mini|Friedhart Klix (2000) mini|Das Grab von Friedhart Klix Friedhart Klix (* 13. Oktober 1927 in Oberfriedersdorf; † 22. September 2004 in Berlin) war ein deutscher Psychologe. Er war ein führender deutscher Theoretiker der Kognitionspsychologie.

Werdegang Der Vater von Klix war Landwirt. Zu Kriegsende wurde Friedhart Klix noch zum Volkssturm eingezogen, entging aber am Ende der britischen Gefangenschaft. Sein Abitur legte er 1946 ab und war kurzzeitig in Rennersdorf und Löbau als Neulehrer im sächsischen Staatsdienst in den Fächern Geschichte und Mathematik tätig. Er trat früh in die SED ein und bemühte sich vorerst vergeblich um einen Studienplatz für Psychologie.Friedhart Klix in DORSCH Lexikon der PsychologieWissenschaftskolleg zu Berlin Jahrbuch 1988/89: Friedhart Klix Über Werden und Wirken des menschlichen Verstandes S. 47

1949 begann Friedhart Klix in Berlin dann sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin (HUB) in Psychologie und Mathematik. Nach dem Diplom 1953 Über die Wirkungsweise der Zielspannung im Handelsgeschehen blieb er als Wissenschaftlicher Assistent und Dozent, schloss 1957 seine Dissertation Über die Größenkonstanz der Sehdinge bei Eigenbewegung des Wahrnehmenden ebenfalls mit Auszeichnung ab und arbeitete bis zum Abschluss der Experimente seiner Habilitation Elementaranalysen zur Psychophysik der Raumwahrnehmung am Psychologischen Institut unter der Leitung von Kurt Gottschaldt, der hier von 1946 bis 1961 Institutsdirektor war.

Aufgrund zunehmender Konflikte mit dem Institutsdirektor Kurt Gottschaldt folgte er 1960 für zwei Jahre einem Ruf als Professor an die Friedrich-Schiller-Universität Jena, wo er zusammen mit anderen „Berlinflüchtlingen“ den Studiengang Psychologie neu aufbaute. Er habilitierte sich an der Technischen Universität Dresden (TUD) bei Werner Straub und kehrte 1962 wieder nach Berlin zurück, nachdem Gottschaldt Anfang 1962 einem Ruf an die Georg-August-Universität Göttingen gefolgt war. An der HUB wurde daher für ein Semester eine Interimsleitung des Instituts für Psychologie unter der Führung von Friedhart Klix, Gerhard Rosenfeld und Hans Hiebsch eingesetzt (das sog. „Triumvirat“).

An der Humboldt-Universität zu Berlin 1962 wurde Friedhart Klix als Ordentlicher Professor an die Humboldt-Universität zu Berlin berufen und gleichzeitig als Institutsdirektor mit der Leitung des „Instituts für Psychologie“ betraut. Er übertrug die von ihm bereits in Jena aufgebaute Neuausrichtung von Lehre und Forschung an die HUB, gekennzeichnet durch eine strikt experimentelle Grundlegung der Psychologie sowie deren enge Bindung an Mathematik und Kybernetik. Das Institut gliederte er in „Grundlagen der Psychologie“, „Ingenieurpsychologie“ und „Klinische Psychologie“. Er setzte das wissenschaftliche Personal weitgehend interdisziplinär zusammen, indem er zusätzlich zu den Psychologen auch in anderen Wissenschaftsdisziplinen ausgebildete Nachwuchswissenschaftler in sein Wissenschaftlerteam mit integrierte. Hierdurch konnte er neuartige Forschungszugänge ermöglichen und hierauf neue Lehrveranstaltungen aufbauen. Bereits 1964 präsentierte er mit seinem Team auf dem Internationalen Symposium „Psychologische Probleme kybernetischer Forschung“ in Berlin erste Ergebnisse aus dieser Neuorientierung.vgl. hierzu: Zeitschrift für Psychologie, 171, 1965

Seit 1966 wurden am Institut auch psychophysiologische Forschungen durchgeführt, basierend auf einem Forschungsansatz des früheren Institutsdirektors Gottschaldt von Mitte der 1950er Jahre. Seither ergänzten solche Methoden die experimentellen Untersuchungen in allen drei Profillinien des Instituts. Für die psychologische Praxis wurden die standardisierte Psychodiagnostik (z. B. Intelligenzdiagnostik) sowie die Ergebnisse zur Psychotherapie (z. B. Gesprächstherapie, Verhaltenstherapie, entspannende Verfahren) sehr wichtig.

