Joana Simeão, auch Semião oder Simião, mit vollem Namen Joana Francisca Fonseca Simeão (geboren am 4. November 1937 in Nampula, Provinz Nampula, Portugiesisch-Ostafrika; gestorben zwischen 1977 und 1980 in Cabo Delgado oder Niassa, Mosambik) war eine mosambikanische Lehrerin, Widerstandskämpferin und Politikerin.
Während der letzten Phase des portugiesischen Kolonialismus 1973/1974 warb Joana Simeão als Führungsfigur der Grupo Unido de Moçambique (GUMO) aufmerksamkeitsstark für das Modell einer „progressive Autonomie“ Mosambiks angelehnt an Caetanos Reformvorschlägen, einschließlich demokratischer Strukturen und liberaler Wirtschaftsordnung. Nach dem Sturz der portugiesischen Militärdiktatur am 25. April 1974 versuchte Simeão erfolglos, gemeinsam mit Uria Simango und anderen prominenten Dissidenten durch die Gründung des politischen Bündnisses Partido da Coligação Nacional (PCN) die alleinige Machtübernahme durch die FRELIMO zu verhindern.
Nach der Unterzeichnung des Lusaka-Vertrags 1974 kam Simeão im Zuge einer von der FRELIMO-dominierten Übergangsregierung angeordneten Massenverhaftung Oppositioneller unter dem Vorwurf, mit der portugiesischen Geheimpolizei PIDE kollaboriert zu haben, in Haft. Sie wurde anschließend als „Verräterin der Revolution“ und Staatsfeindin öffentlich im Rahmen der Schauprozesse in Nachingwea geächtet, verurteilt und in ein Umerziehungslager deportiert, wo sie unter nicht näher bekannten Umständen hingerichtet wurde.
Joana Simeão gilt als erste schwarze mosambikanische Frau, die sich öffentlichkeitswirksam für demokratische Teilhabe und Frauenrechte einsetzte. Trotz ihrer Verdienste und demokratischen Engagements fand Simeão keine Würdigung im Verlaufe der von der FRELIMO dominierten offiziellen mosambikanischen Geschichtsschreibung. Erst mit der Demokratisierung Mosambiks war es anderen Akteuren möglich, Simeãos Leben und Wirken zu erforschen und zu rekonstruieren.
Leben Jugend in Nampula (1937–1952) Joana Simeão wurde am 4. November 1937 als Tochter von Leopoldina Rebelo Fonseca Simeão und José Luís Simeão in der nordmosambikanischen Stadt Nampula geboren, sie gehörte dem Volk der Makua an. Ihr Vater arbeitete als Chauffeur des katholischen Bischofs von Nampula. Dies war von 1941 bis 1951 Teófilo de Andrade und von 1951 bis 1978 Manuel de Medeiros Guerreiro.
Dank der Bemühungen ihres Vaters konnte Simeão zunächst eine private Grundschule in Nampula besuchen. Anschließend meldete ihr Vater sie für das Colégio-Liceu Vasco da Gama in Nampula an, wobei ihre zunächst abgelehnte Aufnahme erst dank einer vom Vater angestrengten Intervention des Bischofs ermöglicht wurde. Als einzige schwarze Schülerin der Schule erlebte Simeão bereits in ihrer Jugend zahlreiche rassistisch geprägte Alltagssituationen. Es war an der Zeit, aufs Gymnasium zu gehen, und dann zog es Papa wieder einmal vor, mich zur Schule zu schicken. Aber die Schwester verweigerte mir den Zugang. Zum ersten Mal in der Geschichte des Ortes tauchte eine schwarze Frau auf, die auf die höhere Schule gehen wollte. Und mein Vater, der inzwischen zum „Chauffeur“ des Bischofs geworden war, sprach mit ihm, und durch dessen Einfluss wurde ich zugelassen. Ich habe das erste und zweite Jahr gemacht, aber unter schrecklichen psychischen Bedingungen: Tag für Tag, Verweigerung der Einschreibung, und so.
