mini|Josef Stalin mit Winston Churchill (1945) Die britisch-russischen Beziehungen gehen auf das 16. Jahrhundert zurück. Die Qualität der bilateralen Beziehungen war in den ersten Jahrhunderten von den geopolitischen Verhältnissen in Europa abhängig und schwankten zwischen Kooperation und Rivalität. Anfang des 19. Jahrhunderts waren beide Staaten Verbündete gegen Napoleon Bonaparte. Im Krimkrieg der 1850er Jahre waren sie Antagonisten, und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lieferten sie sich einen intensiven Wettbewerb um die Vorherrschaft in Zentralasien, welcher als The Great Game bekannt wurde. Bereits im 19. Jahrhundert wurde England und insbesondere die Stadt London ein beliebtes Ziel für politische Dissidenten, Flüchtlinge und wohlhabende Exilanten aus der russischsprachigen Welt. Im Ersten Weltkrieg sowie im Zweiten Weltkrieg waren Großbritannien und Russland bzw. die Sowjetunion Verbündete, kämpften allerdings an verschiedenen Fronten. Mit dem Beginn des Kalten Krieges begannen die Beziehungen sich zu verschlechtern, da beide Seiten auf entgegengesetzten Seiten des von Winston Churchill proklamierten Eisernen Vorhangs standen und entgegengesetzte ideologische Positionen vertraten. Erst in der Amtszeit von Michail Gorbatschow verbesserte sich das Verhältnis wieder. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gestalteten sich die Beziehungen zur Russischen Föderation, dem Nachfolgestaat der UdSSR, anfangs freundschaftlich und russische Oligarchen begannen im großen Stil ihr Kapital in Großbritannien anzulegen.
Die politische Tauwetterperiode zwischen beiden Staaten endete allerdings in der Amtszeit von Wladimir Putin, als die Beziehungen von mehreren Ereignissen wie den Vergiftungen von Alexander Litwinenko 2006 und Sergei Skripal 2018 negativ beeinflusst wurden. Die russische Annexion der Krim, der Krieg im Donbas und der Russische Überfall auf die Ukraine 2022 führten zu einem endgültigen Bruch zwischen beiden Staaten. Im Rahmen des russischen Angriffskrieges gehörte das Vereinigte Königreich zu den Staaten, welche Sanktionen gegen Russland verhängten und russisches Vermögen beschlagnahmten. Im Gegenzug wurde das Land dafür von Russland auf die Liste unfreundlicher Länder gesetzt.
Geschichte mini|Ehemaliger Sitz der Muscovy Company in Moskau Das Königreich England und das Zarentum Russland nahmen 1553 Beziehungen auf, als der englische Seefahrer Richard Chancellor in Archangelsk eintraf – zu dieser Zeit regierte Maria I. in England und Iwan der Schreckliche in Russland. Chancellor etablierte zwei Jahre später die Muscovy Company, die den Handel zwischen den beiden Staaten abwickelte und bis 1698 über ein Handelsmonopol verfügte. Nach der Hinrichtung von Karl I. suspendierte Zar Alexei I. im Jahre 1649 alle englischen Händler und Staatsbürger in Russland, da ihn die Auflehnung gegen den englischen Monarchen verärgert hatte. Die Beziehungen verbesserten sich Ende des 17. Jahrhunderts wieder durch die Europareise von Zar Peter dem Großen, der England für drei Monate bereiste. Hier lernte er die damals modernsten Technologien kennen, insbesondere in Bezug auf Schiffe und Navigation. Die von Peter eingeleitete Westorientierung führte zu intensiveren Beziehungen mit dem Königreich Großbritannien (ab 1801 Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Irland). In den 1720er Jahren lud Peter britische Ingenieure in seine neu errichtete Hauptstadt St. Petersburg ein, was dazu führte, dass sich ab 1730 eine kleine, aber wirtschaftlich einflussreiche anglo-russische Kaufmannsgemeinde im Ausland bildete. Während der verschiedenen europäischen Kriege des 18. Jahrhunderts waren die beiden Reiche mal Verbündete und mal Feinde. Im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) kämpften die beiden Staaten auf der gleichen Seite, im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) jedoch auf entgegengesetzten Seiten, obwohl sie zu keinem Zeitpunkt in den Kampf zogen. Eine erste Krise ereignete sich durch die russischen Expansionen auf der Krim in den 1780er Jahren auf Kosten der osmanischen Verbündeten der Briten.John Holland Rose, William Pitt and national revival (1911) S. 589–607.
