzt sich Inneranatolien grob betrachtet als ein nach Süden weisendes unregelmäßiges Dreieck ab mit den ungefähren (groß-)städtischen Eckpunkten Eskişehir im Nordwesten, Sivas im Nordosten und Karaman im Süden und tangiert in etwa dabei größere Orte, wie Beypazarı, Sungurlu, Çankırı und Yozgat im Norden, Pınarbaşı, Kayseri, Niğde und Ereğli (Konya Ereğlisi) im Osten sowie Konya, Akşehir, Afyon Karahisar und Kütahya im Westen.

Im Norden schmiegt sich dieses Binnenhochland an das pontische Randgebirge mit schwach nach Norden konvexem Bogen. Im Süden, Osten und Westen steht dem Pontischen Gebirge der stark nach Süden konvexe Gebirgsbogen des Taurus gegenüber. Im äußersten Osten endet die Region Inneranatoliens in einer Art schmalem Appendix am oberen Kızılırmak im Gebiet von Imranlı, wo sich Stränge der Nordanatolischen Randgebirge (Köse Dağları) und des Osttaurus (Tecer Dağları) aneinanderschmiegen. Im Westen erhebt sich zwischen beiden Randgebirgen die breite Westanatolische Gebirgsschwelle und bildet als Grenze zu Inneranatolien einen markanten Abfall. Obwohl sich das Innere des Hochlandes Anatoliens zwischen den pontischen und taurischen Randgebirgen grob als eine auf flachen Neogentafeln entwickelte, weitgespannte Steppenregion charakterisieren lässt, die an ihren Rändern mehr oder weniger deutlich in die umrahmenden Gebirgsregionen übergeht, zeigt sich Inneranatolien genauer betrachtet wesentlich komplexer.

Vorherrschend sind drei Landschaftsstrukturen:

Zumeist randlich angeordnete Gebirgsketten begleitet partiell von vulkanischen Einzelmassiven, die zentral gelegene ausgedehnte, durch flache Schwellen voneinander getrennte Flachbecken überragen, und weitgespannte, von tief eingesenkten Tälern zerschnittene Hochflächen. Eine naturräumliche Besonderheit bietet das ausgedehnte Gipskarstgebiet von Sivas und Zara am oberen Kızılırmak (s. u.). Aufgrund der allseitigen Gebirgsumrahmung sind die Niederschläge in Inneranatolien deutlich geringer als in den Randlagen Anatoliens, wobei sie insgesamt nach Osten hin mit dem generellen Gebirgsanstieg zunehmen. So hat die Region Inneranatolien speziell im Sommer einen ausgesprochen kontinentalen Charakter mit Hitze und Trockenheit, die aber durch Einfluss der Etesien gemäßigt werden. Während der kalten Jahreszeit sorgen Zyklonen im gesamten anatolischen Binnenraum mit einem zum Frühjahr von West nach Ost verschobenen Schwerpunkt für Regen und Schnee und die Höhe für entsprechende Kälte. Klare klimatische Grenzen lassen sich wegen des fließenden Übergangs nach außen allerdings nur selten ziehen, und die Verzahnung von Steppen- mit Waldpartien an den Rändern ist eher typisch. Auffälligstes Merkmal Zentralanatoliens ist fraglos das vorherrschende Kulturlandschaftsmuster ausgedehnter Getreidesteppen und die relativ geringe Siedlungsdichte.

An die Stelle der noch Mitte des 20. Jahrhunderts oft dominierenden, traditionellen Landwirtschaft sind auch dort, wie in anderen Gebieten der Türkei, in wachsendem Maße Erwerbsmöglichkeiten in Gewerbe, Industrie und Dienstleistungen getreten. Diese sind allerdings bis heute nicht in flächenhafter Streuung vorhanden, sondern konzentrieren sich an bestimmten Punkten, im Wesentlichen in größeren Städten. Aus zunehmender wirtschaftlicher Diversifizierung und technischer Modernisierung, die sich vorwiegend in einer begrenzten Zahl von städtischen Brennpunkten abspielten, erfolgte seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine großräumige Umschichtung der Bevölkerung durch Landflucht, aus der sich aufgrund von Technisierung auch in der Landwirtschaft neben den europanahen industriellen Metropolen (vor allem İstanbul, İzmir, Bursa im Westen und Adana im Süden) in Inneranatolien regional ebenfalls kleinere und größere industrielle Zentren herauskristallisierten. Dazu zählten im Raum Inneranatoliens neben der Hauptstadt Ankara vor allem Orte, wie Konya, Eskişehir, Kırşehir und Kayseri, mittlerweile aber auch die Städte Aksaray, Karaman, Nevşehir und sogar das damals eher dörflich anmutende Kreiszentrum Bozüyük (Provinz Bilecik, östlich Eskişehir), das in den 1970er Jahren einen auffälligen innerstädtischen Umbau erfuhr.