Ausbildung und Politisierung in Portugal (1952–1964) Nach zwei Jahren am Liceu entschied ihr Vater 1952, seine beiden Töchter Joana und Ana nach Portugal auf das Nonnenkolleg Colégio da Santa Cruz in Coimbra zu schicken. Die beiden Schwestern waren die ersten schwarzen Schülerinnen der Schule. Nach einem Unfall war ihr Vater nicht mehr in der Lage das monatliche Schulgeld für die beiden Töchter zu bezahlen, sodass die beiden weder am Schulunterricht teilnehmen noch das Kolleggelände verlassen durften. Nach über einem Jahr ohne Unterricht und einer Lösung in Sicht soll Joana Simeão nach eigener Darstellung heimlich das Kolleg verlassen und sich nach Lissabon durchgeschlagen haben, um aus Verzweiflung beim damaligen portugiesischen Minister für Kolonien, Manuel Sarmento Rodrigues, um Unterstützung gebeten haben. Der Minister soll die Schulleitung angewiesen haben, die Schwestern wieder am Unterricht teilnehmen zu lassen, sodass die beiden das siebte Schuljahr absolvieren konnten.
Noch während der Schulzeit begann sich Simeão politisch zu engagieren, sie lernte außerhalb des Kollegs schwarze Studierende kennen, die aus den portugiesischen Kolonien kamen, um in der Metropole der Kolonialmacht zu studieren. Viele der aus Kolonien kommenden Studierenden trafen sich in der Casa dos Estudantes do Império, einer vom portugiesischen Staat gegründeten Einrichtung für aus den Kolonien kommende Studierende mit dem Ziel von Filialen in Lissabon, Coimbra und Porto. Ziel der Einrichtung war es, die portugiesische Identität der Studierenden zu stärken, entwickelten sich stattdessen zu Keimzellen des antikolonialen Widerstandes. Joana wie ihre Schwester Ana begannen die Casa regelmäßig aufzusuchen. Schon im ersten Jahr wurde Simeão in den ehrenamtlichen Vorstand des Hauses gewählt.
Nach Abschluss ihrer Schulausbildung begann Joana Simeão 1959 zunächst Rechtswissenschaften an der Universität Coimbra zu studieren. 1960 wechselte Simeão an die Universität Lissabon, ihre Schwester Ana folgte ihr. In der Hauptstadt setzte sie ihr politisches Engagement fort und besuchte ebenfalls regelmäßig die Lissabonner Filiale der Casa dos Estudantes do Império. In der Zeit lernte sie zahlreiche der späteren Führungskräfte der FRELIMO kennen, wie Mariano Matsinhe, Sérgio Vieira, Pascoal Mucumbi und Joaquim Chissano. In einem Interview aus dem Jahr 2000 erzählte Alda do Espírito Santo, são-toméische Dichterin und Oppositionelle, dass sie durch Zufall im gleichen Haus mit Joana Simeão lebte, sie daher häufig mit ihr in der Casa dos Estudantes do Império essen gewesen sei und sich viel mit ihr unterhalten habe. Sie sei ein „kluges Mädchen“ gewesen, allerdings sei sie ihr „größenwahnsinnig“ erschienen und hätte „lauter Dummheiten“ gemacht. Zudem hätte sie damit geprahlt, Verbindungen zur PIDE zu haben.In dem zitierten Interview beschreibt Alda do Espírito Santo eine aus „Angola“ stammende Jura-Studentin namens Joana Simeão. Obwohl Angola als Herkunftsangabe nicht korrekt ist, stimmen die weiteren Details der Beschreibung mit der hier dargestellten und aus Mosambik stammenden, Jura studierenden Joana Simeão überein.
Die politische Situation verschärfte sich mit dem Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges in der Kolonie Angola am 4. Februar 1961. Das portugiesische Regime verstärkte die politische Verfolgung und Unterdrückung des antikolonialen Widerstandes auch in Portugal. Im selben Jahr gelangten mehrere dutzend afrikanische Studierende in einer konzertierten Fluchtaktion über die Landesgrenze nach Spanien und weiter nach Frankreich, um sich Widerstandsaktivitäten anzuschließen. Auch Simeãos Schwester Ana gelang die Flucht. Simeão soll versucht haben dazuzustoßen. Sie wurde jedoch von der portugiesischen Geheimpolizei PIDE verhaftet und verhört, wodurch ihre demokratische und antikoloniale Haltung erstmals für den portugiesischen Staat aktenkundig wurde.
