Exil der frechen Frauen ist der Titel eines mehr als sechshundert Seiten umfassenden Romans von Robert Cohen, der 2009 im Rotbuch Verlag erschien. Der Roman stellt die Epoche des antifaschistischen Exils aus der Sicht von drei Frauen dar. Die drei Hauptfiguren Olga Benario, Ruth Rewald und Maria Osten, wie die meisten Figuren, haben reale Vorbilder. Alle drei sind Deutsche, sie gehören derselben Generation an, geboren im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, und alle drei kommen im Kriegsjahr 1942 ums Leben. Der Roman spielt in vielen Exilländern, unter Zeitgenossen wie Anna Seghers, Isaak Babel, Margarete Steffin, Walter Benjamin, Tina Modotti, Bertolt Brecht, Claude Lévi-Strauss und Annemarie Schwarzenbach.

Inhalt Inhalt allgemein Die dargestellte Epoche umfasst die letzte Phase der Weimarer Republik, die Jahre des Exils in Frankreich, in Spanien, in der Sowjetunion und in Brasilien, wo wesentliche Teile des Romans spielen, sowie die ersten Kriegsjahre. In kurzen Vorausblicken wird das historische Geschehen bis ans Ende des zwanzigsten Jahrhunderts geführt.

Die drei Protagonistinnen Olga Benario, Ruth Rewald und Maria Osten sind realen Frauen gleichen Namens nachgebildet. Alle drei sind zwischen 1906 und 1908 geboren; alle drei sind Kommunistinnen, zwei sind jüdischer Herkunft (Benario, Rewald); zwei sind Schriftstellerinnen (Rewald, Osten), Benario ist Berufsrevolutionärin. Benario verbringt entscheidende Monate ihres Lebens in Brasilien; Rewald und Osten leben zeitweise in Paris, Osten und Benario zeitweise auch in Moskau; Rewald und Osten nehmen am spanischen Bürgerkrieg teil; Benario und Rewald bekommen etwa zur gleichen Zeit eine Tochter, Osten adoptiert ein Kind; alle drei haben Lebenspartner, die in der Kultur und Politik des Exils eine bedeutende Rolle spielen: Benarios Partner ist der damals als ‘Ritter der Hoffnung’ weltbekannte brasilianische Offizier und Revolutionär Luís Carlos Prestes, Maria Ostens Lebensgefährte ist der sowjetische Journalist und Verleger Michail Kolzow (der als literarische Figur bereits in Ernest Hemingways Wem die Stunde schlägt und in Louis Aragons Spiegelbilder erscheint), und der Vater von Ruth Rewalds Kind, Heiner Rau, ist im Spanischen Bürgerkrieg Kommandeur einer Internationalen Brigade (und später in der DDR Minister). Alle drei Frauen kommen 1942, im Alter von wenig mehr als dreißig Jahren ums Leben: Olga Benario und Ruth Rewald in Konzentrationslagern, Maria Osten wird in der Sowjetunion vom NKWD erschossen. Dieses Ende wird im 1. Kapitel vorweggenommen.

Inhalt der drei Erzählstränge Die Erzählung folgt den drei Hauptfiguren, deren Geschichte kapitelweise abwechselnd erzählt wird. Ein paar Mal kreuzen sich ihre Wege, zum ersten Mal im Anfangskapitel. Die Handlung setzt am 11. April 1928 ein. Die zwanzigjährige Olga Benario hat ihren Freund Otto Braun mit vorgehaltener Pistole aus der Berliner Justizvollzugsanstalt Moabit befreit. Am selben Tag begegnen sich zufällig im Berliner Café Josty die beiden angehenden Schriftstellerinnen Maria Osten und Ruth Rewald, die sich oberflächlich kennen. Beide sind begeistert von der Frechheit der jungen Olga Benario und beschließen, einen Verein frecher Frauen zu gründen.

Benario und Braun entkommen der Polizei und gehen nach Moskau. Dort trennt Benario sich bald von ihm. Sie macht Karriere in der kommunistischen Jugendbewegung und in der Komintern (Kommunistische Internationale). Sie erhält eine militärische Ausbildung und wird zu geheimen Missionen ins Ausland geschickt. Ende 1934 erhält sie von der Komintern den Auftrag, als Leibwächterin den in Moskau sich aufhaltenden brasilianischen Revolutionär Luiz Carlos Prestes auf seiner klandestinen Reise nach Brasilien zu begleiten, wo er die Leitung einer sich formierenden Widerstandsbewegung gegen die Diktatur von Getúlio Vargas übernehmen soll (7. Kapitel).

