Unter dem englischsprachigen Namen Agent 355 wird in der US-amerikanischen Populärwissenschaft ausgehend vom Amateurhistoriker Morton Pennypacker (1872–1956) ein nicht näher zu identifizierendes weibliches Mitglied des Culper Rings kolportiert, einer Spionageorganisation im Raum von New York City im Dienste der Kontinentalarmee während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Entspräche Pennypackers These der Wirklichkeit, wäre diese Person eine der ersten Spioninnen im Dienste der Vereinigten Staaten gewesen. Obwohl die Historizität von Agent 355 und prinzipiell die tragende Rolle einer Frau im Culper Ring in den Geschichtswissenschaften unter Verweis auf fehlende geschichtliche Quellen abgelehnt wird, griff die Popkultur den Mythos um die Geheimdienstagentin in verschiedener Weise auf.

Historischer Hintergrund und Quellenlage

1776 musste sich die Kontinentalarmee unter George Washington während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges aus New York City vor den britischen Truppen zurückziehen, die anschließend die Stadt besetzten. New York City diente den Briten in den nächsten Jahren als zentrale Operationsbasis für weitere Feldzüge gegen die aufständischen Siedler der Dreizehn Kolonien. Da die US-amerikanische Niederlage in der sogenannten Schlacht von Long Island unter anderem auf fehlende Geheimdienstinformationen zurückzuführen war, entschied sich Oberbefehlshaber Washington, fortan genau solche Mittel zu fördern. Erste Versuche scheiterten, darunter der Aufbau einer Spionageeinheit namens Knowlton’s Rangers, deren heute bekanntestes Mitglied Nathan Hale bei der Auskundschaftung New York Citys von den Briten gefasst und hingerichtet wurde.

Deshalb richteten Washington und sein geheimdienstlicher Offizier Benjamin Tallmadge den sogenannten Culper Ring ein. Basis des Rings war Tallmadges Heimatdorf Setauket an der Nordküste der von den Briten besetzten Landzunge Long Island. Die zentrale Figur war Abraham Woodhull, ein Farmer aus Setauket, der regelmäßig nach New York City fuhr, um dort seine Waren zu verkaufen. Die bei diesen Besuchen gewonnenen geheimdienstlich relevanten Informationen verfasste Woodhull in einem Brief, den der Walfänger Caleb Brewster über den Long Island Sound nach Connecticut brachte. Von dort aus wurden Briefe über Tallmadge und einige Boten zu Washington gebracht, der sich zu dieser Zeit des Krieges meist in den nördlichen Teilen von New York oder New Jersey aufhielt. Später übernahm Robert Townsend die Rolle des Kundschafters in New York, während Woodhull von Setauket aus koordinierte. Der Name des Spionageringes leitete sich von Decknamen Woodhulls und Townsends ab: Samuel Culper Sr. und Samuel Culper Jr. Neben Woodhull, Townsend und Brewster gehörten nur wenige weitere Personen zum Spionagering, darunter zwei Boten, die Townsends Botschaften zu Woodhull nach Setauket brachten. Keines dieser (bekannten) Kernmitglieder war weiblich, wenngleich es wahrscheinlich ist, dass einige Frauen aus dem Umfeld der Kernmitglieder zumindest als helfende Hand die Aktivitäten des Spionagerings unterstützten.

Um die Gefahr einer Entdeckung zu verringern, nutzten Woodhull und Townsend spezielle Verschlüsselungsverfahren. Die Briefe enthielten augenscheinlich nur Informationen über alltägliche Dinge; tatsächlich schrieben Woodhull und Townsend aber mit Geheimtinte die geheimdienstlichen Informationen zwischen die Zeilen des Briefes. Zudem nutzten sie für bestimmte Schlüsselwörter ein Verschlüsselungsverfahren bestehend aus einem Code mit drei Zahlen, der diese Wörter ersetzte. Neben geheimdienstlich wichtigen Begriffen gab es auch Codezahlen für bestimmte Spione des Culper Rings, deren Kennzahlen alle im 700er-Bereich angesiedelt waren. Heute sind von den Culper-Ring-Briefen noch 193 Exemplare bekannt und erhalten. Einer dieser Briefe, von Woodhull an Tallmadge bzw. Washington, datiert auf den 15. August 1779, enthält folgenden Satz:

