mini|Plakat für The House of Mirth in Scribner’s Magazine (1905) Das Haus der Freude (Originaltitel: The House of Mirth) ist ein Roman der nordamerikanischen Autorin Edith Wharton (1862–1937). Vor der Herausgabe als Buch im Verlag von Charles Scribner – am 14. Oktober 1905 – wurde er ab Januar 1905 zunächst in Scribner’s Magazine in elf Folgen veröffentlicht und zog eine große Leserschaft an. Bis Ende 1905 waren bereits 140.000 Exemplare des Romans verkauft, ein bis dahin bei Scribner noch nie erreichter Rekord.Benstock, Shari (1994). "A critical history of the House of Mirth." In Ross C Murfin (series) & Shari Benstock (Eds.), Case Studies in Contemporary Criticism: Edith Wharton, The House of Mirth. S. 309–325.
Das Haus der Freude war der zweite veröffentlichte Roman Edith Whartons, dem auch zwei Novellen vorausgingen: The Touchstone (1900) und Sanctuary (1903), der erste Roman The Valley of Decision erschien 1902. Für ihren bekanntesten Roman The Age of Innocence (deutsch: Zeit der Unschuld) wurde Edith Wharton 1921 der Pulitzer Prize for the Novel verliehen, was sie zur ersten weiblichen Preisträgerin machte. Zudem war sie dreimal für den Literaturnobelpreis nominiert (1927, 1928 und 1930): Ihr Gesamtwerk umfasst 48 Romane und Novellen sowie etwa 85 Kurzgeschichten.
Hintergrund Der Roman erzählt die Geschichte von Lily Bart, einer jungen Frau, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in New York lebte und dort in der High Society aufgewachsen war. Edith Wharton, selbst der amerikanischen sogenannten „Aristokratie“ jener Zeit entstammend, erschafft das Porträt einer Frau und erzählt deren langsamen sozialen Abstieg vom privilegierten Mitglied der Oberschicht zu einer tragischen, einsamen Existenz am Rande der Gesellschaft.
Wharton benutzt Lily Barts Geschichte als Angriff auf „eine unverantwortliche, gierige und moralisch korrupte Oberschicht.“ Neben dem sozialen Status spielt für diese das Geld eine entscheidende Rolle. Der Bürgerkrieg und die nachfolgende wirtschaftliche Entwicklung zogen in den 1890er-Jahren einen gesellschaftlichen Wandel nach sich: Multimillionäre aus dem Wirtschafts- und Bankenbereich verschafften sich durch Einheirat Zutritt zu dem ehemals so unzugänglichen Kreis der vornehmen alten Familien. Jene Gesellschaft im Umbruch beschreibt The House of Mirth mit der Protagonistin Lily, die in dem Milieu von Oberflächlichkeit und Sinnenleere aufgewachsen und davon geprägt ist.Völker, S. 470 Die Autorin schreibt in ihrer Biografie A Backward Glance: „Was an ihr (der Gesellschaft) tragisch ist, ist ihre Macht, Menschen und Ideale in den Schmutz zu ziehen. Die Antwort war (für mich), kurz und gut, meine Heldin, Lily Bart.“Völker, S. 472 Indem sie Lily tragisch enden lässt, übt die Autorin Kritik an der New Yorker Gesellschaft (jener Zeit).
Titel Wharton erwog mehrere Titel für den Roman über Lily Barth: „Ihre blumenartige Schönheit, Lilys dekorative Sendung sah Edith Wharton als ein so zentrales Moment an, dass sie zunächst erwog, […] den Roman The Year of the Rose zu nennen.“Völker, S. 475 Ebenso angedacht war A Moment’s Ornament, welches in der ersten Strophe von William Wordsworths (1770–1830) Gedicht von 1804 „She was a Phantom of Delight“ (Sie war ein Phantom der Freude) erscheint, das ein Idealbild weiblicher Schönheit beschreibt. Dieser Titel hätte die Art und Weise repräsentiert, die Lily als schöne, wohlerzogene Persönlichkeit zu ihrer Bezugsgruppe, der oberen sozialen Klasse, hat. Letztlich entschied sich die Autorin jedoch für den Titel Das Haus der Freude, der dem Alten Testament entnommen wurde: „Das Herz der Weisen ist im Haus der Trauer, das Herz der Toren im Haus der Freude“. Prediger 7,4 (Zürcher Bibel).Völker, S. 469
Aufbau und Erzählweise Der Roman ist in zwei Bücher aufgeteilt. Das „Erste Buch“ erzählt von Lily Barts Suche nach einem geeigneten, vermögenden Ehemann aus ihren Kreisen und von ihrer Beziehung zu Lawrence Selden, die nicht in diesen Plan passt. Es endet mit den ersten Folgen von Lilys Fehlverhalten.