Kapitel 4–6 erzählen das bisherige Leben der Jugendbuchautorin Rewald und der Verlagsangestellten und angehenden Schriftstellerin Osten. Im Herbst 1932 zieht Osten nach Moskau zu ihrem neuen Lebenspartner, dem sowjetischen Journalisten und Verleger Michail Kolzow. Hier findet sie als Journalistin bei der in der Sowjetunion erscheinenden deutschsprachigen Deutschen Zentral-Zeitung Arbeit. Ruth Rewald, die bereits zwei Jugendbücher veröffentlicht hat, flieht nach der Bücherverbrennung und dem ‘Judenboykott’ im Mai 1933 aus Deutschland nach Paris.

Kapitel 7–16 handeln vorwiegend von Benario. Auf der wochenlangen illegalen Reise nach Brasilien erzählt Prestes ihr von dem von ihm angeführten, mehr als zwei Jahre dauernden Marsch einer aufständischen Militärkolonne durch das brasilianische Hinterland (1924–1927), ein Geschehen, das ihn weit über Brasilien hinaus berühmt gemacht hat. Ende April 1935 erreichen Benario und Prestes Rio de Janeiro. In den folgenden Monaten arbeiten sie an den Vorbereitungen für einen Volksaufstand. Auf der Suche nach Verbündeten trifft Benario im brasilianischen Hinterland mit dem berüchtigten brasilianischen Banditen Lampião zusammen (13. Kapitel). Im Herbst bricht der Aufstand gegen die Regierung Vargas aus, wenige Tage später ist er niedergeschlagen. Anfang März 1936 werden Benario und Prestes verhaftet. Im Herbst wird Benario, im siebten Monat schwanger, an Nazideutschland ausgeliefert. Damit kommt der Erzählstrang Benario vorläufig an ein Ende (er wird im 24. Kapitel wieder aufgenommen).

Unterbrochen wird die Benario-Erzählung durch das lange, aus der Sicht Rewalds erzählte 12. Kapitel, über ihr Leben im Pariser Exil mit ihrem Ehemann Hans Schaul. Im Zentrum des Kapitels steht der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, der im Juni 1935 in Paris stattfindet, und an dem Rewald teilnimmt. Als wenig bekannte Jugendbuchautorin kaum beachtet, trifft sie an der Konferenz Maria Osten, die aufgrund ihrer Tätigkeit in Moskau viele der bekannten Konferenzteilnehmer kennt, von André Malraux und Louis Aragon bis Brecht, Babel, Walter Benjamin und Klaus Mann, und sie Rewald vorstellt. An einem langen Nachmittag erzählen Rewald und Osten einander von ihrem Exilleben.

Vom 17. bis zum 25. Kapitel wechselt die Erzählung zwischen Rewald und Osten. Im Juli 1936 beginnt der spanische Bürgerkrieg, im August findet in Moskau der erste stalinistische Schauprozess statt. Im September geht Schaul als Freiwilliger nach Spanien. Rewalds Leben wird zunehmend schwieriger. Im Mai 1937 wird ihre Tochter Anja geboren, Vater ist der mit Rewald und Schaul befreundete Heiner Rau. Auch Rau geht nach Spanien, er wird Politkommissar, später Kommandeur der XI. Internationalen Brigade, in der auch Schaul dient. Im Herbst reist Rewald auf Einladung von Rau und Schaul nach Spanien, um ein Jugendbuch über vier zu den Internationalen Brigaden übergelaufene spanische Jungen zu schreiben. Im Februar 1938 kehrt sie zu ihrer kleinen Tochter nach Paris zurück (23. Kapitel).

Osten arbeitet in Moskau an der Vorbereitung der Exilzeitschrift Das Wort. Sie korrespondiert mit vielen Exilschriftstellerinnen und Exilschriftstellern. Im Februar 1936 begleitet sie den Sänger Ernst Busch auf einer Tournee durch die Wolgadeutschen Gebiete der Sowjetunion (18. Kapitel). Im Juni reist sie nach London, um mit Brecht und anderen über deren Mitarbeit an der neuen Zeitschrift zu sprechen. Von dort begibt sie sich nach Spanien, wo sich bereits Kolzow aufhält. Beide berichten über den Bürgerkrieg, Kolzow für die Prawda, Osten für die Deutsche Zentral-Zeitung. Im Oktober adoptiert sie ein spanisches Waisenkind und reist mit ihm nach Moskau. Nach weiteren Reisen lebt sie ab Anfang 1938 mit ihrem Kind in Paris, wo sie die Außenredaktion der Zeitschrift Das Wort betreut. Im Dezember 1938 erfährt sie von Kolzows Verhaftung in Moskau. Im Mai 1939 reist sie mit dem Kind nach Moskau zurück, in der Hoffnung, Kolzow helfen zu können (25. Kapitel).

