Die Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig (kurz BVfS Leipzig) war eine regionale Außenstelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), gemeinhin bekannt als „Stasi“. Sie war verantwortlich für die Überwachung und Unterdrückung von Andersdenkenden im Bezirk Leipzig. Die Bezirksverwaltung befand sich in Leipzig auf dem Areal Dittrichring 24/Große Fleischergasse und verfügte über 13 Kreisdienststellen. Von den, je nach einbezogenen Diensten und Mitarbeitergruppen, über 2.390Leitung der BVfS Leipzig. In: argus.bstu.bundesarchiv.de. Abgerufen am 9. Dezember 2024. bis 3.792 hauptamtlichen Mitarbeitern arbeiteten ungefähr 750 in der Zentrale in Leipzig. Zusammen mit den fast 10.000 inoffiziellen Mitarbeitern (IMs) war die Bezirksverwaltung Leipzig eine der größten der DDR.
Die BVfS Leipzig wurde im Zuge der Verwaltungsreform von 1952 gegründet und war bis zu ihrer Auflösung Ende 1989 tätig. Haupttätigkeitsfelder neben vielfältig repressiven Überwachungsmaßnahmen gegen die Bevölkerung waren die Kontrolle der Leipziger Messe und die Auslandsspionage, konkret in Nordrhein-Westfalen, aber auch die Umsetzung der Direktive 1/67, in der als „Vorbeugekomplex“ DDR-weit 86.000 Bürger erfasst waren und die ein System von Isolierungs- und Internierungslagern vorsah. Nach der Besetzung am 4. Dezember 1989 im Rahmen der Montagsdemonstrationen verlor die Bezirksverwaltung ihre Funktion. Vereinzelte Aktivitäten ehemaliger Mitarbeiter der BVfS Leipzig sind aber bis heute in Vereinen (GRH, GBM) spürbar. Seit 1990 beherbergt das Gebäude am Innenstadtring die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“, in der die Erinnerung an die Tätigkeit der Stasi von vielen Leipziger Bürgern wachgehalten wird, welche teilweise die repressiven Aktivitäten noch selbst miterlebt hatten.Thomas Mayer: Helden der Friedlichen Revolution: 18 Porträts von Wegbereitern aus Leipzig (= Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Bd. 10). 2. Auflage. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017, ISBN 978-3-374-04996-7.
Die Gebäude der ehemaligen Stasi-Zentrale – die auch eine der größten Bunkeranlagen (für 750 Personen) auf dem Stadtgebiet Leipzigs enthalten – werden teilweise als Museum verwendet, teilweise von Ämtern und Vereinen, teilweise sind sie ungenutzt. Auch die Akten der BVfS sind hier in einer Außenstelle des Bundesarchivs öffentlich zugänglich. Die langfristige Nachnutzung des Erweiterungsbaus wird seit 2017 verstärkt diskutiert. Anfang 2024 wurde aus über 60 Vorschlägen ein Entwurf gewählt, der „wesentliche Teile des Bestands … ressourcenschonend bewahrt und sinnvoll durch Neubau ergänzt.“Bernd Schekauski: Umgestaltung in Leipzig: So soll sich der Matthäikirchhof verändern. In: mdr.de. 1. Februar 2024, abgerufen am 2. Februar 2024. Dabei macht es der Standort erforderlich, die archäologischen und „baulichen Spuren der Wiege Leipzigs“ auf dem Areal zu erhalten. In einem bauhistorischen Gutachten warnten Tanja Scheffler und Susann Buttolo schon im Jahr 2021 vor der „leichtfertigen Beseitigung der aktuellen, teilweise noch sehr authentisch überlieferten DDR-Bausubstanz“. Kristian Schulze: Warum die Ex-Stasi-Zentrale in Leipzig nicht unter Denkmalschutz steht, in: MDR Aktuell vom 13. März 2026, eingesehen am 17. März 2026.
