Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte ist ein Sachbuch, das von Katharina Oguntoye, May Ayim (damals: Opitz) und Dagmar Schultz herausgegeben wurde. Es erschien erstmals 1986 beim Orlanda Frauenverlag und gilt als „Gründungsdokument“ und „Standardwerk“ der afrodeutschen Bewegung.

Entstehungsgeschichte Die US-amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde bot im Frühling 1984 ein Seminar über Schwarze amerikanische Dichterinnen sowie eine Lyrik-Schreibwerkstatt auf Englisch an der Freien Universität Berlin an. Mit ihr zusammen entwickelten die Herausgeberinnen May Ayim (damals: Opitz) und Katharina Oguntoye den Begriff „‚Afro-deutsch‘ in Anlehnung an Afro-amerikanisch“ als Ausdruck der eigenen kulturellen Herkunft. Diese Selbstbezeichnung betont eine zentrale Gemeinsamkeit: Schwarz zu sein und in Deutschland aufgewachsen zu sein oder einen bedeutenden Teil des Lebens dort verbracht zu haben. Audre Lorde und der Orlanda Frauenverlag, bei dem Dagmar Schultz als Verlegerin tätig war, machten Ayim und Oguntoye den Vorschlag, ein Buch über ihre Lebenserfahrungen zu machen. Es folgten über einen Zeitraum von zwei Jahren wöchentliche Treffen, in denen das Projekt gemeinsam konzipiert und recherchiert wurde. Bei den Recherchen lernten sie „afro-deutsche Frauen kennen, die während des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und während des Nationalsozialismus in Deutschland gelebt hatten“ und entdeckten, dass ihre „Geschichte nicht erst nach 1945 begann“. Form Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die chronologisch abfolgenden Phasen der afrodeutschen Geschichte entsprechen:

„Rassismus, Sexismus und vorkoloniales Afrikabild in Deutschland“ „Afro-Deutsche nach 1945 – die sogenannten ‚Besatzungskinder‘“ und „Rassismus hier und heute“

Jeder dieser Teile beginnt mit einem einführenden, kontextualisierenden Aufsatz von May Ayim. Basis dafür bildete ihre Diplomarbeit Afro-Deutsche. Ihre Kultur- und Sozialisationsgeschichte auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen (Universität Regensburg, 1986). Auf diese wissenschaftlichen Texte folgen „persönliche Berichte, Interviews und lyrische Texte von afro-deutschen Frauen der dem Zusammenhang des Kapitels entsprechenden Generation“. Während im ersten Teil die kontextualisierenden Kapitel überwiegen und im zweiten Teil ein annähernd ausgeglichenes Verhältnis zwischen historischer Rahmung und biografischen und literarischen Texten vorherrscht, stehen im dritten Teil die Gespräche, Lebensberichte und kreativen Erzeugnisse afrodeutscher Frauen im Vordergrund.

Am Schluss findet sich ein kurzer Aufsatz Audre Lordes, „Gefährtinnen, ich grüße euch“, den sie am 30. Juli 1990, nach der Wiedervereinigung Deutschlands, noch einmal erweiterte. Darin geht sie auf die Entstehungsgeschichte von Farbe bekennen ein und hebt die Wichtigkeit transnationaler Verständigung und Zusammenarbeit für Menschen der afrikanischen Diaspora hervor. Im Anhang ist ein Aufsatz der Geschlechterforscherin Gloria Wekker abgedruckt, in dem sie die Schwarze lesbische Frauengruppe Sister Outsider aus Amsterdam vorstellt. Darauf folgt in der Fischer Taschenbuchausgabe eine Liste mit Kontaktadressen von Standorten der Initiative Schwarze Deutsche, heute: Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), der ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland und des Black Unity Committee.

Das Buch enthält neben Texten unterschiedlicher Genres – wissenschaftliche Artikel, Autobiografien und Biografien, Gespräche und Interviews, Kurzprosa und Gedichte – auch zahlreiche Abbildungen wie zum Beispiel Gemälde, Werbung, Flugblätter, politische oder Filmplakate, Titelblätter von Zeitungen, amtliche Schreiben und private Fotografien.

