Longtermism (germanisiert auch: Longtermismus sowie Longterminismus) ist eine ethische Position, die die positive Beeinflussung der fernen Zukunft als eine moralische Priorität betrachtet. Sie ist ideengeschichtlich zunächst als Weiterentwicklung des effektiven Altruismus aufgetreten. In systematischer Hinsicht unterscheidet sich der Longtermism von klassischen Ansätzen der intergenerationellen Gerechtigkeit durch die Berücksichtigung deutlich längerer Zeiträume. Der ethische Fokus liegt damit nicht auf der Kinder- oder Enkelgeneration, sondern auf der langfristigen Zukunft der Menschheit. Unter der langfristigen Zukunft werden dabei Zeiträume von einer Million bis Milliarden Jahre verstanden.

Kernideen mini|Heute lebende Menschen verglichen mit Menschen in der Vergangenheit Die Bezeichnung „longtermism“ wurde erst 2017 geprägt. Oft wird das Grundargument für Longtermism auf folgende drei Sätze heruntergebrochen: Menschen in der Zukunft sind moralisch genauso viel wert wie heute lebende Menschen. Es kann gut sein, dass in der Zukunft mehr Menschen leben werden, als in der Gegenwart und Vergangenheit zusammen (siehe Grafik). Und, wir können die Leben dieser Menschen positiv beeinflussen. Diese Gedanken legen für Vertreter des Longtermism nahe, dass das Überleben und das Wohl der Menschheit moralisch sehr wichtig sind und beispielsweise durch Gesetzgebung berücksichtigt werden solle.mini|Die potenzielle Anzahl zukünftiger MenschenEin Gedankenexperiment aus dem Jahr 1984, auf das sich longtermistische Autoren beziehen, stammt von Derek Parfit. Er vergleicht drei Zustände: 1. Frieden, 2. einen Atomkrieg, der 99 % der Weltbevölkerung tötet und 3. einen, der 100 % der Menschheit tötet. Obwohl zwischen den zwei Kriegsszenarien nur 1 % Unterschied besteht, argumentiert Parfit, in einer Bewertung der Zustände stünde Szenario 2 näher an Szenario 1 als an Szenario 3. Der Grund ist, dass sich die Menschheit langfristig erholen kann, wenn 1 % überlebt. Szenario 3 dagegen bedeutet die Auslöschung der Menschheit, ein finaler Zustand. Die Auslöschung ist für Longtermisten daher das Worst-case-Szenario, weshalb die erste Priorität des Longtermism auf der Verringerung existenzieller Risiken liegt, also auf der Verhinderung von Ereignissen, die zur Auslöschung führen könnten.

Erweiterte Definition Der Philosoph William MacAskill definiert Longtermism in seinem Buch Was Wir der Zukunft schulden als „die Sichtweise, nach der es eine moralische Priorität unserer Zeit ist, die langfristige Zukunft positiv zu beeinflussen.“ Diese Haltung grenzt er von starkem Longtermism ab, der „Sichtweise, nach der es die moralische Priorität unserer Zeit ist, die langfristige Zukunft positiv zu beeinflussen.“

In seinem Buch The Precipice: Existencial Risk and the Future of Humanity beschreibt der Philosoph Toby Ord Longtermismus folgendermaßen: „Longtermism… beschäftigt sich insbesondere mit der Wirkung unserer Handlungen auf die langfristige Zukunft. Es nimmt die Tatsache ernst, dass unsere Generation nur eine Seite in einer viel längeren Geschichte ist, und dass unsere wichtigste Rolle womöglich darin besteht, zu entscheiden, wie wir diese Geschichte mitgestalten wollen. Am Schutz des Menschheitspotentials zu arbeiten ist eine Möglichkeit, eine bleibende, positive Wirkung in dieser Rolle zu erzielen und es mag noch weitere geben.“ Zudem merkt Ord an, dass „Longtermism von einer moralischen Reorientierung getrieben ist, hin zu der gewaltigen Zukunft, die existentielle Risiken zu beenden drohen, noch bevor sie begonnen hat.“ In seinem Buch stellt Ord auch einige Wahrscheinlichkeitsschätzungen für die Möglichkeit existenzieller Katastrophen an.