Das „Zweite Buch“ beschäftigt sich mit dem fortschreitenden gesellschaftlichen Absturz der Protagonistin und ihrem tragischen Ende.
Aus Lilys stufenweisem Abstieg ergibt sich „eine gewisse Strukturierung für das ansonsten rein episodisch gereihte Geschehen des Romans.“Völker, S. 478 Dass The House of Mirth so auffallend geradlinig aufgebaut ist, liegt eventuell auch an der Veröffentlichung der ersten Folgen im Scribner’s Magazine, noch ehe Edith Wharton den Roman vollendet hatte.Völker, S. 479
„Der Roman lebt vom Wechsel der drei vorherrschenden Perspektiven: der Seldens, der Lilys und der des allwissenden Erzählers.“Völker, S. 480
Handlung Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Lily Bart auf dem Weg zum Landsitz ihrer besten Freundin Judy Trenor. Ihr Plan ist es, dort einen Ehemann mit dem erforderlichen Reichtum und Status zu finden, um ihren Platz in der New Yorker Upper Class zu sichern. Ihr fortschreitendes Alter – mit neunundzwanzig ist sie seit mehr als zehn Jahren auf dem Heiratsmarkt – und ihre Schulden machen dies dringend erforderlich.
Aufgewachsen in einer Atmosphäre von Eleganz und Luxus, machte der Tod ihrer Eltern sie mit zwanzig Jahren zu einer Waisen ohne jedes Vermögen. Seitdem ist sie gezwungen, sich dem Leben als Mündel ihrer engstirnigen vermögenden Tante, Julia Peniston, anzupassen, von der sie Unterkunft und finanzielle Unterstützung erhält.
Lily hat in der „Grand Central Station“ den Zug zu den Trenors nach „Bellomont“ verpasst und muss nun über zwei Stunden bis zum nächsten überbrücken. Zufällig trifft sie auf Lawrence Selden, einen Bekannten. Sie bittet ihn, sie bei einem Spaziergang durch Manhattan zu begleiten. Als sie vor dem „Benedick Building“ stehen, in dem Selden eine Wohnung hat, lädt er Lily zu einer Tasse Tee ein.
Beim späteren Verlassen des Gebäudes begegnet sie Mr. Rosedale, einem vermögenden jüdischen Geschäftsmann und Besitzer des Hauses. Um die Schicklichkeit zu wahren, erzählt Lily ihm, sie habe dort gerade ihre Schneiderin aufgesucht, doch Rosedale durchschaut die Lüge.
Gegen Ende ihres einwöchigen Aufenthalts auf „Bellomont“, wo sich Lily von Beginn an um den hochkarätigen, aber langweiligen Percy Gryce als potentiellen Ehekandidaten bemüht, trifft unerwartet Selden ein. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, doch Lily stellt klar, dass sie andere Pläne hat. Lawrence hat erst vor kurzem seine vierjährige Affäre mit der – ebenfalls anwesenden – verheirateten Bertha Dorset beendet, die das Paar eifersüchtig beobachtet.
Beginnend mit dem Verlust einer großen Summe Geldes beim Bridgespiel, folgt der nächste Misserfolg: Nachdem Bertha Dorset Percy Gryce mit Gerüchten über Lilys Spielsucht und ihr früheres Liebesleben konfrontiert hat, wendet er sich – trotz seines anfänglichen Interesses – von ihr ab. Doch seinen Rückzug ignorierend, stellt Lily ihre angebliche Beziehung zu Gryce nun derart übertrieben dar, dass jeder glaubt, eine Verlobung stehe unmittelbar bevor. Zudem beschuldigt Lily ihre Gastgeberin Judith, sie zu der häufigen Teilnahme am Kartenspiel gedrängt zu haben.
An ihrem letzten Tag auf dem Landsitz überredet Lily wegen ihrer hohen Spielschulden Judys Ehemann Gus Trenor, einen erfahrenen Bankier, in ihrem Namen an der Börse zu spekulieren. Als „Gegenleistung“ für mehrere stattliche Schecks gestattet sie Trenor kleine Zärtlichkeiten. Doch zurück in New York macht Gus Lily klar, dass er für seine finanziellen Aktionen intimere Aufmerksamkeiten von ihr erwartet. Lily aber setzt ihr Katz-und-Maus-Spiel fort und trifft sich mit ihm nur an öffentlichen Plätzen wie der Oper oder dem Central Park.
Percy Gryce hat sich inzwischen der jungen Evie Van Osburgh zugewandt, was Spott und Häme bei all denen hervorruft, die von Lily hinters Licht geführt worden sind. Zudem informiert ihre Cousine Grace Stepney ihre Tante Julia Peniston über das Gerücht, Lily versuche, ihre Spielschulden durch eine unangemessene Beziehung zu Gus Trenor zu begleichen. Auch Lilys enge Freundschaft mit Judy Trenor hat sich deutlich abgekühlt.
