mini|Nikolaikirche
Die Nikolaikirche ist das älteste intakte Kirchengebäude in der historischen Mitte von Berlin und steht seit den 1980er Jahren unter Denkmalschutz. Die im Jahr 1938 entwidmete Kirche ist ein seit den späten 1990er Jahren zur Stiftung Stadtmuseum Berlin gehörendes Museum, in dem auch regelmäßig Konzerte stattfinden.
Lage Das Gotteshaus befindet sich im Ortsteil Mitte des gleichnamigen Bezirks im Nikolaiviertel zwischen Spandauer Straße, Rathausstraße, Spree und Mühlendamm. In dem früheren Berliner Siedlungskern bilden die Propststraße (westlich) und die Poststraße (südlich) die unmittelbaren Grenzen des Kirchengeländes.
Die Hauptachse ist nicht vollständig geostet, sondern weicht um rund fünf Grad nach Nordwesten ab. Auf der nördlichen Seite schließt sich der historische Kirchhof unmittelbar an das Bauwerk an. Nordöstlich und südöstlich verläuft der Verkehrsweg Nikolaikirchplatz, am nordwestlichen Zipfel stößt die Straße Zum Nussbaum auf das Kirchengelände.
Baugeschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts 13.–15. Jahrhundert Die heutige Nikolaikirche geht auf mindestens zwei Vorgängerbauten zurück. Der erste entstand ab etwa 1230 und entsprach dem regionalen Typus einer spätromanischen, 40 Meter langen, dreischiffigen, flachgedeckten Pfeilerbasilika aus Feldstein mit sechs Achsen, Querschiff und drei Ostapsiden. Ihr erhaltener Westbau entstand um 1230 und trägt bereits frühgotische Züge; das Westportal ist spitzbogig.Ernst Badstübner: Die Nikolaikirche in Berlin. Leipzig 1991.Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Berlin. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2000, S. 41 ff. mini|Feldsteinen gemauerten Untergeschosse des Doppelturms (Querhaus) Der Name der Kirche und der zugehörigen Kirchgemeinde geht auf den heiligen Nikolaus von Myra zurück. Das Nikolaipatrozinium deutet darauf hin, dass sie die Kirche einer Kaufmannssiedlung war. Als ältestes Bauwerk Berlins bildete sie mit dem Molkenmarkt den Kern der im Aufbau befindlichen Handelsstadt Berlin, während auf der gegenüberliegenden Spreeseite die Siedlung Kölln um die Petrikirche heranwuchs.
Noch vor dem Ende des 13. Jahrhunderts (um 1270) wurde zunächst das Langhaus der Feldsteinbasilika abgebrochen und durch eine dreischiffige frühgotische Backsteinhalle umgewandelt.Ernst Badstübner: Die Nikolaikirche in Berlin. Leipzig 1991, S. 4. Bereits vor 1379 wurde damit begonnen, die spätromanische Choranlage des Ursprungsbaus durch einen deutlich erweiterten Hallenumgangschor zu ersetzen. Die Einwölbung dieses ambitionierten Chorbaus datieren Bauhistoriker spätestens auf das frühe 15. Jahrhundert. Der Grundriss des Chores mit dem Chorumgang orientiert sich an dem in den 1360er Jahren entstandenen Vorbild, der Spandauer Nikolaikirche – die wiederum auf St. Sebald in Nürnberg zurückging –, doch war die Wandgestaltung deutlich reichhaltiger und perfektionierte in Vielem den Vorgängerbau.Ernst Badstübner: Berlin und Königsberg in der Neumark. Stationen des Heinrich Brunsberg? In: Ernst Badstübner, Dirk Schumann (Hrsg.): Hallenumgangschöre in der Mark Brandenburg. Berlin 2000.Dirk Schumann: Zur mittelalterlichen Baugeschichte der Berliner Nikolaikirche. In: Tobias Kunz, Dirk Schumann (Hrsg.): Werk und Rezeption. Berlin 2011.Zum Vorbild Spandau:
Nach dem Stadtbrand von 1380 fand bis um 1470 ein umfassender Neubau als spätgotische Hallenkirche statt, unter Beibehaltung des Westbaus. Die daneben im Jahr 1452 etwas zurückgesetzt nach einer Stiftung angebaute zweigeschossige Liebfrauenkapelle besteht aus roten Backsteinen mit einem Staffelgiebel. Das fünfjochige Langhaus erhielt einen neuartigen Hallenumgangschor. Zeitgleich erhielt das sakrale Bauwerk die Chornordkapelle für die Sakristei und die Kirchenbibliothek.Marcus Cante et al.: Berlin und seine Bauten. Band 6: Sakralbauten. Berlin 1997, S. 332 und 345 f.
