mini|Lage der Solowezki-Insel im Weißen Meer Das Sonderlager Solowezki (, kurz СЛОН, dt. SLON (Solowezki-Lager besonderer Verwendung, im Russischen auch das Wort für „Elefant“) oder Соловки́ (dt. Solowki)) war das erste große Strafgefangenenlager in der Sowjetunion und das Modell des sowjetischen Lagersystems.
Das Lager wurde mit dem Dekret des Rates der Volkskommissare der UdSSR vom 2. November 1923 „Über die Organisation des Solowezki-Zwangsarbeitslagers“ (Постановление СНК СССР от 2 ноября 1923 года "Об организации Соловецкого лагеря принудительных работ") unter seinem Vorsitzenden Alexei Rykow eingerichtet.Dokumentation des Lagers und seiner Geschichte (russisch) Es wurde am 16. November 1931 geschlossen, am 1. Januar 1932 reorganisiert wiedereröffnet und gilt seit Ende des Jahres 1933 als aufgelöst.СОЛОВЕЦКИЙ ИТЛ ОГПУ, archivierte Seite auf memo.ru, abgerufen am 26. Februar 2023 (russisch)
Lage Das Lager befand sich auf den Solowezki-Inseln, die von der Stadt Kem aus, die auf halber Strecke an der Eisenbahnlinie Sankt Petersburg–Murmansk liegt, nach zweistündiger Überfahrt mit dem Schiff zu erreichen waren. Die Route wurde damals mit dem kleinen Schleppdampfer Gleb Boki () befahren, der ehemals dem Kloster gehört hatte und dann nach dem russischen Revolutionär und NKWD-Kommissar Gleb Boki benannt wurde. Die Häftlinge wurden im Rumpf des Schiffes zusammengepfercht, starben nicht selten auf der Überfahrt und wurden dann einfach über Bord geworfen.
Geschichte Es gibt Zeugen, die die Existenz eines Lagers bereits für das Jahr 1920 behaupten, aber erst mit dem Dekret zur Einrichtung des Lagers wurde das auf den Inseln gelegene Solowezki-Kloster enteignet und der sowjetischen Geheimpolizei zugesprochen. 1920 traf in Solowezki die Kommission ein, die für die Auflösung des Klosters unter der Leitung des Bolschewiken Michail Kedrow geschaffen wurde. Dort noch lebende Mönche wurden vertrieben oder erschossen, einige versorgten die Lagerverwaltung bis in die 1920er Jahre mit Gemüse und unterstützten die Organisation des Sowchos auf Solowezki.
1922 beschlagnahmte eine Sonderkommission 2528 kg Edelsteine, Gold und Silber aus dem Kloster.Dokumentation über das Lager (englisch), abgerufen am 1. März 2023 Das Kloster wurde am 21. Juli 1923 geschlossen.Irina Flige: Prisoners of the Solovetsky Islands., 22. Januar 2021 ( communistcrimes.org, Abruf 9. September 2026 (engl.))
Im August 1923 wurde auch die Leitung der nördlichen Speziallager auf die Inseln verlegt. Der größte, als Bereich 1 bezeichnete Teil des Lagers, befand sich auf der größten Insel des Archipels Solowezki (остров Соловецкий) und war im Kreml des Hauptkomplexes des Klosters untergebracht. Der Bereich 2 war in der vom Dorf zwölf Kilometer entfernten Sawwatijewo-Einsiedelei (Савва́тиевский скит oder auch Савватиева пустынь, benannt nach einem der beiden Gründermönche Sawwatij), der Bereich 3 in der Einsiedelei auf der Insel Bolschaja Muksalma (Большая Муксалма) gelegen.
In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurde das Lager eines der wichtigsten religiösen Zentren der Russisch-Orthodoxen Kirche, weil unter den Gefangenen mindestens dreißig Kleriker waren, die inoffiziell der „Rat der Bischöfe Solowezki“ genannt wurden.
1930 wurde das Konzentrationslager in ein „Besserungsarbeitslager“ (ITL) umgewandelt und dies offiziell als Reform bezeichnet. Real wurden die Häftlinge aber zu den Arbeiten der Großbauten des 1. Fünfjahresplanes gezwungen. Die Arbeit verlor zunehmend den Schwerpunkt der Selbstversorgung des Lagers und wurde zum staatlichen Wirtschaftsfaktor. Dessen Ziele im System der Zentralverwaltungswirtschaft wurden vom Komitee für die Wirtschaftsplanung formuliert. Mit der zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung erhöhte sich auch sprunghaft die Zahl der Häftlinge. Zeitgleich wurde eine „Selbstverwaltung“ eingeführt, die darin bestand, dass die oberste Lagerverwaltung aus wenigen Tschekisten bestand, während privilegierte Häftlinge, meist Kriminelle, die Bewachung, Bestrafung und die Exekutionen übernahmen.
