Eine Orgel in der Thomaskirche in Leipzig ist ab dem Ende des 14. Jahrhunderts nachweisbar. Die Kirche verfügte im 15. Jahrhundert bereits über zwei Orgeln. Seit 1889 steht auf der Westempore die große dreimanualige Orgel von Wilhelm Sauer im romantischen Stil, die 1908 auf 88 Register erweitert wurde und damit die drittgrößte Orgel in Sachsen ist. Sie wird seit 2000 durch ein viermanualiges Instrument mit 61 Registern von Gerald Woehl auf der nördlichen Seitenempore, das sich am mitteldeutschen Orgelbau des 18. Jahrhunderts orientiert und zur Darstellung der Orgelwerke von Johann Sebastian Bach genutzt wird, ergänzt. Das auch „Bach-Orgel“ genannte Instrument von Woehl ersetzt ein neobarockes von Alexander Schuke aus dem Jahr 1967. Zahlreiche bekannte Organisten aus dem In- und Ausland nahmen an den drei Orgeln Tonträger auf.

Große Orgel (1384–1885) mini|Westemporenorgel nach dem Umbau durch J. G. Mauer 1772/73 mini|hochkant|links|Ausschnitt aus der von Michael Praetorius 1619 aufgezeichneten Disposition der Westemporenorgel Eine erste Orgel soll aus dem Jahr 1384 stammen. Für dieses Jahr ist eine Marienmesse mit „orgelsang“ bezeugt. 1511 wurde von Blasius Lehmann auf der Westempore eine Orgel für 500 Gulden gebaut, was für einen Neubau einer mittelgroßen Orgel mit zwei Manualen spricht. Bereits 1525 erwarb die Kirchengemeinde eine kleine Orgel von 1356 aus der Marienkirche des unweit gelegenen Antoniterklosters Eicha, das in jenem Jahr aufgehoben wurde. Es ist unklar, ob dieses Instrument neben den beiden vorhandenen als dritte Orgel diente oder mit der großen Orgel zur Verstärkung des Klangs verbunden wurde. 1539/1540 ersetzte Meister Leonhard Franke die große Orgel oder erneuerte sie. Ein Anton(ius) Lehmann aus Bautzen, wahrscheinlich ein Sohn von Blasius Lehmann, reparierte 1548 das Werk vier Wochen lang und spielte auch auf ihr. 1570/71 entstanden die heute vorhandenen, den Kirchenraum von drei Seiten umfassenden, steinernen Emporen. Eine grundlegende Instandsetzung der Orgel 1598/1599 durch Johann Lange (Kamenz) für 650 Gulden kam einem Neubau gleich. Das zweimanualige Instrument umfasste nun 25 Register. Michael Praetorius hielt 1619 diese Disposition fest.Michael Praetorius: Syntagma musicum. Bd. 2, 1619, S. 180. Erweiterungen und Renovierungen folgten 1619 durch Josias Ibach, der für 700 Gulden neun Register „über das Geding“ ergänzte, sowie zwischen 1657 und 1703 durch Christoph Donat und Söhne (Umbau, Reparaturen und vermutlich Umdisponierung), sodass die Orgel schließlich über 35 Register auf drei Manualen und Pedal verfügte. 1721/1722, 1730 und 1747 arbeiteten Johann Scheibe und 1727/28 Zacharias Hildebrandt an dieser Orgel.

Da die Ämter von Thomaskantor und Thomasorganist prinzipiell getrennt waren und nur von wenigen Funktionsträgern gemeinsam ausgeübt wurden, hatte Johann Sebastian Bach kein Organistenamt in Leipzig inne. Bach dirigierte sonntags im Wechsel in den beiden Hauptkirchen, St. Thomas und St. Nikolai, einen Auswahlchor der Thomaner („Chor I“) zur Aufführung von anspruchsvoller Figuralmusik, vor allem den Bachkantaten. In der Thomaskirche stand dieser Elitechor auf der Sängerempore vor der Orgel zwischen den beiden hölzernen Musikeremporen, die 1632 auf die steinerne Westempore aufgesetzt wurden und die Orgel flankierten. Auf der südlichen Holzempore fanden bis zu zehn Streicher und auf der nördlichen ebenso viele Stadtpfeifer (Bläser) ihren Platz, die Continuo-Gruppe mit der Violone sowie die Trompeten und Pauken auf den beiden Seiten des (erhöhten) Rückpositivs. Auf dem Sängerchor stand zudem ein Cembalo, das vermutlich Ludwig Compenius 1672 gebaut hatte. Die große Orgel diente in Bachs Vokalwerken als Continuo-Instrument. Da sie, wie bei Leipziger Orgeln zur Bach-Zeit üblich, im hohen Chorton stand,Textheft zur CD: Die neue Bach-Orgel der Thomaskirche zu Leipzig. Querstand 2001 (Erläuterungen von Thomasorganist Ullrich Böhme zur Kirche und zur Orgel). spielte der Organist aus einer um einen Ganzton tiefer transponierten Orgelstimme. In den Bachkantaten mit konzertanter Orgel übernahm Bach den solistischen Orgelpart und überließ das Dirigieren seinem Chorpräfekten.

