Karl-Heinz Hoffmann (* 27. Oktober 1937 in Nürnberg) ist ein mehrfach vorbestrafter bundesdeutscher Rechtsextremist. Er gründete 1973 die rechtsterroristische Wehrsportgruppe Hoffmann, leitete sie bis zu seiner Festnahme im Juni 1981 und blieb auch nach fünfjähriger Haft im gewaltbereiten Neonazismus aktiv. Er bezeichnet sich selbst als Faschist.Thies Marsen: Wehrsportgruppe Hoffmann: Eine Geschichte staatlichen Versagens. Deutschlandfunk, 29. Januar 2020
Herkunft und Ausbildung Hoffmann wurde 1937 in Nürnberg geboren. Sein Vater war Arzt und fiel 1940 im Zweiten Weltkrieg. Die Familie wurde während der Luftangriffe auf Nürnberg nach Kahla in Thüringen evakuiert, wo Hoffmann aufwuchs. Er erlernte den Beruf des Porzellanmalers und wurde Mitglied der Gesellschaft für Sport und Technik (GST). 1953 flüchtete er aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland und kehrte nach Nürnberg zurück. Dort begann er eine Ausbildung als Grafiker, besuchte anschließend die Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und schließlich die Akademie der Bildenden Künste München.Uwe Backes: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland: Dokumentation. Verlag Wissenschaft und Politik, 1989, ISBN 3-8046-8695-8, S. 295 In den 1950er Jahren unternahm er mehrere Reisen in die Türkei, den Iran und nach Indien und lernte orientalische Sprachen.Rainer Fromm: Die „Wehrsportgruppe Hoffmann“, Frankfurt am Main 1998, S. 19
Rechtsextreme Aktivitäten bis 1980 Bis 1973 Hoffmann war Jugendreferent beim 1951 neugegründeten rechtsextremen Verein Der Stahlhelm.Thomas Grumke, Bernd Wagner: Handbuch Rechtsradikalismus: Personen, Organisationen, Netzwerke: Vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft. Leske & Budrich, Opladen 2002, ISBN 3-8100-3399-5, S. 170 1963 wurde er in der Türkei wegen Waffenschmuggels verhaftet. 1968 lud er rund 150 Gesinnungsfreunde zu einer privaten Faschingsfeier in Wehrmachtsuniformen mit Hakenkreuzen und anderen NS-Symbolen nach Nürnberg ein. Manche trugen Maschinengewehrattrappen, Kriegsorden, Gasmasken, Verbände oder markierte Kriegsverletzungen und spielten Kriegsszenen zu Kriegsgeräuschen nach.Rechtsradikale: Lebende Zeitbomben. Spiegel, 5. Juli 1982
WSG 1973 gründete Hoffmann die nach ihm benannte Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG). Dort vermittelte er als alleiniger Befehlsgeber „Rekruten“ (männlichen Teilnehmern seiner Wehrsportübungen) eine paramilitärische Ausbildung, die sich an der Grundausbildung der Bundeswehr orientierte, und faschistische Ideologie, die sich an der Schutzstaffel-Tradition und am Führerprinzip orientierte. Die WSG wuchs rasch zum Sammelbecken für hunderte gewaltbereite deutsche Neonazis aus dem ganzen Bundesgebiet, die einen Putsch einübten und sich auf einen Bürgerkrieg gegen „Bolschewismus und Kapital“ vorbereiteten. Hoffmann achtete dabei sorgfältig auf formale Legalität, etwa indem er politische Schulung bestritt, illegalen Waffenbesitz möglichst ausschloss und nur mit verlöteten Waffen trainieren ließ.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, ISBN 978-3-86284-487-6, S. 54–57
mini|Schloss Ermreuth Zuerst war Schloss Almoshof,Ralf Nestmeyer: Nürnberg – Fürth, Erlangen. Michael Müller Verlag, 2018, ISBN 978-3-89953-086-5, S. 246 dann Heroldsberg der Sitz der WSG. 1978 kaufte Hoffmann das Schloss Ermreuth bei Nürnberg.Wolfgang Most: Vereinigung der Einzeltäter: Wehrsportgruppe Hoffmann. HaGalil, 3. Januar 2006 Diese frühere Gauführerschule der NSDAP wurde sein Wohnsitz und das WSG-Hauptquartier, wo er Medien häufig Interviews gab. Die bayerischen Staatsbehörden betrachteten ihn als harmlosen Exzentriker.Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz: Der Staat und die Mordserie des NSU. Pantheon, 2014, ISBN 978-3-641-09641-0, S. 66f.