Lagerleitung mini|Lagerzeitung „Neue Solowki“ mit Porträtzeichnungen der Leiter der Verwaltung des Lagers Solowezki; v. l. n. r. Alexander Nogtew, Gleb Boki, Fjodor Eichmans (1925)Leiter bzw. Kommandanten des Lagers waren: Alexander Petrowitsch Nogtew seit Eröffnung des Lagers 1926–1929Tomasz Kizny, Norman Davies, Sergej Kowaljow und Jorge Semprun: Gulag. Solowezki, Belomorkanal, Waigatsch-Expedition, Theater im Gulag, Kolyma, Workuta, Todesstrecke; Buchbesprechung von Wladislaw Hedeler in Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 54, H. 2 (2006), S. 277/278; Franz Steiner Verlag: Fjodor Iwanowitsch Eichmans (spätestens 30. März 1928 bis 20. Mai 1929)SOLOWEZKI-ITL DER OGPU, auf den Seiten von memorial.de, abgerufen am 4. Juni 2023 20. Mai 1929 – 19. Mai 1930: A. P. Nogtew 19. Mai 1930 – 25. September 1931: A. Iwantschenkow 25. September 1931 – 6. November 1931: K. Ja. Dukis 6. November 1931 – 16. November 1931: E. I. Senkewitsch 27. August 1932: Bojar (als Interimsleiter) 16. Januar 1932 – 21. März 1933: unbekannt (erwähnt am 13.08.33) 8. Oktober 1933: Ijewlew (als Interimsleiter erwähnt)
Häftlinge Am 1. Juli 1923 wurden die ersten 150 politischen Häftlinge, Offiziere der Weißen Garde, in Solowezki interniert. Viele weitere Gefangene wurden auf den bloßen Verdacht auf staatsfeindliche Tätigkeit hin interniert, waren Vertreter des Adels, der Bourgeoisie, Intellektuelle, Priester und Teilnehmer des Kronstädter Aufstands. In der Anfangsphase des Lagers hatten politische und „konterrevolutionäre“ Häftlinge einen Anteil von 80 Prozent an den Insassen.Hartmann, A. (2007). „Ein Fenster in die Vergangenheit“ – Das Lager neu lesen. Osteuropa, 57(6), 55–80.
Etwa 10 Prozent der Häftlinge waren Frauen.Patrick Rotman, Nicolas Werth, François Aymé: Die sowjetische „Hauptverwaltung der Lager“ (Teil 1: Die Anfänge 1917–1933), Dokumentarfilm in drei Teilen, Frankreich 2017, gesendet auf Arte
Für das Lager sind bis zu seiner Auflösung folgende Häftlingszahlen belegt: Anzahl der Häftlinge 3.049 2.557 3.531 3.741 4.145 5.044 5.872 6.369 7.093 7.727 8.289 8.741 9.578 10.682 10.943 11.831 13.326 14.810 12.909 13.366 21.900 65.000 53.123 63.000 71.800 15.130 19.287 Quartal/Datum 20.09. IV I II III IV I II III IV I II III IV I II III IV I 01.04. (Jahres-durch-schnitt) 01.01. 01.06. 01.01. (Jahres-durch-schnitt) (Jahres-durch-schnitt) Jahr 1923 1924 1925 1926 1927 1928 1928/29 1929/30 1930 1931 1932 1933
Lagerleben 275px|mini|Propagandafilm von Andrej Cherkasov mit dem Titel Solowki (Соловки) über das Lager Solowezki (1927/1928) Alexander Nogtew, der erste Leiter des Lagers, empfing die neu ankommenden Häftlinge mit der Aussage, dass sie „alle ihre bisherigen Rechte vergessen sollten, da das Lager seine eigenen Gesetze habe.“ Der im Alter von 22 Jahren inhaftierte Dmitri Lichatschow schildert in einem Interview, dass er und seine Mitgefangenen mit den Worten begrüßt wurden, dass im Lager „nicht die sowjetischen Gesetze, sondern das ‚Solowetzki-Gesetz‘ gelte, es keine Strafverfolgung durch eine Staatsanwaltschaft gebe und jedes Ausscheren aus der Reihe als Fluchtversuch gelte.“
Das Lagerleben war gekennzeichnet von „Irrationalität und Unberechenbarkeit“ und bestand zum einen aus einem grausamen Lebensumfeld, bot aber auch begrenzte Möglichkeiten zu intellektuellen Tätigkeiten. Im Klosterkomplex befanden sich ein Ikonen-Museum und naturwissenschaftliche Sammlungen, es gab Vorträge und Filmvorführungen zu unterschiedlichen Themen. Zudem wurde die Zeitschrift Soloveckie ostrova (Die Solovecker Inseln) und Veröffentlichungen der Gesellschaft für Solovecker Heimatgeschichte herausgegeben.
