Die Oberschlesische Hydrierwerke AG (kurz OHW) war ein 1939 im Rahmen der nationalsozialistischen Autarkiebestrebungen gegründetes Unternehmen in Blechhammer (Kreis Cosel, Oberschlesien). Die Gesellschaft betrieb Anlagen zur Kohleverflüssigung für die Gewinnung synthetischer Kraftstoffe.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die sowjetische Besatzungsmacht das hochmoderne und nahezu unzerstörte Werk demontieren und in die UdSSR verbringen. Zur Abwicklung des verbliebenen Westvermögens wurde 1951 in Bonn eine Zweigniederlassung errichtet. Die Auflösung der Aktiengesellschaft und Löschung aus dem Handelsregister erfolgte 1957.
Auf dem 130 Hektar großen Betriebsgelände in Blechhammer (polnisch Blachownia Śląska) entstand ab 1950 die Zakłady Chemiczne Blachownia (Chemiefabrik Blachownia), die heute von der Petrochemia Blachownia Sp. z o.o. betrieben wird.
Gründung mini|Gleiwitzer Kanal mit Abzweig (links) zum Donau-Oder-Kanal; rechts vormalige Belegschaftssiedlung Blechhammer-Neudorf, links heutige Chemieanlagen auf Teil ehemaligen Gelände der OHW (2005)
Mit Schreiben vom 23. April 1939 beauftragte das Reichsamt für Wirtschaftsausbau die Mineralölgesellschaft mbH Berlin mit der Planung und dem Bau eines Hydrierwerks zur Verflüssigung von Steinkohle nach dem Bergius-Pier-Verfahren in einem Waldgelände bei Blechhammer.
Finanziert wurde das Vorhaben zunächst aus öffentlichen Mitteln. Die endgültige Trägerschaft des Unternehmens setzte sich unter Beteiligung verschiedener oberschlesischer Steinkohlengesellschaften zusammen. Dazu zählten insbesondere die Preussag, die Reichswerke, die US-amerikanische Giesche Mining AG, welche sich zu 100 % im Besitz der Silesian-American Corporation (SACO) befand, sowie der Ballestrem-Konzern, der im rund 80 km von Blechhammer entfernten Odertal O.S. bereits einen Industriekomplex (Schaffgotsch-Benzin) zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe betrieb.
Die Gründung der Oberschlesische Hydrierwerke AG Blechhammer erfolgte durch Gesellschaftervertrag am 20. Dezember 1939 und die Eintragung im Handelsregister am 25. Januar 1940. Aufsichtsratsvorsitzender war Alfred Pott, Generalbevollmächtigter von Nikolaus von Ballestrem, dem Inhaber des größten privaten Montankonzerns in Oberschlesien.Stanisław Łukowski: Zbrodnie hitlerowskie w Łambinowicach i Sławięcicach na Opolszczyźnie w latach 1939–1945. Slask, 1965, S. 63.
Das Gründungskapital der Gesellschaft betrug 250 Millionen Reichsmark (RM), was heute inflationsbereinigt Euro entspricht.Verlag Hoppenstedt (Hrsg.): Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, Band 49, Teil 3. Hoppenstedt 1944, S. 2788. 1942 und 1943 gab das Unternehmen Teilschuldverschreibungen auf dem freien Anlagemarkt im Gesamtwert von 350 Millionen RM heraus. Konsortialbank war die Deutsche Bank, Berlin. Verzinst wurden die Anleihen mit jährlich 4 %. Als Sicherheit dienten Hypotheken auf den 130 Hektar großen Grundbesitz sowie Bürgschaften.Hans-Georg Glasemann, Ingo Korsch: Hoffnungswerte. Ungeregelte Ansprüche aus Wertpapieremissionen vor 1945 und ihre Entschädigung nach der Wiedervereinigung. Springer-Verlag, 2013, S. 56, 161, 225.
Max Josenhaus (* 1893 in Wildbad, Württemberg; † 1966 in St. Petersburg, Florida), promovierter Chemiker und bis 1939 Chefingenieur der Leunawerke, leitete das Werk als Direktor. Chefchemiker war Walter Krönig.Susanne Barth: From Schmelt Camp to Little Auschwitz. 'Blechhammer‘s Role in the Holocaust. Purdue University Press, 2024, S. 1927. Zu den weiteren führenden Mitarbeitern zählten Franz Fußhüller (Technische Leitung), Karl Riedmüller (Kaufmännische Leitung) und Heinrich Schlick (Personal-/Gefolgschaftsleitung).
