Flecktarn ist ein heute international gebräuchliches Tarnmuster, bei dem farbige unregelmäßige Flecken oder Punkte auf einem Grundton angeordnet werden. Das Prinzip wurde ab 1935 von Johann Georg Otto Schick im Auftrag der Waffen-SS in verschiedenen Varianten entwickelt. Daran angelehnte Muster sind bis heute weltweit im Einsatz.
Wirkung Flecktarn wird für Tarnkleidung und Tarnanstriche von Gerät, Ausrüstung und Gebäuden verwendet.
Durch die Anordnung der Flecken soll ein optisches Verschwimmen der Umrisse des Körpers bewirkt werden, wodurch es dem Feind erschwert wird, das Gesehene als getarnte Person zu identifizieren. Das Muster hat sich seit seiner Erstentwicklung 1935 für bewaldetes Gelände in Mitteleuropa (Mischwald) bewährt und konnte sich seither in immer neuen vielfältigen Muster- und Farbarrangements auch in fast allen anderen Regionen und Umweltzonen der Erde durchsetzen.
Flecktarn ab 1935 mini|Soldaten der Waffen-SS (Vordergrund) mit der ab 1943 eingeführten Drillichtarnuniform im Erbsenmuster mini|hochkant=0.6|Das Platanenmuster (Sommerseite) in einer frühen Version ab Dezember 1937 mini|hochkant=0.6|Das Platanenmuster (Herbstseite) in einer frühen Version ab Dezember 1937 Die Waffen-SS war weltweit die erste Truppe, die in großem Rahmen mit Flecktarnmustern in verschiedenen Ausführungen und Abwandlungen auf ihrer Bekleidung ausgestattet wurde. Das erste dieser Tarnmuster („Platanen“) war von dem Direktor der 1935 aufgebauten Abteilung „T“ („Tarnung“), dem Münchener Professor Johann Georg Otto Schick, bis Dezember 1936 entwickelt worden.Tim Newark, Quentin Newark, J. F. Borsarello: Brassey’s Book of Camouflage, Brassey’s, 2003, ISBN 1-85753-336-4 (englischsprachig) Währenddessen entwarf der am 1. März 1936 zum SS-Hauptsturmführer ernannte Doktor der Ingenieurswissenschaften Wim Brandt die Richtlinien zu den einzelnen Ausrüstungs- und Bekleidungsteilen.Andrew Steven, Peter Amodio: Uniformen der Waffen-SS in Farbe, Verlag Karl-Heinz Dissberger, 2. berichtigte Auflage, Düsseldorf 1992, ISBN 3-924753-44-X, S. 4 Nach der Entwicklungsphase erfolgten Probeläufe mit Musterbekleidungsstücken. Ab Mitte des Jahres 1938 wurden dann die ersten Einheiten mit Tarnbekleidung ausgerüstet.Martin Pegler: Out of Nowhere, Osprey Publishing, 2004, ISBN 1-84176-854-5, S. 202 (englischsprachig)Tim Newark, Quentin Newark, J. F. Borsarello: Brassey’s Book of Camouflage, Brassey’s, 2003, ISBN 1-85753-336-4, S. 1943 (englischsprachig)Josef Henke: Persönlicher Stab Reichsführer-SS, Deutsches Bundesarchiv, 1997, ISBN 3-89192-062-8, S. 648; Anstellung von Otto Schick als Referent für Tarnfragen bei der Waffen-SS
Die heutige Namensgebung der Waffen-SS-Muster stammt aus der Nachkriegszeit und wurde erstmals von den US-Amerikanern so beschrieben. Nur ein einziges deutsches Muster aus dieser Zeit ist unter seinem historischen deutschen Namen bekannt geworden. Es ist das letzte während des Krieges gefertigte Flecktarn, das über amerikanische Veröffentlichungen als „Leibermuster 1945“ bekannt wurde. Dieses Leibermuster wurde ebenfalls von Johann Schick entwickelt und mit lichtschluckenden Farbmitteln gedruckt, um Schutz gegen alliierte Nachtsichtgeräte bieten zu können. Die Herstellung der so erzeugten sechsfarbigen Stoffe war ausgesprochen aufwendig. Daher gelangten kriegsbedingt nur noch sehr wenige Stücke des Leibermusters an die Truppe. Es war vorgesehen, dass dieses Tarnschema alle bisher eingeführten SS- und Wehrmachtstarnstoffe ersetzen sollte. Diese Überlegungen standen jedoch im Widerspruch zur wehrmachtseigenen zeitgleichen Entwicklung, dem „Buntfarbenaufdruck 1945“. Das Leibermuster besaß einen lederfarbenen Hintergrund, auf den weiße Flecken gedruckt wurden. Darüber kam eine hellgrüne Musterung sowie eine weitere Druckschicht aus mittlerem Grün in Form von Blättern. Rotbraune Flecken folgten und zuletzt wurde schwarzes „Astwerk“ darübergelegt.