Um unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen, nimmt Lily nun Einladungen von Menschen an, mit denen sie normalerweise niemals Kontakt gehabt hätte. Dazu gehören die Wellington Brys, Newcomern in der New Yorker Gesellschaft. Deren sozialer Aufstieg wird von Carry Fisher geplant und organisiert, die – selbst der Oberschicht entstammend – gezwungen ist, damit ihren Unterhalt zu finanzieren.
Wie stark Lilys Ruf bereits geschädigt ist, wird bei einer Veranstaltung der Brys deutlich, bei der „lebende Bilder“ vorgeführt werden. Als Glanzstück des Abends erweist sich Lily Barts Darstellung als Mrs. Lloyd, nach Sir Joshua Reynolds berühmtem Gemälde. Das betont einfache Tableau zeigt die natürliche Schönheit Lilys auf eindrucksvolle Weise. Doch Lawrence Selden hört vor allem anzügliche Bemerkungen einiger Gäste über Lily, als er sie nach der Aufführung sucht. Im parkähnlichen Garten gesteht er ihr dennoch seine Liebe.
Am nächsten Tag erhält Lily zwei Nachrichten: eine von Judy Trenor, die sie einlädt, am selben Abend bei ihr in ihrem New Yorker Stadthaus zu speisen, die andere ist von Selden, mit der Bitte um ein Treffen am folgenden Tag. Lily bestätigt zunächst Judy ihren spätabendlichen Besuch. Als sie dann in dem Stadthaus eintrifft, stellt sich heraus, dass dort nur Gus Trenor auf sie wartet. Rigoros fordert er nun von Lily die Art von Aufmerksamkeit, für die er glaubte bezahlt zu haben. Lily appelliert an ihre Freundschaft und verspricht, die fast 10.000 Dollar, die sie ihm schuldet, zurückzuzahlen. Doch mit gesteigerter Wut droht Gus, handgreiflich zu werden. Schließlich gelingt es Lily zu fliehen und eine Droschke zu nehmen.
Nach der Szene mit Gus fühlt Lily eine tiefe Einsamkeit. Sie möchte nicht in ihr verhasstes Zimmer bei der Tante zurückkehren. Als möglichen Zufluchtsort kommt ihr Gerty Farishs kleine Wohnung in den Sinn. Ebenda hat ihre verlässliche Freundin, eine Cousine von Lawrence Selden, gerade mit ihm zu Abend gespeist. Irrtümlich glaubt Gerty, Lawrence empfinde mehr als nur verwandtschaftliche Zuneigung für sie, bis sie entdeckt, dass er sie nur benutzt, um mit ihr über Lily zu sprechen. Als Selden hört, dass diese sich gerade bei Carry Fisher aufhält, begibt er sich umgehend dorthin. Doch er kommt zu spät: Lily hat sich gerade zu ihrer nächsten Verabredung – angeblich mit Judy Trenor – aufgemacht. Selden sieht keinen Sinn darin, länger zu bleiben. Lilys Cousin Ned Van Alstyne begleitet ihn und schleust Lawrence vor das Haus der Trenors. Dort sehen sie, wie Lily zu einer Droschke eilt, während Gus Trenor an der Haustür steht. Beide Männer wissen, dass sich seine Gattin noch auf „Bellomont“ befindet, und folgern daraus, an dem Gerücht einer Affäre zwischen Lily und Gus müsse etwas Wahres sein.
Am darauffolgenden Tag bittet Lily in ihrer Not Julia Peniston um finanzielle Hilfe, doch diese weigert sich, für Spielschulden einzustehen. Lediglich die Kosten für die Schneiderin will sie übernehmen. Die gedemütigte Lily setzt nun ihre ganze Hoffnung auf das Treffen mit Selden, aber sie wartet zu der verabredeten Zeit vergeblich auf ihn. Statt seiner taucht unerwartet Rosedale auf und macht Lily einen Heiratsantrag, der – wie er ihr versichert – für beide Seiten von Vorteil sei. In Anbetracht ihrer Situation weist Lily ihn nicht ab, sondern bittet Rosedale lediglich geschickt um Zeit, seinen Vorschlag zu überdenken.
Kurze Zeit später erfährt Lily, dass Selden sich wegen einer beruflichen Angelegenheit auf eine Reise nach Europa eingeschifft hat. Enttäuscht über seinen Rückzug, nimmt Lily Bertha Dorsets unerwartete Einladung zu einer Mittelmeerkreuzfahrt auf deren Yacht an. Berthas Absicht ist, ihren Gatten George durch Lilys Anwesenheit von ihrer Liaison mit dem jungen Ned Silverton abzulenken.