mini|Das Haus Wallich um 1890
Das Haus Wallich war ein 1886–1887 vom Architekturbüro Ende & Böckmann erbautes vornehmes Wohnhaus an der Bellevuestraße 18a in Berlin-Tiergarten. Auftraggeber war der Bankier Hermann Wallich, der die Wohnung im Hochparterre bewohnte. Die Wohnung im Obergeschoss, der Beletage, vermietete er dem Unternehmer und Sammler Eduard Arnhold, der in der großräumigen Wohnung mit eigener Gemäldegalerie Platz für seine bedeutende Kunstsammlung fand. 1904 verkaufte Hermann Wallich sein Haus dem Club von 1900, einem noblen Spielclub, der es für die neuen Zwecke umgestalten ließ. Dem Unternehmen war jedoch kein dauerhafter Erfolg beschieden. Das Gebäude musste 1907, weniger als zwanzig Jahre nach seiner Fertigstellung, dem neuen Grandhotels Esplanade weichen, dessen bauliche Reste später versetzt wurden und heute in das Sony Center integriert sind.
Lage, Bauherr und Mieter Die Grundstücke Bellevuestraße 18 und 18a gehörten ursprünglich zum Grundstück Thiergarten 52, das mit einem um 1750 errichteten eingeschossigen Gärtnerhaus bebaut war. Um 1826 wurde das Gärtnerhaus abgebrochen, anschließend das Grundstück aufgeteilt und neu bebaut. Durch Bekanntmachung des Königlichen Polizeipräsidiums vom 8. Juli 1831 erhielt die Bellevuestraße, um 1734 angelegt als Verbindungsweg vom Potsdamer Tor zur Allee nach Charlottenburg, ihren Namen und ihre eigene Nummerierung. Mit der Umbenennung veränderte sich der Charakter der Straße von einer ländlichen zu einer vorstädtischen Bebauung. War das abgebrochene Gärtnerhaus noch ein freistehendes Gebäude, erstreckte sich das auf der Parzelle Bellevuestraße 18a neu errichtete zweigeschossige Mietshaus, von unbekannten Bauherren und Architekten erbaut, über die ganze Breite der schmalen, aber sehr tiefen Parzellen. Die langen Seitenflügel entlang der Grundstücksgrenzen ermöglichten die Nutzung der Tiefe der Grundstücke, auf den beträchtliche Restflächen legten die Eigentümer große Gärten an. Das Mietshaus mit vier Wohnungen war lange in Besitz des Kaufmanns T. Wallach, der es 1872 an den Stadtrat A. Löwe, wohnhaft an der nahegelegenen Viktoriastraße 13, verkaufte. Von ihm erwarb Hermann Wallich das Haus und ließ es 1886 für seinen Neubau abreißen.
Der jüdische Bankier Hermann Wallich war nach langjähriger Tätigkeit für französische Banken, zuletzt in Shanghai, seit 1871 Mitglied des Vorstandes der 1870 gegründeten Deutschen Bank. Am 16. Februar 1875 hatte er Anna Jacoby (1834–1925), Tochter von Moritz Jacoby (1818–1878) und July Jacoby, geheiratet. Den Sommer verbrachte das Paar in der Potsdamer Villa Schöningen beim verwitweten Schwiegervater. Als Winterwohnung diente anfänglich Wallichs Dienstwohnung am Sitz der Deutschen Bank in der Burgstraße 29. Ab 1878 wohnten die Wallichs – in seiner Beurteilung vornehmer – an der Behrensstraße 9 und ab 1879 im Tiergartenviertel an der Victoriastraße 1. Auch die finanzielle Situation veränderte sich, der Tod des Schwiegervaters 1878 brachte uns in den Besitz eines nicht unansehnlichen Vermögens, wie er in seinen Lebenserinnerungen schrieb. Zum Besitz gehörte nach Auszahlung der Brüder von Anna Wallich auch die Villa Schöningen, die der Familie weiter als Sommersitz diente. Anna Wallich organisierte den großen Haushalt, den die gesellschaftliche Stellung ihres Mannes erforderte, gründete und leitete aber auch den wohltätigen Verein Berliner Hauspflege. Dieser Verein organisierte Pflegefrauen, wenn in einer Arbeiterfamilie die Mutter durch Krankheit ausfiel. Die Finanzierung erfolgte durch Mitgliederbeiträge und Spenden.