In dem Brief äußerte Woodhull seine zunehmenden Bedenken, von den britischen Soldaten in New York City entdeckt zu werden. Aus Sorge vor Spionen kontrollierten die Briten damals wahllos aufgegriffene Besucher der Stadt. Im vom Culper Ring genutzten Codierungsystem bedeutete 727 „New York City“ und 355 „lady“. lady ist im Englischen üblicherweise die Bezeichnung für eine sozial höher stehende Frau; für das profanere woman gab es eine gesonderte Codierung (701). Der Brief vom 15. August 1779 ist das einzige (bekannte) Schreiben des Culper Rings, aus dem unmissverständlich auf die Beteiligung einer Frau an den Spionagetätigkeiten geschlossen werden kann. Während es den Briten nie gelang, den Culper Ring auffliegen zu lassen, veröffentlichte die US-amerikanische Seite auch nach Kriegsende keine Informationen zu den Spionen. Viele Kernmitglieder identifizierten sich aber aus eigenen Stücken öffentlich als Mitglied der US-amerikanischen Spionage während des Unabhängigkeitskrieges oder wurden durch frühe historische Recherchen als solche identifiziert. Bis ins 20. Jahrhundert waren dennoch nicht alle Identitäten der Culper-Ring-Mitglieder bekannt: Insbesondere der wirkliche Name von Samuel Culper Jr. war nach wie vor nicht enthüllt worden. Trotz dieser gewissen Aufmerksamkeit waren der Ring, seine Mitglieder und seine Tätigkeit einer breiteren Öffentlichkeit lange Zeit unbekannt.

Populärwissenschaftliche Rezeption Der Historiker Morton Pennypacker schrieb in den 1930er Jahren ein populärwissenschaftliches Buch über den Culper Ring (General Washington’s spies on Long Island and in New York), in dem er als Erster umfassend die Identitäten der wichtigsten Mitglieder und die Verfahrensweisen des Spionagerings darstellte. Insbesondere identifizierte er erfolgreich Robert Townsend als Samuel Culper Jr. Ausgehend von dem von ihm analysierten Brief Woodhulls vom 15. August 1779 sah er als Erster die Existenz einer Spionin innerhalb des Culper Rings als erwiesen an. Bei der Zahlenkombination 355 habe es sich um den Decknamen dieser Spionin gehandelt. Pennypacker ergänzte ohne genaue Belegangaben, dass 355 die Geliebte von Robert Townsend gewesen und ihre Spionagetätigkeit aufgedeckt worden sei. Deshalb sei sie auf dem britischen Gefängnisschiff HMS Jersey inhaftiert worden, wo sie Townsends illegitimen SohnDer illegitime Sohn Robert Townsend Jr. ist historisch verifizierbar, allerdings gibt es abweichende Angaben zu seinen Eltern. Als Vater wird neben Robert Townsend teilweise auch sein Bruder genannt; Robert Townsend habe das Kind nur großgezogen. Die Mutter gilt allgemein als unbekannt. Nicht belegen lassen sich jegliche Verbindungen des Kindes zur Arbeit Townsends im Culper Ring, zumal das Kind erst 1784 und damit nach Kriegsende und dem Abzug der britischen Truppen aus New York City zur Welt kam. Siehe: Alexander Rose, zitiert nach: Harry Macy gab ferner 1995 an, die Mutter des Kindes als Mary Banvard identifiziert zu haben, eine Hausangestellte der Brüder Townsend in New York City. Auch Banvard lässt sich nicht mit den Aktivitäten des Culper Rings in Verbindung bringen. Vgl.: zur Welt gebracht habe, ehe sie gestorben sei. Da andere Autoren Pennypackers Geschichte aufgriffen, ohne dessen Angaben zu prüfen oder zu hinterfragen, entstand die in den USA populäre Erzählung einer Spionin mit dem Decknamen „Agent 355“, die als Kernmitglied des Culper Rings geholfen habe, den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zugunsten der USA zu entscheiden. Wäre sie wahr, wäre Agent 355 eine der ersten bekannten Agentinnen in der Geschichte der Vereinigten Staaten und des Westens insgesamt.