1974 in einem Interview sagte Hoffmann: „Es wäre doch ganz einfach töricht zu leugnen, dass Adolf Hitler genial war und dass er zweifellos sehr viele Dinge hier gemacht hat, wo wir heute langsam wieder drauf kommen, sie wieder zu tun.“Die Wehrsportgruppe Hoffmann. Panorama, 11. März 1974 Ebenfalls 1974 erklärte er nach Eigenangaben einen künftigen erneuten Anschluss Österreichs an Deutschland für möglich. Daraufhin habe Österreich ihm wegen nationalsozialistischer Propaganda auf unbestimmte Zeit die Einreise verboten.Heinz Höfl, Hans-Wolfgang Sternsdorff: Spiegel-Gespräch: „Ihnen wäre das Lachen vergangen“. Spiegel, 24. November 1980
Am 16. September 1976 verurteilte das Landgericht Nürnberg-Fürth Hoffmann wegen fortgesetzten unbefugten Uniformtragens zu einer Geldstrafe von 8000 DM. Für das Gericht war er „ein militanter Radikaler faschistoider Ausrichtung“, der Demokratie und Parlamentarismus ablehnte, Wahlen als „für die wahren Ziele des Volkes schädlich“ darstellte, das Führerprinzip vertrat und einen „wehrfähigen Nationalstaat innerhalb des deutschen Lebensraumes“ anstrebte. Entgegen Hoffmanns Behauptungen repräsentiere das gemeinsame Uniformtragen der WSG diese politischen Überzeugungen in der Öffentlichkeit.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 267 Als Beweis zitierte das Urteil ausführlich aus einem Manifest, das Hoffmann um 1974 zur Indoktrination der WSG-Teilnehmer verfasst hatte und das seine antidemokratische Ideologie einer „vernunftgemäßen Volksgemeinschaft“ repräsentierte.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 57f. Der rechtsextreme Verleger Gerhard Frey beglich die Geldstrafe für Hoffmann. Im Gegenzug stellte die WSG für Veranstaltungen der von Frey gegründeten DVU oft den Saalschutz.Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in Deutschland: Eine kritische Bestandsaufnahme. Springer VS, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-24276-3, S. 149
Seit 1976 arbeitete Hoffmann mit Axel Heinzmann zusammen, der den rechtsextremen „Hochschulring Tübinger Studenten“ (HTS) gegründet hatte. Hoffmann und Heinzmann warben Söldner zur Unterstützung rechtsgerichteter Diktaturen gegen Befreiungsbewegungen im damaligen Rhodesien, in Angola und Südafrika an.Rudolf Schneider: Die SS ist ihr Vorbild: neonazistische Kampfgruppen und Aktionskreise in der Bundesrepublik. Röderberg-Verlag, 1981, ISBN 3-87682-734-5, S. 132 Im Dezember 1976 sollte Hoffmann an der Universität Tübingen einen vom HTS organisierten rassistischen Vortrag zum Thema „Die schwarz-kommunistische Aggression im südlichen Afrika“ halten. Heinzmann lud auch den jungen WSG-Anhänger Gundolf Köhler dazu ein. Als Demonstranten gegen Hoffmanns Auftritt protestierten, griffen dieser und seine Anhänger sie mit Knüppeln und Ruten an.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 170f.
