mini|Eine typische US-amerikanische Ten-Wheeler-Lokomotive um 1890 mini|Die Preußische P 8 war eine der meistgebauten Ten-Wheeler-Lokomotivreihen Als Ten-Wheeler (auf Deutsch in etwa mit Zehnrädrige zu übersetzen) werden vor allem im nordamerikanischen Sprachgebrauch Dampflokomotiven mit der Achsfolge 4-6-0 nach der Whyte-Notation, die der deutschen Bauartbezeichnung 2’C entspricht, bezeichnet. Ten-Wheeler besitzen ein vorauslaufendes zweiachsiges Drehgestell und drei gekuppelte Achsen. Ursprünglich vorwiegend als Güterzuglokomotiven und für den Einsatz auf Strecken mit schwierigen Steigungsverhältnissen genutzt, entstanden in dieser Achsfolge im Laufe der Entwicklung eine Vielzahl von Bauarten als Mehrzweck-, Personenzug- und Schnellzuglokomotiven. Die Achsfolge zählt zu den am meisten verbreiteten Achsfolgen im Dampflokomotivbau. Überwiegend wurden Schlepptenderlokomotiven mit dieser Achsfolge gebaut, in geringem Umfang auch Tenderlokomotiven.
Geschichte Im Unterschied zu den meisten Bauartbezeichnungen nach nordamerikanischer Nomenklatur, die beispielsweise vom Namen der ersten gebauten Lokomotive oder der die Achsfolge als erste einsetzenden Eisenbahngesellschaft abgeleitet wurden, war lediglich die Anzahl der Räder die Basis für die Bauartbezeichnung der 2’C-Lokomotiven. Die ersten Lokomotiven dieser Bauart entstanden bereits Ende der 1840er Jahre in den USA. Sie waren im Prinzip mit dem Ziel verbesserter Adhäsion um einen Kuppelradsatz verlängerte American-Lokomotiven. Es ist nicht eindeutig geklärt, welche Bahngesellschaft und welcher Hersteller erstmals diese Achsfolge einsetzten. Wahrscheinlich die erste Lokomotive dieser Bauart war die 1847 von Norris an die Philadelphia and Reading Railroad, eine Vorgängergesellschaft der Reading Railroad, gelieferte Chesapeake. 1848 erhielten auch die Boston and Maine Railroad und die Erie Railroad ihre ersten Ten-Wheeler.
Eingesetzt wurden Ten-Wheeler in den USA in den ersten Jahrzehnten vor allem im schweren Güterzugverkehr auf steigungsreichen Strecken. Mit dem Aufkommen der Consolidations, die mit ihren vier Kuppelachsen ein deutlich besseres Verhältnis zwischen Reibungsgewicht und Gesamtgewicht aufwiesen, wurden sie aus diesen Diensten weitgehend verdrängt. Dafür fanden Ten-Wheeler zunehmend ein breites Einsatzgebiet, sowohl als Mehrzwecklokomotiven für Personen- und schnelle Güterzüge wie auch als Expresszuglokomotiven, so dass schließlich die meisten nordamerikanischen Bahngesellschaften in den USA wie auch Kanada und Mexiko Lokomotiven dieser Achsfolge besaßen. Die letzten größeren Bauserien dieser Achsfolge kamen schließlich in den 1920er Jahren zur Auslieferung, zuletzt in den Jahren 1923 bis 1929 eine Serie für den Vorortverkehr der Pennsylvania Railroad und ihrer Tochtergesellschaft Long Island Rail Road.Trains: Steam locomotive profile: 4-6-0 Ten-Wheeler, abgerufen am 5. Juli 