Der Mieter der Wohnung im Obergeschoss, der Unternehmer und Kunstsammler Eduard Arnhold, hatte ebenfalls jüdische Wurzeln und auch er gehörte zu den Aufsteigern in die höhere Berliner Gesellschaft. Seit der Heirat 1881 mit Johanna Arnhold, geborene Arnthal (1859–1929), lebte das Paar in einer Wohnung in der Voßstraße 28. Offensichtlich stand Arnhold bereits während der Bauphase des Hauses Wallich als Mieter fest, denn das in den ursprünglichen Plänen vorgesehene Musikzimmer wurde bereits vor Baubeginn in eine Gemäldegalerie mit Oberlicht ersetzt. Denkbar ist, dass Arnhold bei weiteren Aspekten des Innenausbaus Einfluss nehmen konnte. Weiteres zum Verhältnis der Familien Wallich und Arnhold, abgesehen davon dass sie lange im gleichen Haus lebten, ist nicht bekannt. Einzig Wallichs Sohn Paul verrät in seinen Lebenserinnerungen, dass er sich unglücklich in Else Arnhold, die beinahe gleichaltrige Tochter der Arnholds verliebt habe.
Baubeschreibung
Gliederung Im Grundbuch eingetragene Beschränkungen zugunsten der Nachbargrundstücke und dem Schutz ihrer Gärten limitierten die maximale Bautiefe des zu errichtenden Gebäudes auf 50,5 m. Im Weiteren galt es, trotz der eingebauten Lage des Gebäudes für möglichst viele Räume eine möglichst gute Beleuchtung zu sorgen. Ende & Böckmann gliederten die Baumassen des zweigeschossigen Gebäudes an der Bellevuestraße in ein 17,6 m breites und rund 25 m tiefes Vorderhaus mit glasüberdecktem Innenhof. Daran schloss sich an der westlichen Grundstücksgrenze ein ungefähr 7 m breiter und 14 m langer Seitenflügel an, der das Vordergebäude mit dem gegen den Garten gerichtete Hinterhaus verband. Seitenflügel, Vorder- und Hinterhaus sowie der Seitenflügel des benachbarten Hauses Bellevuestraße 19a umschlossen einen rund 130 m² großen zweiten Hof, der durch eine Durchfahrt im Vorderhaus auf der linken Seite der Parzelle erschlossen wurde.
Fassaden mini|Entwurf der Fassade
Entsprechend ihrer Bedeutung erhielten die Gebäudeteile unterschiedlich aufwendige Fassaden. Die repräsentative Fassade des Vorderhauses in Formen der italienischen Neorenaissance aus weißem Postelwitzer Sandstein hob sich ab von den eher schlichten klassizistischen Putzfassaden der meisten Häuser in der Bellevuestraße. Die Modelle für die Bauplastik entwarf der Bildhauer Otto Lessing, ausgeführt wurden sie vom Steinmetzmeister Carl Schilling. Die Fassade entzog sich – die Deutsche Bauzeitung vermutete aufgrund von Sonderwünschen des Bauherrn – einer einheitlichen Gliederung. Sockelgeschoss und Erdgeschoss folgten einer siebenachsigen Gliederung, das Obergeschoss einer dreiachsigen. Zudem lag die Mittelachse der Durchfahrt im Sockel- und Erdgeschoss leicht verschoben zur Mittelachse des darüber liegenden Fensters des Obergeschosses. Das leicht rustifizierte Sockelgeschoss war unterhalb der eingeschnittenen Fenster mit Ziegeln verblendet. Auf der linken Seite erhellte ein Ochsenauge über dem Eingang mit gerader Verdachung die dahinterliegende Durchfahrt, die sich über das Sockel- und Erdgeschoss erstreckte. Die Wandfläche des Erdgeschosses war weitgehend aufgelöst in mehrere, teils gekuppelter Rundbogenfenster. Vor den mittleren vier Fenstern lag ein auf einem kleinen Vorbau der Pförtnerwohnung aufliegender Altan mit Balustrade. Drei rechteckige Fenster, unterteilt durch eine eingestellte Säule mit ionischem Kapitell auf einem Postament und verdacht mit Dreiecksgiebel, erhellten das Obergeschoss. Vier Halbsäulen und zwei Pilaster mit Postamenten und korinthischen Kapitellen links und rechts der Fenster reichten über die ganze Höhe des rund sieben Meter hohen Geschosses. In den beiden mit einer muschelförmigen Halbkuppel abgeschlossenen Wandnischen zwischen den Halbsäulen waren im Entwurf Skulpturen vorgesehen, die jedoch nicht zur Ausführung kamen. Dem Mittelfenster vorgelagert war ein Balkon mit Balustrade, der auf fein gemeißelten Konsolen ruhte, die aus den Schlusssteinen der darunter liegenden Rundbogenfenster des Erdgeschosses herauswuchsen. In den Achse der Nischen lagen im Mezzaningeschoss zwei Ochsenaugenfenster, rechts und links begleitet von Putti mit Lorbeergebinden über den Schultern. Darüber folgte das Kranzgesims mit Zahnschnitt, auskragenden Konsolen und Hängeplatten. Die Wandflächen zwischen den Fenstern fassten einfache Profile ein. Die einfacheren Hof- und Gartenfronten erhielten ein Verblendung aus hell- und dunkelgrauen Ziegeln der Siegersdorfer Werke.
