Sieben ist das siebte Studioalbum der deutschen Punkband Pascow. Es erschien am 27. Januar 2023 über Kidnap Music und Rookie Records. Mit einer Chartplatzierung in den Top 10 der deutschen Musikcharts stellt es den bislang größten kommerziellen Erfolg für die Band dar.
Entstehungsgeschichte mini|Pascow 2016 live In den Jahren nach Diene der Party (2014) gab es einen Einschnitt im Bandleben von Pascow. Die Band, insbesondere Sänger Alexander Thomé (Alex Pascow) und Schlagzeuger Oliver Thomé (Ollo Pascow), fühlten sich zu jener Zeit ausgebrannt. Zahlreiche Promoaktivitäten, Tourneen und auch unzählige Festivalauftritte führten zu einem Erschöpfungszustand. Die Band stand kurz vor dem Aus. Doch Ollo Pascow organisierte in den Jahren danach das Bandleben neu mit einem festen Probetag, längerfristige Planungen von Tourneen und der konsequenten Absage von Anfragen, wenn sie nicht in den Zeitplan passten. Außerdem wurde zum ersten Mal mit einem Nightliner gearbeitet, so dass der Fahrtaufwand nicht mehr von der Band selbst organisiert werden musste. Unter diesen neuen Bedingungen entstand bereits das Vorgängeralbum Jade, das 2019 erschien und einen großen Erfolg für die Band bedeutete.
Die Entstehung des Albums von Sieben fiel in die Zeit der COVID-19-Pandemie in Deutschland. Dies führte zu einer Einschränkung der Bandaktivitäten durch die verschiedenen Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie. Dies stellte zunächst einen Einschnitt dar, aber mit dem ein Jahr vorher veröffentlichten Album führte dies dazu, dass die Band entspannt an neuen Songs arbeiten konnte.
Die Aufnahmen entstanden zwischen 2021 und 2022 im Tonstudio45 in Friedrichssegen (Lahnstein). Produzenten waren Kurt Ebelhäuser, der bereits einige Vorgängerwerke betreute, und Michael Wern, einem alten Bekannten der Band. Im Gegensatz zu den Vorgängeralben hatte die Band wesentlich mehr Zeit für die Aufnahmen zur Verfügung. Da die Band ihre Tour 2020 wegen der Covid-19-Pandemie verlegen musste, erhielt sie für die Nachholtermine der Tour 2021, die vor wesentlich weniger Zuschauern hätten stattfinden müssen, Geldmittel von der Initiative Musik sowie Neustart Kultur. Inbegriffen war aber auch ein Betrag, den die Band zur Songwriting-Förderung erhalten könne, wenn sie auf die Tour verzichtet. Dementsprechend sagte die Band die Tour ersatzlos ab und stellte einen Antrag auf Förderung für die Plattenaufnahmen. Das bedeutete, dass die Band zwei Wochen zusätzlich ins Studio gehen konnte. So entstanden die Songs an zweimal vier Tagen, die Aufnahmen fanden innerhalb von drei Wochen statt.
Veröffentlichung mini|Pascow bei der Releaseshow am 2. Februar 2023 live in der Garage Saarbrücken Das Album erschien am 27. Januar 2023 über die von Alex Pascow betreute Plattenfirma Kidnap Music sowie das befreundete Label Rookie Records. Es erschien in mehreren Versionen: als LP inklusive Download, als CD in limitierter Erstauflage, im Digipak mit Pappschuber sowie die Zweitauflage im sechsseitigen Digipack ohne Pappschuber. Daneben ist das Album auf sämtlichen Streaming-Diensten und Download-Portalen verfügbar. Kidnap Music und Rookie Records achteten darauf, dass die Vinyl-Ausgabe exklusiv im Indiepool des Vertriebs verkauft wurde und weder bei Amazon noch im Media Markt oder vergleichbaren Geschäften erhältlich war. Bei der Gestaltung der Tonträger wurde auf Nachhaltigkeit geachtet. So wurde die Vinyl-Ausgabe nur in schwarzem Vinyl ohne Sonderanfertigungen erstellt. Für die CD-Variante wurde ein CD-Tray aus biologisch abbaubarem Korn verwendet.
Die eigentliche Releaseshow fand am 4. Februar 2023 in der Garage in Saarbrücken statt, während die Tour tatsächlich drei Tage früher in Marburg startete. Das Konzert, bei dem als Vorband NTÄ und als Überraschungsgäste Akne Kid Joe auftraten, war eine Woche nach Vorverkaufsstart ausverkauft, so dass am 25. Februar 2023 ein Zusatztermin in der Garage stattfand.
Titelliste Alle Lieder wurden von Pascow geschrieben.
