Damaris, Lady Masham (* 18. Januar 1658 oder 1659 in Cambridge als Damaris Cudworth; † 20. April 1708 auf Otes Manor, High Laver, Essex), häufig Damaris Cudworth Masham, war eine britische Philosophin, die durch ihre enge Freundschaft mit John Locke bekannt wurde.

Geboren als Tochter des Cambridger Platonikers Ralph Cudworth, erhielt Masham wie alle Frauen in der damaligen Zeit keine institutionelle Bildung, kam aber durch die privilegierten Verhältnisse ihres Elternhauses schon früh in Kontakt mit der Philosophie. Seit etwa 1682 stand sie in Kontakt mit John Locke, der sich 1691 auf das Landgut von Masham (Otes/Oates Manor) und ihrem mittlerweile angetrauten Ehemann Francis Masham, 3. Baronet zurückzog. Ihr Vater bzw. die Cambridger Platoniker und Locke beeinflussten zeitlebens ihre eigene philosophische Denkweise. Als Teil der Res publica literaria stand Masham im Briefwechsel mit verschiedenen Denkern ihrer Zeit, darunter mit Locke bis zu dessen Einzug in Otes Manor sowie mit Gottfried Wilhelm Leibniz.

Mit zwei anonym publizierten Schriften nahm Masham am philosophischen Diskurs in England teil. In A Discourse Concerning the Love of God (1696) wies sie die okkasionalistische Position John Norris’ zur Liebe zu Gott zurück und argumentierte, die Liebe zu Gott brauche immer die Liebe zu Mitmenschen und sei daher untrennbar mit dieser verbunden. Die Liebe zu Gott entspringe der menschlichen Beobachtung der Umwelt (Erkenntnistheorie), die in dem rationalen Schluss münde, dass man den Schöpfer lieben müsse, weil dieser für unser Glück verantwortlich sei. In ihrem zweiten Werk Occasional thoughts in reference to a vertuous or Christian life (1705) argumentierte sie unter anderem für eine reasonable Christianity (etwa: „vernunftgemäßes Christentum“) als ideale Einheit von Religion und Vernunft und für die Religion als Quelle von tugendhaftem Verhalten. Diesen Gedanken setzte sie in Verbindung mit der Forderung nach gleichwertigen Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen, da sonst die moralisch richtige Erziehung des Nachwuchses nicht zu bewerkstelligen sei. Eine umfassende Erforschung von Mashams eigener Philosophie ist bis heute nicht in Gang gekommen.

Leben

Damaris Cudworth wurde in Cambridge als einzige Tochter des Philosophen Ralph Cudworth, eines Cambridger Platonikers, und dessen Ehefrau Damaris geboren und wuchs mit mehreren Brüdern und Halbgeschwistern auf. Als Angabe ihres Geburtsjahres kursiert sowohl 1658 als auch 1659. Über ihren Bildungsweg sind abgesehen von unbewiesenen Spekulationen nur wenige gesicherte Fakten bekannt; auch in der neueren Forschung wurden dazu sich unterscheidende Thesen aufgestellt. Es gilt als gesichert, dass Masham auf hohem Niveau Französisch, aber keine Altgriechischkenntnisse hatte und während ihrer Kindheit auch kein Latein erlernte. Die große Ausprägung ihrer Kenntnisse des Französischen und philosophischer wie theologischer Fragen machen es wahrscheinlich, dass sie in ihrer Kindheit zumindest einen gewissen Grad an Förderung erhalten hat. Dass ihr Vater Cambridger Platoniker und einflussreicher Philosoph war, dürfte ihr dabei in Form eines frühzeitigen Kontakts mit philosophischen Diskussionen zugutegekommen sein.

mini|Otes/Oates Manor auf einer Gravur unbekannten Datums

Als junge Frau reiste Cudworth regelmäßig nach London. Dort freundete sie sich mit Elizabeth Stillingfleet an, der Ehefrau des Theologen und Gelehrten Edward Stillingfleet. Wahrscheinlich über Elizabeth Stillingfleet lernte sie Sir Francis Masham, 3. Baronet (c. 1646–1723) kennen, einen Verwandten Stillingfleets, den Cudworth 1685 heiratete. Sie nahm dessen Nachnamen an und hieß fortan Damaris, Lady Masham, da ihr Ehemann einen Adelstitel führte. Das Ehepaar lebte in einem Herrenhaus in High Laver in Essex (Otes Manor oder Oates Manor). Ihr Gatte brachte neun Kinder aus einer früheren Ehe mit Mary Scott de la Mézangère mit, für deren Erziehung Masham in den nächsten Jahren verantwortlich war. Der einzige leibliche Sohn Mashams, Francis Cudworth Masham (1686–1731), wurde später Hauptbuchhalter des Court of Chancery.

