Das Jugendbuch Erntelager Geyer ist die erste Prosa-Veröffentlichung des damals 17-jährigen Otfried Preußler, der später als Kinderbuchautor bekannt wurde. Es handelt vom Ernteeinsatz einer Gruppe Jungen des Deutschen Jungvolkes in einem bäuerlichen Dorf im Sudetenland im Spätsommer 1940. Es ist ein typischer HJ-Jugendroman, der dem jugendlichen Leser neben der Beschreibung des Jungenlagers und der Arbeit auf den Bauernhöfen nationalsozialistische Propaganda vermittelt.

Entstehung und Veröffentlichung Das Manuskript schrieb Preußler nach seinem eigenen Erntelagereinsatz, den er im Spätsommer 1940 als HJ-Fähnleinführer beim Deutschen Jungvolk geleitet hatte, im Winter 1940/1941. Es wurde im Frühjahr 1944 vom Junge Generation Verlag Berlin herausgegeben.Deutsche Nationalbibliographie, Nr. 201, 29. April 1944, S. 281. Zwischen Abgabe des Manuskripts und der Veröffentlichung lagen mehrere Jahre. Beim Erscheinen des Buches war Preußler bereits 2 Jahre im Kriegseinsatz. Dass Preußler explizit nur von der Erstellung seines Manuskriptes zu Erntelager Geyer spricht, sieht Carsten Gansel als Indiz, dass Preußler am Lektorat nicht beteiligt war.Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit. Berlin 2022, S. 133 Inwieweit dieses den Text verändert hat, darüber gibt es keine Erkenntnisse. Gedruckt wurde das Buch bei Reinhard Meyer, Ratibor.Otfried Preußler: Erntelager Geyer. Junge Generation Verlag, Berlin 1944, S. 4. Über die Auflage ist nichts bekannt. Eine Schätzung unter Berücksichtigung der Umstände der Bücherproduktion in den letzten Kriegsmonaten und dem Vergleich mit anderen Verlagen beläuft sich auf etwa 2000 bis 3000 Exemplare. Es wurde im Zuteilungsverfahren ausgegeben.

Der Verlag Junge Generation Berlin wurde aus Vorgängerverlagen im Dezember 1936 als Kommanditgesellschaft mit dem Namen „Junge Generation Verlagsgesellschaft Reichel“ mit Sitz in Berlin-Lichterfelde, Drakestr. 17, gegründet und bestand bis Kriegsende. Bis dahin brachte er etwa 250 Bücher und Hefte heraus. Insbesondere in den Kriegsjahren verzeichnet sich eine starke Produktion, offenbar hatte der Verlag keine Probleme mit der Papierzuteilung. Der Verlag war in der Produktion von NS-Propagandaliteratur überaus aktiv und nutzte die Konjunktur der HJ-, BDM- und RAD-Literatur. Die abgedeckten Themenbereiche waren u. a. siegreiche deutsche Kriegsgeschichte, Germanentum, Überlegenheit deutscher Technik, Führer- und Kämpferfiguren, deutsche Helden, der Krieg, Kolonialliteratur und Adolf Hitler selbst.

Der Umschlag des Buches und neun Zeichnungen im Text stammen von Ferdinand Spindel. Sie veranschaulichen einzelne ausgewählte Episoden aus dem Text. Ferdinand Spindel arbeitete 1940–1944 für den Verlag Junge Generation, Berlin-Lichterfelde, und illustrierte in dieser Zeit 13 Jugendbücher.

Neben Büchern der NS-Propagandaliteratur wurden auch Reihen und Serien für heranwachsende Jungen und Mädchen herausgegeben. Die Reihe „Die Mädelbücherei“ war für junge Leserinnen gedacht, während die „Trommlerbücher“ sich an Jungen richtete. Ein Trommler bildet auch das Verlagssignet. Die Verlagsreihe „Bücher der jungen Generation“ war speziell, wie die gesamte Verlagsproduktion, für den BDM und Hitlerjungen gedacht.Murray G. Hall: Ein Phantombuch? Otfried Preußlers Hitlerjugend-Roman Erntelager Geyer. In: Stifter Jahrbuch, 30/2016, S. 137–142. Die letzte Buchankündigung des Verlages stammt vom 11. November 1944. Murray G. Hall hält fest, „dass der Erstlingsroman von Otfried Preußler in einem passenden ideologischen Umfeld erschienen und in die Tradition des Hitlerjugend-Romans eingebettet ist.“Murray G. Hall: Ein Phantombuch? Otfried Preußlers Hitlerjugend-Roman Erntelager Geyer. In: Stifter Jahrbuch, 30/2016, S. 142.