Die beiden Erzählstränge werden zweimal unterbrochen. Im 19. Kapitel, das als Theaterszene gestaltet ist, übt eine Gruppe deutscher Kommunisten in Moskau Selbstkritik und versucht, sich über die stalinistische Parteilinie klar zu werden. Dabei wird Osten als undisziplinierte und ungenügend der Parteilinie folgende Genossin belastet. Das 24. Kapitel wird aus der Sicht von Benarios brasilianischer Schwiegermutter Leocádia Prestes erzählt. Die alte Frau reist im Januar 1938 von Paris nach Berlin, wo die Gestapo ihr Olga Benarios im November 1936 im Gefängnis geborene Tochter Anita übergibt.

Kapitel 26–29 erzählen vom weiteren Schicksal von Rewald und Osten. Rewald schreibt nach der Rückkehr aus Spanien das Jugendbuch Vier spanische Jungen. Schaul kehrt nach der Auflösung der Internationalen Brigaden im November 1938 ebenfalls nach Paris zurück. Die kleine Familie lebt ohne Zukunftshoffnung dahin. Im September 1939, kurz nach Kriegsausbruch, wird Schaul in einem französischen Lager interniert. Im Mai 1940 erfolgt der deutsche Angriff auf Frankreich, im Juni wird Rewald mit ihrer Tochter an die französische Atlantikküste evakuiert (29. Kapitel). Osten, in Moskau, wird im Oktober 1939 aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Anfang Februar 1940 wird Kolzow erschossen. Osten lebt mit ihrem spanischen Kind von der Hand in den Mund. Im April 1941 hält sich Brecht, mit seiner Familie auf der Flucht in die Vereinigten Staaten, kurz in Moskau auf. Osten verbringt diese Tage mit Brechts schwerkranker Mitarbeiterin Margarete Steffin, die wenige Tage nach der Ankunft in Moskau stirbt (28. Kapitel).

Kapitel 30–32 erzählen vom Ende der drei Frauen: Benario wird nach mehreren Jahren in den Konzentrationslagern Lichtenburg und Ravensbrück, im April 1942 vergast. Osten wird Ende Juni 1941, wenige Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion vom NKWD verhaftet und Anfang August 1942 in Saratow an der Wolga erschossen. Rewald lebt mit ihrem Kind Anja in dem Flecken Les Rosiers-sur-Loire. Mitte Juli 1942 wird sie verhaftet und nach Auschwitz verschickt. Ihre Tochter kommt zu einer freundlichen Lehrerin. Im Januar 1944 wird auch das kleine Mädchen nach Auschwitz deportiert.

Das Schlusskapitel – es trägt als einziges einen Titel: ÜberfahrtÜberfahrt ist der Titel eines Romans von Anna Seghers aus dem Jahr 1971. – erzählt aus der Sicht von Anna Seghers von ihrer Überfahrt, Ende März 1941, von Marseille nach Martinique, auf einem der letzten Schiffe, die Europa noch verlassen können. Seghers, die Osten und Rewald gekannt und von Benario gehört hat, ahnt das Ende der drei Frauen voraus. Sie nimmt sich vor, nach dem Krieg über die drei Frauen zu schreiben.

Weitere Romanfiguren Neben den drei Hauptfiguren spielen weitere Frauen, vorwiegend künstlerisch tätige, eine wichtige Rolle. Benario, Rewald und Osten freunden sich an mit Schriftstellerinnen wie Anna Seghers, Margarete Steffin und mit der Schriftstellerin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach, mit den Fotografinnen Tina Modotti und Gerda Taro, und mit der Karikaturistin Eva Herrmann. In den Benariokapiteln ist neben der brasilianischen Schwiegermutter vor allem Benarios Freundin Elisabeth ‘Sabo’ Ewert eine wichtige Figur. Die Genossin nimmt mit ihrem Ehemann Arthur Ewert an der Verschwörung in Brasilien Teil und wird, zusammen mit ihm von der brasilianischen Polizei aufs Schwerste gefoltert (Ende des 16. Kapitel). Sabo wird mit Benario nach Deutschland deportiert und kommt mit ihr in die Konzentrationslager Lichtenburg und Ravensbrück, wo sie stirbt.