Standort mini|Plan der BVfS Leipzig, Ausbaustand 1989
Lage und Vorgeschichte mini|alt=Eine fünf Meter breite Einfahrt mit geöffnetem Tor, links ein bedrohlich wirkendes Hochhaus, rechts ein Pförtnergebäude und ein blattloser großer Baum|Ehemaliger Haupteingang der BVfS Leipzig, 2023
Das etwa 15.800 Quadratmeter große Grundstück, auf dem die Bauten der Bezirksverwaltung errichtet wurden, liegt in der nordwestlichen Altstadt von Leipzig auf der Innenseite der Ringstraße.Vgl. zu den grundlegenden Daten: Wolfram Georg, Maximilian Einert: Entwicklung des Matthäikirchhofs Leipzig Baustein 4: Grundlagenermittlung. Leipzig 2020. (pdf), abgerufen am 5. März 2023. Dabei ahmen die ehemaligen Bürogebäude der Bezirksverwaltung Leipzig, die zwischen Dittrichring, Großer Fleischergasse, Matthäikirchhof und Goerdelerring stehen, eine Blockrandbebauung nach.Mirko Seidel: Ehem. Bürogebäude der Bezirksverwaltung Leipzig des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (Stadt Leipzig). In: architektur-blicklicht.de, 3. Oktober 2018, abgerufen am 6. Mai 2023. An dieser Stelle hatte im 11. Jahrhundert die Burg Leipzig gelegen,Abbildung der mittelalterlichen Burg Leipzig als Rekonstruktionsversuch von Herbert Küas in: Das frühe Leipzig, Sax-Verlag, Beucha 2003, ISBN 3-934544-49-5. die Thietmar von Merseburg erstmals zum Jahr 1015 als „urbs lipzi“ erwähnt.Thietmar von Merseburg: Chronik, lib. VII, cap. 25; übertragen und erläutert von Werner Trillmich (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 9). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1962, S. 378 f.Enno Bünz: Schlaglicht: Die Chronik des Thietmar von Merseburg und die Ersterwähnung von 1015. In: Geschichte der Stadt Leipzig. Teil: Band 1: Von den Anfängen bis zur Reformation, unter Mitwirkung von Uwe John herausgegeben von Enno Bünz. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2015, ISBN 978-3-86583-801-8, S. 86–89. Die zuletzt 1950 bis 1956 offengelegten GrabungenVera Denzer, Andreas Dix u. a.: Leipzig. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Leipzig. Böhlau Verlag Köln/Weimar/Wien 2025, ISBN 978-3-412-22299-4, S. 62f. auf dem Gelände zeigten die Spuren dieser ursprünglichen Burganlage,Herbert Küas: Das alte Leipzig in archäologischer Sicht. Berlin 1976, S. 39–92. der eigentlichen „Wiege Leipzigs“. Mit den ab 2024 neugeplanten Bauarbeiten besteht die Chance, diese archäologischen und bauhistorischen Zeugnisse mit modernen Methoden offenzulegen und in die neuen Planungen öffentlichkeitswirksam einzubeziehen. Ab dem 13. Jahrhundert siedelten sich dort Franziskaner an und errichteten ein Kloster, welches im Zuge der Reformation aufgelöst wurde. Die Reste der Klosterkirche dienten zunächst als Lager, sie wurde aber 1699 von der Bürgerschaft neu aufgebaut. Im 19. Jahrhundert wurde sie als Matthäikirche im Stil der Neugotik erneuert.
Die enge Bebauung nach der Reformation wich an der Seite des Innenstadtrings um 1913 den Gebäuden der „Runden Ecke“. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Viertel samt Kirche durch Bombenangriffe 1943 schwer zerstört. Der Bau der „Runden Ecke“ blieb jedoch erhalten und wurde zunächst von der amerikanischen Militärverwaltung genutzt, später von der sowjetischen. Mit der Gründung der DDR 1949 wurde der Gebäudekomplex an die sich 1950 neu konstituierende Staatssicherheit übergeben. Dabei wurden neben der Ruine der Matthäikirche auch weitere kriegszerstörte Häuser abgebrochen. Um 1953 erfolgten umfangreiche archäologische Untersuchungen durch Herbert Küas auf dem Gelände, anschließend wurden auf dem Areal Neubauten hinter der „Runden Ecke“ errichtet.
Bau „Runde Ecke“ Das Gebäude wurde zwischen 1911 und 1913 als Geschäftshaus der Alten Leipziger Feuerversicherung nach Plänen der Architekten Hugo Licht und Karl Poser zusammen mit dem Büro Weidenbach & Tschammer errichtet. Nach Einzug amerikanischer Truppen in die Stadt im Jahr 1945 nutzte die US-Armee das Gebäude für einige Monate, anschließend folgte eine Nutzung durch das Innenministerium der Sowjetunion und des MfS-Vorläufers K5. Von 1950 bis 1989 war dort der Sitz der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Leipzig. Seit August 1990 beherbergt die „Runde Ecke“ die ständige Ausstellung Stasi – Macht und Banalität. Träger ist das Bürgerkomitee Leipzig e. V. mit ihrem Geschäftsführer Tobias Hollitzer.Tobias Hollitzer, abgerufen am 1. März 2023. Das Gebäude wird zudem von dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) als Außenstelle, einem Teil des Bundesarchivs, genutzt.