Implikationen für ethisches Handeln Forscher, die sich mit Longtermism beschäftigen, denken, dass wir die langfristige Zukunft auf zwei Arten verbessern können: „indem wir existenzielle Katastrophen verhindern und somit das Überleben der Zivilisation sicherstellen; oder indem wir die historische Laufbahn der Zivilisation so lenken, dass wir sie verbessern, solange sie besteht. Allgemein erhöht die Sicherung des Überlebens die Quantität zukünftigen Lebens; Verbesserungen der Laufbahn erhöhen die Qualität.“

Existenzielle Risiken Ein existenzielles Risiko ist „ein Risiko, welches das langfristige Potenzial der Menschheit bedroht“, was Risiken beinhaltet, die die Menschheit auszulöschen drohen, sowie solche, die den permanenten Kollaps der Zivilisation bedeuten könnten. Beispiele für solche Risiken stellen Nuklearkriege und natürliche oder erzeugte Pandemien dar, sowie der Klimawandel, eine stabile totalitäre Weltregierung und aufkommende Technologien wie KI auf übermenschlichem Intelligenzniveau und Nanotechnologie. Jedes dieser Risiken zu reduzieren kann die Zukunft langfristig durch die dadurch verursachte Mehrung (und/oder Verbesserung) zukünftiger Leben verbessern. Weil aber etwa der Klimawandel nie die gesamte Menschheit bedrohe, gelten Longtermisten andere Szenarien wie manipulierte Viren als deutlich gefährlicher.

Befürworter des Longtermismus haben angemerkt, dass die Menschheit derzeit weniger als 0,001 % des globalen BIP für longtermistische Zwecke ausgibt (also Handlungen, die explizit die langfristige Zukunft der Menschheit verbessern sollen). Das ist weniger als 5 % der Geldmenge, die jährlich in den USA für Eiscreme ausgegeben wird, was Toby Ord zu der Aussage führt, die Menschheit solle „erstmal damit beginnen, mehr Geld für den Schutz der Zukunft auszugeben als für Eiscreme, um dann zu entscheiden, wie es von diesem Startpunkt weitergeht.“ Peter Singer, der dem Longtermism prinzipiell positiv gegenübersteht, hat einen zu starken Fokus auf existenzielle Risiken kritisiert:

Änderungen der Laufbahn Existenzielle Risiken sind Extrembeispiele für das, was Forscher als „Änderung der Laufbahn“ bezeichnen. Abgesehen von der Risikominderung könnte es aber auch andere Wege geben, um den Werdegang der Zukunft positiv zu beeinflussen. Der Ökonom Tyler Cowen argumentiert, es sei eine moralische Priorität, das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen, da zukünftige Generationen dadurch wohlhabender sein werden. Abgesehen von dem unsicheren Einfluss von BIP-Wachstum auf das Wohlergehen der Bevölkerung, sprechen dagegen aber die Risiken zu schneller Technologieentwicklung bei beschleunigtem Wachstum sowie die Tatsache, dass Wirtschaftswachstum in der Praxis begrenzt ist (MacAskill errechnet, dass die Weltwirtschaft bei einem kontinuierlichen Wachstum von jährlich 2 % in 10.000 Jahren hundert Billionen Billionen Billionen Billionen Billionen Billionen Mal größer sein müsste, was absurd scheint). Andere Forscher setzen auf die Verbesserung nationaler Institutionen und internationaler Politik, um positive Veränderungen der Laufbahn zu erzielen.

Ein weiterer Weg, positive Laufbahnänderungen herbeizuführen, ist die Verbesserung gesellschaftlicher Werte. MacAskill warnt, die Menschheit solle nicht erwarten, dass eine positive Entwicklung gesellschaftlicher Werte gegeben sei. So denken etwa inzwischen die meisten Historiker, dass die Abschaffung der Sklaverei nicht moralisch oder ökonomisch unvermeidbar war. Christopher Leslie Brown stellt in seinem Buch Moral Capital fest, die Sklaverei sei tatsächlich durch eine moralische Revolution inakzeptabel geworden, zu einer Zeit, in der sie anderweitig noch sehr profitabel war. MacAskill stuft die Abschaffung als Wendepunkt der Menschheitsgeschichte ein, nach welchem die Rückkehr der Praktik unwahrscheinlich sei. Daher könnte die positive Beeinflussung gesellschaftlicher Werte ein Weg sein, über den die heutigen Generationen die langfristige Zukunft positiv beeinflussen können.