NummerTitelZeitAnmerkungen / Gäste1.Himmelhunde4:042.Königreiche im Winter2:47feat. Apocalypse Vega3.Monde3:29Gastgesang: Hanna Landwehr4.Gottes Werk und Teufels Beitrag3:05Gastgesang: Michael Wern5.Grüße Eve2:28Gastgesang: Nadine Nevermore6.Die Unsichtbaren2:087.Mailand3:15Gastgesang: Nadine Nevermore, Michael Wern, Violine: Sara Lopez, Viola: Peter Honsalek8.Ich bin klar2:53Gastgesang: Michael Wern9.Daniel & Hermes2:47Gastgesang: Nadine Nevermore10.Tom Blankenship2:4811.Zugausweichen0:59Instrumental12.Von unten nichts neues2:1413.Vierzehn Colakracher3:09Gastgesang: Hanna Landwehr14.Boris Blocksberg0:12Gastgesang: Michael Wern
Musikstil und Einzelsongs Musikalisch versuchte sich die Band nach den Experimenten auf dem Vorgängeralbum Sieben weniger experimentell zu halten. Ziel war es auch, sich nicht direkt auf den Vorgänger zu beziehen. Die Lieder sollten „einfache, simple Songs“ werden, zudem wurde auf Balladen verzichtet. Das Album ist dementsprechend etwas eingängiger, rockiger, aber auch zum Teil schneller und punkiger ausgefallen, wobei es produktionstechnisch weiter auf einem hohen Niveau bleibt.
Im Vergleich zu früheren Alben, auf denen persönliche Bezüge eher versteckt in den Text eingearbeitet wurden, sind viele Songs des Albums persönlich gehalten und beruhen zum Teil auf den Erfahrungen von Alex Pascow, der überwiegend für die Texte verantwortlich zeichnet. Oberstes Thema des Albums ist das Thema Randständigkeit in seinen verschiedenen Facetten. Dabei werden Bezüge zum aktuellen Zeitgeschehen aufgebaut, die jedoch nur selten explizit auf einen bestimmten Umstand hinweisen. So finden sich zum Beispiel im Lied Die Unsichtbaren zwar Bezüge zum Russischen Überfall auf die Ukraine 2022 ohne dieses Thema aber explizit zu nennen. Insgesamt sind die Texte und auch der zum Teil aggressive, „leicht pöbelnde“ Gesangsstil anklagend, trotzig und wütend gehalten. Sie verzichten auf plumpe Parolen, ohne Lösungsansätze anzubieten.
Himmelhunde Himmelhunde ist der erste Song des Albums und war zugleich auch die erste Auskopplung aus dem Album. Inhaltlich handelt das Lied vom Thema Homosexualität. Der Text beschreibt „den Moment der Erkenntnis, dass man als Mann einen Mann liebt.“ Alex Pascow sagt dazu selbst, der Text sei nicht autobiografisch geprägt, dennoch habe ihn der Text beim Schreiben tief bewegt, und er habe bewusst seine „Komfortzone“ verlassen. Mit 4:04 Minuten Laufzeit ist Himmelhunde der längste Song des Albums. Der Titel des Songs ist zugleich eine Anspielung auf den Filmtitel Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle.
Das Musikvideo erschien am 9. September 2022. Dem eigentlichen Video ist eine Triggerwarnung vorangestellt. Die Hauptrolle in dem Video spielt Philipp Alfons Heitmann zusammen mit der Band. Gezeigt wird ein Autounfall und die Folgen davon. Heitmann wacht im Lied in einem auf dem Kopf stehenden Auto auf, im und um das Auto liegen die Bandmitglieder regungslos. Der Schauspieler kämpft sich aus dem Autowrack und steckt sich eine Zigarette an. Anschließend übergießt er das Auto mit Benzin und zündet es an. In diesem Moment erwacht Sänger Alex Pascow und reißt entsetzt die Augen auf. Das Video wurde von Visual Attack erstellt und beruht auf einer Idee von Andreas Langfeld. Das Video hat nichts mit dem Thema des Songs zu tun. Der Crash soll eher metaphorisch für den Moment der Erkenntnis stehen.
Königreiche im Winter mini|Apocalypse Vega ist Duettpartnerin von Alex Pascow auf Königreiche im Winter Königreiche im Winter war die zweite Auskopplung aus dem Album. Der Song erzählt vom Aufwachsen in der Provinz und der vermeintlichen Idylle, in der man sich dort befindet. Sie ist aus der Sicht zweier Kinder beziehungsweise Jugendlichen geschrieben, deren Eltern sie verwahrlosen ließen. So ist der männliche Protagonist ein Lügner und die weibliche Protagonistin ritzt sich selbst, während der eine Vater gut im (Glücks-)Spielen sei und der andere gut im Abhauen. Das Lied ist zum Teil autobiografisch geprägt. Der Vater von Alex und Ollo Pascow starb an den Folgen seines Alkoholkonsums. Als Anspielung ist die Textzeile „Rotwein mit Ei vorm Mittagessen“ zu verstehen. Das Lied ist als Duett aufgebaut. Gastsängerin ist Apocalypse Vega von Acht Eimer Hühnerherzen.
