mini|Ulrike Meinhof, vor 1964 mini|Eigenhändige Unterschrift als Redakteurin des SFB Ulrike Marie Meinhof (* 7. Oktober 1934 in Oldenburg (Oldb); † 9. Mai 1976 in Stuttgart-Stammheim) war eine deutsche Journalistin und radikale Linke, die später zur Linksterroristin wurde.
In den 1950er Jahren war sie in der Bewegung Kampf dem Atomtod engagiert, ab 1959 als Redakteurin der Zeitschrift konkret, ab 1965 in der Außerparlamentarischen Opposition (APO). 1970 nahm sie an der Baader-Befreiung teil, gründete die Rote Armee Fraktion (RAF) mit und verfasste deren ideologisches Konzept.
Sie nahm 1972 an der Mai-Offensive der Rote Armee Fraktion teil, wurde im Juni 1972 festgenommen und verbrachte den Rest ihres Lebens in Haft, zeitweise isoliert von Außenkontakten. Im November 1974 wurde sie wegen Mordversuchs bei der Baader-Befreiung zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Ab 1975 war sie im Stammheim-Prozess mit den übrigen RAF-Führungsmitgliedern des vierfachen Mordes und 54-fachen Mordversuchs angeklagt. Vor dem Prozessende wurde sie in ihrer Zelle in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim erhängt aufgefunden. Zwei Obduktionen schlossen Fremdeinwirkung aus.
Leben und Wirken Kindheit Ulrike Meinhofs Eltern, die Kunsthistoriker Werner Meinhof (1901–1940) und Ingeborg Meinhof (* 1909 als Ingeborg Guthardt; † 1949) heirateten 1928. Ab März 1928 war Werner Meinhof wissenschaftlicher Assistent am Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte in Oldenburg. 1933 trat er in die NSDAP ein und leitete ab 1936 das Stadtmuseum Jena. 1937 lieferte er hunderte moderne Kunstwerke als „Entartete Kunst“ an das NS-Regime aus. 1940 starb er an Bauchspeicheldrüsenkrebs.Todesanzeigen in der Jenaischen Zeitung vom 8. Februar 1940; digitalisiert von der Universität Jena Seine Frau Ingeborg nahm ihre Freundin Renate Riemeck bei sich auf. Nach ihrem Tod 1949 erhielt Riemeck die Vormundschaft für ihre Töchter Ulrike und Wienke Meinhof, verheiratete Zitzlaff (1931–2017). Seit 1946 lebten sie wieder in Oldenburg.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 20–63.
Dort besuchte Ulrike Meinhof von 1946 bis 1952 die katholische Liebfrauenschule Oldenburg, die Cäcilienschule OldenburgReinhard Tschapke: "Bei Ulrike Meinhof ging es nur um Ordnung." In: Nordwest-Zeitung vom 15. November 2007, S. 18. (pdf) und für eine Weile die Rudolf-Steiner-Schule in Wuppertal. 1955 legte sie ihr Abitur am Gymnasium Philippinum Weilburg ab, wo sie die Schülerzeitung Spektrum gegründet hatte.
Studienzeit Im April 1955 begann Meinhof in Marburg ein Studium der Psychologie, Pädagogik und Germanistik. Die Studienstiftung des deutschen Volkes förderte es.Alexander Gallus: Ein Anfang, der das Ende nicht erwarten ließ. Die Studienstiftler Meinhof, Mahler, Ensslin, Vesper und die Eliteförderung der frühen Bundesrepublik – eine Aktenlektüre. In: Jahrbuch Extremismus & Demokratie 24/2012, ISBN 3-8329-7999-9, S. 13–29. Im Wintersemester 1955 gab sie Psychologie und Germanistik auf und wechselte zu Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaft. Sie besuchte regelmäßig die Universitätskirche, deren Pfarrer Karl Bernhard Ritter die Michaelsbruderschaft in der Berneuchener Bewegung gegründet hatte.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 92 f.