Johann Emanuel Schweinefleisch schuf 1755 für 600 Taler ein neues Rückpositiv und ein neues Pedalwerk. Weitere Arbeiten nahm 1772/1773 Johann Gottlieb Mauer an der Hauptorgel vor. Er baute das Rückpositiv zu einem Oberwerk um. Das dreimanualige Instrument besaß nun 50 Register. Mozart spielte am 12. Mai 1789 auf ihm und Felix Mendelssohn Bartholdy am 6. August 1840. 1794/1795 erfolgte ein Umbau durch Johann Gottlob Trampeli. Mindestens fünf Reparaturen führte Johann Gottlob Mende zwischen 1808 und 1847 durch. Als eine groß angelegte Umgestaltung der Thomaskirche etwa 1881 begann und dabei auch erhebliche Umbauten an der Orgelempore und ihrer Umgebung vorgenommen wurden, verschwand das Werk und wurde ab 1886 durch ein Instrument von Sauer ersetzt.

I Im Rückpositiff CDE– Principal 8′ Quintadeena 8′ Ein linde Gedact 8′ Holfloeite 4′ Spillpfeiff 4′ Nachthorn 4′ Gemßhorn 2′ Quintfloeitgen ′ Sedetz 1′ Klingend Zimbel Trommet 8′ Krumbhörner 8′ II Im OberWerk CDE– Principal 16′ Octava 8′ Gedact 8′ Superoctava 4′ Offenfloeit 4′ Quinta 3′ Sedetz 2′ Zimbeln III Mixtur VI II? In der Brust CDE– Regal 8′ Regal 4′ Im Pedal CDE– Principal (aus II) 16′ PosaunenBass 16′ Schallmey 4′

I Rückpositiv CDE– Principal 8′ (1601) Lieblich Gedacktes 8′ (1601) Quintadena 8′ (1601) Klein Gedackt 4′ Spitzflöte 4′ Traversa 4′ Violin 2′ Schallflöt 1′ Sesquialtera Rausch Quinta II Mixtur IV (1601) Krumbhorn 16′ Trommet 8′ II Oberwerk CDE– Principal 16′ (1601) Quintatön 16′ Principal 8′ (1601) Spielpfeife 8′ Octava 4′ (1601) Quinta 3′ (1601) Superoctava 2′ (1601) Sesquialtera II Mixtur VI–X 6′ (1601) III Brustwerk CDE– Grobgedackt 8′ Principal 4′ Nachthorn 4′ Nasat 3′ Gemshorn 2′ Sesquialtera II Cymbel II Regal 8′ (1601) Geigenregal 4′ (1601) Pedal CDE– Sub Bass 16′ Posaunen Bass 16′ (1601) Trommeten Bass 8′ Schallmeyen Bass 4′ (1601) Cornet 2′ Tremulant, Vogelsang, Zimbelstern

Kleine Orgel (1489–1742) mini|Thomaskirche 1881 mit Blick auf den Platz der 1742 entfernten kleinen Orgel über dem Bogen Im Jahr 1489 wurde eine „Kleine Orgel“, die als Schwalbennestorgel über dem östlichen TriumphbogenOrgeldatenbank Sachsen: Leipzig, Thomaskirche, Seitenempore, abgerufen am 23. März 2023. oder an der SüdwandKirche St. Thomas, abgerufen am 24. März 2023. angebracht war, schriftlich erwähnt. Blasius Lehmann versetzte sie 1511 wahrscheinlich neben seine große Orgel auf die Westempore. Sie erfuhr 1514 eine Reparatur und 1595 eine Erneuerung. 1630 erweiterte Heinrich Compenius der Jüngere das Instrument um ein Positiv, einen Subbass und einen Zimbelstern. 1639/1640 fand es seinen Aufstellungsort auf einer neuen Ostempore über dem Triumphbogen unter Verwendung von Teilen der Vorgängerorgel und wurde in diesem Zuge durch Andreas Werner (Wittenberg) und Erhardt Müller (Leisnig) gründlich überholt. 1678 erhielt die Orgel ihre maßgebliche Gestalt durch Christoph Donat, der sechs Register einbaute. Das Instrument verfügte nun über 21 Register in drei Manualwerken (Rückpositiv, Oberwerk und Brustwerk) und Pedalwerk. Johann Scheibe führte 1721/1722 eine Reparatur durch und Zacharias Hildebrandt setzte 1727/1728 im Auftrag J. S. Bachs acht Register instand.