Aufbau mini|Karte der USAAF von 1943; die Anlage der Oberschlesische Hydrierwerke AG wird hier als Blechhammer Nord und die Anlage der IG Farben als Blechhammer Süd bezeichnet
Die Rodungs- und Planierarbeiten begannen im Winter 1939/40. Parallel mit der Errichtung des Werks entstanden in unmittelbarer Nähe zwischen Gleiwitzer Kanal und Klodnitz Belegschaftssiedlungen mit Einfamilienhäusern für Meister und Ingenieure, Siedlungshäusern für Facharbeiter und mehrere sogenannte Volkswohnungen in überwiegend zweigeschossigen Mehrfamilienhäusern. Die Planung und Errichtung der Wohngebäude oblag der Berliner Architektengemeinschaft Schupp & Kremmer, die hierfür ein Zweigbüro in Gleiwitz eröffnete. Beide Architekten galten als Vertreter des Neuen Bauens.Industriearchitektur des NS-Regimes Deutsches Historisches Museum Berlin, abgerufen am 30. Oktober 2024.
Ab 1943 übernahm der Stadtplaner Josef Kaiser die Leitung des Entwurfs- und Konstruktionsbüros der Oberschlesische Hydrierwerke AG. Kaiser realisierte in Blechhammer etwa 100 Projekte, darunter Luftschutz- und Sanitätsbunker, Werkstätten und technische Anlagen, Lokschuppen, Lagerhäuser, Bekohlungsanlagen, Wohnblöcke, eine Großwäscherei, ein Feierabendhaus und ein Casino (frühere Bezeichnung für Personalrestaurant).Thomas Zill: Der Entwurf des Kulturpalastes durch Josef Kaiser. In: Katrin Rohnstock, Sabine Tjørnel: Kulturpalast Unterwellenborn. Aus Erinnerung Zukunft schmieden. Kulturpalast Unterwellenborn e.V., 2019, S. 17. Die Freizeit-, Sport- und Gartenanlagen entwarf Gustav Allinger.Gustav Allinger; Gartenanlage Bereitschaftssiedlung Oberschlesische Hydrierwerke, Blechhammer TU Berlin Architekturmuseum, abgerufen am 8. November 2024.
Nahezu zeitgleich errichtete die IG Farben in Heydebreck O.S. das Hydrierwerk Heydebreck, welches in Konkurrenz zum nur rund 5 km nordöstlich gelegenem Hydrierwerk der Oberschlesische Hydrierwerke AG in Blechhammer entstand. So versuchte die Geschäftsleitung, nachdem die Baumaßnahmen der IG Farben in der unmittelbaren Nachbarschaft bekannt geworden waren, sämtliche Ressourcen (Baumaterial, Arbeitskräfte, Unterkünfte etc.) für das eigene Projekt zu sichern. Unter anderem kaufte die Oberschlesische Hydrierwerke AG sofort die gesamte Jahresproduktionen der umliegenden Ziegeleien, Kieswerke, Sägewerke auf und schloss mit sämtlichen Hotel-, Gaststätten- und Saalbesitzern der Umgebung Verträge über die Bereitstellung von Gebäuden, Zimmern, Sälen für die Unterbringung und Versorgung von Arbeitskräften ab.„Die in Auschwitz sterben mussten, haben andere auf dem Gewissen...“ Projektion, Rezeption und Realität der I.G. Farbenindustrie AG. im Nürnberger Prozeß. Inauguraldissertation, FU Berlin, 2010. S.161. Repositorium der Freien Universität Berlin, abgerufen am 28. Oktober 2024.
Auch später waren die OHW und die IG Farben alles andere als miteinander verflochten. Sie warben sich gegenseitig Arbeitskräfte ab, booteten sich bei Angeboten von Subunternehmern aus, stahlen sich gegenseitig Stahl, Zement und andere Baumaterialien, verklagten sich und führten gerichtliche Dauerprozesse.Śląska Bitwa o Paliwo – poznaj jej historię w Blachowni Stowarzyszenie „BLECHHAMMER – 1944”, abgerufen am 7. November 2024. Dessen ungeachtet betrachteten die Stabsstelle der United States Army Air Forces (USAAF) sowie die Ankläger im IG-Farben-Prozess beide Hydrierwerke fälschlicherweise als einen Komplex. Sie bezeichneten das Hydrierwerk der IG Farben in Heydebreck als Blechhammer Süd und das Hydrierwerk der OHW als Blechhammer Nord, was zuweilen noch heute so dargestellt wird.The Historie of the Oberschlesische Hydrierwerke AG Sub Camps of Auschwitz/Tiergarten4Association e.V., abgerufen am 28. Oktober 2024.