Nach Kriegsende erschien das Buch in der damaligen SBZ auf der Liste der auszusondernden Literatur,Verzeichnis der auszusondernden Literatur. Abteilung für Volksbildung im Magistrat der Stadt Berlin, 12. Februar 1946, S. 146. Liste der auszusondernden Literatur. Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der SBZ, 1. April 1944, S. 319. es wurde wie alle nationalsozialistischen Schriften eingesammelt und vernichtet bzw. weggeschlossen. In dem Gebiet der Westalliierten wurde nach dem Kontrollratsbefehl Nr. 4 ähnlich verfahren. Nach heutigem Kenntnisstand gibt es nur noch etwa vier Exemplare in Nationalbibliotheken.Vom Erntelager Geyer existieren Exemplare in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig, in der Staatsbibliothek Berlin und in der Wiener Nationalbibliothek. Das Exemplar in Köln ist nur eine Kopie, aber es gibt in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien ein weiteres Exemplar. https://search.onb.ac.at/primo-explore/search?institution=43ACC_ONB&vid=ONB&tab=default_tab&search_scope=ONB_gesamtbestand&mode=basic&displayMode=full&bulkSize=10&highlight=true&dum=true&query=any,contains,erntelager%20geyer&displayField=all

Inhalt Der Roman ist in zehn Abschnitte gegliedert.

1 – „Ein bunter Haufe“ (S. 5–14) Eine Gruppe von 20 Pimpfen, also Jungen des Deutschen Jungvolkes, im Alter von etwa 14 Jahren („[...] die die Schule verließen und am ersten September eine Lehre oder ihren Beruf beginnen wollten“, S. 5) fahren mit der Eisenbahn aus der Stadt. Sie kennen einander noch nicht. „Sie hatten sich nach einem Aufruf der Hitlerjugend und des Arbeitsamtes freiwillig zum Ernteeinsatz gemeldet.“ (S. 5). Das Ziel ist Wernersdorf. Ihr Lagerführer ist der Fähnleinführer Jörg Fischer (S. 7). Es wird gesungen, Mundharmonika gespielt und über den bevorstehenden Ernteeinsatz und den Lagerführer gesprochen. Jörg Fischer kennt nur die vier Jungenschaftsführer: Helmut, Rudi, Karl und Flachs. In Wernersdorf richten sich die Jungen in der leerstehenden Schule ein und treten am nächsten Morgen nach dem Frühsport zum ersten Fahnenappell an.

2 – „Wo bleiben die Abenteuer?“ (S. 14–39) Die Jungen begeben sich zu den zugeteilten Bauernhöfen und beginnen mit der ihnen als Stadtkindern ungewohnten und harten Landarbeit. Sie beißen die Zähne zusammen, um vor den Bauern zu bestehen. Abends erzählen sie einander von ihren Erlebnissen auf den Höfen und „Harald zeigte stolz seine Blasen, obwohl er innerlich Pech und Schwefel fluchte.“ (S. 20). Bei einem aufkommenden Streit bildet Jörg Fischer zwei Jungenschaften: „Eine führte Rudi, die andere Helmut.“ (S. 25). Am Ende des Lagers will Fischer entscheiden, welche Jungenschaft die bessere gewesen ist. „So begann der Jungenschaftswettstreit.“ (S. 25).

Am nächsten Tag betrachtet Jörg beim Heumachen die weite Landschaft, erinnert sich an eine frühere Wanderung mit seinem Vater an der deutsch-tschechischen Grenze und reflektiert die Grenzlandthematik und die Metapher vom „blutenden Reichskörper“.

Flachs ist unzufrieden mit seinem Einsatz, da er erst nur Kornkaffee mahlen und anschließend den etwa zweijährigen Sohn der Bäuerin, Wilfried, betreuen muss.

Abends gehen die Jungen zum Dorfteich, um bei rauen Jungenspielen zu baden.

3 – „Der große Tag“ (S. 39–45) Flachs ist glücklich, dass er nun bei der Ernte helfen kann und bemüht sich, die ungewohnt schwere Arbeit in der Sommerhitze zu bewältigen. Er reißt sich zusammen, denn „was war denn sein bißchen Mühe schon den Leistungen der Truppe gegenüber?“ (S. 44).

4 – „Schmuggler, Grenzer und ein Feigling“ (S. 46–60) Lagerführer Jörg schreibt abends einen Wochenbericht für den Bannführer. Als im Schlafraum nach der Nachtruhe noch insgeheim geredet wird, verhängt er als Kollektivstrafe einen nächtlichen Lauf, bis sich Hummel als „Täter“ zu erkennen gibt, was ein Gespräch mit Jörg über Hummels Feigheit zur Folge hat. Jörg lehnt ab, dass Hummel das Lager verlässt, stattdessen soll er sich in der Gemeinschaft beweisen.