Parallel hatte sie 1681/1682 wohl über einen gemeinsamen Freund namens Edward Clarke den Philosophen John Locke kennengelernt, mit dem sie fortan eine enge Freundschaft verband. Bereits kurz nach dem Kennenlernen nahmen die beiden einen Briefwechsel auf, der auch während Lockes Exil in den Niederlanden aufrechterhalten wurde. Der Briefwechsel drehte sich um diverse philosophische Fragen, umfasste aber auch persönliche Themen. So beklagte sich Masham beispielsweise über die Einsamkeit des Lebens in High Laver. Nach Lockes Rückkehr nach England 1689 nahmen er und Masham den persönlichen Konktakt wieder auf. 1691 zog Locke auf das Landgut der Mashams nach High Laver, wo er bis zu seinem Tod 1704 die letzten 14 Jahren seines Lebens verbrachte. Dort empfing er zahlreiche Philosophen und Denker seiner Zeit, mit denen so auch Masham in Kontakt kam. Für Locke waren diese 14 Jahre mit die produktivsten seines Lebens. Nach seinem Tod verfasste Masham für Jean Leclerc einen biographischen Abriss über Locke, den Leclerc als Basis für den Eintrag zu Locke in seiner Bibliotheque choisie verwendete und der auch von späteren Biographen Lockes als Quelle herangezogen wurde. Sie verstarb etwa dreieinhalb Jahre nach Locke im April 1708 im Alter von etwa 50 Jahren auf Otes Manor und wurde in der Abteikirche Bath bestattet. Bis auf einige Briefe ist ihr Nachlass heute verschollen.

Philosophisches Werk Obwohl in ihren Möglichkeiten durch die Verpflichtungen ihrer Ehe und der Erziehung ihres Sohnes und ihrer neun Stiefkinder begrenzt, war es Masham durch die Bedingungen ihres Elternhauses und ihre Freundschaft mit John Locke möglich, wie nur wenige Frauen ihrer Zeit eigenständig philosophisch tätig zu sein. Ihr Werk besteht im Kern aus den beiden von ihr veröffentlichten Schriften A Discourse Concerning the Love of God (1696) und Occasional thoughts in reference to a vertuous or Christian life (1705). Locke unterstützte beide Publizierungen, indem er die Kosten für die Buchbinderei übernahm. Beide Schriften publizierte Masham anonym, und da sich in beiden Schriften auch Lockes philosophischer Einfluss zeigt, wurden beide fälschlicherweise mitunter Locke selbst zugeschrieben. Inhaltlich standen unter anderem theologische und erkenntnistheoretische Gedanken, die Frage nach der praktischen Auslegung ethischer Prinzipien und die Verbindung von Glaube und Vernunft im Mittelpunkt ihres philosophischen Schaffens. Daneben spiegelt auch ihre umfangreiche Korrespondenz ihre philosophische Ideen wider; zu ihren namhaften Korrespondenten gehörten John Locke bis zu seinem Einzug ins Otes Manor, Gottfried Wilhelm Leibniz und Jean Leclerc.