Grundrisse mini|Grundrisse Erd- und Obergeschoss
Über einem hohen Sockelgeschoss lagen im Erdgeschoss und im Obergeschoss zwei weitläufige, vornehme Wohnungen, die sich beide über Vorder- und Hinterhaus sowie Seitenflügel erstreckten. Die Wirtschafts- und Nebenräume der Wohnungen wie Küche, Speisekammer, Zimmer und Esszimmer für die Bediensteten befanden sich für die untere Wohnung im Sockelgeschoss, für die obere im Dachgeschoss. Binnentreppen bei der Anrichte neben dem Speisesaal verbanden die Wohnungen mit den zugehörigen Wirtschafts- und Nebenräumen. Auch ein Aufzug ist in den Plänen eingezeichnet. Im Sockelgeschoss des Vorderhauses befand sich zudem die Pförtnerwohnung, die über einen eigenen Zugang zum umzäunten Vorgarten an der Bellevuestraße verfügte und vom Gärtner Lehmann bewohnt wurde. Nach hinten heraus lagen noch einige Zimmer mit Zugang zum Garten, der gegenüber dem Straßenniveau tiefer lag. Für Besucher standen im Dachgeschoss einige Gästezimmer zur Verfügung. Die Aufteilung mit Hauptwohnung des Besitzers im Erdgeschoss und vermietbarer Wohnung im Obergeschoss entsprach einem gängigen Schema bei den Villen im Tiergartenviertel. Weil die eingebaute Lage der Stadtvilla zwingend eine Durchfahrt zur Erschließung des Hinterhauses erforderte, war die Hauptwohnung um einiges kleiner als die Wohnung im Obergeschoss. Während sich die Grundrisse der Wohnungen im Vorderhaus wegen der Durchfahrt unterscheiden, sind sie für den Seitenflügel und das Hinterhaus identisch. Im Hinterhaus, gegen den Garten gelegen und geschützt vom Lärm der Straße und der Gesellschaftsräume, lagen die Schlafzimmer, Bad und Toiletten. Der Seitenflügel verband über einen langen Korridor Vorder- und Hinterhaus und über ein eigenes Treppenhaus auch den Zugang zum Hof und zwischen den Etagen.
Im Vorderhaus befanden sich die Wohn- und Gesellschaftsräume der Wohnungen. Der Eingang des Hauses, gleichzeitig auch die Durchfahrt zum Hof, befand sich auf der linken Seite. Auf der rechten Seite der Durchfahrt führte eine zweiläufige Marmortreppe auf ein Zwischenpodest und von dort in den glasüberdeckten Innenhof des Vorderhauses, der als Treppenhaus die beiden Wohnungen erschloss. Die mit glänzendem Stuck überzogenen Wände, die mit Teppichläufern überzogenen, breiten Marmorstufen und das kunstvolle Treppengeländer schufen eine prachtvolle und repräsentative Atmosphäre, die der Deutschen Bauzeitung „zufolge minder glücklicher Farbenstimmung“ etwas nüchtern erschien. Der glasüberdeckte Innenhof sorgte auch für eine gute Beleuchtung der in der mittleren Tiefe des Vorderhauses gelegene Räume.