mini|Die segnende Hand von Stepan Rjabtschenko in der Saatchi Gallery mini|Lichtkunst im Zusammenspiel mit der Architektur im Wissenschaftspark Rheinelbe in Gelsenkirchen mit Lichtkunst von Dan Flavin (November 2004) mini|hochkant|Plakat zu Loïe Fullers Tanz im Folies Bergère mini|hochkant|Leuchtende Fibonacci-Zahlen am Kamin der Lindenbrauerei Unna von Mario Merz (März 2007) mini|Grubenlampe von Otto Piene: Nachts zusammen mit der Beleuchtung der Halde Rheinpreußen eine Lichtkunst mini|Wasserfall unter der Brooklyn Bridge New York von Ólafur Elíasson (Juni 2008) mini|hochkant|Lightsculpture Brainwave von Jan van Munster (2002) mini|Projekt Brandgrens Rotterdam von Adriaan Geuze (2007) Die Lichtkunst ist neben Malerei, Plastik oder der Fotografie eine eigenständige Kunstgattung, die in den übergeordneten Kategorien „Skulptur“ und „Kunstinstallation“ zu finden ist. Zeitgenössische Lichtkünstler arbeiten vor allem mit künstlichem Licht als Lichtquelle. Von Lichtkunst kann nur dann gesprochen werden, wenn der Einsatz von Lichtquellen ästhetischen Zwecken dient. Das trifft in aller Regel nicht auf Installationen zu, deren Zweck es lediglich ist, Gegenstände im Dunklen durch Beleuchtung sichtbar zu machen, oder die einen profanen Zeichencharakter haben (wie die Farblichter in Verkehrsampeln), auch nicht auf kommerzielle Leuchtreklame, die nicht den Rahmen konventionellen Designs sprengt. Die meisten Werke der Lichtkunst benötigen zur Entfaltung ihrer vollen Wirksamkeit die weitgehende Abwesenheit von natürlichem (Tages-)Licht und von konkurrierenden künstlichen Lichtquellen.

Hauptwerke der Lichtkunst Zu den Hauptwerken der Lichtkunst zählen der von Lázló Moholy-Nagy geschaffene Licht-Raum-Modulator (1920–1930) und die Diagonale vom 25. Mai (1963), eine Lichtleiste mit einer gelben Leuchtstoffröhre des Amerikaners Dan Flavin. Zu den jüngeren Vertretern dieser Kunstrichtung werden mit ihren Werkgruppen Ólafur Elíasson, Siegfried Kärcher, Brigitte Kowanz, Mischa Kuball und Christina Kubisch gerechnet.

Arten der Lichtkunst im Wandel der Zeiten Im weitesten Sinne des Begriffs waren bereits diejenigen Menschen, die gezielt Lichteffekte zu ästhetischen Zwecken einsetzten, „Lichtkünstler“. Solche Effekte konnte man etwa mit Hilfe von Feuer, Kerzenlicht oder Schwarzpulver (siehe Feuerwerk), aber auch dadurch erzielen, dass man das Tageslicht durch die Gestaltung von Fenstern einfärbte.

In einer engeren Bedeutung des Begriffs kann man von Lichtkunst erst seit dem 19. Jahrhundert sprechen, da seit dieser Zeit die Möglichkeit besteht, fortgeschrittene Beleuchtungstechniken zu künstlerischen Zwecken einzusetzen.

Illuminierter Tanz 1892 debütierte die amerikanische Tänzerin Loïe Fuller in den Pariser Folies Bergère als lebendige Lichtskulptur mit einem Tanz, der die industrielle Revolution als ästhetisches Ereignis zu feiern schien. Eingehüllt in einem überdimensionierten weißen Umhang aus Crêpe de Chine, den Bewegungsradius der Arme mit Aluminiumstäben in den Stoff verlängert und vom scharfen Strahl einer im Bühnenboden eingelassenen Lichtbogenlampe beschienen, zeigte sich dem Publikum eine Szenographie aus fließenden und wirbelnden Stoffbahnen, ein sich transformierendes Gebilde aus Licht.

„Je sculpte de la lumière“ – „Ich forme Licht“, überschrieb die Tänzerin programmatisch ihr Schaffen und unterstrich damit die Forderung nach einer abstrakten Kunst, die weniger als unmittelbarer Ausdruck gesellschaftlicher Realität entsteht, sondern vielmehr als Behauptung einer ästhetischen Gegenwelt.

Licht als künstlerisches Signal Lázló Moholy-Nagy fasste 1928 die Erfahrungen mit einer sich entwickelnden Fotografie zusammen, mit der das Licht erstmals als ein Medium wahrgenommen wurde: Doch ging es dem gebürtigen Ungarn und ab 1923 am Dessauer Bauhaus tätigen Künstler weniger um die Fotografie als Medium, als vielmehr um ein „Neues Sehen“, um eine Kunst, die aus der Maschine kommt.

