Paul Stefan Aigner (* 23. Mai 1905 in Wien; † 19. Oktober 1984 in Chieming, Bayern) war ein österreichischer Werbegrafiker, Porträtzeichner und Aktkunstmaler. Er ist auch unter dem Künstlernamen „Prof. Paul Aigner“ bekannt und gilt als wichtiger Vertreter des deutsch-österreichischen Gebrauchsgrafikdesign der 1940er und 1950er Jahre. Sein Adenauer-Porträt aus dem Jahr 1957 ist das Hauptmotiv des bekannten Wahlplakats mit dem Slogan „Keine Experimente!“ alternativtext=Bilderrahmen aus Holz mit einer Plakette, auf der Professor Paul Aigner steht|mini|Prof. Paul Aigner Plakette am Rahmen eines Porträt

Leben Werdegang Paul Stefan Aigner wuchs als unehelich geborener Sohn einer 25-jährigen Arbeiterin in ärmlichen Verhältnissen in Wien auf. Sein Vater wurde in der Geburtsurkunde nicht erwähnt. Aigner brachte sich in seiner Kindheit und Jugend das Zeichnen autodidaktisch bei und scheiterte zunächst mit seinen Aufnahmegesuchen an verschiedenen österreichischen Kunstschulen, bevor er sich auf Werbegrafiken in Österreich und Deutschland spezialisierte., S. 18–21. Er zog in den 1950er Jahren nach Bayern und zeichnete ab den 1960er Jahren Landschaftsbilder, Auftragsporträts und erotische Kunst. Er verstarb nach schwerer Krankheit im Alter von 79 Jahren und wurde in seiner Wahlheimat Chieming am Chiemsee bestattet. Der Grafiker Alfred Proksch verfasste seinen Nachruf., S. 20.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit Aigner entwarf in den 1930er und 1940er Jahren Werbeplakate für die Filmindustrie in Österreich und Deutschland. Er betrachtete sich als unpolitisch und weigerte sich, den vorherrschenden nationalsozialistischen Künstlerverbänden und der NSDAP beizutreten., S. 22f. Er stieß deshalb auf Ablehnung und verlor viele Aufträge. Trotzdem kam er regelmäßig bei Ausschreibungen in die engere Auswahl, erhielt dadurch Bekanntheit und neue Aufträge., S. 25.

Aigner wurde zum Krieg eingezogen und diente als Obergefreiter an der Ostfront, wo er im Juli 1944 das Verwundetenabzeichen erhielt, bevor er in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet. Dort fertigte er Porträts für sowjetische Offiziere an und erhielt dafür zusätzliche Verpflegung, die er mit seinen Mitgefangenen teilte., S. 28. Er wurde 1947 nach Österreich entlassen und war zunächst für die Werbung der sich im Wiederaufbau befindenden Tourismusindustrie Österreichs tätig. Für Buchverlage machte er Buchillustrationen und -umschläge, u. a. für den Globus-Verlag Wien und den Schönbrunn-Verlag.

Bei Ausschreibungen wurden Aigners Werke oft von der jeweiligen Fachjury abgelehnt, während das Publikum seine Werke bevorzugte. Ihm wurde ein „amerikanisch-naturalistischer Stilwandel“ zugeschrieben, der sich von der bis dahin in Österreich und Deutschland üblichen Gestaltungsweise abhob. Viele seiner Plakate wurden gerade deshalb international beliebt., S. 31f.

1948 und 1949 war Aigner Präsident des Berufsverbands Designaustria. Dem ältesten Verband für Grafikdesign Österreichs.

Weitere Karriere Während der 1950er Jahre hatte Aigner viele Aufträge aus der Werbebranche. Außerdem zeichnete er bis in die 1960er Jahre erotische Illustrationen für Heftromane und für die Jugend-Zeitschrift Bravo. Er entwarf auch wiederholt Werbematerial für deutsche und österreichische politische Parteien., S. 44, 48. In diesem Zusammenhang porträtierte für die Wahlkampagne der CDU zur Bundestagswahl 1957 führende CDU-Politiker. Sein berühmtestes Porträt aus dieser Serie ist ein Bildnis von Bundeskanzler Konrad Adenauer, das auf der Grundlage eines fünf Jahre alten Fotos der amerikanischen Fotografin Katherine Young (1906–1993) entstand., S. 50. Das Bild war, verbunden mit dem Slogan „Keine Experimente!“, auf einem der bekanntesten westdeutschen Wahlplakate der Nachkriegszeit zu sehen und wird in der kollektiven Erinnerung mit dem überwältigenden Wahlsieg Adenauers bei dieser Wahl assoziiert., S. 18. In derselben Serie erschienen zahlreiche weitere Porträts von Unionspolitikern, die im selben Stil gehalten sind, von denen sich aber nur neun mit Sicherheit Aigner zuordnen lassen: Theodor Oberländer, Karl Arnold, Heinrich Lübke, Kai-Uwe von Hassel, Ernst Lemmer, Fritz Schäffer, Anton Storch und Franz-Josef Wuermeling. Von den übrigen Porträts, etwa von Kurt Georg Kiesinger oder Franz Josef Strauß, könnten einige weitere ebenfalls von Aigner stammen, viele sind aber wohl Nachahmerarbeiten., S. 55f.

mini|Wahlplakat mit Konrad Adenauer Ab den 1960er Jahren stellte die Werbeindustrie ihr Bildmaterial auf die kostengünstigere Fotografie um, und Aigner erhielt weniger Aufträge. Er experimentierte mit verschiedenen Kunstformen und Werkstoffen, wechselte zur Ölmalerei und malte bis zu seinem Tod Landschaftsbilder, Auftragsporträts und Akte., S. 59f.

Werk und Kritik Aigners Werke erstrecken sich über mehrere Kunstformen. Ein Konvolut aus seinem Nachlass befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek. Seine früheste erhaltene Arbeit ist ein Kinoplakat von 1931 für den deutschen Film Weekend im Paradies.

Aigners Werbegrafiken sprechen Sammler von Plakatkunst an und erreichten 2023 Auktionspreise über 650 Euro. Die Aktdarstellung „Weibliche Schönheit“ (1977) ist in einer Auflage von 500 Stück als Offset-Lithographie erschienen, existiert mit 5 bekannten Exemplaren auch als Cyan-Farbauszug (1005 × 515 mm) und wurde 2023 in dieser einfarbigen Variante für etwa 1100 Euro versteigert. Aigners Personen- und Landschaftsporträts in Ölfarben befinden sich vorwiegend in Privatbesitz und erzielen Liebhaberpreise., S. 60.

Im Bezug auf seine Darstellung von Frauen in Werbegrafiken und Aktzeichnungen wurde Aigner überzogene Sexualisierung und „schwülstige Erotik“ vorgeworfen. Sein für jene Zeit zu freizügiges Werbeplakat für Damenstrumpfhosen der Marke Amazone wurde 1951 vom Wiener Jugendamt wegen „unzüchtiger Veröffentlichung“ und für „den Schutz der Jugend gegen sittliche Gefährdung“ verboten., S. 46f.

Literatur

Weblinks

Aigner-Sammlung der Wienbibliothek (ca. 150 Werke, über Suchfunktion auffindbar)

Einzelnachweise

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