Tatsächlich war die Oberschlesische Hydrierwerke AG nicht nur ein absolutes Konkurrenzunternehmen zur IG Farben, sondern bei der Planung eines weiteren Chemiewerks der maßgebliche Entscheidungsgrund der IG Farben für die Standortwahl Auschwitz. So finden sich in Oberschlesien nur an zwei Stellen Wasser und Kohle dicht beieinander, im Westen bei Heydebreck und Blechhammer die Oder, im Südosten bei Auschwitz die Weichsel und Sola. Da der Standort Blechhammer bereits an die Oberschlesische Hydrierwerke AG vergeben war, fiel die Wahl der IG Farben auf Auschwitz. Ein weiteres kohlechemisches Großwerk in der Umgebung von Heydebreck konnte aufgrund des geplanten Donau-Oder-Kanals sowie des Grundwasserspiegels und mangels ausreichender Gewinnung von Brunnenwasser für Kühlzwecke nicht in Betracht gezogen werden.Andreas Kilian: Buna-Werk Auschwitz. Die maßgeblichen Entscheidungsgründe der IG Farben für die Standortwahl Dwory–Monowitz. Disserta Verlag, 2015, S. 42–43.
Arbeitskräftemangel Der außerordentlich schneereiche und strenge Winter des Jahres 1939/1940, der in Oberschlesien bis zu Temperaturen unter −30° führte, brachte große Erschwernis für die vorzubereitenden Arbeiten mit sich. Die Witterungseinflüsse waren jedoch nicht die einzigen Schwierigkeiten beim Aufbau des Werks. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs waren bei der Realisierung neuer Produktionseinrichtungen im Wesentlichen zwei Faktoren maßgebend: Bau-Materialien (Steine, Kies, Stahl, Holz etc.) und Arbeitskräfte. Noch im Sommer 1939 hatte das Landesarbeitsamt Schlesien darauf hingewiesen, dass Schlesien einen Arbeiterüberschuss von 50.000 Mann habe. Im Winter 1939/1940 hatte sich der Überschuss durch Einberufungen in einen deutlichen Mangel verwandelt.
Da die Anzahl der Zuweisungen von Arbeitskräften durch das Arbeitsamt zu gering war, wurden im Frühjahr 1940 Fremdarbeiter über ausländische Vermittlerfirmen angeworben. Hierbei handelte es sich zunächst überwiegend um Italiener, Slowaken und Tschechen deren Einsatz auf der Grundlage von Arbeitsverträgen erfolgte. Diese Arbeiter kamen freiwillig nach Deutschland, oft unter dem Druck hoher Arbeitslosigkeit in ihren Herkunftsländern. Je nach Qualifikation waren sie in nahegelegenen Wohnbaracken oder in Privatquartieren untergebracht. Ihre Arbeitsverträge entsprachen im Wesentlichen denen ihrer deutschen Kollegen inklusive Sozialleistungen wie Krankenbehandlung, bezahlte Krankheitstage, Urlaub und zusätzliche Familienheimfahrten.Ute Vergin: Die nationalsozialistische Arbeitseinsatzverwaltung und ihre Funktionen beim Fremdarbeiter(innen)einsatz während des Zweiten Weltkriegs. Dissertation Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück, 2008, S. 268 f.
Laut Geschäftsberichten erhöhten diese Arbeitskräfte die Baukosten deutlich, da auch an ausländische Arbeiter die in Deutschland üblichen Sozialzulagen zu entrichten waren. Dementsprechend fielen besonders hohe Trennungs-, Übernachtungs-, Wegegelder und Schlechtwetterzulagen an. Zudem brachen viele der überwiegend jungen ausländischen Arbeitskräfte ihre Beschäftigung in Deutschland nicht selten nach wenigen Wochen wieder ab, so dass eine Regelmäßigkeit und damit eine Planbarkeit beim Einsatz der ausländischen Arbeiter zu keinem Zeitpunkt gegeben war. Da auf dem freien Arbeitsmarkt praktisch keine Arbeitskräfte verfügbar waren, erhielt die Oberschlesische Hydrierwerke AG ab Ende 1940 französische und englische Kriegsgefangene zugewiesen, was ebenfalls zu Mehrkosten und erheblichen Zeitverlusten führte. Denn für den Aufbau der Baracken wurden Arbeiter benötigt, die laut Arbeitsamt erst zugewiesen werden konnten, wenn die Baracken errichtet waren, da Unterkünfte die Voraussetzung für die Zuweisung der Arbeitskräfte darstellten. Damit drehte sich die Bauleitung faktisch im Kreis.
Letztlich kamen für die Errichtung des Werks neben deutschen Arbeitskräften, insbesondere des Reichsarbeitsdienstes, und zivilen (freiwilligen) Fremdarbeitern sowie den Kriegsgefangenen, auch Strafgefangene und ab April 1944 KZ-Häftlinge zum Einsatz. Für die Erfassung und Lenkung der Zwangsarbeiter war in Oberschlesien auf Anordnung Heinrich Himmlers ab dem 15. Oktober 1940 die Dienststelle Schmelt zuständig. Das von dieser Organisation im Jahr 1942 eingerichtete Arbeitslager Blechhammer wurde ab Mitte 1944 in das Außenlagersystem des KZ Auschwitz integriert.
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