Treibendes Element war für Moholy-Nagy die Forderung nach einer technischen Kunst, einer Maschinenkunst auf der Höhe der gesellschaftlichen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Moholy-Nagy entwickelte seit 1920 einen Licht-Raum-Modulator, den er aber erst 1930 auf der Ausstellung des Deutschen Werkbundes in Paris zeigte. Das Modell besteht aus einem kubischen Kasten mit einer kreisrunden Öffnung (Bühnenöffnung) auf der Vorderseite. Um die Öffnung herum, auf der Rückseite der Platte, sind eine Anzahl gelb-, grün-, blau-, rot- und weißfarbiger elektrischer Glühlampen montiert. Innerhalb des Kastens, parallel zu der Vorderseite, befindet sich eine zweite Platte mit kreisrunder Öffnung, die ebenfalls verschiedenfarbige elektrische Glühlampen aufweist. Einzelne Glühlampen leuchten aufgrund eines vorbestimmten Planes an verschiedenen Stellen auf. Sie beleuchten einen sich kontinuierlich bewegenden Mechanismus, der teils aus durchsichtigen, teils aus durchbrochenen Materialien aufgebaut ist, um möglichst lineare Schatten- und Farbprojektionen auf den Wänden eines verdunkelten Raumes zu erzielen.

Faschistische Inszenierungen Zerstörerisch auf die Experimente Moholy-Nagys und damit auch auf die Visionen und Utopien der künstlerischen Avantgarde wirkten sich die politischen Veränderungen im nationalsozialistischen Deutschland aus. Die auch bei Moholy-Nagy aufscheinende kultische Dimension des Lichts wurde von Nationalsozialisten als politisches Instrument missbraucht. Mit dem Einsatz von Flakscheinwerfern zu den Propaganda-Aufmärschen der Nationalsozialisten in Nürnberg, Berlin und anderen deutschen Städten bewies Albert Speer nicht nur seinen Hang zum Pathetischen, sondern verstand sich zugleich als Hohepriester des kalkulierten Einsatzes von Licht und dessen emphatischer Wirkung auf die Massen. Ihr monumentales Scheinen verkehrte spätestens 1939 aus der Sicht von Anti-Faschisten eine der ältesten Menschheitsvorstellungen in ihr Gegenteil, nämlich jene, der zufolge Licht Erlösung bringe.

Programmierte Lichtspiele In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand die radikale Konkretisierung des Lichts auf der Tagesordnung. Auf diese Weise wurde versucht, in einem zweiten Anlauf an Moholy-Nagys Bauhaus-Experimente anzuknüpfen und das künstliche Licht als künstlerisches Material wiederzuentdecken.

Schon seit 1948 entwickelte in Paris der Künstler Nicolas Schöffer, ebenfalls ein Ungar, der wie Moholy-Nagy der Utopie einer totalen urbanen Ästhetisierung anhing, raum-dynamische Lichtarchitekturen. Ziel seiner Tätigkeit war eine kybernetische Stadt, eine Stadt, die auf Tageszeiten, Temperaturen und Wetter mit Licht und Bewegung reagiert. Diese weitgehend ungebrochene, zukunftsorientierte und technikeuphorische Dimension bestimmte auch die Arbeiten der Düsseldorfer Künstlergruppe ZERO, zu der u. a. Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker gehörten.

Piene, der effizienteste Organisator und enthusiastische Theoretiker dieser Gruppe, entwickelte zuerst mit Handlampen, dann zunehmend mit mechanischen, elektrisch programmierten Gebilden wahre Lichtballette und Lichtspiele.

2019 schuf der Frankfurter Medienkünstler Siegfried Kärcher eine drei Monate dauernde Lichtinstallation in einem Haus der neuen Künstlerkolonie Darmstadt auf der Rosenhöhe. Die Installation griff in Echtzeit mittels Sensoren und Internet auf Umwelt- und Verkehrsdaten der Stadt Darmstadt zu und wandelte diese in Licht und Laserstrahlen sowie Projektionen auf der Außenfassade des Gebäudes um.

Leuchtröhrenkunst mini|hochkant|links|Lichtinstallation auf der Treppe des Palazzo dell’Arte, 13° Triennale in Mailand; Foto von Paolo Monti, 1964 Zur selben Zeit fand sich in den Arbeiten amerikanischer Künstler die Tendenz zur Konzentration auf das 'reine' Licht und seine Ausbreitung im Raum. 1963 entstand die erste Ikone, mit der der Amerikaner Dan Flavin sein gesamtes Werk bis heute begründet: Die Diagonale vom 25. Mai, ein genormtes Industrieprodukt, eine Lichtleiste mit einer gelben Leuchtstoffröhre.