Im Zuge der dritten Hochschulreform in der DDR von 1968 wurde an der HUB eine „Sektion Psychologie“ mit allen Psychologen verschiedener ehemaliger Fakultäten gegründet (Gründungsdirektor: Gerhard Rosenfeld). Eine stabile Sektionsstruktur entstand hier jedoch erst, nachdem man sich auf das vormalige Institut für Psychologie konzentriert hatte mit Klix als Sektionsdirektor bis 1970, danach folgte Hans-Dieter Schmidt und von 1974 bis 1984 erneut Klix, zuletzt bis 1990 Klaus-Peter Timpe, der auch die ingenieurpsychologische Ausbildung am Institut bzw. an der Sektion aufgebaut hat.

Friedhart Klix gehörte von 1972 bis 1980 sowie von 1984 bis 1992 dem Exekutivkomitee der International Union of Psychological Science (IUPsS) an, die anlässlich ihrer Weltkongresse 1972 in Japan beschlossen und 1976 in Mexiko-Stadt bestätigt hatte, den XXII. Internationalen Kongress für Psychologie 1980 in Leipzig auszurichten. Anlass war der 100. Jahrestag der Gründung des weltweit ersten Instituts für Experimentelle Psychologie in Leipzig durch Wilhelm Wundt. Klix war als Kongresspräsident maßgeblich an der Ausrichtung des Kongresses beteiligt und verhinderte eine ideologische Vereinnahmung dieser Veranstaltung weitestgehend. In Leipzig wurde er für den Zeitraum von 1980 bis 1984 auch als erster Deutscher zum Präsidenten der IUPsS gewählt. Aus dieser Position heraus gelang ihm die Aufnahme der Psychologischen Gesellschaft der DDR in den Internationalen Wissenschaftsrat (ICSU). Proceedings of the XXII International Congress of Psychology, Leipzig GDR July 6-12, 1980, 3 Bände, als Manuskript gedruckt.Wolfgang Schönpflug, Gerd Lüer: Psychologie in der Deutschen Demokratischen Republik: Wissenschaft zwischen Ideologie und Pragmatismus: Der XXII. Internationale Kongress für Psychologie 1980 in Leipzig, seine Vorgeschichte und Nachwirkungen. Springer Verlag, 2011, ISBN 978-3-531-93057-2, . auf iupsys.net

Zwischen 1982 und 1988 wurde von der IUPsS und der ICSU (International Council of Scientific Union) ein Projekt zur Mensch-Rechner-Interaktion ausgeschrieben, das von einer Projektgruppe aus den Bereichen Grundlagen der Psychologie und Arbeits- und Ingenieurpsychologie unter Leitung von F. Klix und H. Wandke durchgeführt wurde. Die DDR-Psychologie lag auch auf Grund der dort gewonnenen Erkenntnisse und der besonderen Rolle von F. Klix für Jahrzehnte im internationalen Ansehen damals weit vor der westdeutschen Kognitions-Psychologie.Man-Computer Interaction Research: MacInter-I : Proceedings of the First Network Seminar of the International Union of Psychological Science (Iupsys) North-Holland; 1 edition (January 1, 1986)

1980 ließ Klix den ersten Computer an der Sektion Psychologie installieren (importiert von der Firma hp Hewlett Packard), der für die Steuerung und Analyse von Experimenten genutzt wurde, bevorzugt zur Darstellung und Analyse ereigniskorrelierter Hirnpotenziale.

1982 wurde auf Veranlassung von Klix ein Psychodiagnostisches Zentrum an die Sektion Psychologie angegliedert (Leitung: Uwe Schaarschmidt). Der Arbeitsschwerpunkt dieses Zentrums war die Entwicklung und Standardisierung psychodiagnostischer Verfahren, sowie die Bearbeitung und Publikation von Verfahren, die nicht am Zentrum erarbeitet worden waren. Mit der Gründung dieses Zentrums war ein strategisches Fernziel erreicht worden.

Klix lebte über Jahrzehnte eine interdisziplinäre und international orientierte Forschungsweise vor, sein Team umfasste neben Psychologen beispielsweise auch Mathematiker, Ingenieure, Physiker, Biologen und Philosophen. Insgesamt 38 Professoren sind aus dieser akademischen Schule hervorgegangen, hierfür stehen als Beispiele: Zwischen 1978 und 1989 wurden neben F. Klix und Hans-Dieter Schmidt sechs weitere ordentliche Professoren berufen: Hubert Sydow, Johannes Helm, Joachim Hoffmann, Klaus-Peter Timpe, Uwe Schaarschmidt (in der Nachfolge von J. Helm) und Elke van der Meer. Hinzu kamen drei zu außerordentlichen Professoren berufene Dozenten: Edith Kasielke, Bodo Krause und Klaus Zimmer. Hans-Jürgen Lander, bereits 1972 zum o. Professor berufen, folgte 1975 einem Ruf an die Universität Leipzig, ebenso Hans-Georg Geissler (1982). Werner Krause nahm einen Ruf an die Universität Jena an, und Lothar Sprung wurde 1990 o. Professor an der HUB.

