Der Bäcker Jan Marhoul (OT. Pekař Jan Marhoul) ist der Titel eines 1924Pekař Jan Marhoul. Družstevní Práce publizierten Romans des tschechischen Schriftstellers Vladislav Vančura. Erzählt wird das groteske Leben eines böhmischen Bäckers, der durch Gutmütigkeit und Leichtsinn seinen Besitz verliert und dem trotz Fleiß seine Sanierung in der Gesellschaft nicht mehr gelingt. Die erste deutsche Übersetzung von Julius Mader erschien 1937. 1959 übersetzte Oskar Kosta unter dem Pseudonym Peter Pont den Roman neu.

Inhalt Bäckermeister in Benešov (Erstes Kapitel) Der surreale Anfang setzt das letzte Kapitel fort und spielt nach der Beerdigung des Bäckers Jan Marhoul in dessen dunkler Grabkammer. Darauf dreht der Erzähler, nach dem Wunsch, dass Marhouls Sohn Jan Josef gesund bleiben möge, die Zeit um 14 Jahre zurück: zum Wendepunkt im Leben des 29-Jährigen und seiner gleichaltrigen Frau Josefina Marhoulová.

Die beiden haben mit 18 Jahren geheiratet und betreiben mit zwei Gesellen eine Bäckerei am Marktplatz von Benešov in Mittelböhmen. Die Handlung setzt an einem Sommertag des paradiesischen Glücks ein, mit hoffnungsvollem Blick auf die Zukunft. Der 6-jährige Sohn Jan Josef soll einmal wie sein Vater Bäcker werden und die Familientradition fortsetzen. Marhoul ist ein freundlicher, hilfsbereiter Mensch und verlässt, in der ersten ihn charakterisierenden Szene des Romans, spontan seinen Laden, um den kranken Hund seines Freundes, des Straßenwärters Deyl einzufangen: „So groß war das Verblendetsein des Bäckers durch das Glück, dass er alle Dinge gleich leicht oder schwer wog. Das Handwerk stockte, und das Geschäft stockte, doch der Vogel, der auf dem hohen Zweig sang, bewirkte, dass der Meister an nichts anderes dachte als an ihn, den Vogel; der herumstreichende Vogel lockte ihn aus dem Laden.“Vladislav Vančura: Der Bäcker Jan Marhoul. Suhrkamp Verlag 1978, S. 9. Als er nach einer Stunde zurückkehrt, erzählt er Josefina lang und breit, was er erlebt hat. Sie liebt ihren Mann in seiner Art: „Der Unterschied, der zwischen ihm und den anderen Menschen bestand, war mehr als ein Vorzug, er war ein Geschenk. Er ließ keinen Zorn ein und füllte die Räume des Hauses mit Heiterkeit und Liebe.“ Wenn er nicht im Laden ist, können die Kunden sich selbst bedienen und das Geld in eine Schüssel legen. Von den Einnahmen lässt er sofort Fleisch für das Mittagessen mit den Gesellen kaufen: „Er gab, denn er glaubte nicht, dass Geld von Bedeutung sei. Die winselnde Wohltätigkeit mit ihren tränenden Augen und ihrer Rotznase, das plärrende Herz, das sich, Rührung erweckend, von Haus zu Haus schleppte, steckte die erfrorene Pfote durch des Bäckers Tür. Der Meister drückte sie, wie man die Hand eines Nachbarn drückt, und gab. […] »nehmt, solange ich euch geben kann!« Frau Josefina dachte: Wer so schenkt, ist reich! […] Er ist arbeitsam und klug; was er verschenkt, wird in Hülle und Fülle wieder hereinkommen.“Vladislav Vančura: Der Bäcker Jan Marhoul. Suhrkamp Verlag 1978, S. 10 ff.

Jans Gutmütigkeit wird jedoch jahrelang ausgenutzt, auch von Schwindlern, die ihm ihr trauriges Schicksal erzählen und seine Wohltaten ergaunern. Er arbeitet von morgens bis abends in der Backstube, im Laden, im Garten und im Pferdestall und findet immer Zeit für die Gasthäuser, das Hlíňanka, die Schnapsschenke des Juden Koterák, um mit seinen Freunden zu trinken, zu plaudern und zu musizieren. In diesen geselligen Runden ist er sehr freigebig und leiht bedenkenlos Geld, wenn jemand knapp bei Kasse ist.

