Abraham (eigentlich Abram Chemjanowitsch) Brustawitzki (auch: Brzostowiecki; Brzestowiecki; Brustow * 15. August 1908 in Kolno, Russisches Kaiserreich; verschollen) war ein polnisch-deutscher Journalist, Schriftsteller und Übersetzer. Einen Teil seiner Veröffentlichungen verfasste er unter dem Pseudonym A. Brustow.
Leben Brustawitzkis Vater, der Kaufmann und Pferdehändler Chemia Brzostowiecki (* 1876), war bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit der Ehefrau Rosa (* 1875), geb. Zabielowicz, in Deutschland auf Geschäftsreise. Beide wurden als Kriegsgefangene in Magdeburg interniert, ließen sich später am Ort nieder und holten die Kinder, Chaim Baruch (* 1898), Inda (* 1899), Motek (* 1906), Abraham und Susan (* 1912) nach. Seit 1925 unterhielten die Eltern – nun den Familiennamen Brustawitzki führend – das Hotel und ab 1928 das Restaurant „Stadt Amsterdam“ in der Brandenburger Straße 2.
Abraham Brustawitzki gehörte – wie seine Ehefrau Erna Frohne – seit September 1931 der KPD an und war wie diese im Bezirk Magdeburg-Anhalt politisch tätig. Brustawitzki arbeitete für die „Welt am Abend“ und ab 1930 für die „Junge Volksbühne“ (ein nach dem Ausschluss aus der Berliner Volksbühne 1930 gegründetes „proletarisch–revolutionäres“ Theaterkollektiv). Nach Angaben von Ernst Ottwalt und Emma Tromm(–Dornberger)Georg Lukács, Johannes R. Becher, Friedrich Wolf u. a.: Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1991, S. 109, 361 kam er 1932 mit einem Krankentransport des „Internationalen Bundes der Opfer des Krieges und der Arbeit“ in die UdSSR (die Ehefrau folgte im September). Zunächst in einem Sanatorium untergebracht, erhielt er von Wilhelm Florin nachträglich die Genehmigung zum Verbleib im Land und lebte zunächst in Moskau, dann in Leningrad. Brustawitzki gehörte der Länderkommission der Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller (IVRS), russisch: Meždunarodnoe ob’edinenie revoljucionnych pisatelej (MORP) an, verfasste Beiträge für die „Deutsche Zentral-Zeitung“ (DZZ), wurde schließlich Feuilletonredakteur der Leningrader „Rote Zeitung“, wo er mit Richard Lengyel zusammen arbeitete.
1934 wurde Erna Frohne-Brustawitzki als Mitarbeiterin der DZZ entlassen. Sie wurde 1936 verhaftet und konterrevolutionärer trotzkistischer Aktivitäten angeklagt. Am 11. Mai 1938 wurde sie zum Tode verurteilt und am 10. Juni 1938 erschossen. (Sie wurde 1956 rehabilitiert.) Abraham Brustawitzki wurde am 21. Mai 1936 verhaftet und am 22. September 1936 von einer „Sonderberatung“ des NKWD nach § 58(10) des Strafgesetzbuches wegen antisowjetischer Propaganda und Agitation zu 5 Jahren „Besserungsarbeitslager“ verurteilt.
Hugo Huppert rechnete Abraham Brustawitzki im Verlauf der nichtöffentlichen Versammlung deutscher Exilschriftsteller 1936Georg Lukács, Johannes R. Becher, Friedrich Wolf u. a.: Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1991, S. 215 zur Opposition der „Jungen“, zu der außerdem Gustav Brand, Lengyel, Erich Müller(–Kamp), David Schellenberg und Emma Tromm(–Dornberger) gehört haben sollen. Ernst Ottwalt zögerte bei der Versammlung nicht, sich in denunziatorischem Impetus vom inzwischen verhafteten Brustawitzki zu distanzieren:
Der vom Leiter der Kaderabteilung des EKKI, Gevork Alichanov, am 31. Januar 1937 vorgelegte Bericht „Ueber die deutsche Emigration in der Sowjetunion“ weist Brustawitzki als Agenten der Gestapo und des deutschen Konsulats aus.
Ein letztes Lebenszeichen von Abraham Brustawitzki ist durch die Befragung des italienischen Arbeiters und Kommunisten Emilio Guarnaschelli (* 30. Juli 1911, Turin - † 28. April 1938, Magadan) vor der Troika des NKWD des Dalstroi im Februar 1938 überliefert.