Seit Sommer 1956 las Meinhof Publikationen von Atomwaffen-Gegnern (Robert Jungk, Karl Bechert), christlichen Pazifisten (Friedrich Wilhelm Foerster) und antifaschistischen Theologen (Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer). Sie begrüßte den Appell der Göttinger Achtzehn vom April 1957, der jedoch in Marburg kaum Unterstützer fand. Zum Wintersemester 1957 wechselte sie an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster. Dort schrieb sie regelmäßig Artikel für zwei christliche Studentenblätter, in denen sie den Widerstand gegen Atomwaffen aus dem Neuen Testament begründete. Angeregt von Elisabeth Heimpel gründete sie im April 1958 einen „Studentischen Arbeitskreis für ein atomwaffenfreies Deutschland“, der zur Bewegung Kampf dem Atomtod gehörte. In einem Flugblatt forderte sie Widerstand gegen Atomrüstung analog zur NS-Zeit: „Wir wollen uns nicht noch einmal wegen 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' vor Gott und den Menschen schuldig bekennen müssen.“Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 97–108.
Am 20. Mai 1958 sprach Meinhof bei einer Kundgebung von Atomwaffengegnern in Münster erstmals öffentlich. Ab Juni bereitete sie einen Anti-Atom-Kongress in West-Berlin mit vor, gründete dazu die Studentenzeitschrift Das Argument und berichtete darin mit Jürgen Seifert laufend über die westdeutschen Anti-Atom-Ausschüsse.Kristin Wesemann: Ulrike Meinhof, Baden-Baden 2007, S. 105. Deren Zusammenarbeit mit konkret organisierte ihr Freund Reinhard Opitz. Er war Mitglied der seit 1956 verbotenen KPD.Georg Biemann: Kinderbilder für einen Weggefährten. Zur Biographie des Publizisten und Politikwissenschaftlers Reinhard Opitz. Forum Wissenschaft Nr. 1, Marburg 1998, S. 50–54. Im Juli trat Meinhof in den SDS Münster ein. Im Hauptausschuss der Anti-Atom-Initiativen setzte sie durch, dass mit konkret kooperierende Initiativen geduldet wurden. Im September traf sie erstmals den Hamburger konkret-Redakteur Klaus Rainer Röhl. Ende Oktober trat sie nach einem Treffen mit westdeutschen Kommunisten in Ostberlin in die KPD ein. Ihr damaliger Verlobter Lothar Wallek wollte sie daraufhin nicht mehr heiraten.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 117–121.
Sie schrieb Artikel für die SDS-Blätter david und standpunkt.Kristin Wesemann: Ulrike Meinhof, Baden-Baden 2007, S. 139 f. Von November bis Dezember 1958 war sie Mitglied des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der Universität Münster, wurde aber ausgeschlossen, nachdem sie im AStA-Organ einen Artikel über Neofaschismus veröffentlicht hatte. In argument-Artikeln zur Berlin-Krise befürwortete sie den Rapacki-Plan für eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa und die Entmilitarisierung ganz Berlins, lehnte die Hallstein-Doktrin ab und kritisierte die Regierungspolitik Konrad Adenauers als „Wiederaufleben eines militanten deutschen Größenwahns und Revanchegeists“.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 123.
Beim „Studentenkongress gegen Atomrüstung“ am 3. und 4. Januar 1959 in West-Berlin erreichte Meinhof gegen die SPD-Vertreter unter Helmut Schmidt, dass die Leitung direkt gewählt wurde und nicht nur SPD-Mitglieder hineinkamen. Die Forderung nach direkten Verhandlungen beider deutscher Staaten über Frieden, Abrüstung und Wiedervereinigung erreichte eine große Mehrheit.Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS): vom parteikonformen Studentenverband zum Repräsentanten der neuen Linken. Dietz, Berlin 1994, ISBN 3-8012-4053-3, S. 321. Meinhof bereitete auch den Frankfurter „Kongress für Demokratie – gegen Restauration und Militarismus“ vom Juni 1959 mit vor. Eine von ihr verfasste Resolution forderte die Abschaffung der Wehrpflicht, den Ausschluss ehemaliger Wehrmachtsoffiziere aus der Bundeswehr, Verhandlungen mit der DDR zur schrittweisen Wiedervereinigung und die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als gesamtdeutscher Ostgrenze.Kristin Wesemann: Ulrike Meinhof, Baden-Baden 2007, S. 149. Ein vom SPD-Parteivorstand veranlasstes „konkret-Dossier“ machte 13 „Schlüsselpersonen“, darunter Meinhof, für eine kommunistische Unterwanderung des SDS verantwortlich.Tilman Fichter: SDS und SPD: Parteilichkeit jenseits der Partei. Springer VS, Wiesbaden 1988, ISBN 3-531-11882-X, S. 295–302.