Folgende Tarnmuster der Waffen-SS sind bekannt:Michael D. Beaver, J. F. Borsarello: Camouflage Uniforms of the Waffen-SS, Schiffer Publishing Ltd, 1995, ISBN 1-84176-854-5, S. 202 (englischsprachig)
Platanenmuster (1937 bis 1942) – Frühling-/Sommer- und Herbst-/Winter-Variante Rauchtarnmuster (1939 bis 1944) – Frühling-/Sommer- und Herbst-/Winter-Variante Palmenmuster (ab Ende 1943) – Sommer-/Herbst-Variante, speziell für Einheiten an der OstfrontMartin Pegler: Out of Nowhere, Osprey Publishing, 2004, ISBN 1-84176-854-5, S. 202 (englischsprachig) Beringtes Eichenlaubmuster (1942 bis 1945) – auch Eichentarn Typ A genannt Eichenlaubmuster (1943 bis 1945) – Frühling-/Sommer- und Herbst-/Winter-Variante – auch Eichentarn Typ B genannt Erbsenmuster (1943 bis 1945) – eingeführt mit der Drillichtarnuniform M43, keine wendbare MusterungAndrew Steven, Peter Amodio: Uniformen der Waffen-SS in Farbe, Verlag Karl-Heinz Dissberger, 2. berichtigte Auflage, Düsseldorf 1992, ISBN 3-924753-44-X, S. 48 Erbsenmuster (Truppenversuch) (1943) – nach Felderprobung bei der Waffen-SS verworfene und nach dem Krieg als „Kampfanzug M57“ ab 1957 in Österreich eingeführte Variante des Erbsenmusters. Leibermuster (1945) – nur sporadisch 1945 mit der Drillichtarnuniform M44 eingeführt.
Ein weiteres, in der Literatur selten beschriebenes Muster ist das Blocktarn. Von den meisten Mustern wurden vielfältige Abwandlungen gedruckt; zahlreiche seltene, ungewöhnliche aber originale Ausrüstungsgegenständen können auch aus kleinen Versuchsserien stammen, die nicht in Serie gingen.Andrew Steven, Peter Amodio: Uniformen der Waffen-SS in Farbe, Verlag Karl-Heinz Dissberger, 2. berichtigte Auflage, Düsseldorf 1992, ISBN 3-924753-44-X, S. 4f.
Die ursprünglich der Waffen-SS vorbehaltenen Flecktarnmuster wurden während des Krieges auch von Verbänden der Wehrmacht und der Fallschirmjäger verwandt. So war die Division Hermann Göring seit Sommer 1942 standardmäßig mit Helmtarnbezügen und Tarnuniformen der Waffen-SS ausgerüstet.Nigel Thomas: The German Army 1939–1945 (5). Western Front 1943–1945. Men-at-Arms, Band 336. Osprey Military, Oxford 2000. ISBN 1-85532-797-X. S. 22.
Herstellung Zur Herstellung der deutschen Stoffe wurden vollkommen neue Methoden entwickelt, da der industrielle Fünf- und Sechsfarben-Textildruck weltweit noch niemals in solch einem Umfang erprobt worden war. Zwar war Deutschland schon seit dem 19. Jahrhundert der international bedeutendste Lieferant für Stofffarben gewesen, doch bedeutete der Mehrfarbensiebdruck, der in zwei Varianten auf beiden Stoffseiten der Uniformen (Wendekleidung) erscheinen sollte, eine besondere Herausforderung.Andrew Steven, Peter Amodio: Uniformen der Waffen-SS in Farbe, Verlag Karl-Heinz Dissberger, 2. berichtigte Auflage, Düsseldorf 1992, ISBN 3-924753-44-X, S. 22
Als Druckunterlage diente ein zumeist weißer, dicht gewebter und atmungsaktiver Kunstfaserbaumwollstoff. Zunächst wurden die Drucke noch mit Anthrasolfarbe im Siebdruckverfahren aufgebracht, in einem weiterentwickelten Verfahren kombinierte man dann den Sieb- mit dem Rollendruck. Dabei wurden die Stoffe zunächst mit den Grundmustern durch die Druckmaschine gezogen. Zur Färbung fanden hier Indanthrenfarben Verwendung. Danach konnten im Siebdruckverfahren die restlichen Muster, aber auch farbliche und gestalterische Variationen aufgebracht werden. Farbverläufe wurden durch Überdrucken erzielt. Das Drucken auf hochwertigem Leinenmaterial war sehr erfolgreich. Allerdings wurde die Qualität und Ware der Stoffe gegen Kriegsende immer minderwertiger, so dass die Farben beim Auftrag entsprechend schlechter abgebildet wurden.
