Der Wolfstisch oberhalb von Hitzelrode ist ein tischförmiger Felsen, auf dessen rund 1,40 m hohem Fuß eine mächtige, leicht geneigte Felsplatte liegt. Der zum Natur- und Kulturdenkmal erklärte Wolfstisch steht auf einer Höhe von 471 m vor einer steil abfallenden Felswand am westlichen Rand der Gobert, eines Muschelkalk-Höhenzugs an der Landesgrenze von Hessen zu Thüringen. Die Gegend trägt den Beinamen „Hessische Schweiz“, den sie vermutlich dem Versuch verdankt, mit der Bezeichnung „Schweiz“ als Inbegriff landschaftlicher Schönheit den Reiz des felsigen Geländes zu überhöhen. Bis in die 1880er Jahre war der Tischfelsen nahezu unbekannt. Mündliche oder schriftliche Überlieferungen scheint es nicht gegeben zu haben. Nur die Bewohner von Hitzelrode und der benachbarten Dörfer kannten ihn und behielten seinen Namen seit Jahrhunderten bei.Alfred Schulze: Zur Vor- und Frühgeschichte im Werraland: Der Wolfstisch bei Hitzelrode. In: Das Werraland. Herausgegeben von der Hauptleitung des Werratalvereins Eschwege. 21. Jahrgang. September 1969. Heft 3. S. 37 f.
Der Wolfstisch lässt viel Raum für Spekulationen. Während Geologen von der natürlichen Verwitterung eines Kalksteinblocks sprechen, Spuren menschlicher Bearbeitungen nicht erkennen, aber auch nicht ausschließen können,Auf dem Premiumweg P4 durch die Hessische Schweiz. In: Adalbert Schraft: GeoTouren in Hessen. Band 3 - Osthessisches Buntsandstein-Bergland und Werra-Meißner-Bergland. S. 542 f. nehmen einige Historiker an, dass der Wolfstisch von Menschen gebildet wurde, im Laufe der Zeit verwitterte und durch das allmähliche Abwaschen des sich leicht neigenden Bodens seine jetzige Höhe erhalten hat. Sie deuten die Stätte als Gerichtsort in einem Gräberfeld oder als germanische Opfer- oder Kultstätte, denn sein Name scheint auf Wodan zu weisen, dessen Begleiter neben zwei Raben auch zwei Wölfe waren.
Lage Der Wolfstisch steht nur wenige Meter vor einer senkrechten Felskante östlich von Hitzelrode, einem Ortsteil der Gemeinde Meinhard im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis. Der Felsenbereich liegt im Naturschutzgebiet Hessische Schweiz bei Meinhard und gehört dadurch auch zu dem Fauna-Flora-Habitat-Gebiet Kalkklippen der Gobert. Die Schutzgebiete befinden sich innerhalb des Geo-Naturparks Frau-Holle-Land und grenzen im Osten an den thüringischen Landkreis Eichsfeld.
In der naturräumlichen Gliederung Deutschlands, die auf der Geografischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg basiert, wird die Landschaft um den Wolfstisch der Teileinheit Gobert (483.10) im Allendorfer Wald (483.1) zugeordnet. Sie liegt innerhalb des Oberen Eichsfelds (483.1-3), das zu der Haupteinheitengruppe der Nordwestlichen Randplatten des Thüringer Beckens (483) gehört. Nach Osten geht der Bereich in das Rosoppe-Frieda-Hügelland (358.50) über, eine Teileinheit des Unteren Werraberglands (358) in der Haupteinheitengruppe des Osthessischen Berglands.Hans-Jürgen Klink: Blatt 112 Kassel. In: Naturräumliche Gliederung nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg.
Geologie Der Bergstock der Gobert wird aus Unterem Muschelkalk aufgebaut, dem auf dem Plateau eine Decke des Oberen Wellenkalks aufgelagert ist. Die Gobert ist einer der westlichen Ausläufer der Muschelkalkplatten, die das Thüringer Becken umranden. Der von dem Leinetalgraben abzweigende Eichenberg-Gotha-Graben trennte einst die Gobert von dem ursprünglich zusammenhängenden Gesteinsverband der Randplatten des Obereichsfelds und schuf so einen über 500 Meter hohen Zeugenberg-Komplex. Die heutige Oberflächengestalt, mit der durch Buchten und tief eingeschnittene Täler stark gegliederten Schichtstufenlandschaft, formten Massenverlagerungen und Erosion und ist für die Hessische Schweiz charakterbildend.