Auslöser für die Wende dieses leichtlebigen Umgangs mit dem Geld ist groteskerweise seine Wahrheitsliebe und Rechtschaffenheit. Als er den zu Unrecht verleumdeten Verwalter des Gemeindehofs in Schutz nehmen will, bringt ihm dies dessen Zorn und einen Streit ein und dieser fordert die Rückzahlung des ihm geliehenen Geldes. Dies ist der Anstoß für Marhoul, zusammen mit seiner Frau die Schulden zusammenzurechnen: 1700 Gulden. Dazu kommen nicht bezahlte Rechnungen beim Schneider, bei den Bauern und der Mühle für Getreide und Mehl. Zum ersten Mal wird seiner Frau ihre wirtschaftliche Lage bewusst und sie befürchtet, dass ihr Mann die Bäckerei aufgeben und eine Stelle als Arbeiter suchen muss. Aber Jan verdrängt schnell das Problem und lebt weiter wie bisher. Er leiht Geld für die Backmaterialen, gibt aber die Einnahmen sofort wieder aus und verleiht selbst kleine Beträge. Auch Josefina ist in ihren Reflexionszyklen begrenzt: „War Jan ein Narr, wenn auch nicht toll, Josefina blieb eine Arbeiterin. Ihre Intelligenz war unmittelbar und eng wie der Weg, den zu gehen ihr auferlegt war. Für sie reichte kein Ding über den Tag hinaus, an dem es geschah, und jeder Tag begann mit neuer Arbeit.“Vladislav Vančura: Der Bäcker Jan Marhoul. Suhrkamp Verlag 1978, S. 21. Der einzige, der Marhoul immer wieder vor dem finanziellen Ruin warnt, ist der Selterswasserverkäufer und „Tempelhelfer“, der „Fortschrittler“ und konfessionslose Jude Rudda: „Der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, doch du, Jan, bist selbst schuld an deinem Misserfolg […] Du lebst in den Tag hinein und machst dich lustig über dein Geschäft. […] was hast du mit Josefinas Geld gemacht? – Du weißt es nicht. Blind und taub bist du.“ Marhoul antwortet darauf: „Ich weiß, dass ich dumm bin.“Vladislav Vančura: Der Bäcker Jan Marhoul. Suhrkamp Verlag 1978, S. 24, 25.

Das öffentliche Gerede über Marhouls Schulden führt schließlich dazu, dass seine Situation in der „Vorschussklasse“ der Gemeindefinanzverwaltung erörtert wird. Da sein Haus verpfändet ist, fürchtet man, dass er wegen der unübersichtlichen privaten finanziellen Verhältnisse bald zahlungsunfähig sein wird, und beschließt die Zwangsverwaltung seines Besitzes. Amtspersonen erscheinen in seinem Haus und nehmen die Bestände auf. Marhoul reagiert gelassen auf den Verlust seiner Bäckerei, des Grundstücks und der Pferde: „Bisher hatte ich immer zu essen, und in der Sicherheit dieser Armut, die dem alten Wohlstand auf Haar gleicht, werde ich auch weiter zu essen haben. Was ist geschehen? Ich war arm, als ich dieses Haus hatte, und ich werde arm bleiben, wenn es nicht mehr mein sein wird.“Vladislav Vančura: Der Bäcker Jan Marhoul. Suhrkamp Verlag 1978, S. 29. Bei der Versteigerung kaufen seine Freunde Rudda und Deyl einige Haushaltsgegenstände und schenken sie ihm. Zusammen mit den Resten seiner Einrichtung werden sie ins Dorf Nadelhota gefahren. Dort will Jan einen Neuanfang wagen. Im Dorf gibt es keinen Bedarf für eine Bäckerei, da die Bauern ihr Brot selbst backen. Deshalb hat ihm der Bürgermeister geraten, er solle die stillstehende Mühle des Gutshofes pachten. Er könne sie herrichten und dann mit dem Betrieb seinen Unterhalt verdienen.

Mühle in Nadelhota (Zweites Kapitel) Nach Verhandlungen mit dem boshaften Verwalter des herrschaftlichen Gutes pachtet Marhoul für sechs Monate die Mühle in Nadelhota und beginnt mit geliehenem Geld fleißig und mit handwerklichem Geschick das verwahrloste Gebäude und das Mahlwerk zu reparieren. Beim Versuch einen Balken auszutauschen, stürzt er ab und bricht sich ein Bein, das geschient werden muss und nur langsam heilt. Auch danach kann er sich nur humpelnd vorwärtsbewegen und muss die Reparatur abbrechen. Seine Frau rät ihm, Arbeiter zu werden. Doch „Jan Marhoul wird nie einer sein, er hat nicht die Härte dieses Standes. Jan ist verspielt, und seine ständige Unruhe lässt keine Zucht in ihm aufkommen. Wie von einer Art Eselsgüte erfüllt, verrichtet er neunerlei Dinge, ohne sie zu unterscheiden. […] Das Elend brannte im Haus wie eine Lampe, die in Grüften leuchtet, und schließlich und endlich wurde es langweilig. Ein Abgrund – sagte sich Marhoul – ist nicht fürchterlicher als Berge, wir werden uns gewöhnen.“Vladislav Vančura: Der Bäcker Jan Marhoul. Suhrkamp Verlag 1978, S. 61.