Planungen für ein neues, den Dimensionen des Umgangschors angepasstes Hallenlanghaus wurden erst ab etwa 1460 umgesetzt.Albrecht Henkys: Die Berliner Nikolaikirche. Gotteshaus – Denkmal – Museum. Verlag M, Berlin 2010, S. 23. 1460 erklärte Bischof Dietrich IV., dass „jenen, die innerhalb eines Jahres zum Bau an der offenbar einsturzgefährdeten Kirche St. Nikolai beitrügen, ein 40-tägiger Ablass gewährt werde“.Mario Müller: Dietrich von Stechow, Bischof von Brandenburg 1459–1472. Regesten zur Vita und vom Episkopat. In: Sascha Bütow, Peter Riedel, Uwe Tersp (Hrsg.): Das Mittelalter endet gestern. (Beiträge zur Landes-, Kultur- und Ordensgeschichte. Heinz-Dieter Heimann zum 65. Geburtstag.) Lukas Verlag, ISBN 978-3-86732-188-4. S. 101.
Prägende Elemente der frühgotischen Vorgängerhalle wurden nicht einbezogen. Die zweigeschossige Liebfrauenkapelle an der Südwestecke des neuen Langhauses ist auf etwa 1465 zu datieren und steht in Zusammenhang mit der schon 1452 erfolgten Stiftung einer Marienbruderschaft durch den kurfürstlichen Küchenmeister Ulrich Czewschel.Albrecht Henkys: Die Berliner Nikolaikirche. Gotteshaus – Denkmal – Museum. Verlag M, Berlin 2010, S. 28.
Die roten Backsteine der Kapelle bilden einen deutlichen Kontrast zum Grau des Turms. Um 1470/1480 folgte als letzter mittelalterlicher Bauabschnitt ein ebenfalls zweigeschossiger Sakristei- und Kapellenanbau an der Nordseite des Umgangschors.Dirk Schumann: Zur mittelalterlichen Baugeschichte der Berliner Nikolaikirche. In: Tobias Kunz, Dirk Schumann (Hrsg.): Werk und Rezeption. Berlin 2011.
16.–19. Jahrhundert Bei den historischen Restaurierungen des Kirchenbaus samt Turm im Zeitraum zwischen 1514 und 1734 kamen nach alter Tradition zeitbezogene Dokumente und Gegenstände, darunter Münzen, Medaillen, handgeschriebene Chroniken, biografische Nachrichten, auch Buchdrucke und Grafiken in die Turmkugeln. Nach Sichtung und Anfertigung von Inhaltsverzeichnissen wurden diese regelmäßig wieder zurückgelegt und dann wetterfest verschlossen.
mini|hochkant|Eingang zur Gruft des Hofgoldschmieds Daniel Männlich
Die spätmittelalterliche Bekrönung der Südseite des über alle Bauphasen erhaltenen, querriegelartigen Feldstein-Westbaus mit einem schlanken (nicht mehr erhaltenen) achtseitigen asymmetrischen Spitzhelm kann nicht genauer datiert werden.
Nach der Berliner Reformation von 1539 wurden in den Chor- und Seitenschiffnischen rund 150 Erbbegräbnisse für Berliner Staatsmänner, Gelehrte und wohlhabende Bürger eingelassen. Das Innere der Kirche war zu dieser Zeit mit wertvollen Kunstschätzen ausgestattet. Hervorzuheben sind ein 1563 gegossener Taufkessel,Burkhard Kunkel: Die Kunst der lutherischen Kirchen im 16. Jahrhundert. Medien, Mitteldinge, Monumente – eine Geschichte der materiellen Kultur. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-7861-2848-9, S. 38 und 319. eine 1680 geschnitzte Kanzel sowie der Altar von 1715. Weiterhin existierten Gemälde aus spätgotischer und barocker Zeit.
Zu den wichtigen seit dem 16. Jahrhundert geschaffenen Erbbegräbnissen zählt das von Andreas Schlüter entworfene Grabmal für den Hofgoldschmied Daniel Männlich. Auch der evangelische Theologe Jakob Spener wurde hier feierlich beigesetzt. Bedeutung hatte ebenfalls die 1610 entstandene Grabstätte der Familie von Kötteritzsch im Erdgeschoss der Liebfrauenkapelle.
In die Randkapellen und an der Südseite des Chores wurden mehrere Gruftkapellen eingebaut, in denen namhafte frühere Berliner wie Diestelmeyer, Pufendorf, Kraut(h) (1661–1723) und Schindler ihre letzte Ruhestätte bekamen.