Inhalt

Rassismus, Sexismus und vorkoloniales Afrikabild in Deutschland

Einführung durch May Ayim Der erste Teil beginnt mit der Feststellung, dass wenig darüber bekannt ist, „wann die ersten Afrikaner/-innen nach Deutschland kamen und wann die ersten Afro-Deutschen geboren wurden.“ Es sind einige frühe Gemälde von in Deutschland lebenden Menschen aus Afrika überliefert, die auf deren weit zurückreichende Präsenz hinweisen. Ein berühmtes Beispiel stellt das in Farbe bekennen abgedruckte Porträt eines Äthiopiers (1508) von Albrecht Dürer dar.

Verhältnismäßig viel ist über den in Ghana geborenen Philosophen Anton Wilhelm Amo bekannt, der Anfang des 18. Jahrhunderts als Geschenk an den Herzog Anton Ulrich von Wolfenbüttel nach Deutschland kam. Er studierte an der Universität Halle und war dort wie auch in Wittenberg und Jena als Dozent tätig. Seine erste wissenschaftliche Qualifikationsschrift handelte vom Recht der Mohren (1729) in Europa. Während es sich bei „Mohr“ um die älteste deutschsprachige Bezeichnung für Menschen nicht-weißer Hautfarbe handelt, verbreitete sich das Wort „Neger“ erst im Laufe des 18. Jahrhunderts. Mit diesem im Deutschen neuen Begriff wurden nur mehr Schwarze Afrikaner südlich der Sahara bezeichnet, die den helleren, im Norden Afrikas lebenden Menschen als unterlegen galten.

Die neuen wissenschaftlichen Disziplinen der Anthropologie, Evolutionstheorie und Ethnologie machten es sich im 19. Jahrhundert zur Aufgabe, die vermeintlich natürliche Verbindung von körperlichen (Hautfarbe, Physiognomie) und charakterlichen Eigenschaften mithilfe des Konzepts der „Rasse“ zu legitimieren. Der vorherrschende Sexismus, der Frauen „von Natur aus“ die häusliche, private Sphäre zuschrieb, bediente sich ähnlicher Argumentationsmuster wie der (pseudo-)wissenschaftliche Rassismus: „Die Projektionen, die das Herrschaftsverhältnis von Männern gegenüber Frauen als verfügbare Natur rechtfertigen, entsprechen dem stereotypen Bild der Zuschreibungen, das auf die für primitiv befundenen ‚Naturvölker‘ projiziert wird.“

Seit der Kongokonferenz 1884/85 besaß das Deutsche Kaiserreich die Kolonien Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika. Der (pseudo-)wissenschaftliche Rassismus ermöglichte es, die Ausbeutung dieser Länder als „Erziehungsauftrag“ auszugeben. Die vermeintlich höher entwickelte „Rasse“ habe die vermeintlich „niedere“ zu erziehen. Die Machtdifferenz mündete jedoch in einen gewaltsamen Kreislauf: Die oft unmenschliche Behandlung, die die Kolonisatoren den Kolonisierten zukommen ließen, rief bei diesen „Verweigerung, Abwehr und Verkümmerung“ hervor. Diese widerständige Reaktion wurde von den Kolonisatoren als Rechtfertigung verwendet, die Kolonisierten weiterhin unmenschlich oder gar noch unmenschlicher zu behandeln.

Obgleich politische und militärische Aufgaben weißen deutschen Männern vorbehalten blieben, reisten auch viele weiße deutsche Frauen in die Kolonien, um dort als Krankenschwestern, Arbeiterinnen und Lehrerinnen zu arbeiten und sich zu verheiraten: Die Folgen der kolonialen Umerziehungsmaßnahmen und Teile-und-Herrsche-Strategie begleiteten ehemals kolonisierte Länder auch in die Unabhängigkeit. „[D]as Bewußtsein von der weißen Hautfarbe als der besseren Hautfarbe und dem europäischen (=weißen) Bewußtsein als dem fortschrittlichen Denken“ stellt ein besonders penetrantes koloniales Erbe dar.