Zwischen Algier, Paris und Lusaka (1964–1972) Aus Furcht vor weiterer Verfolgung durch die PIDE verbrachte Simeão zunächst neun Monate im politischen Asyl in der venezolanischen Botschaft in Lissabon. Mittellos und ohne Aussicht auf politische Unterstützung begann sie zunächst 1962 im Unternehmen Sonap & Cilda als Sekretärin der Geschäftsführung zu arbeiten. Dank eines Kontaktes kam sie auf offiziellem Weg zu einem Reisepass, der es ihr ermöglichte das Land zu verlassen, um in der algerischen Botschaft in Madrid um Asyl zu bitten und Kontakt zu ihren sich der FRELIMO angeschlossenen Kommilitonen aufzunehmen. Algier war zu dieser Zeit einer der wichtigsten Stützpunkte der 1962 gegründeten mosambikanischen Befreiungsfront FRELIMO. Zahlreiche Kämpfer der FRELIMO erhielten dort durch die algerische FLN eine militärische Ausbildung für den 1964 begonnenen Unabhängigkeitskrieg gegen Portugal. Ebenso koordinierte Marcelino dos Santos vom dortigen Auslandsbüro der FRELIMO die intensiven diplomatischen Bemühungen um politische wie militärische Unterstützung aus dem Ausland. Simeão lernte dort dos Santos kennen und arbeitete für kurze Zeit als Stenotypistin im FRELIMO-Büro, beendete nach politischen Differenzen ihre Mitarbeit jedoch nach kurzer Zeit.
In Algier lernte sie in der gleichen Zeit kongolesischen Jura-Studenten Serge-Pontien Tshilenge (geboren 1939 in Kongo) kennen. Tshilenge war wegen seiner maoistischen Aktivitäten aus Belgien verwiesen worden und nach Algier geflohen, wo er Unterstützung durch den mit ihm befreundeten Ben Bella genoss. Die beiden heiraten 1965 in Algier. Nach Bellas Sturz verließ das Paar Algier 1966 in Richtung Paris. Dort gelang es ihr, über einen befreunden Konsularangestellten der kongolesischen Botschaft dank gefälschter Papiere unter dem Namen Ivette Joana Tshilenge eine kongolesische Staatsbürgerschaft zu erhalten. 1967 brachte Simeão ihr eine Tochter (Cecile Tshilenge) zur Welt, im Jahr darauf ihr einen Sohn (Malcom Tshilenge). Nach eigenen Angaben schloss sie dort ihr Studium Romanische Philologie an der Sorbonne ab. 1969 trat sie der Organisation Jeunes Femmes Africaines (deutsch etwa: „Junge Frauen Afrikas)“ bei, einer vom Vatikan finanziell geförderten Frauenorganisation, für die sie als Präsidentin den afrikanischen Kontinent bereiste und dort bei staatlichen Stellen um Unterstützung warb.
Eine ihrer Reisen führte Joana Simeão nach Lusaka, wo sie die mosambikanische Widerstandsorganisation Comité Revolucionário de Moçambique (COREMO) von Adelino Gwambe kennenlernte. Die COREMO organisierte von Sambia aus Überfälle in der angrenzenden mosambikanischen Distrikt Tete (etwa die heutige Provinz Tete) und war die einzige Konkurrenz der dominierenden FRELIMO. Simeão ließ sich nach eigenen Angaben überreden, Mitglied zu werden und unterstützte den Widerstand als Informations- und Sicherheitsbeauftragte. Zeitweise soll sie auch dem Zentralkomitee der Gruppe angehört haben. Hinsichtlich der Frage, in welchem Jahr Simeão begann die COREMO zu unterstützen, gibt es verschiedene und sich widersprechende Quellen. Laut eigener Aussage sei das 1965 gewesen, was jedoch chronologisch nicht korrekt sein kann; in Meneses (2017) wird in einem Zitat das Jahr 1968 erwähnt, während die Autorin selbst Simeãos COREMO-Beitritt auf 1970 datiert.
Im März 1971 entführten und verschleppten COREMO-Kämpfer bei einem Überfall im Distrikt Tete fünf bzw. sechs portugiesische Landwirtschaftsexperten nach Sambia. Simeão soll laut eigenen Angaben die COREMO-Führung vergeblich um eine Freilassung der Entführten, nach deren Ablehnung das Rote Kreuz und die sambische Regierung um Intervention gebeten haben. Nach der erfolgten Hinrichtung der Entführten verließ Simeão aus Protest die COREMO. In einem Interview von 1974 bezeichnete sie rückblickend ihre Unterstützung der COREMO als „Unfall“.
Mit dem Willen nach Mosambik zurückzukehren, suchte Simeão 1971 die portugiesische Botschaft in Paris auf, wo sie um eine Rückkehr nach Mosambik bat und zusicherte, ihre Unterstützung der COREMO beendet zu haben und sich öffentlich von dieser zu distanzieren. Zu der Zeit ließ sich Simeão von ihrem Ehemann scheiden.
Aufbau der GUMO als politisch moderate Alternative in der Kolonie Mosambik (1973–1974)