Leben an einem entscheidenden Zeitpunkt Longtermisten argumentieren, dass wir uns an einem entscheidenden Moment der Menschheitsgeschichte befänden. Toby Ord stellt die Beobachtung auf, dass technologischer Fortschritt der Menschheit zum ersten Mal die Möglichkeit biete, sich durch unweise Entscheidungen (z. B. Atomkrieg) zu vernichten, während der Fortschritt gesellschaftlicher Werte und Institutionen noch nicht weit genug sei, um sicherzustellen, dass dies nicht geschieht. Zudem schrieb Derek Parfit, wir befänden uns „am Dreh- und Angelpunkt der Geschichte“ und William MacAskill erklärt, dass „das langfristige Schicksal der Welt teilweise davon abhängt, welche Entscheidungen wir zu unseren Lebzeiten treffen,“ da „die Gesellschaft sich noch in keinem Gleichgewichtszustand befindet [bezogen auf gesellschaftliche Werte], sodass wir imstande sind zu beeinflussen, welcher Gleichgewichtszustand sich letztlich einstellt.“

Für den Großteil menschlicher Geschichte war unklar, wie die langfristige Zukunft zu beeinflussen sei. Zwei relativ neue Entwicklungen haben das jedoch geändert. Technologische Entwicklungen, wie Atombomben, haben der Menschheit zum ersten Mal die Möglichkeit gegeben, sich selbst auszulöschen, was eine Wirkung auf die langfristige Zukunft hätte, indem die Existenz zukünftiger Generationen verhindert würde. Zugleich haben Fortschritte in den Natur- und Gesellschaftswissenschaften der Menschheit vermeintlich die Möglichkeit gegeben, zumindest manche langfristigen Effekte heutiger Handlungen vorauszusagen.

MacAskill merkt zudem an, dass unsere Zeit insofern ungewöhnlich sei, als „wir in einer Ära leben, die von außergewöhnlich viel Wandel gekennzeichnet ist“ – sowohl relativ zur Vergangenheit (als der ökonomische und technologische Fortschritt sehr langsam gewesen seien), als auch relativ zur Zukunft (da derzeitiges Wachstum nicht lange anhalten könne, bevor physische Grenzen erreicht seien).

Theoretische Überlegungen

Moraltheorie Die Grundidee des Longtermism lässt sich im Rahmen diverser ethischer Traditionen und Theorieschulen begründen. Da der Longtermism ideengeschichtlich aus dem effektiven Altruismus hervorgegangen ist, der auf dem Utilitarismus basiert, blieb diese Position für die anfänglichen Vertreter des Longtermism prägend. Vom Utilitarismus ausgehend lässt sich zur Position des Longtermism vorstoßen, wenn man das Prinzip des größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Anzahl an Menschen auch auf zukünftige Menschen ausdehnt.

Allerdings können auch nicht-konsequentialistische Theorien longtermistische Überlegungen inspirieren. So stellt etwa Toby Ord Überlegungen über die Verantwortung an, die heutige Generationen gegenüber zukünftigen haben und macht diese an der Arbeit fest, die Generationen in der Vergangenheit für uns geleistet haben. Er schreibt: Die Natur von zeitlichen Abläufen macht es so viel einfacher, denen zu helfen, die nach uns kommen, gegenüber jenen, die vor uns kamen. Daher versteht man die Partnerschaft zwischen Generationen am besten als asymmetrisch, wobei Pflichten im Strom der Zeit vorwärts fließen und von jeder Generation “nach vorne” erfüllt werden. Wenn man es so betrachtet, sind unsere Pflichten bezüglich zukünftiger Generationen in der Arbeit verankert, die unsere Vorfahren für uns geleistet haben, als wir noch zukünftige Generationen waren.