Der HTS lud Hoffmanns WSG öfter als Saalschutz ein. WSG-Mitglieder um Hoffmanns engsten Vertrauten Uwe Behrendt begannen öfter Schlägereien und verübten bewaffnete Angriffe auf linksgerichtete Buchhandlungen, Veranstaltungen und Demonstrationen. Augenzeugen nahmen diese Angriffe als „Eruption nackten Terrors“ wahr. Hoffmann erhielt unter anderem wegen der Schlägerei in Tübingen eine Haftstrafe von 18 Monaten. Als seinem Stellvertreter erteilte er Uwe Behrendt öfter einen „Spezialauftrag“. So sollte Behrendt den WSG-Aussteiger Ralf Rößner als „Verräter“ töten, der gefälschte Dollarbanknoten aus einem geheimen Erddepot der WSG gestohlen hatte. Behrendt traf Rößner jedoch nicht an und führte den Mord nicht aus.Rechtsradikale: Mit dem Rucksack. Der Spiegel, 20. August 1984
Im Juli 1977 organisierte Hoffmann gemeinsam mit Erwin Schönborn und Klaus Huscher vom „WSG-Freundeskreis“ einen „Auschwitz-Kongress“ in Nürnberg, bei dem prominente Holocaustleugner auftreten sollten. Ein antifaschistisches Aktionsbündnis versuchte, das Treffen zu verhindern. Der Nürnberger Rabbiner Shlomo Lewin engagierte sich dort und warb bei Politikern der CSU für ein entschlossenes Vorgehen gegen Neonazis der Region wie der WSG. Bei der Gegenkundgebung am 6. August 1977 hielt Lewin die Hauptrede, erinnerte an die nationalsozialistischen Vernichtungslager, warnte eindringlich vor mörderischen Folgen der Holocaustleugnung, besonders für Juden in Deutschland, und rief dazu auf, deutsche Neonazis durch aktive, gewaltfreie aufklärende Solidarität zum Schweigen und zur Erfolglosigkeit zu bringen. WSG-Anhänger fotografierten den Redner und überbrachten seine Rede an Hoffmann. Dieser diffamierte Lewin im März 1979 in einem Artikel seines WSG-Organs Kommando als einflussreichen Juden, dem der verwahrloste Zustand der Erlanger Synagoge gleichgültig sei. Im selben Heft warb er für die Zeitschrift des Holocaustleugners Thies Christophersen.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 268–273
Im Winter 1977 ließ Hoffmann eine WSG-Übung bei Nürnberg mit einer Kolonne von Militärfahrzeugen, Wehrsportlern in Tarnanzügen, Stahlhelmen und Waffen im Anschlag als schlagkräftige Miliz unter seiner straffen Kontrolle vorführen. Er brüstete sich öffentlich damit, dass die deutschen Behörden angeblich unpolitischen Wehrsport duldeten. In der eigenen Villa posierte er mit einem Puma als Haustier und spielte damit auf den faschistischen Diktator Benito Mussolini an, der sich mit einem Löwen hatte fotografieren lassen. Auf Antisemitismus unter Wehrsportlern angesprochen, betonte er: „Ich bin nicht gegen die Juden, aber ich bin Antizionist, weil der Zionismus unser Feind ist und das Märchen verbreitet, dass sechs Millionen Juden in den Lagern der Nazis umgebracht worden sind.“ Damit bekannte er sich offen als Holocaustleugner. Die italienische Illustrierte Oggi berichtete darüber und stellte Hoffmanns Porträt neben das von Shlomo Lewin. Bis dahin war Hoffmann zum Star und Hoffnungsträger der bundesdeutschen Rechtsextremen geworden, besonders der gewaltbereiten Szene, die die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) als zu harmlos und legalistisch ablehnte.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 260–266 Er ließ sich in Anlehnung an den Führer der nationalsozialistischen Sturmabteilung Ernst Röhm stets „Chef“ nennen.Olaf Sundermeyer: Rechter Terror in Deutschland: Eine Geschichte der Gewalt. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63845-9, S. 1993
Nachdem Bayerns Staatsregierung die WSG trotz ihres Gefahrenpotentials sechs Jahre lang geduldet hatte, verbot der damalige Innenminister Gerhart Baum (FDP) sie am 30. Januar 1980 als verfassungsfeindliche Organisation und ließ sie auflösen. Bei dem Polizeieinsatz wurden große Mengen an Waffen, Sprengstoff und NS-Propagandamaterial sichergestellt.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 45f.
„WSG-Ausland“ Nach dem Verbot verlegte Hoffmann seine Aktivitäten in den Libanon und baute dort die „WSG-Ausland“ als bewaffnete, militärische, nach dem Führerprinzip geleitete Truppe auf. Damit wollte er der bundesdeutschen Strafverfolgung entgehen, verfolgte aber laut dem Verfassungsschutzbericht von 1980 dasselbe Ziel wie zuvor: „die staatliche Ordnung in der Bundesrepublik durch die Begehung terroristischer Gewalttaten zu erschüttern“.Philipp H. Schulte: Terrorismus und Anti-Terrorismus-Gesetzgebung: Eine rechtssoziologische Analyse. Waxmann, 2008, ISBN 3-8309-1982-4, S. 162 Seit März 1980 arbeitete Hoffmann mit der PLO und deren bewaffneten Arm Fatah zusammen. Gegenüber deren Anführern stellte er sich als Kämpfer gegen Zionismus und Judentum dar, wobei ihm die illustrierte Oggi-Reportage als Beleg diente. So erreichte er, dass die PLO der WSG Waffen lieferte und erlaubte, damit im Ausbildungslager Bir Hassan im Südlibanon zu trainieren. Seit Juli 1980 ließ er ausrangierte Militärfahrzeuge für die PLO über den Balkan in den Nahen Osten überführen.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, Berlin 2020, S. 75 und 275f.