Im Juli 1959 traten die konkret-Mitarbeiter aus dem SDS Münster aus. Meinhof besuchte die siebten Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Wien und studierte unter anderem Friedrich Nietzsches Frühschriften, Architektur der Renaissance und das Werk von Gian Lorenzo Bernini. Sie wollte in Hamburg promovieren und in die Redaktion von konkret einsteigen.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 142 f. Ende August studierte sie für ihre Dissertation zu Erhard Weigel einen Monat lang in Jena. In einem nicht abgesandten Bericht für ihre Schwester lobte sie den Bildungsgrad vieler DDR-Bürger und kritisierte den Dogmatismus mancher Funktionäre der SED. Im Dezember 1960 brach sie ihre Dissertation ab, um sich ganz der politischen Arbeit zu widmen.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 144 f. und 157 f.
Journalistin Ab Oktober 1959 gehörte Meinhof als einzige Frau zur siebenköpfigen konkret-Redaktion, zuständig für Außenpolitik, Presseschau, bildende Kunst und Titelbilder. Die von der KPD-Leitung in Ostberlin angebotene Chefredaktion lehnte sie aus Loyalität zu Röhl ab. Sie ermöglichte Prominenten Gastbeiträge (etwa Frans Masereel, Thomas Lenk, Erich Kuby, Hans Magnus Enzensberger, Simone de Beauvoir, Pablo Neruda), kritisierte Folter der Kolonialmacht Frankreich im Algerienkrieg, unterstützte die kubanische Revolution und las Werke von Mao Zedong.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 146–149. Ihr erster Leitartikel „Der Friede macht Geschichte“ begrüßte das vorausgegangene Treffen zwischen den Staatsführern Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (Sowjetunion) und Dwight D. Eisenhower (USA) als Ende des Kalten Krieges, das eine andere deutsche Politik erfordere.Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, 2008, S. 37.
1960 protestierte Meinhof mit vielen Initiativen dagegen, dass der CDU-Minister Werner Schütz Renate Riemeck aus politischen Gründen die Prüfungszulassung entzogen hatte. Sie engagierte sich für die von der SED geförderte Deutsche Friedens-Union (DFU), die ein neutrales, atomwaffenfreies Gesamtdeutschland anstrebte. Dazu traf sie den DDR-Politiker Albert Norden, drehte einen Wahlwerbespot und übernahm im März 1961 die Chefredaktion von konkret, weil Röhl Wahlkampfleiter der DFU wurde. Infolge des Baus der Berliner Mauer (13. August 1961) erreichte die DFU bei der Bundestagswahl 1961 keine Mandate.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 153–161.
Im Mai 1961 schrieb Meinhof im Leitartikel „Hitler in Euch“: So wie ihre Generation nach Hitler frage, werde sie einst nach Franz Josef Strauß gefragt werden. Strauß trieb als Bundesverteidigungsminister damals die Atombewaffnung der Bundeswehr voran und klagte erfolglos gegen Meinhofs Satz. Der Prozess machte sie bundesweit bekannt. Ihr Verteidiger Gustav Heinemann war 1950 wegen der Wiederbewaffnung als Innenminister zurückgetreten.Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, 2008, S. 52.
Im Dezember 1961 heiratete sie Röhl und zog mit ihm zusammen. Mit Artikeln gegen deutsche Notstandsgesetze, über die „Neue Linke“ und Aufrufen zu den Ostermärschen erschloss sie für konkret neue Leser. Wegen Kritik des Blattes an militaristischen Aspekten der DDR-Politik verlangte die KPD-Leitung im Juni 1962 ultimativ, die „Hetze gegen die DDR“ einzustellen, und drohte, die Redaktion auszutauschen.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 162–166.
Im September 1962 gebar Meinhof ihre Zwillingstöchter Regine und Bettina Röhl. Im Artikel „Die Würde des Menschen“ beschrieb sie die geplante Notstandsgesetzgebung als staatsstreichartige Abkehr vom Grundgesetz. Im Oktober wurde sie wegen eines Hirntumorverdachts operiert, erlitt eine Woche lang traumatisierende Schmerzen und konnte ihre Kinder drei Monate lang nicht sehen. Seitdem geriet ihre Ehe mit Röhl in eine Krise.Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof, Berlin 2009, S. 167–177.
Nach dem tödlichen Attentat auf John F. Kennedy im November 1963 empfahl sie der Bundesregierung, sich nun vom „großen Bruder“ USA zu lösen und eigenständige Außenpolitik zu betreiben.Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, 2008, S. 38.