Widerstand und Friede ist der Titel der Dankesrede, die Ernst Bloch am 15. Oktober 1967 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche hielt. Sie fand im Rahmen der Frankfurter Buchmesse statt. Die Rede erschien 1968 erstmals als Buchbeitrag einer gleichnamigen Aufsatzsammlung und 1970 auf Schallplatte.

Vorredner Vor Bloch sprach zunächst Friedrich Georgi als Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ein Grußwort. Die Laudatio hielt der Rechtswissenschaftler Werner Maihofer, damals Rektor der Universität des Saarlandes und später Bundesminister für besondere Aufgaben sowie des Inneren.Julia Zilles: „Widerstand und Friede“: Eine Analyse der Berichterstattung zu Ernst Blochs Friedenspreisrede. In: Francesca Vidal (Hrsg.): Der Traum des Unbedingten. Bloch-Jahrbuch 2014/15. Königshausen & Neumann, Würzburg 2015, S. 31–55 (hier: S. 31).Arno Münster: Ernst Bloch. Eine politische Biographie. 2. Auflage. CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86393-036-3, S. 359.

Die Rede mini|alt=Hier ist ein großer Saal mit Stühlen abgebildet.|Ort der Rede: Innenraum der Frankfurter Paulskirche (Foto von 1963). Von der Rede existieren eine Ton- und mehrere Textfassungen. Bloch schickte das vorbereitete Redemanuskript am 14. September 1967 an den Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Im Begleitbrief wies er auf eingeklammerte Textstellen hin, die er in der Rede aus Zeitgründen auslassen wollte, aber später gedruckt werden sollten. Er nannte darin eine geplante Rededauer von etwa 35 Minuten, sprach aber tatsächlich 55 Minuten, da er sich stark vom Redemanuskript löste und improvisierte.Ohne Verfasser: „Es lebe die praktische Vernunft!“ Die Verleihung des Friedenspreises 1967 an Ernst Bloch. In: Mitteilungen zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Herbst 2010, S. 13–14 (hier: S. 14).

Erste Abdrucke des ursprünglichen Manuskripts erschienen am 17. Oktober 1967 in der Frankfurter Allgemeinen ZeitungErnst Bloch: Widerstand und Friede. Manuskript der Rede für die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ausgabe vom 17. Oktober 1967.Julia Zilles: „Widerstand und Friede“: Eine Analyse der Berichterstattung zu Ernst Blochs Friedenspreisrede. In: Francesca Vidal (Hrsg.): Der Traum des Unbedingten. Bloch-Jahrbuch 2014/15. Königshausen & Neumann, Würzburg 2015, S. 31–55 (hier: S. 39). und am 27. Oktober 1967 im Börsenblatt.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. In: Börsenblatt. Nr. 86 vom 27. Oktober 1967, S. 2460–2466. Da Bloch jedoch in der gesprochenen Rede deutlich vom Manuskript abwich, wurde sie von der Bandaufnahme rekonstruiert und von Bloch nachträglich redigiert.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 112. In der ersten Buchveröffentlichung von 1968 sind sowohl das ursprüngliche Redemanuskript als auch die redigierte Fassung abgedruckt. Die folgende Zusammenfassung orientiert sich am nachträglich redigierten Text der gesprochenen Rede aus dem Suhrkamp-Verlag.