2023 Im Plandienst hielten sich die letzten Exemplare bis zum Schluss der Dampfzeit gegen Ende der 1950er Jahre. Insgesamt entstanden in Nordamerika über 16.000 Ten-Wheeler, sowohl in Normal- wie Schmalspur.Adam Burns: 4-6-0 "Ten-Wheeler" Locomotives, american-rails.com, abgerufen am 4. Juli 2023 mini|Lieferfoto der NSB Type 14a 12 BALDWIN, 1879 In Europa kam diese Achsfolge deutlich später als in den USA zum Einsatz. Erstmals Anwendung fand sie 1879 in Norwegen mit den vier Lokomotiven MB 1–2 und SB 11–12, die von Norsk Stats-Jernbane, der Vorgängergesellschaft der 1883 gegründeten Norges Statsbaner, für den Einsatz auf der Smaalensbane (SB) und der Meråkerbane (MB) bestellt worden waren. Diese ersten europäischen Ten-Wheeler wurden noch aus den USA importiert; Hersteller war Baldwin.Svein Sando: Die ersten 2C-Schlepptenderloks in Europa. Lok Magazin 128, 23. Jahrgang, Stuttgart 1984, S. 344–345 1884 kam bei der italienischen Società per le strade ferrate dell’Alta Italia (SFAI), einer Vorgängerbahn der Rete Mediterranea (RM), mit der ersten für den Einsatz auf der Giovi-Linie beschafften Lokomotive der Reihe SFAI 1181–1200 die erste in Europa hergestellten 2’C-Lokomotive zum Einsatz. Der von den SFAI-Werkstätten in Turin konstruierte und nach dem ersten italienischen König als Vittorio Emanuele II. bezeichnete Prototyp bewährte sich; weitere 54 Exemplare wurden von der SFAI und der RM bis 1896 bei Ansaldo, Miani e Silvestri und J. A. Maffei beschafft.
Weitere größere Beschaffungen folgten erst in den 1890er Jahren. In Frankreich wie in Großbritannien kamen die ersten Lokomotiven dieser Achsfolge in diesem Jahrzehnt zum Einsatz. Zur gleichen Zeit beschafften auch die ersten deutschen Bahngesellschaften 2’C-Lokomotiven, beginnend 1894 mit der speziell für den Einsatz auf der Schwarzwaldbahn vorgesehenen Badischen IV e. Im gleichen Jahr erhielt in der Schweiz die Gotthardbahn-Gesellschaft als erstes Unternehmen eine Lokomotive dieser Achsfolge, 1896 folgte Österreich. Ab etwa 1900 fand die Achsfolge dann bei den europäischen Bahnen große Verbreitung, vor allem als Schnellzug- und Personenzuglokomotive. Die in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Europa eingeführten Pacific-Lokomotiven konnten die 2’C-Lokomotiven nur zum Teil aus den hochwertigen Leistungen im Express- und Schnellzugverkehr verdrängen, in diversen Ländern bevorzugten Bahngesellschaften weiterhin Ten-Wheeler auch für ihre hochwertigsten Leistungen. Letzte Beschaffungen erfolgten vereinzelt noch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, in verschiedenen Ländern zählten sie schließlich zu den letzten eingesetzten Dampflokomotivtypen.
In Australien, Afrika, Asien und Südamerika fanden Ten-Wheeler ebenfalls in diversen Eisenbahnnetzen ein Einsatzgebiet. Die Achsfolge 2’C zählt damit zu den am meisten verbreiteten Achsfolgen bei Dampflokomotiven.