Der Ausbruch der Französischen Revolution und die damit einhergehenden Kriege vereinten vorübergehend das konstitutionelle Großbritannien und das autokratische Russland in einer gemeinsamen Allianz gegen den französischen Republikanismus. Eine gemeinsame russisch-britische Invasion der revolutionären Batavischen Republik scheiterte 1799 allerdings während des Zweiten Koalitionskriegs. Nach der schweren russischen Niederlage in der Schlacht bei Friedland war Russland gezwungen, der Kontinentalsperre Napoleons beizutreten, das jeglichen Handel mit Großbritannien ausschloss. In der Folge traten beide Länder für einige Jahre in einen begrenzten Kriegszustand ein, obwohl keine der beiden Seiten aktiv Operationen gegen die jeweils andere Seite verfolgte. Die Briten unterstützen Russland während der französischen Invasion 1812 finanziell und materiell und beide Länder verpflichteten sich zu kämpfen, bis Napoleon besiegt sei. Nach der französischen Niederlage beteiligten sich beide Staaten an der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress. Ab 1820 führten geopolitische Streitigkeiten zu einer allmählichen Verschlechterung der anglo-russischen Beziehungen. Die Stimmung in der britischen Bevölkerung wurde immer feindseliger gegenüber Russland, und es herrschte große Sorge um die Sicherheit der britischen Herrschaft in Indien. Dies führte zu einer lang anhaltenden Rivalität in Zentralasien. Ein weiterer Streitpunkt war die Orientalische Frage und das durch den Rückzug des Osmanischen Reiches entstehende Machtvakuums in Osteuropa. Russland war vor allem daran interessiert, einen Warmwasserhafen zu bekommen, der seine Seemacht stärken würde. Das Ziel war, einen Zugang zum Mittelmeer über das Schwarze Meer zu bekommen, was einen Zugang durch die von den Osmanen kontrollierten Bosporus-Meerenge bedeutet hätte. Der russische Druck auf das Osmanische Reich hielt an, sodass Großbritannien und Frankreich sich mit den Osmanen verbündeten und sich im Krimkrieg (1853–1856) erfolgreich gegen Russlands Expansion zur Wehr setzten. Die verbreitete Russophobie trug dazu bei, dass die britische Bevölkerung den Konflikt in der Ferne unterstützte. Die öffentliche Meinung in Großbritannien, insbesondere die der Whigs, unterstützte auch die polnischen Revolutionäre, die sich nach dem Novemberaufstand von 1830 gegen die russische Herrschaft in Polen wehrten. Trotz der Sympathie der britischen Öffentlichkeit griffen die Briten allerdings nicht ein, als die Russen polnische Aufstände in den 1860er Jahren niederschlugen.
Die im 19. Jahrhundert aufkommenden nationalliberalen Bewegungen wie die Revolutionen 1848/1849 sahen die russischen Zaren als Bedrohung an und bekämpften sie rigoros. Die Russen halfen Österreich bei der Niederschlagung des liberalen ungarischen Aufstandes 1849, sehr zum Missfallen der Briten. Dadurch verstärkte sich der ideologische Gegensatz mit dem liberalen Britannien. Die zeitgenössische Berichterstattung in der britischen Presse von oft nicht der Landessprache mächtigen Korrespondenten in Russland war überwiegend negativ und betonte die Differenzen zwischen beiden Kulturen. Dadurch erhielt Russland das Image eines barbarischen und reaktionären Reiches in der britischen Öffentlichkeit und die Berichterstattung verschärfte die Spannungen zwischen beiden Ländern. Gleichzeitig wurde London zu einem Zufluchtsort für antizaristische russische Dissidenten. So publizierten Alexander Herzen und Nikolai Ogarjow in London liberale und zensurfreie politische Zeitschriften. Die Zeitschriften wurden von der Freien russischen Presse herausgegeben, die Herzen 1853 gegründet hatte. Finanziert wurden sie durch Mittel, die Herzen mithilfe seiner Bankiers, der Pariser Filiale der Familie Rothschild, aus Russland ins Ausland geschafft hatte.Helen Williams. ″Ringing the Bell: Editor–Reader Dialogue in Alexander Herzen's Kolokol″. Book History 4 (2001), S. 116. Später wurde London die Heimat von Mitgliedern der sozialrevolutionären Narodnaja Wolja, welche von britischen Sozialisten und Nonkonformisten unterstützt wurde. mini|Das Große Spiel: der afghanische Emir Sher Ali mit seinen „Freunden“ Russland und Großbritannien.