Inhalt mini|alt=Die Abbildung zeigt einen Regenbogen. Darunter steht aus dem Lateinischen übersetzt: "das Wort des Herrn bleibt ewig" und auf Deutsch: "die ist das Zeichen des ewigen Bundes Gottes".|Regenbogen der Aufständischen im Bauernkrieg: für Bloch Symbol des Kampfes gegen Krieg und Unrecht. Bloch beginnt den inhaltlichen Teil seiner Rede mit der Abgrenzung des Friedens vom Kirchhoffrieden (Immanuel KantAuf den Titel seiner Schrift Zum ewigen Frieden soll Kant ein Wirtshausschild gebracht haben, das einen Kirchhof zeigte. Ironisch interpretiert, ist dauerhafter Frieden demnach am einfachsten vorstellbar, „wenn wir alle dereinst tot sind“. (Jörg Lau: »Ob Krieg seyn solle oder nicht«, in: ZEIT Geschichte, Heft Nr. 1/2024, S. 86–91 (hier: S. 88).)), denn sanft sein heiße nicht gut sein. Dies sei nur im schlechten Sinne friedlich – allzu leicht. Er kritisiert „Schwächlinge“ und „Duckmäuser“, die sich zwar friedlich gäben, aber auf tödliche Art laut werden könnten, wie etwa in der Zeit des Nationalsozialismus. Er spricht von einer latenten Gewalt auf Seite der Herrschenden, die er am Deutschen Bauernkrieg verdeutlicht, in dem die Gewalt einseitig den Armen und Unterdrückten angelastet worden sei. Bereits Thomas Münzer habe hingegen ein „Gewaltrecht des Guten“ gepredigt.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 101.

mini|alt=Jesus im wallenden Gewand, die Peitsche in der Hand, droht einem am Boden liegenden Mann.| Jesus peitscht die Wechsler aus dem Tempel: „kein Friede mit der Herrenklasse“Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 102. (Darstellung von Albrecht Dürer). Bloch unterscheidet daraufhin zwischen Kampf und Krieg. Kampf sieht er zum Großteil gegen Kriegsmittel und Unrecht gerichtet. Feuer und Regenbogen seien seit Amos verbunden. Er spricht weiter von einem Kampffeuer als Hilfe für Mühselige und Beladene, das seit biblischen Zeiten und dem „gar nicht so milde[n]“ Jesus der Tempelreinigung für Widerstand stehe. Zweimal zitiert Bloch aus dem Lukas-Evangelium: „Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer entzünde auf Erden, was wollte ich lieber, es brennte schon“ (Luk. 12, 49).Zitiert nach Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 102 f. Doch auch den „Herren unserer Zeit und unserer Welt von den Kreuzigungen […] bis Vietnam“ müsse erst zur Ruhe verholfen werden.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 103.

Zum kategorialen Unterschied zwischen „Kampf gegen Unrecht“ und „Krieg, den das Unrecht führt,“ zitiert Bloch aus Kants Streit der Fakultäten über die Französische Revolution einerseits und die Kriege Friedrichs II. andererseits. Während Kant in der Begeisterung für Erstere eine moralische Anlage des Menschen sähe, kritisiere er Letztere als Umkehrung des Schöpfungszwecks. Bloch schildert die Differenz von Herren, die Menschen als Werkzeuge ihrer Absichten gegeneinander aufstellten, um sie „schlachten zu lassen“, und der anderen Art der Gewalt, „der des Guten“. Dieser Unterschied sei Kant völlig klar und liege auf der Hand.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 104 f. Die Macht dieser Herren sei nicht nur ein ökonomischer Faktor, sondern stehe unter Umständen sogar gegen das ökonomische Interesse. Zwar hingen Macht und Wirtschaft zusammen, aber es gebe auch eine „Fetischisierung der Macht um ihrer selbst willen“. Mit dieser Macht sei kein psychologischer Trieb gemeint, sondern soziologische Fakten (facts), die etwas, was längst veraltet ist, am Leben erhalten, zum Beispiel „den Zarismus“.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 106.

Bloch fragt nun, was aus dieser Misere herausführt. Zuerst seien institutionelle Nahziele unabdingbar, denn solange die Not nicht abgeschafft sei, „gibt es keinen Platz für die Würde.“Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 107. Zur Erreichung dessen brauche es gesellschaftliche Entwicklung, möglichst Evolution, aber auch Revolution, wenn es anders nicht gehe – nicht unbedingt blutig.