Bemerkungen zur landschaftlichen Gliederung Beschreibungen einzelner kleinerer und größerer Teilräume der Türkei findet man bereits in alten Schriften, u. a. von Strabon, Katip Çelebi oder Evliya Çelebi. Eine der wichtigeren älteren Arbeiten, die sich bereits modernen Auffassungen annähert, ist das Werk des russischen Forschungsreisenden Peter de Tschihatscheff mit einer eingehenden Beschreibung der Geologie und der Landschaften Kleinasiens. Ebenfalls in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts fallen die Arbeiten des Begründers der wissenschaftlichen Geographie, Carl Ritter, und des französischen Geographen und Orientalisten Vital Cuinet, die die einzelnen Teile des Landes beschrieben. Gleichzeitig erschienen verschiedene türkische Veröffentlichungen von İbrahim Hakkı, Cevat R. Gürsoy oder Binbaşı Hüseyin, in denen das Osmanische Reich in einzelne Klimagebiete gegliedert oder zwischen Küsten- und Binnenregionen unterschieden wurde. Diese Gliederungen wurden später von Mehmet Hikmet und Abdurrahman Şeref übernommen. Etwa zur selben Zeit wurde das Osmanische Reich erstmals auch nach administrativen Gesichtspunkten und nach Einzugsgebieten der Flüsse gegliedert. Danach – bis zum Ende des Ersten Weltkrieges – gab es entsprechende Beschreibungen auch durch ausländische Autoren, die für Landschaften historische Namen verendeten, so u. a. Alfred Philippson oder – deutlich später – Johann Tischler.

Zwischen 1915 und 1953 erschienen weitere Arbeiten auch von türkischen Autoren, wobei von Faik Sabri Duran bereits eine Einteilung des Landes in sechs Regionen und von Hamid Sadi Selen in sieben Regionen vorgenommen wurde. Dabei begann in den 30er Jahren eine neue Phase mit systematischen Forschungsreisen und Veröffentlichungen ausländischer Wissenschaftler, wie der Geographen Herbert Louis und Ernest Chaput zusammen mit türkischen Kollegen. So gibt z. B. Danyal Bediz in seiner Dissertation eine regionale Gliederung der Türkei, wobei bereits zwischen Kerngebieten und Randbereichen unterschieden wurde. Vor allem Herbert Louis hat in seinen verschiedenen Veröffentlichungen einzelne Teilräume der Regionen und Landschaften untersucht und beschrieben. Der erste türkische Geographiekongress 1941 in Ankara gilt als wichtiger Wendepunkt hinsichtlich der Vorstellungen, Ideen und Vorschläge über eine geographische Gliederung des Landes. Seit diesem Kongress gab es über den gesamten Problemkreis zahlreiche Diskussionen, Kritiken und Verbesserungen an der damals vorgeschlagenen Gliederung. Seitdem herrscht über die regionale bzw. untergeordnete regionale Einteilung des Landes aber bei fast allen – insbesondere den türkischen – Autoren weitgehende Übereinstimmung, wenn auch noch lange Zeit bis zum Erscheinen einer die gesamte Türkei abdeckende Karte der naturräumlichen Gliederung vergehen sollte. Erst Anfang der 1980er Jahre erschien von Oğuz Erol im Zusammenhang mit seinen Arbeiten zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients eine von Fachkreisen anerkannte Karte der naturräumlichen Gliederung der Türkei, in der auch die Landschaften Inneranatoliens ihren festen Platz erhielten und deren Strukturierung nicht zuletzt durch die Arbeit von Herbert Louis zur Landeskunde der Türkei erheblich beeinflusst wurde. Zur Systematisierung und Rangordnung einzelner Landschaftskategorien einigte man sich auf ein ein- bis vierziffriges hierarchisches Landschafts-/Naturraum-System: Von den damals ausgewiesenen 7 Großlandschaften der Türkei erhielt die Region Inneranatolien die einziffrige Nummer 5.

Hintergründe zur Abgrenzung Inneranatoliens Nach landläufiger Meinung weist Inneranatolien Landschaftsmerkmale auf, die den Typus einer klimatisch bedingten kontinentalen, auf weiten neogenen Tafeln entwickelten, weitgespannten Steppenregion repräsentieren. Diese Kennzeichnung als „Steppentafel“ wird jedoch einer vollständigen Charakterisierung nicht gerecht. Ein Blick auf eine topographische Karte zeigt, dass der Raum sehr unterschiedliche Landschaftseinheiten enthält, denn er weist generell mindestens zwei unterschiedliche Landschaftsstrukturen auf. Dies sind die vor allem in zentralen Teilen der Region gelegenen zahlreichen tafelartigen neogenen Becken, die durch flache Schwellen oder Stufen gegliedert sind, zum anderen kennzeichnen überwiegend randlich gelegene, meist isolierte Bergmassive oder Gebirgsketten die Region, die sich, soweit nicht vulkanischen Ursprungs, in ihrer Streichrichtung an den Ketten des Taurus oder des Pontus orientieren, von denen sie durch Depressionen getrennt sind. In diesen Fällen lassen sich in klimatischer, hydrologischer und vegetationsgeographischer Hinsicht klare Grenzen ziehen. Derart scharfe Abgrenzungen lassen sich aber häufig vor allem im Norden dort nicht fixieren, wo inneranatolische Berggebiete in die anatolischen Faltengebirgsketten fließend übergehen und eher einen Grenzsaum bilden. Unter Berücksichtigung dieser Problematik wurden 1941 die naturräumlichen Grenzen Inneranatoliens wie folgt festgelegt: links|mini|Im südlichen Hinterland von Karaman liegt am 1610 m hohen Sertavul-Pass das von Dolinen durchsetzten Taşili-Plateau. mini|Nordabfall der taurischen Gebirgskette (Bolkar Dağı) zu den Ebenen Inneranatoliens bei Ulukışla links|mini|Blick auf das gesamte Panorama der Aladağlar, der südlichsten Gebirgskette des Antitaurus, vom 1400 m hohen Araplı-Pass bei Yeşilhisar (Kappadokien) mini|Typische Tufflandschaft mit einzelnen vulkanischen Härtlingen in den Erenler Dağları bei Erenkaya