In den Jahren 1876–1878 restaurierte Hermann Blankenstein den Kirchenhauptbau und ließ – wiederum unter Wahrung der frühgotischen Untergeschosse – die heute prägende neugotische Doppelturmspitze aufsetzen.Albrecht Henkys: Die Berliner Nikolaikirche. Gotteshaus – Denkmal – Museum. Verlag M, Berlin 2010, S. 55. Für die Zeit durchaus bemerkenswert ist, dass dieser umfassende Eingriff in die historische Bausubstanz unter den Mitgliedern des Architekten-Vereins zu Berlin heftig diskutiert wurde und damit ein wichtiges Zeugnis über die Entwicklung der Denkmalpflege im Deutschland der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts liefert.Svea Janzen: Die Debatte um den Turmneubau der Berliner Nikolaikirche 1876–1877. In: Anwesenheitsnotiz, 5/2013, S. 71–94, abgerufen am 25. August 2015.
20. Jahrhundert: Säkularisierung, Zerstörung und Wiederaufbau mini|links|hochkant|Ruine nach dem Einsturz im Jahr 1949, aufgenommen 1951
Die nach der Entwidmung im Jahr 1938 vorgesehenen Umbaupläne kamen wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs nicht zur Ausführung. Kurz vor Ende des Krieges, im Jahr 1944 stürzten nach alliierten Luftangriffen Blankensteins Turmspitzen samt der metallenen Turmknöpfe, das Dach und ein Teil der Gewölbe im Chorbereich ein. Der Inhalt der Kugeln konnte geborgen werden und wurde in den Kellerräumen des Stadthauses eingelagert. Danach verlor sich für viele Jahre ihre Spur.
Weitere Schäden richteten bei Kriegsende ein Brand im Inneren und danach jahrelange Witterungseinflüsse sowie Raubzüge von Buntmetalldieben an, etliche Inventarstücke konnten aber gerettet werden., dort auch Angaben zum Verbleib des geborgenen Inventars. In die Marienkirche kamen 16 Gemälde und der romanische Kelch der Nikolaikirche. Weil die stark beschädigte Kirche ohne Notdach geblieben war, stürzten im Jahr 1949 alle Gewölbe mitsamt der nördlichen Pfeilerreihe ein.
Erst seit 1957 schützten Vermauerungen die Epitaphe, andere kamen 1965 in die Ost-Berliner Staatlichen Museen und 1968/1969 in das Märkische Museum. Grabmalskunst aus vier Jahrhunderten. Epitaphien und Grabdenkmäler in der Nikolaikirche zu Berlin. Katalog der Sepulkralplastik. Bearbeitet von Knut Brehm in Zusammenarbeit von Donata Kleber, Hans-Joachim Veigel und Uwe Winkler. Märkisches Museum und Argon Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-87024-270-1.
mini|Kriegsbeschädigte Nikolaikirche zu Beginn der Rekonstruktionsarbeiten, 1982 mini|Nikolaikirche kurz vor Ende der äußeren Rekonstruktionsarbeiten, 1983
Trotz ausländischer Hilfszusagen (u. a. aus Skandinavien) konnte die Evangelische Kirche der DDR nicht die nötigen Mittel für den Wiederaufbau aufbringen. Da auch der Staat sich nicht an einer Finanzierung beteiligen wollte, wurde die Kirchenruine 1969 der Stadt Berlin übereignet. Turmstumpf und Umfassungsmauern der Nikolaikirche standen einige Jahrzehnte nahezu allein auf einer großen abgeräumten Freifläche. Auf den vielfach befürchteten Abriss der Ruine verzichtete die DDR-Regierung endgültig im Jahr 1978 durch die Planung des späteren Nikolaiviertels.Zu den Abrissgefahren und Planungen siehe Benedikt Goebel: Der Umbau Alt-Berlins zum modernen Stadtzentrum. Planungs-, Bau- und Besitzgeschichte des historischen Berliner Stadtkerns im 19. und 20. Jahrhundert, Verlagshaus Braun, Berlin 2003, ISBN 3-935455-31-3, S. 297–303.
Seit 1990 Im Jahr 1990 tauchten die früher in den Turmkugeln verwahrten Zeitdokumente wieder auf, weil ein Bürger diese Teile seiner Erbschaft dem Märkischen Museum zur Begutachtung gebracht hatte. – Nach dem Vergleich mit den Aufzeichnungen zeigte sich, dass 31 Münzen, ein Kupferstich vom Müllroser Kanal und der rote Samtbeutel vom Kurfürsten Friedrich III. fehlten. In letzteren hatte der Herrscher im Jahr 1695 eigenhändig brandenburgische Medaillen eingelegt. Der Besitzer überließ diese Erbschaft gegen die Zahlung einer Entschädigung dem Museum. Im Museum ist auch eine historische eiserne Wetterfahne mit den Jahreszahlen 1561 und 1704 zu sehen.
Umfassende bauliche Sanierung, Neuausrichtung der Ausstellungen, Neue Bestuhlung
Politische und kirchengemeindliche Geschichte Von der Reformation bis zur Wende Im Jahr 1539 trat in der Nikolaikirche der Rat von Berlin und Cölln geschlossen zum Luthertum über.