Guarnaschelli, am 1. Mai 1933 in die Sowjetunion emigriert, des Trotzkismus beschuldigt und am 2. Januar 1935 verhaftet, zunächst zu drei Jahren Haft verurteilt und 1936 zu fünf Jahren Arbeitslager, 1938 zum Tod durch Erschießen, gibt auf die Frage, mit wem er im Gulag Kontakt hatte, folgendes an: „Conosco Bruztovitzki e Radki, si trovano nella miniera Razvedcik, entrambi tedeschi.“ (= Ich kenne Bruztovitzki und Radki, die sind in der Zeche Razvedcik, beide sind Deutsche.)Giancarlo Lehner / Francesco Bigazzi: Carnefici e vittime. I crimini del PCI in Unione Sovietica. Mailand: Mondadori, 2006, S. 142; Dank für Hinweis und Übermittlung der Zitatstelle an Bérénice Manac'h
Es kann als sicher gelten, dass es sich bei Bruztovitzki um Abraham Brustawitzki und bei Radki um den aus Berlin stammenden und 1935 verhafteten Hermann Karl Radtke (* 1893 - † 16. Juni 1938) handelt.
Der Ort Razvedcik (oder Razvedchik) bezeichnet zugleich eine zum Gulag-Komplex Dalstroi gehörige Goldmine, an der berüchtigten Fernstraße R504 („Straße der Knochen“) von Magadan zum Kolyma-Gebiet im äußersten Nordosten Sibiriens gelegen, 24 km westlich von Orotukan und 309 km nördlich von Magadan.
Am 28. September 1989 wurde Abraham Brustawitzki rehabilitiert.
Die Eltern Abraham Brustawitzkis sowie der Bruder Chaim Baruch (* 1898), dessen Frau Helene (* 1898) und der Sohn David (* 1922) wurden Opfer des Holocaust. Am 8. Juni 2022 wurden vor ihren ehemaligen Wohnorten, Magdeburg, Brandenburger Str. 2 und Kleine Kloster–Str. 2, Stolpersteine verlegt. Der Bruder Motek (* 1906, auch Max Brusto), Journalist und Schriftsteller, lebte zunächst in Hamburg, von 1933 bis 1942 in Paris und Nizza. Er floh über den Genfersee in die Schweiz, wo er in Auffang- und Arbeitslagern interniert wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte er wieder nach Frankreich zurück.
Veröffentlichungen A. Brustow: Zu den Gedichten von Wilhelm Tkaczyk. In: Internationale Literatur. Zentralorgan der Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller. Bd. 3. 1933, Nr. 1, Januar, S. 128–130 A. Brustow: Interview mit Bert Brecht. In: Rote Zeitung. 1935, Nr. 26, 20. März A. Brustow: Bertolt Brekht. In: Zvezda. 1935, Nr. 9, S. 144–162 A. Brustow: Der Dichter in der Emigration. Zu den neuen Gedichten von Johannes R. Becher. In: Der Kämpfer. Monatsschrift für Literatur und Kunst. Organ des Verbandes der Sowjetschriftsteller der ASSRdWD. Bd. 4. 1936, Nr. 1, Januar, S. 62–72, Nr. 2, Februar, S. 63–70
Literatur A. Rudolf (d. i. Lengyel, Richard): Abschied von Sowjetrußland. Schweizer Spiegel-Verl., Zürich 1936, S. 233, 244–247, 290–294, 299, 320–327, 357 David Pike: Lukács und Brecht. Niemeyer, Tübingen 1986, S. 209–211, 267. ISBN 3-484-35016-4 Institut zur Geschichte der Arbeiterbewegung (Hrsg.): In den Fängen des NKWD. Dietz Verl., Berlin 1991, S. 44–45, 373. ISBN 3-320-01632-6 Georg Lukács, Johannes R. Becher, Friedrich Wolf u. a.: Die Säuberung. Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1991, S. 10, 53, 102–103, 107ff., 214–215, 224, 239–240, 301, 334, 360ff., 367ff., 371, 375–376, 379–380, 384, 450–451, 455, 470, 522, 525, 539. ISBN 978-3-688-10954-8 Meinhard Stark: „Ich muß sagen, wie es war“. Deutsche Frauen des GULag. Metropol, Berlin 1999, S. 106–107. ISBN 3-932482-07-7 Werner Schmidt: Lebensweg eines jüdischen Arztes aus Magdeburg. Aschersleben 2008, S. 53 Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein u. Aleksandr Galkin (Hrsg.): Deutschland, Russland, Komintern. I. Überblicke, Analysen, Diskussionen. de Gruyter Oldenburg, Berlin, München, Boston 2014. S. 296, 468, 1806. ISBN 978-3-11-030098-7 Hermann Weber, Jakov Drabkin u. Bernhard H. Bayerlein (Hrsg.): Deutschland, Russland, Komintern. II. Dokumente (1918–1943). de Gruyter Oldenburg, Berlin, München, Boston 2014. S. 1313, 1806. ISBN 978-3-11-033976-5 Stephen Parker: Bert Brecht. A Literary Life. Eine Biographie. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2018, S. 525. ISBN 978-1-350-05345-8
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