Die Taten eines Helden in Mythen, Romanen, Filmen und Videospielen ereignen sich auf einer Heldenfahrt oder Heldenreise, manchmal auch Quest genannt, die durch typische Situationsabfolgen und Figuren gekennzeichnet ist. Diese archetypische GrundstrukturTrude Kalcher, Oliver Martin: Arbeit mit Archetypen. Trigon Entwicklungsberatung ( auf static1.squarespace.com) (Typus) wird nach einem Begriff von James Joyce (1939)James Joyce: Finnegans Wake. 1939 (deutsch Dieter H. Stündel, Verlag Jürgen Häusser, Darmstadt 1993, ISBN 3-927902-74-8, S. 581) auch als „Monomythos“ bezeichnet. Der Begriff Monomythos beschreibt eine einzelne konsistente Erzählung, die in ubiquitärer Weise und Ausprägungen ihren Ausdruck findet.
Das Konzept der Heldenreise schließt an narratologische Arbeiten russischer Philologen wie etwa die Morphologie des Märchens (1928) von Vladimir Propp und Jurij M. Lotmans Struktur literarischer Texte (1970), an. Frühere Versionen dieser Strukturanalyse wurden außerdem von Autor und Psychoanalytiker Otto Rank und mit The Hero: A Study in Tradition, Myth and Drama (1936) von Lord Raglan getätigt.
Als ein Grundmuster der Mythologien hat der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell (1904–1987) das Motiv der Heldenfahrt erforscht und bekannt gemacht. Beeinflusst wurde er dabei von Carl Jungs Analytischer Psychologie. Campbell nutzte das Konzept des Monomyth, um Religionen zu analysieren und zu vergleichen. Seiner Theorie folgend können die analysierten Strukturen des Monomythos in unterschiedliche Stadien und diese wiederum in mehrere Stationen unterteilt werden. Dabei setzt sich der einheitliche Kern des Monomythos aus der chronologischen Abfolge von Separation, Initiation und Rückkehr der zentral handelnden Figur zusammen.
Kritik für das Konzept eines Monomythos kam besonders von Gelehrten der Folkloristen, die es als nicht ausreichend wissenschaftlich ansehen, da es unter anderem bei den Quellen zur Stichprobenverzerrung gekommen sein soll.
In den letzten Jahren wurde die Heldenreise als Beispiel für einen sympathetic plot (deutsch: mitfühlenden Plot) analysiert. Dies ist eine universelle narrative Struktur, in der ein zielorientierter Protagonist mit Hindernissen konfrontiert wird, sie überwindet und dafür Belohnungen einstreicht.
Theoretische Grundlagen Erzählungen gehören zur anthropologischen Grundausstattung, sie sind, wie es Roland Barthes (1985)Roland Barthes: Das semiologische Abenteuer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991, S. 102 beschrieb, international, transhistorisch, transkulturell. Erzählte Geschichten sind eine anthropologische Universalie. Ein wichtiger Aspekt des Erzählens, wie er auch in der Erzähltheorie erfasst wird, sind die in der (fiktiven) Welt dargestellten und handelnden Figuren als symbolische Träger.Tilmann Köppe, Tom Kindt: Erzähltheorie. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-15-017683-2, S. 13; 115 In allen Erzählungen begegnen den Rezipienten Figuren mit Zielen, Wünschen und Emotionen.Joachim Friedmann: Storytelling: Einführung in Theorie und Praxis narrativer Gestaltung. (=5237 UTB) UVK-Verlag, München 2018, ISBN 978-3-8252-5237-3, S. 15 Nach Vogler hat Joseph Campbell in seiner globalen Analyse der verschiedensten „Heros-Mythen“ erkannt, dass es sich letztlich immer um die gleiche Geschichte handelte, die in vielfältigen Variationen immer wieder verarbeitet wird.Christopher Vogler: Die Odyssee der Drehbuchschreiber, Romanautoren und Dramatiker. Mythologische Grundmuster für Schriftsteller. Autorenhaus, Berlin 2018, ISBN 978-3-86671-147-1, S. 42 Der Entwicklungsweg einer Figur kann symbolisch als „mythologische Heldenreise“ dargestellt werden. Im Verlaufe dieses Entwicklungsweges begegnet der Rezipient unterschiedlichen Ausgestaltungen, das heißt die Figur wird zu unterschiedlichen Gestalten bzw. nimmt unterschiedliche Rollen ein. Solche Ausgestaltungen der Figuren und deren Rollen können als Archetypen interpretiert werden.