Am Sonntag wandern die Jungen mit Jörg auf den Hahnenberg. Sie treffen den Altbauern Eduard, der ihnen Geschichten über den Grenzschmuggel zwischen Sachsen und der Tschechoslowakei erzählt. Ab 1938 gingen auch junge Männer heimlich über die Grenze, um dem Militärdienst in der Tschechoslowakei zu entkommen. Dies endete mit der Annexion im Oktober 1938.

Die Jungen spielen ein raues Geländespiel, bei dem es um Grenzer und Schmuggler geht. Hummel kann sich bei dem Spiel bewähren.

5 – „Wer ist der Feind?“ (S. 60–78) Die Jungen des Erntelagers Wernersdorf besuchen am Sonntagnachmittag die Jungen des Marschendorfer Erntelagers. Die Begrüßung besteht aus einem Überfall und einer gewaltigen Schlägerei, „die ganze Angelegenheit war nur eine Begrüßungsform, die bei vielen Pimpfen gang und gäbe war.“ (S. 61). Die Marschendorfer Jungen liegen mit den Fürstenfelder Jungen in einer Fehde, worum sie von den Wernersdorfer Jungen beneidet werden.

Am nächsten Morgen finden die Jungen zu ihrer Freude einen Fehdebrief, unterzeichnet von der „BLUTIGEN HACKE“. Bei der Erntearbeit von Rudi ist ein Frontsoldat auf Heimaturlaub dabei und erzählt von einem Angriff, während der Junge gebannt zuhört.

Abends hält Jörg einen Heimabend über das Bauerntum: „Der Lagerführer erzählte, wie eigentlich der Bauer am Beginn des Volkes steht, und wie wichtig er für die Nation ist, nicht nur, weil er sie ernährt, sondern weil er ihr auch eine gesunde Nachkommenschaft für die Zukunft verbürgt.“ (S. 69). Er spricht von der Kraft des Bauerntums, die sich immer mehr verstärkt und dann in „solchen alles überragenden Männern“ (S. 70) wie dem Führer, der ebenfalls dem Bauerntum entstamme, zutage tritt.

Das Rätsel um die Verfasser des Fehdebriefs geht weiter.

6 – „Die blutige Hacke“ (S. 78–90) Die Jungen versuchen weiterhin herauszubekommen, wer die BLUTIGE HACKE ist, und folgen ausgelegten Nachrichten. Es entwickelt sich eine wilde Jagd, bei der sich Jörg als Urheber der Fehdebriefe zu erkennen gibt. Harald erfährt von dem Bauernjungen Franz einiges über den HJ-Dienst auf dem Land.

7 – „Florian Geyer“ (S. 90–105) Karl hilft Schweine zu verladen und arbeitet anschließend auf dem Feld. Jörg arbeitet beim Verladen der Garben. Abends hält er wieder einen Heimabend und erzählt vom Bauernkrieg: „Und vor den Augen der Jungen stiegen die Bilder dieser Zeit auf. Sie sahen unterdrücktes Volk, geknechtet und verachtet von einem Adel, der nur auf seinen Vorteil schaute. Sie sahen geschundene Menschen, gepreßt und ausgesaugt von einer Geistlichkeit, die Liebe predigte und Haß säte.“ (S. 96). Der Krieg sei eine „heilige Notwendigkeit“ (S. 96), ein Ritter schwingt sich als Führer auf: Florian Geyer. Jörg liest aus einem Buch vor, von den Kämpfen der Bauern und ihrem Untergang, und benennt schließlich zur Begeisterung der Jungen das Erntelager, das „in den letzten Wochen eine Einheit geworden (sei) Florian Geyer“. (S. 97).

Anderntags wandern die Jungen zur Burg Fürstenfels und besichtigen sie unter der Führung des Kastellans. Der Burgvogt erzählt den Jungen von der Besetzung der Burg durch die Hussiten, diesen „Mordbrennern“ und ihren Kämpfen mit den Deutschen.

Der stille Gert zeigt sich überraschend als hervorragender Orgelspieler. Nachmittags wird gebadet und ein Erzählerwettstreit für den Jungenschaftswettstreit durchgeführt.

8 – „Hummel wird verdächtigt“ (S. 105–113) Während der Erntearbeit setzt ein Gewitter ein. Auch am nächsten Tag regnet es noch und nach ihrer Landarbeit werden unter Jörgs Leitung Faustkämpfe für den Jungenschaftswettstreit ausgetragen. Hummel fehlt unentschuldigt, obwohl auch er hätte boxen müssen. Er kommt sehr spät, entschuldigt sich bei Jörg für sein Fehlen, da er noch auf dem Hof helfen musste, und darf seinen Boxkampf am nächsten Morgen austragen. Jörg reflektiert die Verhaltensänderung von Hummel und bringt sie mit ihrem Gespräch über Ehre in Zusammenhang.

9 – „Regentage“ (S. 113–131)