Die deutsche Kolonialherrschaft endete im Ersten Weltkrieg. Mit Kriegsende sah der Versailler Vertrag die Besetzung weiter Teile des Rheinlandes durch die Siegermächte vor, unter denen sich auch Schwarze Soldaten befanden – besonders zahlreich auf französischer Seite. Viele Menschen in Deutschland nahmen das als große Demütigung wahr, da für sie „die Schwarzen die Untermenschen [blieben], die es zu zivilisieren und zu disziplinieren galt.“ Die meisten Parteien forderten den Rückzug der Schwarzen Truppen, die als besonders triebhaft und brutal, insbesondere als Vergewaltiger weißer deutscher Frauen, dargestellt wurden (vgl. Schwarze Schmach).

Dass auch Kinder Schwarzer Besatzungssoldaten und weißer deutscher Frauen zur Welt kamen, die nach Aussage der Mütter aus einvernehmlichem Geschlechtsverkehr hervorgingen, wurde lange verschwiegen. Die Mütter und ihre afrodeutschen Kinder erfuhren bereits in der Weimarer Republik Diskriminierung und Gewalt. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung kam es zu zahlreichen Zwangssterilisationen Afrodeutscher.

Gespräch mit Anna G. und Frieda P.: Unser Vater war Kameruner, unsere Mutter Ostpreußin, wir sind Mulattinnen Die Schwestern Anna G. (Doris Reiprich) und Frieda P. (Erika Ngambi Ul Kuo), zum Zeitpunkt des Gesprächs 65 und 70 Jahre alt, erzählen ihre Lebensgeschichte. Sie wuchsen in Danzig auf, wo sie bis 1932 eine relativ unbeschwerte Kindheit erlebten. Zur Zeit des Nationalsozialismus verlor ihr Vater seine Arbeit und die Familie die Wohnung. Anna und Frieda wurden in der Schule diskriminiert, von Freundinnen geächtet und hatten große Schwierigkeiten eine Arbeit zu finden. Sie entkamen aber sowohl der Zwangssterilisation als auch dem Konzentrationslager. Zeitweise spielten beide Schwestern in Kolonialfilmen mit, was gut bezahlt war und von ihnen als fröhliche und gemütliche „Inselsituation“ wahrgenommen wurde. Beide Frauen heirateten – Anna einen Schwarzen Kameruner und Frieda einen weißen Deutschen – und gründeten Familien. Frieda betont abschließend, dass sie „immer gern Mulattin [war], auch in der bösen Zeit“; sie „habe Schwarz und Weiß in [sich] stets gut verkraften können.“

Afro-Deutsche nach 1945 – die sogenannten „Besatzungskinder“

Einführung durch May Ayim Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es still um Afrodeutsche. Diejenigen, die den Nationalsozialismus überlebt hatten und in Deutschland geblieben waren, zählten nicht wie die Juden zu den „politisch und rassisch Verfolgte[n]“ und bekamen keine „Entschädigungsleistungen“. Die jungen Sozialwissenschaften begannen sich in den 1950er Jahren zwar für die Situation der nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen afrodeutschen Kinder zu interessieren. Sie betrachteten diese jedoch meistens als „Problemgruppe“, die es besser zu integrieren oder ins Ausland abzuschieben galt. Die rassistische Einstellung weiter Teile der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft wurde nicht thematisiert. Die Besatzungskinder waren vor allem drei Vorurteilen weißer Deutscher ausgesetzt: 1. den Vorurteilen gegen die Besatzer, von denen sie offensichtlich abstammten; 2. den Vorurteilen gegen die meist ledigen und aufgrund ihrer Verbindung mit Schwarzen Männern als liederlich befundenen Mütter, die auf die Kinder übertragen wurden; 3. den Vorurteilen gegen sogenannte „Mischlinge“, die pseudowissenschaftlichen Rassentheorien zufolge als minderwertig galten.

In einem Exkurs über die enge Verflechtung von Rassismus und Sexismus zeigt Ayim, dass beide ähnlich funktionieren: „Durch sie werden soziale Unterschiede der Biologie der Menschen zugeschrieben, um sie als ‚naturwüchsige‘ Gegebenheiten für unabänderlich auszuweisen.“ Dahinter steht das Ziel, Macht über Frauen und vermeintlich andere, nicht-weiße „Rassen“ zu erlangen und zu sichern. Ayim betrachtet unter Berufung auf Forschungsliteratur sowohl das normative binäre Geschlechtersystem (die Aufteilung aller Menschen in ausschließlich „männlich“ und „weiblich“) als auch „Rasse“ als Konstrukte und kulturelle Zuschreibungen.