Hintergrund Die Untersuchung von Heldenmythen-Narrativen kann auf Beobachtungen des Anthropologen Edward Burnett Tylor in 1871 zurückgeführt werden, welcher die sich wiederholenden Bestandteile in dem Plot der Geschichten bemerkte. Der Philologe Johann Georg von Hahn erstellte außerdem eine Liste verbreiteter Motive, Charaktereigenschaften und Situationen aus indogermanischen Heldengeschichten in seinem Text Sagwissenschaftliche Studien von 1876.
In der Narratologie und der Studie der vergleichenden Mythologie wurden narrative Muster von verschiedenen Theoretikern aufgezeigt, beispielsweise von Otto Rank im Jahr 1909 und 1936 von Amateur-Anthropologist Lord Raglan. Beide erstellten Listen von Eigenschaften mythischer Helden, die sich über die verschiedenen Kulturen hinweg überschneiden, und diskutierten Muster der Heldennarrative im Rahmen des Ritualismus und der Freud’schen Psychoanalyse.
Etymologie Das Wort Monomythus kam ursprünglich aus Finnegans Wake (1939) von James Joyce. Campbell studierte dessen Arbeit bekanntermaßen und war Mitverfasser von A Skeleton Key to Finnegans Wake (1944), der den Roman entschlüsseln und analysieren soll. Der singuläre Artikel in der Monomythos impliziert, dass die Heldenreise die einzige narrative Urform ist, der Begriff Monomythos wurde aber auch allgemeiner genutzt, um mythologische Strukturen oder scheinbare Mythems zu beschreiben, die sich durch verschiedene Kulturen ziehen.
Der Ausdruck „Die Heldenreise“, der nach Campbells Monomythos benutzt wird, gelangte durch zwei Dokumentationen in den allgemeinen Diskurs. Die erste, engl. The Hero's Journey: The World of Joseph Campbell (1987), wurde 1990 begleitet von dem Buch engl. The Hero's Journey: Joseph Campbell on His Life and Work (mit Phil Cousineauj und Stuart Brown). Die Zweite Dokumentation (mit dazugehörigem Buch) war von Bill Moyers, dabei handelt es sich um eine Interviewreihe mit Campbell, veröffentlicht 1988 unter dem Titel Die Macht der Mythen.
Stationen einer Heldenreise (nach Campbell) Die Stationen einer Heldenreise (nicht alle finden in jeder mythologisch relevanten StoryJoachim Friedmann: Storytelling: Einführung in Theorie und Praxis narrativer Gestaltung. (= 5237 UTB) UVK Verlag, München 2018, ISBN 978-3-8252-5237-3, S. 144–146 statt) stellen sich nach CampbellJoseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten (= Insel-Taschenbuch 2556). Insel-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1953/1999. wie folgt dar: mini|Jona wird vom Wal verschlungen. 16. Jahrhundert. Der Ruf des Abenteuers (Berufung): Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe.Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten. (= 424 Suhrkamp Taschenbuch), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-06924-1, S. 55–63 Weigerung: Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben.Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten. (= 424 Suhrkamp Taschenbuch), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-06924-1, S. 63–72 Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren. Das Überschreiten der ersten Schwelle: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise. Der Bauch des Walfischs: Die Probleme, die dem Helden gegenübertreten, drohen ihn zu überwältigen – zum ersten Mal wird ihm das volle Ausmaß der Aufgabe bewusst. Der Weg der Prüfungen: Auftreten von Problemen, die als Prüfungen interpretiert werden können (Auseinandersetzungen, die sich als Kämpfe gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen können).Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten. (= 424 Suhrkamp Taschenbuch), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-06924-1, S. 97–106 Die Begegnung mit der Göttin (oder dem Gott): Dem Helden (oder der Heldin) wird die gegengeschlechtliche Macht offenbar. Die Frau als Versucherin: Die Alternative zum Weg des Helden kann sich auch als vermeintlich sehr angenehme Zeit an der Seite einer (verführerischen) Frau offenbaren (vgl. Odysseus/Kirke). Versöhnung mit dem Vater: Die Erkenntnis steht dem Helden bevor, dass er Teil einer genealogischen Kette ist. Er trägt das Erbe seiner Vorfahren in sich bzw. sein Gegner ist in Wahrheit er selbst oder in ihm selbst. Apotheose: In der Verwirklichung der Reise des Helden wird ihm offenbar, dass er göttliches Potenzial in sich trägt (in Märchen oft symbolisiert durch die Erkenntnis, dass er königliches Blut in sich trägt). Die endgültige Segnung: Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann auch aus einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird. Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert, in die Welt des Alltags zurückzukehren. Die magische Flucht: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht. Rettung von außen: Eine Tat oder ein Gedanke des Helden auf dem Hinweg wird nun zu seiner Rettung auf dem Rückweg. Oftmals handelt es sich um eine empathische Tat einem vermeintlich „niederen Wesen“ gegenüber, die sich nun auszahlt. Rückkehr über die Schwelle: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird) Herr der zwei Welten: Der Held vereint Alltagsleben mit seinem neu gefundenen Wissen und damit die Welt seines Inneren mit den äußeren Anforderungen. Freiheit zum Leben: Das Elixier des Helden hat die „normale Welt“ verändert; indem er sie an seinen Erfahrungen teilhaben lässt, hat er sie zu einer neuen Freiheit des Lebens geführt.Samira El Quassil, Friedemann Karig: Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien. Wie Geschichten unser Leben bestimmen. 4. Auflage, Ullstein, Berlin 2021, ISBN 978-3-550-20167-7, S. 27–37
Dieses Modell der Heldenreise wurde von einigen Autoren wie z. B. Christopher Vogler, Blake Snyder und Carol S. Pearson adaptiert und teilweise anders unterteilt.
Feministische Literatur und die Heldinnenreise
Jane Eyre Charlotte Brontës Figur Jane Eyre aus dem gleichnamigen Roman illustriert, welchen Platz Heldinnen in der Heldenreise einnehmen. Das Bestreben der Autorin war es, eine einzigartige weibliche Figur zu kreieren, die dem Titel „Heldin“ gerecht werden konnte. Bei dem Roman handelt es sich um einen Bildungsroman, eine Coming-of-Age Geschichte, wie sie typisch für viktorianische fiktionale Literatur war, die die moralische und psychologische Entwicklung der Protagonistin zeigt, während sie erwachsen wird.
Jane als eine viktorianische Frau der Mittelklasse erfährt ganz andere Schwierigkeiten und Konflikte als einer ihrer männlichen Counterparts wie beispielsweise Pip in Große Erwartungen. Das veränderte den Verlauf der Heldenreise, da Brontë die fundamentalen Probleme bemerkte, die Frauen zu dieser Zeit plagten (eine besonders relevante Quelle für diese Konflikte war oft die Beziehung von Frauen zu Macht und Reichtum und wie weit sie oft davon entfernt waren, diese zu erreichen).
Charlotte Brontë geht noch einen Schritt weiter mit der Figur, indem sie Jane zu einer leidenschaftlichen und direkten Person machte, im Vergleich zu anderen Frauen ihrer Zeit. Der Missbrauch und das psychologische Trauma, das Jane als Kind von den Reeds erfährt, führt zu der Entwicklung von zwei zentralen Zielen der Figur, die sie erreichen muss, um die Heldinnenreise zu vervollständigen: dem Drang zu lieben und geliebt zu werden und ihrem Wunsch nach Freiheit. Sie erreicht Letzteres, indem sie Mrs. Reed damit konfrontiert, wie sie Jane in deren Kindheit behandelt hat. Dadurch erreicht sie Freiheit des Geistes.