Zahlreiche Experimentalmuster verwendeten auch so ungewöhnliche Farben wie gelb, rosa, violett und orange. Viele Mustervarianten sind auf Schwierigkeiten während des Färbeprozesses zurückzuführen, wobei es auch für die oft aufgedruckten Nummern keine wirklich schlüssige Erklärung gibt.Andrew Steven, Peter Amodio: Uniformen der Waffen-SS in Farbe, Verlag Karl-Heinz Dissberger, 2. berichtigte Auflage, Düsseldorf 1992, ISBN 3-924753-44-X, S. 22–24
Fälschungen Historisches deutsches Flecktarn, das heute relativ selten ist, erzielt auf Märkten und Auktionen seit Jahrzehnten Höchstpreise im Bereich neuzeitlicher Uniformen. Dies hat schon früh Fälscher angelockt. Das deutsche „Platanen“- und „Erbsenmuster“ sowie das „Eichenlaubmuster“ zählen noch heute zu den meistkopierten Tarnmustern weltweit. Fälschungen lassen sich unter anderem daran erkennen, dass sie neben modernen Chemiefasern unhistorische und vielfach minderwertige Stoffe verwenden oder nicht den originalen Druckmustern und Farben folgen. Unterschiede gibt es auch zwischen den damaligen und heutigen Webtechniken. Auch bei den Schnittmustern finden sich zahlreiche falsche Interpretationen und Varianten, die sich historisch nicht belegen lassen. Zudem lässt sich echtes historisches deutsches Flecktarn daran erkennen, dass der Stoff wasserabweisend ist. Die Fasern sind sehr dicht gewebt und ziehen sich bei Kontakt mit Wasser zusammen, was den Stoff zusätzlich auch steifer werden lässt. Gerade Stahlhelmüberzüge sind bei Fälschern sehr beliebt.Andrew Steven, Peter Amodio: Uniformen der Waffen-SS in Farbe, Verlag Karl-Heinz Dissberger, 2. berichtigte Auflage, Düsseldorf 1992, ISBN 3-924753-44-X, S. 5ffMartin Windrow, Jeffrey Burn: The Waffen-SS, Osprey Publishing, 1992, ISBN 0-85045-425-5, S. 3
Flecktarn ab 1945 Ungarn Das SS-Platanenmuster in den beiden Varianten Frühling-/Sommer sowie Herbst-/Winter wurde in Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg noch aufgetragen. In den 1950er bis 1980er Jahren waren dann mehrere vom SS-Eichenlaubmuster abgeleitete Tarnschemen in Gebrauch, die sich hauptsächlich in der Färbung voneinander unterschieden.
Tschechoslowakei 1954 wurde in der Tschechoslowakei das Leibermuster in einer farblich reduzierten 4-Farbvariante eingeführt. Die Musterung, welche ebenfalls vom Vorbild abweicht, wird in der Literatur zumeist als „eichenlaubartig“ beschrieben. Das tschechoslowakische Leibermuster wird seit 1962 nicht mehr hergestellt.
Bundesrepublik Deutschland
mini|Flecktarn B (groß) der Bundeswehr; 1990 eingeführt Schon vor Gründung der Bundeswehr und der öffentlichen Diskussion über deren Für und Wider hatte die Bundesregierung im Oktober 1950 die „Dienststelle Blank“ unter dem „Sonderbeauftragten des Kanzlers“, Staatssekretär Theodor Blank, eingerichtet, welche sich mit einer zeitgemäßen Uniformierung zukünftiger deutscher Soldaten befasste. Nach Aufstellung der Bundeswehr im Jahre 1955 wurde bei der Truppe sofort ein Kampfanzug in leicht abgewandeltem Splittertarn M31 der Reichswehr bzw. Wehrmacht eingeführt, doch bereits in den frühen 1960er Jahren durch eine den NATO-Partnern angelehnte einfarbige Oliv-Variante im Farbton RAL 6014 (Gelboliv)Johannes Denecke: Tarnanstriche des deutschen Heeres 1914 bis heute, Bernard & Graefe Verlag, Bonn 1999, ISBN 3-7637-5990-5, S. 89 ersetzt.
Zwischen 1955 und Anfang 1956 wurde bei der Bundeswehr kurzzeitig auch eine leicht abgewandelte Variante des 1945 für SS und alle Heeresteile vorgesehenen Leibermusters in Truppenversuchen verwendet. Ursprung dieser Entwicklung war die ab 1952 geplante Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) und die für diesen Zusammenschluss vorgesehene Uniformierung gewesen. Nachdem Frankreich aus Furcht vor Einschränkungen seiner Souveränität den bereits von allen anderen teilnehmenden Staaten ratifizierten Vertrag platzen ließ, wurde auch die Weiterentwicklung eines einheitlichen europäischen Kampfanzuges eingestellt. Der sechsfarbige Stoffdruck sowie die daraus hergestellten Uniformen stammen alle aus Belgien. Die Versuche bei der Bundeswehr wurden ohne bekanntgewordene Ergebnisse beendet.