Bis 1930 konnten die vielen Vertreter des vorrevolutionären Russlands, die zur „Umerziehung“ im Lager Solowezki inhaftiert waren, ihr intellektuelles Leben ungehindert fortsetzen. Zwischen 1923 und 1930 galt Solowezki als „Paris der nördlichen Konzentrationslager“ und als einzigartige „literarische Enklave“ in der Literatur des Gulag und der Geschichte der russischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts im Allgemeinen.Zuzanna Bogumił, Tatiana Voronina: Islands of one Archipelago: Narratives about the Solovetskie Islands and the Memory of Soviet Repressions – Laboratorium – Журнал социальных исследований, S. 104–121 (PDF; 500 kB; englisch), abgerufen am 12. Juli 2023
In der Anfangsphase des Lagers waren Besuche durch Angehörige und die Zusendung von Paketen und Geld erlaubt. Möglich waren Essen im Restaurant, Wohnen in einem Privatquartier und – mit einem Passierschein – der freie Aufenthalt in der Natur der Insel. Gleichzeitig hatten Häftlinge, die zu schwerer körperlicher Arbeit verurteilt waren, wegen der schlechten Ernährung und der unhygienischen Bedingungen nur geringe Überlebenschancen. Die Häftlinge lebten zudem mit der ständigen Angst vor Folter und Exekutionen. Tausende, wenn nicht Zehntausende kamen unter diesen Bedingungen ums Leben und wurden auch in Massengräbern verscharrt. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, weil die Lagerakten vernichtet wurden.
Die rund 10 Prozent weiblichen Lagerinsassen hatten als reine Sexsklavinnen der Wärterschaft ein besonders grausames Schicksal.
mini|hochkant|20. Juni 1929: Maxim Gorki (vierter von rechts), eingerahmt von Funktionären der sowjetischen Geheimpolizei OGPU, besichtigt das Sonderlager Solowezki Der russische Schriftsteller Maxim Gorki besuchte im Juni 1929 zusammen mit dem russischen Revolutionär Matwei Pogrebinski das Lager und beschrieb dessen Vorzüge in Teil V – Solowki der Reihe Quer durch das Land der Sowjets (По Союзу Советов). Die Haftbedingungen nannte er „bemerkenswert gut“ und zeigte sich beeindruckt von den „sauberen Baracken mit großen Fenstern“ und den „interessanten“ Gesprächen mit den Häftlingen. Gorki äußerte letztlich seine Überzeugung, dass „Lager wie Solowezki absolut notwendig und der schnellste Weg seien, Gefängnisse abzuschaffen.“T. Yedlan: Maxim Gorky: A political biography; Verlag Praeger, Westport (Connecticut)/London; ISBN 0-275-96605-4; S. 188 Dabei ignorierte Gorki die Schilderungen eines vierzehnjährigen Jungen, der ihm in einem einstündigen Gespräch die schrecklichen Folterungen der Insassen geschildert hatte. Der Junge wurde unmittelbar nach Gorkis Abreise erschossen.Vieda Skultans: "Afterword" – Laboratorium – Журнал социальных исследований (PDF; 184 kB; englisch); S. 109; abgerufen am 12. Juli 2023
Der deutsche, kommunistische Funktionär Karl Albrecht, der später zu den Nationalsozialisten wechselte, schilderte das Lagerleben in seinem Buch Der verratene Sozialismus. Das Buch wurde 1938 durch die Antikomintern im Nibelungen-Verlag herausgegeben, der dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstand.
In dem Propagandafilm Solowki (Соловки) von Andrej Cherkasov, der 1927/1928 gedreht und 1929 veröffentlicht wurde, wird das Lagerleben und die Idee des Gulags aus der Sicht der sowjetischen Propaganda geschildert. Der Film liefert auch einige der bemerkenswertesten Bilder von sowjetischen Gefangenenlagern und ergänzt die Geschichte des Lagers Solowezki um visuelle Darstellungen, die für andere Lager nicht existieren.
Solowezki als Arbeitslager mini|Häftlinge schaufeln Lehm als Rohmaterial für die lagereigene Ziegelei (1924 oder 1925)