(Text: „Beschütze mich vor meinen Freunden.“) Im Jahr 1874 ließen die Spannungen nach, als der zweite Sohn von Königin Victoria, Prinz Alfred, Marija Alexandrowna Romanowa, die einzige Tochter von Zar Alexander II., heiratete, gefolgt von einem herzlichen Staatsbesuch des Zaren. Das Wohlwollen währte jedoch nur drei Jahre, als der Konflikt um Zentralasien die beiden Nationen erneut an den Rand eines Krieges brachte. 1885 annektierte Russland im Panjdeh-Zwischenfall einen Teil Afghanistans und löste damit Kriegsangst aus. Nachdem die russische Eroberung Zentralasiens fast abgeschlossen war, nahmen die Russen eine afghanische Grenzfestung ein. Da Großbritannien eine Bedrohung für seine Herrschaft in Indien sah, drohte ein Krieg, doch beide Seiten machten einen Rückzieher und die Angelegenheit konnte auf diplomatischem Wege geregelt werden. Das Pamirgebirge wurde als Grenze für die russische Expansion festgelegt und 1887 wurde eine Pufferzone zwischen den beiden Großreichen vereinbart. Kooperativer als in Europa und in Zentralasien gestalteten sich dagegen die anglo-russischen Beziehungen in Ostasien. Beide Staaten kooperierten als Teil der Vereinigten acht Staaten bei der imperialistischen Unterwerfung der Qing-Dynastie in China und der Niederschlagung des Boxeraufstandes (1899–1901). Nachdem die Briten 1902 ein Bündnis mit dem Japanischen Kaiserreich abgeschlossen hatten, blieben sie im Russisch-Japanischen Krieg (1904–1905) dennoch neutral.
Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Diplomatie heikel. Russland war durch die 1904 unterzeichnete Entente Cordiale zwischen Großbritannien und Frankreich beunruhigt. Russland und Frankreich hatten bereits ein gegenseitiges Verteidigungsabkommen geschlossen, das Frankreich verpflichtete, Großbritannien mit einem Angriff zu drohen, falls es Russland den Krieg erklärte. Die Lösung bestand darin, Russland in das britisch-französische Bündnis einzubinden. Mit der Anglo-Russischen Entente und der Anglo-Russischen Konvention von 1907 wurden beide Länder Teil der Triple Entente. Die Konvention beendete die langjährige Rivalität in Zentralasien und ermöglichte den beiden Ländern, die Deutschen einzudämmen, die drohten, Berlin und Bagdad mit einer neuen Eisenbahnlinie zu verbinden, die das Osmanische Reich an das Deutsche Kaiserreich binden würde. Das Abkommen beendete den langen Streit um Persien. Die Briten versprachen, sich aus der nördlichen Hälfte herauszuhalten, während Russland Südpersien als Teil der britischen Einflusssphäre anerkannte. Russland versprach außerdem, sich aus Tibet und Afghanistan herauszuhalten. Im Gegenzug gewährte London Kredite und eine gewisse politische Unterstützung.
Im Sommer 1914 griff Österreich-Ungarn Serbien an. Russland kam Serbien und Deutschland Österreich zu Hilfe und es kam zum Krieg zwischen Russland und Deutschland und Frankreich unterstützte Russland. Großbritannien verhielt sich neutral, bis Deutschland Frankreich über das neutrale Belgien angriff. Großbritannien erklärte den Krieg und verbündete sich mit Frankreich und Russland gegen Deutschland und Österreich. Das Bündnis hielt an, bis die Februarrevolution 1917 in Russland Zar Nikolaus II. und die russische Monarchie stürzte. Als die Bolschewiki unter Lenin im November die Macht übernahmen, schlossen sie einen Separatfrieden mit Deutschland – der Vertrag von Brest-Litowsk war de-Facto eine Kapitulation mit massiven Gebietsverlusten. Russland brach alle diplomatischen und Handelsbeziehungen zu Großbritannien ab und verweigerte die Begleichung aller Schulden gegenüber London und Paris.
Britisch-sowjetische Beziehungen