Johann Sebastian Bach nutzte die kleine Orgel für mehrchörige Werke wie die weihnachtlichen Einlagesätze seines Magnificats Es-Dur BWV 243a. Seine Matthäuspassion wurde 1736 „mit beyden orgeln“ aufgeführt.Neumann (Hrsg.): Fremdschriftliche und gedruckte Dokumente zur Lebensgeschichte Johann Sebastian Bachs 1685–1750. 1969, S. 141. Als Registrieranweisung trug Bach in die Partitur „con Sesquialtera“ ein. Dieses Register im Rückpositiv der kleinen Orgel sollte den Cantus firmus des 3. Chors im Eröffnungschor und in der Choralbearbeitung „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ verstärken. Johann Scheibe trug die kleine Orgel 1740 ab und baute Pfeifen aus ihr in eine 1742 von ihm in der Johanniskirche errichtete neue Orgel ein.

I Rückpositiv Lieblich Gedackt 8′ Principal 4′ Hohlflöte 4′ Nasat 3′ Octave 2′ Sesquialtera II Dulcian 8′ Trompete 8′ II Oberwerk Principal 8′ Gedackt 8′ Quintatön 8′ Octave 4′ Rauschquinte II 3′ Mixtur IV–X Cymbel II 2′ II? Brustwerk Spitzflöte 2′ Sifflöt 1′ Trichteregal 8′ Pedal Subbass 16′ Fagott 8′ Trompete 8′

Sauer-Orgel (1889)

Auf der Westempore, der Chorempore des Thomanerchores, steht die ältere der beiden jetzigen großen Orgeln. Das romantische Instrument wurde in den Jahren 1886 bis 1889 von dem Orgelbauer Wilhelm Sauer erbaut. Nachdem dieser für seine 1885 fertiggestellte, 60-registrige Orgel der Peterskirche großes Lob von hochrangigen Leipziger und Berliner Kirchenmusikern erhielt, fiel ihm am 19. Januar 1886 der Auftrag für den Neubau in St. Thomas zu. Die für ein Orgelwerk dieser Größe erforderliche Raumtiefe war mit der Errichtung des neogotischen Vorbaus am Westgiebel geschaffen worden. Allerdings war die Orgelempore bei der in den 1880er Jahren geschehenen, großen Kirchenumgestaltung ohne Wissen des Orgelbauers um 0,62 Meter erhöht worden, sodass einige Pfeifen gekröpft werden mussten. Die Einweihung erfolgte am 5. April 1889, das Abnahmegutachten vom 11. Mai 1889 war voll des Lobes.Hans-Joachim Falkenberg: Der Orgelbauer Wilhelm Sauer (1831–1916). Leben und Werk. Orgelbau-Fachverlag Rensch, Lauffen 1990, ISBN 3-921848-17-2, S. 143–147. Die Orgel hatte zunächst 63 Register auf drei Manualen und Pedal auf mechanischen Kegelladen. Die ursprüngliche Disposition der Sauer-Orgel von 1889 lautete wie folgt:

I Manual C–f3 Principal 16′ Bordun 16′ Principal 8′ Flûte Harmonique 8′ Viola di Gamba 8′ Gedackt 8′ Gemshorn 8′ Nasard ′ Octave 4′ Rohrflöte 4′ Gemshorn 4′ Quinte ′ Octave 2′ Cornett II–IV 8′ Mixtur III 4′ Scharf V ′ Bombarde 16′ Trompete 8′ II Manual C–f3 Salicional 16′ Gedackt 16′ Principal 8′ Rohrflöte 8′ Harmonika 8′ Salicional 8′ Quintatön 8′ Octave 4′ Flauto Dolce 4′ Quinte ′ Octave 2′ Cornett III 4′ Mixtur IV 2′ Clarinette 8′ III Schwellwerk C–f3 Viola di Gamba 16′ Lieblich Gedackt 16′ Principal 8′ Gedackt 8′ Concertflöte 8′ Aeoline 8′ Voix Céleste 8′ Fugara 4′ Traversflöte 4′ Gemshornquinte ′ Flautino 2′ Harmonia Ätheria II–III Schalmei 8′ Pedal C–f1 Majorbass 32′ Contrabass 16′ Subbass 16′ Violon 16′ Lieblich Gedackt 16′ Quintbass ′ Offenbass 8′ Bassflöte 8′ Dulciana 8′ Violoncello 8′ Quintatön 8′ Octave 4′ Flauto Dolce 4′ Posaune 32′ Posaune 16′ Fagott 16′ Trompete 8′ Clarino 4′ Koppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P Spielhilfen: Combinationspedal, Forte, Tutti, Rohrwerke, Collectivschweller, Pedalschweller, Calcantenglocke, Evacuant

Da die Orgel bei voller Kirche als zu schwach erschien, verlangte Thomasorganist Carl Piutti einige Änderungen: So wurde sie bei einem Umbau durch Sauer im Jahr 1902 auf pneumatische Traktur umgestellt, womit auch drei freie Kombinationen installiert werden konnten. Weiterhin wurden die Disposition leicht verändert, der Winddruck erhöht sowie eine kräftigere Intonation eingestellt und das Gebläse elektrifiziert. Die Orgel umfasste nun 65 Register.