Saalbau Von 1956 bis 1958 wurde der Saalbau errichtet. Der Name geht auf einen großen Fest- und Kinosaal im 4. Stock zurück, der für Filmvorführungen und zu Schulungszwecken genutzt wurde.Marius Mechler: Lost & Dark Places Leipzig. München 2022, S. 17. Auch große Feierlichkeiten, wie Jahrestage, wurden hier abgehalten, auf denen hochrangige Stasioffiziere wie Markus Wolf, langjähriger Leiter der Auslandsspionage, ihre Reden hielten. Im Keller des fünfstöckigen Verwaltungsbaus befand sich eine Kegelbahn für das MfS. Die Büroräume dazwischen nutzten die Abteilungen „Finanzen“ und „Kader und Schulung“, aber auch die „Auslandsaufklärung“ (Abteilung XV). Von 1978 bis 1985 war im Keller zusätzlich eine HO-Verkaufsstelle eingerichtet, die – nach dessen Fertigstellung – in den Erweiterungsbau verlegt wurde. In den freiwerdenden Raum kam die Datenendstelle des Messdatenspeichers. Um für den 40. Jahrestag der DDR zur Verfügung zu stehen, wurde der Saal 1989 umfassend erneuert. Im Anschluss an die Montagsdemonstrationen wurden hier Filmaufnahmen und Fotos der Demos vorgeführt, um Teilnehmer zu identifizieren und weiter zu verfolgen.
Erweiterungsbau mini|hochkant|alt=Dunkelbraunes Emaille-Wandrelief mit einer roten stilisierten Blüte mittig und zahlreichen weißen stilisierten Blüten drumherum|Emaille-Wandrelief von Helmut Humann, aufgenommen 2023
Am 25. Januar 1980 erfolgte die offizielle Grundsteinlegung des Erweiterungsbaus im Beisein von Manfred Hummitzsch, dem damaligen Leiter der BVfS. Das Richtfest des Erweiterungsbaus für Staatssicherheit und Volkspolizei fand am 23. Juni 1982 statt. Bei der Fassadengestaltung kam ein serielles Formsteinverfahren zum Einsatz, das Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht entwickelt hatten. Aufgrund der Formen der sichtbaren Verkleidung wurde der Bau im Volksmund als „Ohrenburg“ bezeichnet. Friedrich Kracht entwarf zusammen mit Karl-Heiz Adler auch die Natursteinwandverkleidung aus schwarzem Granit für die Neubauten der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei und der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Leipzig. Die künstlerische Ausgestaltung im Inneren des Baus lag in den Händen des Grafikers Helmut Humann (1922–1996); dieser fertigte nach den zentralen Vorgaben unter anderem Emaille-Wandreliefe wie „Feliks Dzierżyński“ oder das Logo des MfS im Eingangsbereich. Als am 19. September 1985 die symbolische Schlüsselübergabe an die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit stattfand, hatte der Bau etwa 78 Mio. Mark der DDR gekostet. Der Haupteingang der Bezirksverwaltung befand sich seit dieser Zeit an der Großen Fleischergasse. Die verbunkerten Räume im 2. Kellergeschoss boten mit über 1000 Quadratmetern allen 750 Mitarbeitern Platz für den Kriegsfall, der allerdings in der DDR nur als Verteidigungsfall bezeichnet wurde. Der 100 Mann starke Führungsstab um Manfred Hummitzsch hätte im Falle eines Krieges seine Arbeit im Bunker der geheimen Ausweichführungsstelle im Naherholungsgebiet „Lübschützer Teiche“, 20 km östlich von Leipzig, fortsetzen können.Das Museum im Stasi-Bunker Leipzig. 24. Februar 2022. (stsg.de, abgerufen am 3. März 2023) Der von 1980 bis 1985 errichtete Erweiterungsbau besteht aus vier einzelnen Gebäudetrakten mit jeweils sechs Geschossen mit zurückgesetztem Dachgeschoss, die alle mit einem Flachdach abschließen. Der Gebäuderiegel zur Großen Fleischgasse ist 70 Meter lang und 10 Meter tief, zu je 18 Bürofenstern plus Treppenturm, der im Volksmund spöttisch auch als „Horchturm“ oder „Ohrenburg“ bezeichnet wird.
Geschichtlicher Kontext Vor 1980