Die Abrisskante, die am Standort des Wolfstisches rund 25 m hoch ist, und die Basis des Tisches bestehen aus grauem mikritischem Kalkstein. Die Platte wird aus dem härteren Packstone gebildet, der vermutlich zu den Terebratelbänken gehört, die nach dem Leitfossil, einem muschelartigen Armfüßler, benannt wurden. Die ersten Historiker, die die Stätte besuchten, nahmen an, dass der Graben um den Wolfstisch von Menschenhand geschaffen wurde und die Grenze bildete für alle, außer für die Priester und Opfer. Inzwischen gilt als gesichert, dass solche Gräben die oberen Ränder von Klüften sind, die sich in den Felsen fortsetzen und ein weiteres Loslösen von Gesteinsmassen ankünden.
Felsbereiche wie die bei dem Wolfstisch, die durch Bergrutsche und bergsturzartige Abbrüche des Muschelkalks entstanden sind, kennzeichnen viele der Berge des Werralands. Sie sollen in Deutschland nirgends so häufig vorkommen wie in dem Bereich der westlichen Umrandung des Thüringer Beckens, zu der neben der Gobert auch der Ringgau und die Wanfrieder Werrahöhen gehören. Sie gelten als die größten aktiven Bergsturzgebiete Hessens. Besonders in niederschlagsreichen Zeiten können sich immer wieder Massenbewegungen ereignen, wenn Regenwasser in den Klüften und Spalten der verhältnismäßig verwitterungsbeständigen Kalkschicht versickert und auf die Röt-Formation des Oberen Buntsandsteins trifft, die den Muschelkalk unterlagert. Das tonige Röt quillt auf und wird fließfähig. Dadurch wird der über dem Röt liegende Muschelkalk instabil und gerät in Bewegung. Die Felsbereiche, die sich dabei ablösen, rutschen auf dem breiartig gewordenen Röt allmählich talabwärts und lassen Schluchten entstehen. Diese ermöglichen ein verstärktes Versickern von Niederschlägen, die die Massenverlagerungsprozesse beschleunigen.Marcus Schmidt: Bergstürze und Bergrutsche. In: Naturschutzgebiete in Hessen, Band 3. S. 23 f.
(Wieder-)Entdeckung mini|Ausschnitt einer Schleensteinschen Karte aus dem frühen 18. Jahrhundert Der Wolfstisch war außerhalb der Region nahezu unbekannt und noch nirgends beschrieben, als im November 1887 in dem in Allendorf verlegten Werra-BotenDer Werra-Bote war in der Zeit von 1878 bis 1934 die amtliche allgemeine Zeitung für Allendorf, Bad Sooden, das Werratal und die angrenzenden Gebiete. ein Artikel über ihn erschien und der Geograph Richard Andree in seinem Beitrag für die Januarausgabe des Jahres 1888 des Correspondenz-Blattes der Berliner Gesellschaft für Anthropologie etc. den Text landesweit vorstellte. Andree hatte bereits im Oktober 1886 auf die Gegend an der unteren Werra, „die sehr reich an prähistorischen Denkmälern ist, die ihrer näheren Untersuchung noch harren“, hingewiesen.
Durch die Artikel aufmerksam geworden besuchten im Jahr 1887 der Thüringer Arzt Paul Zschiesche vom Verein für Geschichte und Altertumskunde Erfurt und im Sommer 1888 der Vorsitzende des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde Kassel, Major a. D Carl von Stamford, diesen „merkwürdigen Stein“, der noch „tief verborgen in romantischer Waldeinsamkeit“ lag, nur „wenigen Leuten bekannt und ohne kundigen Führer nicht aufzufinden“ war.Paul Zschiesche: Beiträge zur Vorgeschichte Thüringens: V. Der Wolfstisch bei Hitzelrode. In: Mittheilungen des Vereins für die Geschichte und Alterthumskunde von Erfurt. 16. Heft. Selbst-Verlag des Vereins, Erfurt 1894. S. 169 f. Carl v. Stamford ging von dem im Volksmund bewahrten Namen aus und entwarf in seinem Bericht an die Mitglieder seines Vereins das Bild eines Opferaltars, auf dem Wodans Wölfe Geri und Freki, welche ihm in die Schlacht folgten, ihre Mahlzeiten finden konnten. Nachdem die Opfer „auf dem Altar das Leben verblutet hatten“, wurden „die nicht zu verwendenden Reste über die nahe Kante in die Tiefe gestürzt“. Möglich wäre allerdings auch, so v. Stamford, dass in „einer entlegenen Zeit“ ein Freund der „entzückenden Aussicht auf liebliche Täler“ den Platz hergestellt hat.Von Stamford: Der Wolfstisch bei Hitzelrode. In: Mittheilungen an die Mitglieder des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde. Jahrgang 1888. I.-IV. Vierteljahrsheft. S. 100 f. Dr. Zschiesche sah in dem Bereich ebenfalls eine Kultstätte aus alter Zeit, vermied es aber, sie zu deuten. Seine Beschreibung und die Maße stimmen auch heute noch mit denen aus der Zeit um 1888 überein:
Auch der Heimatforscher Alfred SchulzeAlfred Schulze (*24. September 1895 in Gera; † 24. September 1982 in Langenselbold) hat als Heimatforscher viele Beiträge zu Wüstungsfluren, Flurnamen und Steinkreuzen in der Umgebung Eschweges veröffentlicht. Die Bibliographie des Werra-Meißner-Kreises vermerkt mehr als zwanzig Einträge. ist der Meinung, dass die Vermutung berechtigt ist, der Wolfstisch sei Teil einer früheren Kultstätte gewesen. Da der Name „Wolfstisch“ selten zu sein scheint, dagegen ähnliche Gebilde unter dem Namen „Teufelstisch“ bekannt sind, versuchte er aus der Geschichte von drei „Teufelstischen“ aus verschiedenen Gebieten Deutschlands zu erfahren, was auch für den Hitzelröder Tischfelsen zutreffen könnte. Nach seinen Erkenntnissen war wesentlich, dass die Teufelstische sich im Mittelpunkt bedeutsamer Landschaften der vor- bis frühgeschichtlichen Zeit befanden, in denen seit dem 8. und 9. Jahrhundert unter Aufsicht fränkischer militärischer und kirchlicher Stellen das Ausüben heidnischen Brauchtums verhindert wurde. Aus dieser Sicht kann auch die Bedeutung des Wolfstisches bewertet werden: Er stand hoch über den Salzquellen an der Werra, in der Nähe eines mutmaßlichen germanischen Heiligtums auf dem Hohestein, in einem sehr großen Wald, der vor einem Jahrtausend den Namen „Meginhard“ trug und von dem heute nur noch ein Teil als Meinhard bezeichnet wird.
Schulze deutete die Flurnamen rund um den Wolfstisch und nahm an, dass in der heutigen Waldflur „Das Wolfshaus“ der Thinghof des Richters stand und die Bezeichnung des Hangs am Wolfstisch „Im Dolche“ auf dol = Gericht weist. Der Wald jenseits der hessisch-thüringischen Grenze heißt „Das Hundeloch“ und nach der Pfaffschwender Kuppe hin „Die Hundelöcher“, ohne dass Loch oder Löcher im geologischen Sinn namengebend gewesen sein können. Hundeloch weise vermutlich auf Hundloh = Hundschaftswald hin. „Hundschaft“ oder später Hundertschaft war eine altgermanische Gauabteilung gewesen.
Der Waldbereich auf der Hochfläche zwischen Hundeloch und Wolfstisch wird „Der alte Kirchhof“ und östlich davon und über die Grenze hinaus „Der Heidenfriedhof“ genannt. Auf diesem Gelände wurde Kalk für den rund 150 m östlich des Wolfstisches stehenden ehemaligen Kalkofen gegraben. Die Ruine des turmähnlichen, rundgemauerten Ofens wurde inzwischen wegen ihrer technischen und geschichtlichen Bedeutung als schützenswertes Kulturdenkmal eingestuft.Der ehemalige Kalkofen. In: Peer Zietz in Zusammenarbeit mit Thomas Wiegand: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen. Werra-Meißner-Kreis I, Altkreis Eschwege. S. 224. Durch den Abbau ist der Bereich zu einem einzigen Trichterfeld geworden. Dort, wo vielleicht einmal viele Grabhügel waren, liegen heute Kalkschutthügel, so dass noch vorhandene, einzelne Grabstellen kaum mehr zu erkennen sind. Schulze vermutet, dass im 19. Jahrhundert, als der Kalkofen noch im Betrieb war, oft Gräber freigelegt wurden und so der Name „Alter Kirchhof“ entstanden ist.
Das Gebiet um den Wolfstisch sieht Schulze als einen Teil des Gesamtheiligtums einer oder mehrerer Hundschaften. Im 9. und 10. Jahrhundert wurde dieses Gebiet zu einem fränkischen Gau erweitert, dessen stark befestigter militärischer Stützpunkt dort vermutet wird, wo heute das Gut Goburg genannt wird. Der Reiz des Grausigen und die Vorstellung von einer blutigen Opferstätte ist nach seinen Erkenntnissen wohl vom Wolfstisch gewichen. „Das alte Germanentum kannte keine Menschenopfer, und wo sich diese Unsitte bei weit vorgestoßenen oder sich im fremden Volkstum auflösenden Stammesteilen ausgebildet hatte, ist es mehr Lebensangst und Gottesfurcht als germanisches Brauchtum gewesen.“
Schutz