Die beiden Freunde unterstützen ihn wieder und nach seiner Genesung arbeitet er, wie seine Frau auf dem herrschaftlichen Feld, als Tagelöhner und klaut das Brennholz aus dem Wald des Gutsherrn. Dann kommt er auf die Idee, mit auf Kredit gekauftem Mehl Brot zu backen und es mit dem von den Hunden Bosko und Don gezogenen Wagen in den umliegenden Dörfern und in Mrač, in der Nähe der Moldaubrücke bei Mamýk, an Straßenarbeiter zu verkaufen. Dies funktioniert recht gut, bis er im Winter die Dörfer nicht mehr durch den Schnee erreichen kann. Außerdem haben andere Kunden in dieser Jahreszeit ihre Arbeiten eingestellt.

Jan muss auch dieses Projekt aufgeben und nach einem halben Jahr dem Verwalter mitteilen, dass er den Pachtzins nicht bezahlen kann. Dieser droht ihm mit Ausweisung, doch dann findet er einen neuen Pächter, den protzigen „Müllerwolf“ František Némec aus Bousov, der Marhoul zu schlechten Konditionen als Müllergeselle übernimmt. Némec nutzt gnadenlos die drohende Obdachlosigkeit der Familie Marhoul aus. Obwohl Jan „die Gefräßigkeit, den Geiz und die Grausamkeit dieses Fettwanstes durchschaut, der nichts anderes war als ein großes Knäuel von Därmen mit einem blechernen, von einem struppigen Bart umrahmten Maul“,Vladislav Vančura: Der Bäcker Jan Marhoul. Suhrkamp Verlag 1978, S. 91. muss er die Bedingungen akzeptieren, für ihn Brote backen und den verwahrlosten Garten kultivieren. Dafür darf er wohnen bleiben und für sich selbst einige Brote behalten. Die Mühle soll vom Altknecht Durdil betrieben werden, der jedoch wegen Schwindsucht nur begrenzt arbeiten kann. So hilft Marhoul ihm bei der Mahlarbeit und pflegt zusammen mit seiner Frau den Kranken bis zu seinem Tod. Dieser versucht Jan die Augen über den Ausbeuter Némec zu öffnen. Marhoul sieht den „Menschenschinder und Geizkragen“ jedoch nicht als typisch an, sondern als Ausnahme. Dieser stehe außerhalb der Gesellschaft: „[U]m so weniger sollte er mich im Bösen davonjagen, sonst könnte sich mein Warten in Wut verwandeln. Ich bin arm, aber ich weiß schon, wer ich bin, und wenn er mir den Lohn nicht zahlen will, werde ich es ihm heimzahlen, was er mir antut. Ich habe wütende Menschen gesehen […] die grün geworden sind, wenn die Leidenschaft sie gepackt hat.“Vladislav Vančura: Der Bäcker Jan Marhoul. Suhrkamp Verlag 1978, S. 92.

Rückkehr nach Benešov (Drittes und Viertes Kapitel) Nach František Durdils Tod bietet Neméc Jan an, die Mühle für ihn zu den bisherigen Konditionen weiterzuführen. Als dieser eine bessere Bezahlung verlangt, beschuldigt ihn der Müller, er habe Mehl und Brot für sich abgezweigt und er könne deshalb keine Forderungen stellen. Es kommt zum Streit: Marhoul beschimpft ihn als Wucherer und Gauner,Vladislav Vančura: Der Bäcker Jan Marhoul. Suhrkamp Verlag 1978, S. 106. dieser kündigt ihm und fordert ihn auf, die Mühle zu verlassen. Jan gibt nicht nach, obwohl seine Frau ihn zu besänftigen versucht: „[A]nderswo wird es nicht besser. Wir sind arm und werden überall dienen müssen. Dieser Neméc, von dem du erklärst, dass nur er so ist und kein anderer, der wartet überall auf uns. Ich weiß, dass es alte Feindschaft gibt zwischen den Reichen und den Armen, und dass dienen heißt: zu gleicher Zeit geschunden und geschändet zu werden.“Vladislav Vančura: Der Bäcker Jan Marhoul. Suhrkamp Verlag 1978, S. 107. Für Jan ist der Müller ein einzelner Bösewicht, die Menschen dagegen, meint er, seien allgemein nicht böse. Der inzwischen 36-Jährige hofft wieder einmal auf Besserung an einem anderen Ort. So verlässt die Familie im Winter mit dem Hundeschlitten die Mühle und kehrt nach Benešov zurück.

In Benešov besorgt Rudda dem Freund eine Wohnung in der „Schmutzgasse“, im Elendsviertel der Stadt, und drängt den Bäcker Pánek, einen alten Trinkfreund aus der Schnapsschenke des Juden Koterák, ihn anzustellen. Dafür muss dieser einen Gesellen entlassen. Für Marhoul hat sich die wirtschaftliche Situation erst einmal stabilisiert. Er arbeitet wieder in seinem Beruf, wenn auch auf einer niedrigeren Stufe: als Geselle und nicht mehr als Meister.