Das dazugehörige Video erschien am 11. November 2022. Zu sehen ist erneut Philipp Alfons Heitmann, der jedoch nur eine Nebenrolle als Jäger spielt. Das Video zeigt einen Jungen, der mit seinem Hund von zu Hause abhauen will, um im Wald zu leben. Mit einem Walkie-Talkie will er mit einem Mädchen in Kontakt treten. Die beiden werden jedoch erwischt. Das Mädchen (vermutlich vor ihren Eltern) und der Junge verstecken sich vor dem Jäger im Unterholz. Erneut entstand das Video unter Einbezug von Visual Attack.
Monde mini|Hanna Landwehr bei der Releaseshow 2023 Monde handelt von der Gentrifizierung und der Erfahrung, dass sich die Städte immer ähnlicher werden. Sie verlieren dadurch ihre Identität und werden laut Songtext „öde wie ein Mond“. Der Text beruht zum einen auf den Tourerfahrungen der Band. Als sie vor Jahren anfingen, war jede neue Stadt etwas Neues, doch mit der Zeit wurden die Innenstädte so umgebaut, dass die Städte ihre Identität verloren haben und überall die gleichen Geschäfte zu finden waren. Zum anderen basiert der Text aber auch auf dem Erleben der Covid-19-Pandemie in Trier, wo Kidnap Music einen eigenen Laden besitzt. Dort wurden während der Pandemie viele Läden zu Testzentren umfunktioniert und als sich die Pandemie gelegt hatte, waren die Läden verschwunden. Der Text bezieht sich auch darauf, dass sich Menschen in Szenevierteln einquartieren, die mit der Subkultur nichts zu tun haben, aber etwas erleben wollen. Dadurch steigen die Mieten und dadurch tragen sie dazu bei, dass die subkulturelle Szene zurückgedrängt wird. Als Gastsängerin ist Hanna Landwehr aus Trier zu hören, die die Band auch auf Livekonzerten begleitet und dort unter anderem das Lied Wunderkind vom Vorgängeralbum singt.
Gottes Werk und Teufels Beitrag Der Titel des Songs beruht auf dem gleichnamigen Roman von John Irving. Das Lied thematisiert die sich anbahnende Klimakatastrophe sowie die Rolle von Großkonzernen wie Amazon und Nike sowie Politiker der AfD, die auch namentlich genannt werden. Mit der Textzeile „Wenn der Quotenjunkie WELT dann gegen Minderheiten hetzt“ wird auf die Zeitung Die Welt aus dem Axel Springer Verlag referenziert. Ursächlich dafür ist die Berichterstattung über die Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017, bei dem ein Foto eines Demonstranten abgedruckt war, der ein T-Shirt von Pascow mit der Aufschrift „Alles muss kaputt sein“ trug.
Grüßt Eve Grüßt Eve ist einer von zwei Songs, bei dem Nadine Nevermore (ex-Christmas, jetzt NTÄ) mitsingt. Der Text thematisiert ähnlich wie der Text vorher Zukunftsangst, in diesem Fall vor einem Atomkrieg. Der Text entstand schon vor dem Russischen Überfall auf die Ukraine 2022. Beeinflusst wurde der Song von dem Pixar-Disney-Animationsfilm WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf, bei dem ein „weiblicher“ Roboter namens Eve dem Titelcharakter eine neue Perspektive eröffnet. Mit der Textzeile „Alles ist erleuchtet“ wird ein Bezug zum Roman von Jonathan Safran Foer aufgebaut. Das „Erleuchtet, beinahe schön“ dient als Kontrast zur im Songtext dargestellten Katastrophe.
Die Unsichtbaren Der Text zu Die Unsichtbaren handelt von der Flüchtlingsthematik und wird aus Sicht der Betroffenen erzählt. Ursprünglich bezog er sich auf die Flüchtlingskrise in Europa 2015/2016, wurde jedoch vor dem Eindruck des russischen Überfalls auf die Ukraine komplett umgeschrieben, um zum einen der aktuellen Thematik zu entsprechen, zum anderen um pietätvoll mit der Situation umzugehen. Der neue Text entstand nur acht Stunden nach Kriegsbeginn am letzten Studiotag, den die Band für das Album hatte.
Mailand mini|Geigerin Laura K. bei der Releaseshow