Die visionären Anregungen durch Friedhart Klix waren für viele Forscher ähnlich bedeutsam wie seine Arbeit an wissenschaftlichen Brücken von der DDR zur internationalen Wissenschaftlergemeinschaft sowie insbesondere zwischen Ost- und Westdeutschland.

Klix beschrieb kognitive Elementarprozesse als „elementare Wirkungseinheiten“, die auf kognitive Strukturen wirken und deren Änderung bewirken; sie bilden nach seiner Auffassung die Grundbausteine menschlicher Informationsverarbeitung. Er unterschied dabei zwischen einzelnen Operationen (z. B. Aktivierung, Inhibition, Substitution) und deren Verkettungen zu Prozeduren, die zusammenhängende Zustandsänderungen im Denken ermöglichen.Klix, F. (1992): Erkenntnis und Information. Kognitive Prozesse und ihre Analyse. Berlin: Akademie-Verlag. Er sah die künftige Entwicklung der Künstlichen Intelligenz als hilfreich zur Modellierung und Simulation kognitiver Prozesse, hielt aber eine „vollständige Nachbildung menschlicher Erkenntnisfähigkeit“ für grundsätzlich ausgeschlossen, da maschinelle Systeme keine intentionalen oder emotionalen Bezugssysteme besitzen.Klix, F. (1992). Erkenntnis und Information. Kognitive Prozesse und ihre Analyse. Berlin: Akademie-Verlag, S. 301 f Er prognostizierte, dass KI-Systeme in Zukunft vor allem komplementäre Funktionen übernehmen würden – zur Unterstützung menschlicher Informationsverarbeitung, nicht zu deren Ersatz.Klix, F. (1985). Information und Verhalten. Kognitive Systeme in Natur und Technik. Berlin: Akademie-Verlag, S. 310 f. Klix nahm bereits in den 1980er-Jahren an, dass künftige KI-Systeme über fortgeschrittene Formen formaler Schlussfolgerung („Reasoning“) verfügen würden, ohne jedoch die semantische Tiefe menschlicher Begriffsbildung zu erreichen. Er sah in dieser Grenze die entscheidende Differenz zwischen künstlicher Informationsverarbeitung und menschlicher Erkenntnisfähigkeit.Klix, F. (1992). Erkenntnis und Information. Kognitive Prozesse und ihre Analyse. Berlin: Akademie-Verlag, S. 275 ff.

Der Preis für die erreichte internationale Orientierung und die Erfolge war, dass er sich strategisch bei der Leitung des Institutes selektiv auf die allgemeine, besonders experimentelle Psychologie konzentriert hat und sich „ideologienähere“ Anwendungsgebiete wie die Klinische Psychologie weniger gut entwickeln konnten. Dies wurde vor allem durch die Ressourcenverteilung gesteuert. Er sah eine Gefahr darin, dass aus den angewandten Disziplinen eine Gesellschaftskritik am real existierenden Sozialismus geübt werden könnte, die dann zu politischen Restriktionen für die gesamte Psychologie – also auch seiner Tätigkeit – geführt hätte. Letztendlich haben auch die Anwendungsgebiete von den Erfolgen profitiert und waren inhaltlich international ausgerichtet.

Friedhart Klix war langjähriges Mitglied der SED und nutzte seine Verbindungen zu hohen Parteifunktionären, um die Entwicklung der Psychologie voranzutreiben, sie vor politischer Vereinnahmung und dem Verlust des Anschlusses an internationale Entwicklungen zu bewahren und ihre zuweilen gesellschaftskritischen Protagonisten vor Sanktionen zu schützen.vgl. z. B. Vorwort von Chr. Tögel zu "Träume – Phantasie und Wirklichkeit"siehe auch: Verhältnis Klix und Hans-Dieter Schmidt in: Geschichte der Universität Unter den Linden 1810-2010 von H.-E. Tenorth Walter de Gruyter 2014 - S. 203 f.Wolfgang Schönpflug, Gerd Lüer: Psychologie in der Deutschen Demokratischen Republik: Wissenschaft zwischen Ideologie und Pragmatismus Der XXII. Internationale Kongress für Psychologie 1980 in Leipzig, seine Vorgeschichte und Nachwirkungen. Springer Fachmedien 2011, insbes. letzte beiden Kapitel „Resonanz“ und „Zwei politische Systeme, eine Wissenschaft“

An der Akademie der Wissenschaften