Einflüsse Mashams Philosophie ist geprägt zum einen von den Cambridger Platonikern und zum anderen von John Locke. Allerdings stehen diese beiden Einflüsse bei Masham nicht in einem gegensätzlichen Verhältnis, vielmehr versucht sie, beide Einflüsse in Einklang miteinander zu bringen. Zugleich haben die Cambridger Platoniker und Locke von vornherein in vielen Bereichen ähnliche Ideen und Vorstellungen. Mit beiden Einflüssen hatte ihre eigene Philosophie die Befürwortung religiöser Toleranz gemein. Die Cambridger Platoniker, mit denen sie bereits durch ihr Elternhaus in Kontakt kam und von deren Schriften sie schon als junge Frau umfassende Kenntnisse hatte, prägten sie besonders in religiöser und ethischer Hinsicht. Wie zum Beispiel ihr Vater sah sie eine unabhängige, natürliche Existenz moralischer Grundsätze sowie eine moralische Verantwortlichkeit als gegeben an. Voraussetzung dafür sind die Freiheit des Handelns beziehungsweise die Möglichkeit zur Entscheidung nach freiem Willen. Falsche Entscheidungen führt sie wie ihr Vater auf eine fehlende Anwendung der Vernunft in der Entscheidungsfindung zurück; deshalb trage man auch eine Verantwortung für diese falschen Entscheidungen. Ebenso wie er lehnte sie das Prinzip des Voluntarismus ab. James G. Buickerood sah 2005 nur einen Grundkonsens zwischen Masham und den Cambridger Platonikern als belegbar und erwiesen an. Wie ihr Vater sei sie der Meinung gewesen, dass philosophische Differenzen ausgenommen von praktischen Auswirkungen keinerlei Relevanz hätten, sofern alle Ideen mit den Idealen des Christentums übereinstimmen würden. Zudem könne man im Bezug auf eine andere Person nicht zwischen der Erfahrung einer tatsächlichen göttlichen Erleuchtung und einem bloßen religiösen Enthusiasmus unterscheiden, sofern diese Person an Gott und die heiligen Schriften glaube und ihre Erfahrung rational darlegen könne. Die Möglichkeit zu einer „gewissen Vollkommenheit in diesem Leben“ und eine Befürwortung religiöser Toleranz in dem Maße, dass die öffentliche Ordnung nicht gefährdet werde, sah Buickerood als weitere erwiesene identische Glaubensgrundsätze an.

Doch auch Locke stellte für Mashams Denken einen wesentlichen Einfluss dar, unter anderem in Fragen der Erkenntnistheorie. Wie Locke glaubte sie auch daran, dass die Moral in der Vernunft und der Freiheit des Handelns begründet liegt, dass die Tugendhaftigkeit die richtige Geisteshaltung braucht und dass die Ethik zu menschlichem Glück führt. Ferner beeinflusste Locke Masham auch in Fragen der Kindererziehung; seine 1692 niedergeschriebenen Some Thoughts Concerning Education fanden in der Erziehung ihres leiblichen Sohnes praktische Anwendung. Entsprechend Lockes Ratschlägen ließ sie ihn aktiv die Natur und seine Umwelt erleben und brachte ihm von früh an Latein bei. Auch sie selbst brachte sich als Erwachsene Latein bei. Ferner unterstützte Locke Masham materiell und beschaffte ihr unter anderem Bücher und Schreibmaterialien. Ebenfalls profitierte Masham nicht nur von der unmittelbaren Anwesenheit von Locke selbst, sondern auch von jener von Lockes ihn besuchenden Freunden. Locke selbst schrieb über Masham, dass sie „so sehr in theologischen und philosophischen Fragen bewandert und von so originellem Geiste ist, dass Sie nicht viele Männer finden werden, denen sie nicht in der Fülle des Wissens und der Fähigkeit, davon zu profitieren, überlegen ist.“

Es gilt in der Forschung allgemein als anerkannt, dass Masham auch umgekehrt einen Einfluss auf Locke ausübte. Die entsprechende wissenschaftliche Diskussion wird besonders am Beispiel von Lockes Essay geführt, der 1794 in einer zweiten, leicht geänderten Ausgabe veröffentlicht wurde. Während John Passmore und Stephen Darwall von einem indirekten Einfluss Mashams ausgehen, indem sie Locke den Zugang zu unveröffentlichten Manuskripten ihres Vaters ermöglichte, bezweifelt Jacqueline Broad, dass Masham überhaupt im Besitz dieser Manuskripte war. Broad hält es für wahrscheinlicher, aber nicht für definitiv gesichert, dass Masham selbst mit ihrem von den Cambriger Platonikern geprägten Denken Locke beeinflusste. Als Beleg führt sie einige Stellen in Mashams Niederschriften auf, die von philosophischen Ideen mit starker Ähnlichkeit zu Cudworth zeugen, besonders im Hinblick auf die Konzepte der Freiheit, des Willens und des freien Willens. Eine ähnliche Position wie Broad vertritt auch Sarah Hutton. Lockes Überarbeitungen seien „offensichtliche Widerhalle von Cudworth“, der aber schließlich ein maßgeblicher Einfluss auf Masham gewesen war. Unabhängig vom Essay gilt auch Lockes The Reasonableness of Christianity (1695) als inspiriert durch seinen Kontakt mit Masham.

A Discourse Concerning the Love of God (1696)