Im Unterschied zur traditionellen Plastik und Skulptur, die von außen mit Licht modelliert wird, dringt bei Flavin das Licht umgekehrt von innen nach außen. Ziel des Lichts ist kein Körper, sondern der Raum. Nach stilllebenhaften Einzelinstallationen entwickelte Flavin rasch ein Repertoire von Lichtbarrieren und Lichtkorridoren und wurde damit zum Pionier für einen Großteil der in seiner Nachfolge arbeitenden Künstler, denen es um die Diffusion des Lichts im Raum geht. Seine ausschließlich industriell genormten Lichtröhren ordnen sich keinem wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Zweck unter, sondern den Gesetzen des Raumes. Wände, Decke und Boden sind ihre Träger, die Architektur ist der Dialogpartner.

Entsubjektivierte Profanität einerseits und geistig aufscheinende Sinnlichkeit kennzeichnen das Werk eines anderen amerikanischen Künstlers: James Turrell. Turrell präsentiert das Licht in seiner physischen Faktizität, in seiner metaphysischen Wirkung. Turrell ist ein Künstler, der dimensions- und grenzenlos wirkende Lichträume schafft.

Gemeinsam mit den Arbeiten von Dan Flavin, aber auch Robert Irwin oder Douglas Wheeler aus der Zeit um 1970 ist den Lichtinstallationen von James Turrell ihre Selbstreferentialität, die Untersuchung von Licht als Material mit dessen physikalisch-optischen Eigenschaften und dessen zeit-räumlich gebundener Wirkung auf den Betrachter.

Dieses Aufzeigen von optischen Grenzphänomenen ist von einer ganzen Reihe von Künstlern mit unterschiedlichen individuellen Handschriften parallel erprobt und bis in unsere Zeit auch im öffentlichen Raum fortgeführt worden. Immer gibt es einen Wechsel zwischen der demonstrativen Vorführung der Leuchtstoffröhren und der sphärischen Immaterialität eines indirekt erzeugten Lichtes; zwischen architekturbezogener Akzentuierung durch leuchtende Linien und deren Entmaterialisierung zu einem nicht fassbarem Lichtraum.

Neben der abstrakten Lichtkunst hat sich aber fast gleichzeitig eine zweite Tradition des Umgangs mit Licht als künstlerischem Medium herausgebildet. Sie hat ihre Wurzeln in der Lichtreklame. War es im Jahr 1879 die Entwicklung der kommerziellen Glühlampe, in deren Folge die Städte mit leuchtender Werbung überzogen wurden, so trat an dessen Stelle ab 1912 das Neonreklamezeichen, die „living flame“, wie man die Neonröhre in Amerika nennt und die nun massenhaft für das Nachzeichnen symbolhafter Werbeembleme oder Schriftzüge eingesetzt wird.

Während diese Mode zu Beginn der 1970er Jahre einen Einbruch erlitt, entdeckten Künstler im Rahmen ihrer ganz unterschiedlichen künstlerischen Konzepte die dünne, formbare Leuchtröhre als ideales Ausgangsmaterial, um mit ihr Lichtgebilde aus einzelnen Worten, Sätzen oder ganzen Bilder zu schaffen. Stehen für ersteres François Morellet, Keith Sonnier und Maurizio Nannucci, so zeichnen für die weniger abstrakte Verwendung der Leuchtröhre Joseph Kosuth, Mario Merz und Bruce Nauman.

1968 fragte Mario Merz in blauer Leuchtschrift, was zu tun sei: „Che fare?“ Später arrangierte er aus ebendiesem Leuchtmittel in zahlreichen Varianten eine Zahlenfolge zur Errechnung von Spiralen des mittelalterlichen, italienischen Mathematikers und Philosophen Fibonacci zur Verbildlichung einer prozessualen Ordnung von natürlicher und geistiger Energie.

Dass die Faszinationskraft, die von den bunten Leuchtröhren ausgeht, für die künstlerische Arbeit gefährlich sein kann, ist zugleich Thema der Kunstkritik in dieser Zeit. Immer wieder wird daher darauf verwiesen, dass die Integration dieser Materialien in den künstlerischen Prozess nur dann gelingt, solange die Faszination des Materials den ästhetischen Diskurs nicht in den Hintergrund rückt, solange der leuchtende Farbkörper durch ein überzeugendes künstlerisches Konzept legitimiert wird und nicht zum dekorativen Selbstzweck verkommt. Ein neueres Beispiel für umstrittene Leuchtröhrenkunst ist das Denkmal für Georg Elser in München, Silke Wagners Werk „8. November 1939“.

Siehe auch: Museum of Neon Art, Ikonographie