Bloch warnt aber auch: Damit der Kampf für die Fernziele nicht zur Antithese des Friedens werde, sollten die Nahziele immer in Bezug zum Fernziel stehen und das Fernziel im Nahziel anwesend sein. Menschen dürften nicht für eine Zukunft „verheizt“ werden, die sie nie erleben werden.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 108. Dies sei der äußerste Umschlag von Kampf in Krieg.

mini|alt=Gedichtzeilen auf transparentem Hintergrund vor einer Holzwand|Bloch beschrieb in seiner Rede Ruhe und Frieden mit dem Goethe-Zitat „Über allen Gipfeln ist Ruh“, hier in der englischen Übersetzung Over all of the hills / Peace comes anew, … Abschließend geht Bloch auf das Wort Ruhe ein. Frieden, verstanden als Ruhe im „schlafmützigen“ Sinn, sei gefährlich. Denn Frieden ist laut Bloch ein Leerraum, in den etwas hineingemalt werde. Gleichwohl zeige das kostbare Wort Ruhe das Gegenteil von Kirchhoffrieden, nämlich ein „noch unentdecktes, unerforschtes Land“, wie in Goethes Gedicht Über allen Gipfeln.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 110. Dieser utopische Inhalt von Frieden sei das Thema, damit er nicht in Nihilismus, Langeweile, Plattheit und Konsum untergehe. In dieser Haltung sieht Bloch auch die Aufgabe des Pazifismus.

„Und wenn die Verhältnisse die Menschen bilden“, wie Marx sage, seien die Verhältnisse selbst erst menschlich zu bilden.In Die heilige Familie: „Wenn der Mensch von den Umständen gebildet wird, so muß man die Umstände menschlich bilden.“ Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Band 2, Dietz Verlag, Berlin 1972, S. 138 (ML Werke Online-Fassung). Er schließt mit einem Dank und Aufruf zur praktischen Vernunft.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 111.

Lösung vom Manuskript Die gesprochene Rede und das vorbereitete Redemanuskript weichen teilweise deutlich voneinander ab. Das Manuskript ist in neun nummerierte Absätze gegliedert. Bloch kehrte in seiner Rede zwar wiederholt zu ihnen zurück, überging aber auch Passagen oder formulierte sie frei. Zum Beispiel enthält der sechste Absatz des Manuskripts eine Kritik am real existierenden Sozialismus, die Bloch in der Rede weitgehend auslässt. Er schreibt von einem Machtstaat, der auch bei Sozialisierung der Betriebe „die sozialistische Vernunft verdirbt“ (im Abdruck kursiv).Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 90. Bloch bezieht sich insgesamt auf jenes Autoritäre, das der linken Jugend der Welt unerträglich geworden sei. Diese Jugend ist seines Erachtens eine mögliche Trägerin des „sozialistischen Friedens“.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 91. Unter den Nahzielen friedensfördernder Art fasste er im nächsten Absatz „Sozialismus im Westen“ und „Demokratie im Osten“ zusammen.Ernst Bloch: Widerstand und Friede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 93.

Silvia Markun, die spätere Ehefrau von Hans Heinz Holz, führte die „kämpferische“ Art der gesprochenen Rede auch auf die vorangegangene Laudatio durch Werner Maihofer zurück. Dieser habe aus Bloch einen „wohlmeinenden liberalen Naturrechtler“ machen wollen, doch kein „konformistischer Pluralismus“ könne daran denken, sich Bloch einzuverleiben.Silvia Markun: Ernst Bloch. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1977, ISBN 3-499-50258-5, S. 118 ff.

Hintergrund Die Unterscheidung zwischen Kampf gegen Unrecht und Krieg im Namen des Unrechts reicht in Blochs Werk weit zurück. Bereits 50 Jahre früher hatte er diese Trennung zwischen den Gegnern des Ersten Weltkrieges gemacht. Die Ententemächte sah er im Kampf gegen die Zentralmächte, bei denen die Kriegsführung Gesinnung, Symptom und Staatssubstanz sei. Die Entente bekämpfe hingegen den Erreger.Ernst Bloch: Kampf, nicht Krieg. Politische Schriften 1917–1919. Hrsg. von Martin Korol. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-518-11167-1, S. 317, 486. Sie führe Kampf gegen den Krieg, denn sie sei „grundhaft wehrender Pazifismus“.Arno Münster: Ernst Bloch. Eine politische Biographie. 2. Auflage. CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86393-036-3, S. 119.