Oftmals wird Agent 355 die Rolle einer Informantin innerhalb New York Citys zugewiesen, besonders im Hinblick auf Benedict Arnolds Pläne, zu den Briten überzulaufen, die angeblich durch die Informationen von 355 aufgedeckt worden seien. Eine führende Rolle bei der Weiterverbreitung der 355-Geschichte übernahm der Fox-News-Moderator Brian Kilmeade, der 2013 zusammen mit dem Schriftsteller Don Yaeger das populärwissenschaftliche Buch George Washington’s Secret Six: The Spy Ring That Saved The American Revolution veröffentlichte. In dem Buch, das sich zu einem Bestseller entwickelte, behaupteten Kilmeade und Yaeger, der Culper Ring habe aus sechs Mitgliedern bestanden. Während sie einige in der wissenschaftlichen Forschung akzeptierte Mitglieder wie Caleb Brewster in ihrer Darstellung unberücksichtigt ließen, zählten sie „Agent 355“ zum inneren Kern des Spionagerings. Kilmeade und Yaeger stellen Agent 355 als junge Frau aus einer loyalistischen Familie dar, die insgeheim patriotische Gedanken gehegt und in Kontakt mit Robert Townsend gestanden haben soll. Als Teil des Umfeldes von John André habe sie Zugang zur New Yorker Oberschicht gehabt und über den Culper Ring Benedict Arnolds Pläne, von den USA zu den Briten überzulaufen,Die Kontakte zwischen Arnold und John André sind historisch nachweisbar. Tatsächlich gelang es Arnold, einem Generalmajor der Kontinentalarmee, zu den Briten überzulaufen. Seine Pläne, gleichzeitig auch den von ihm kommandierten Stützpunkt West Point nördlich von New York City an die Briten zu übergeben, ließen sich aber nicht in die Tat umsetzen. John André, sein Kontaktmann auf britischer Seite, wurde bei einem Versuch, Arnold zu treffen, von US-amerikanischen Milizen aufgegriffen und als britischer Spion hingerichtet; Arnold ließ daher seine ursprünglichen Pläne fallen und lief allein zu den Briten über. an die USA verraten. Die angebliche Zugehörigkeit von Agent 355 zur New Yorker Oberschicht leiteten Kilmeade und Yaeger aus der Verwendung des Codewortes für „lady“ und nicht für „woman“ ab.

Geschichtswissenschaftliche Beurteilung In den Geschichtswissenschaften werden diese populärwissenschaftlichen Erzählungen skeptisch gesehen. Historiker wie Beverly Tyler oder Alexander Rose wiesen darauf hin, dass die bekannten Quellen keine weiteren Informationen zu einer Beteiligung einer Frau am Culper Ring geben als der eine Satz in Woodhulls Brief vom 15. August 1779. Die populärwissenschaftlichen Darstellungen, die darüber hinausgehen, entbehren somit jeglicher historischer Grundlage. Die von Woodhull erwähnte lady sei, so Rose, durchaus eine Unterstützerin gewesen, aber eben keine Spionin. Auch Tyler weist eine tatsächliche Spionagetätigkeit aus Mangel an Belegen zurück. Die Historikerin Claire Bellerjeau ergänzte, dass man den genauen Umfang der Unterstützung durch die mit 355 beschriebene Frau nicht exakt bestimmen könne. Bellerjeau wies ferner darauf hin, dass die Textstelle ganz allgemein Woodhalls eher laxen Umgang mit sensiblen Informationen zeige: „die Erwähnung einer lady, [aber auch] jeder anderen Person, in einem Brief, selbst in verschlüsselter Form“ hätte im Falle des Falles nicht nur die Sicherheit dieser bestimmten Person, sondern die des ganzen Spionagerings gefährden können.