Ten-Wheeler ausgewählter Länder Deutschland mini|Die Badische IVe war die erste deutsche 2’C-Lokomotive mini|Eine Bayerische S 3/5 im Jahr 1908 mini|Die Preußische S 10 1135 Osten 2003 auf dem Dresdner Dampflokfest mini|Die letzte erhaltene Sächsische XII H2 1993 auf dem Dresdner Dampflokfest Die erste in Deutschland beschaffte Baureihe mit der Achsfolge 2’C war die Badische IV e, die vor allem auf der Schwarzwaldbahn im Schnell- und Personenzugdienst eingesetzt wurde. Es folgte 1896 die Bayerische C V, während die Preußischen Staatseisenbahnen erst 1899 ihre ersten Ten-Wheeler beschafften, dies auch nur zögerlich mit der lediglich 18 Exemplare umfassenden und von der badischen IV e abgeleiteten Preußischen P 7. Ab 1906 erhielten die Preußischen Staatseisenbahnen die nach Vorgaben ihres Lokomotivdezernenten Robert Garbe konstruierte und außerordentlich erfolgreiche Preußische P 8. Sie wurde in der Folge auch von anderen deutschen Länderbahnen, der Deutschen Reichsbahn sowie den rumänischen Staatsbahnen mit insgesamt rund 3950 Stück beschafft und kam infolge der Umwälzungen der beiden Weltkriege schließlich in einer Vielzahl europäischer Länder zum Einsatz.
Mit Ausnahme der Oldenburgischen Staatsbahnen besaßen schließlich alle bis 1920 existierenden Länderbahnen Lokomotiven der Achsfolge 2’C. Die P 8 wurden von der Reichsbahn noch bis 1923 nachbeschafft und als Baureihe 38.10–40 eingeordnet. Die letzten für eine deutsche Staatsbahn gebauten Lokomotiven dieser Achsfolge waren jedoch 1927 nachgelieferte Exemplare der Sächsischen XII H2, die bei der Reichsbahn als Baureihe 38.2 eingeordnet wurden. Lediglich die private Lübeck-Büchener Eisenbahn beschaffte noch bis 1932 einige 2’C-Lokomotiven. Ab 1938 übernahm die Reichsbahn zudem im Zuge der diversen Annexionen und Besetzungen fremder Staatsgebiete durch das Dritte Reich diverse 2’C-Lokomotiven österreichischer, tschechischer und polnischer Herkunft. Die letzten Lokomotiven dieser Achsfolge blieben in Deutschland bis 1974 im Einsatz, als bei der Deutschen Bundesbahn die letzten P 8 ausgemustert wurden.
Tenderlokomotiven dieser Achsfolge wurden lediglich in Preußen in geringer Stückzahl beschafft.
Schlepptenderlokomotiven Baden Badische IV e, Baujahre 1894 bis 1901, 83 Stück
Bayern Bayerische C V, Baujahre 1896 bis 1901, 42 Stück Bayerische S 3/5 N, Baujahre 1903 bis 1907, 39 Stück Bayerische S 3/5 H, Baujahre 1906 bis 1911, 30 Stück Bayerische P 3/5 N, Baujahre 1905 bis 1908, 36 Stück
Elsaß-Lothringen Elsaß-Lothringische P 5, Baujahr 1898, 5 Stück Elsaß-Lothringische P 7, Baujahre 1902 bis 1903, 30 Stück Elsaß-Lothringische S 9, Baujahr 1906, 80 Stück Elsaß-Lothringische S 10.1, Baujahre 1911 bis 1914, 17 Stück
Mecklenburg Mecklenburgische P 8, Baujahre 1914 bis 1922, 16 Stück
Preußen Preußische P 7, Baujahre 1899 bis 1902, 18 Stück Preußische P 8, Baujahre 1906 bis 1923, 3548 StückEinschließlich der ab 1920 durch die Reichsbahn nachbeschafften und zunächst teilweise als Oldenburgische und Badische P8 bezeichneten Maschinen. Preußische S 10, Baujahre 1910 bis 1914, 202 Stück Preußische S 10.1 (Bauart 1911), Baujahre 1911 bis 1914, 135 Stück Preußische S 10.1 (Bauart 1914), Baujahre ab 1914, 109 Stück Preußische S 10.2, Baujahre ab 1914, 124 Stück
Sachsen Sächsische XII H, Baujahr 1906, 6 Stück Sächsische XII HV, Baujahre 1908 bis 1914, 42 Stück Sächsische XII H1, Baujahr 1909, 7 Stück Sächsische XII H2, Baujahre 1910 bis 1927, 169 Stück
Württemberg Württembergische D, Baujahre 1898 bis 1905, 14 Stück
Deutsche Reichsbahn DR-Baureihe 38.4, Baujahr 1921, 80 StückZunächst als Bayerische P 3/5 H bezeichnet.
Lübeck-Büchener Eisenbahn LBE S 10, Baujahre 1912 bis 1932, 15 StückMehrere Unterbauarten und Umbauten, 7 Stück mit Vierzylinderantrieb (davon 5 auf Dreizylinderantrieb umgebaut), 8 Stück mit Dreizylinderantrieb.
Tenderlokomotiven Preußen Preußische T 10, Baujahre 1909 bis 1912, 12 Stück
Österreich-Ungarn mini|Lokomotive SB 109.13 als einsatzfähige Museumslokomotive in Graz mini|Lokomotive MÁV 328.054 als Ausstellungsstück in Budapest In Ungarn beschaffte die Staatsbahn MÁV bereits 1892 ihre ersten 2’C-Lokomotiven, zunächst nur in geringer Stückzahl. Erst die MÁV-Baureihe 327 erreichte größere Stückzahlen. 1896 folgte die Österreichische Nordwestbahn (ÖNWB) mit ihren Reihen XIVa und XIVb, die nach der Verstaatlichung der ÖNWB ab 1909 als Reihe 11 der k.k. Staatsbahnen (kkStB) bezeichnet wurden. Auch weitere große Privatbahnen der Donaumonarchie wie die Kaiser Ferdinands-Nordbahn (KFNB) oder die Südbahngesellschaft (SB) beschafften diverse Reihen mit dieser Achsfolge, die zum Teil ebenfalls in den Besitz der kkStB und später der BBÖ übergingen. Die kkStB selbst erhielten mit der Reihe 9 ihre ersten eigenen Ten-Wheeler ab 1898. Alle Bahnen beschafften ausschließlich Schlepptenderlokomotiven mit dieser Achsfolge, Tenderlokomotiven kamen nicht zum Einsatz. Nach 1918 gingen die Maschinen auf die diversen Nachfolgestaaten der Donaumonarchie über. Neue Reihen mit dieser Achsfolge entstanden in Österreich abgesehen von der Umbauvariante BBÖ 409 der kkStB-Reihe 9 nach 1918 nicht mehr. In Ungarn beschaffte die bis 1932 noch selbständige Südbahngesellschaft (ungarisch: Duna-Száva-Adria-Vasúttársaság, DSA) noch bis 1930 Ten-Wheeler. In Österreich stellte die ÖBB 1967 die letzten Exemplare der früheren Südbahnreihe 109, die von ihr als ÖBB 38.41 eingeordnet wurden, ab, während in Ungarn die letzten Maschinen der MÁV-Baureihe 328 1973 als letzte Ten-Wheeler ausgemustert wurden.www.steamlocomotive.com: 4-6-0 Locomotives in Austria, abgerufen am 29. Juni 2023www.steamlocomotive.com: 4-6-0 Locomotives in Hungary, abgerufen am 29. Juni 2023
Österreich ÖNWB XIVa und b, BEB VIII, ATE Ic, bzw. kkStB 11, Baujahre 1896 bis 1909, 45 Stück kkStB 9 bzw. SB 9, Baujahre 1898 bis 1903, 42 StückZwischen 1922 und 1928 wurden 18 Lokomotiven in die Reihe BBÖ 409 umgebaut. KFNB IIIc bzw. kkStB 27, Baujahre 1902 bis 1904, 11 Stück StEG 36.5 bzw. kkStB 109, Baujahre 1902 bis 1904, 14 Stück BNB IIb bzw. kkStB 127, Baujahre 1903 bis 1904, 3 Stück ÖNWB XVIII bzw. kkStB 309, Baujahr 1904, 4 Stück