mini|Die Goldene Kammer in St. Ursula in Köln als Reliquienschatz Ein Reliquiar ist ein Gefäß oder eine Fassung, worin Reliquien aufbewahrt und verehrt werden.

Ursprung und Bedeutung

Reliquien, irdische Überreste der Körper oder Körperteile von Heiligen oder Überbleibsel des jeweiligen persönlichen Besitzes, finden sich in allen Weltreligionen, vor allem aber im Christentum. Auch Gegenstände, die mit den Körpern oder Gräbern von Heiligen oder auch mit verehrten Bildern in Berührung gekommen sind, können als Reliquien gelten und verehrt werden.Verlautbarungen des Heiligen Stuhls Nr. 160, Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung (Hrsg.): Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie, 2001 mini|Reliquienbehälter aus aufgelassenen Altären des Ostchores im Essener Münster, datiert auf 1054. Solche Reliquienbehälter stellen die Urform der Reliquiare dar. Im Christentum entwickelte sich früh eine besondere Verehrung der Märtyrer. Die Reliquienverehrung ist die älteste Form der Heiligenverehrung und seit dem 2. Jahrhundert nachweisbar. In der Spätantike und im Frühmittelalter nahm die Verehrung von Reliquien erheblich zu.Dazu ausführlich Martina Hartl: Leichen, Asche und Gebeine. Der frühchristliche Umgang mit dem toten Körper und die Anfänge des Reliquienkults (= Handbuch zur Geschichte des Todes im frühen Christentum und seiner Umwelt. Band 3). Schnell & Steiner, Regensburg 2018, ISBN 978-3-7954-3258-4. Veranlasst durch Wunderberichte wurde seit dem Frühmittelalter den Reliquien der Märtyrer heilsame Wirkung zugeschrieben.Nancy G. Siraisi: Medieval & Early Renaissance Medicine. An Introduction to Knowledge and Practice. Chicago 1990, S. 11.

Ursprünglich wurden die Reliquien von Personen, die im Rufe besonderer Heiligkeit und Gottesnähe standen, unter den Altären der ersten christlichen Kirchen beigesetzt. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit die bis heute gültige katholische Tradition, bei der Weihe einer neu errichteten Kirche eine Reliquie des jeweiligen Namenspatrons in die Mensa des Hauptaltars einzumauern und in größeren Kirchen verschiedenen Heiligen eigene, mit Reliquien ausgestattete Altäre zu errichten. Die großen Kathedralen des Mittelalters verdanken ihre Entstehung und ihren Ruhm vor allem hochverehrten Reliquien – etwa der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom oder der Reliquien der heiligen Ursula von Köln und ihrer Gefährtinnen in St. Ursula in Köln. Ähnliche Bedeutung wie die Reliquien von Heiligen haben Gegenstände, die mit dem neutestamentlichen Heilsgeschehen, insbesondere mit Jesus Christus und der Mutter Gottes, aber auch mit Johannes dem Täufer, in direkte Verbindung gebracht werden. Dazu zählen vor allem die Kreuzreliquien, kleine Holzsplitter vom Kreuz Christi, von denen viele tausende über die ganze Welt verteilt in katholischen und orthodoxen Kirchen verehrt werden.

Um die gewachsene Bedeutung der Reliquien für die Kirche, in der sie sich befanden, zu unterstreichen, begann man mit der Anfertigung spezieller, meist künstlerisch und materiell sehr kostbar ausgeführter Schreine und Behältnisse zur Aufbewahrung der Reliquien. Diese Behälter werden zusammenfassend als Reliquiare bezeichnet.

Die folgenden Abbildungen stammen aus dem Werk Lucas Cranach des Älteren Dye zeigung des hochlobwirdigen hailigthums der stifftkirche aller hailigen zu wittenberg aus dem Jahre 1509, in dem er alle Reliquien der Stiftskirche in Wittenberg abgebildet hat. Die kleine Auswahl gibt einen Überblick über die Bandbreite der Aufbewahrungsmöglichkeiten von Reliquien.

Formen des Reliquiars Reliquienschrein mini|Makkabäerschrein von P. Hahnemann, 16. Jahrhundert St. Andreas in Köln

Die älteste Form des Reliquiars ist der Reliquienschrein. Dabei handelt es sich um einen meist reich geschmückten, dem Sarkophag des Heiligen entsprechenden Kasten in Originalgröße oder miniaturisierter Ausführung. Berühmte Reliquienschreine des hohen Mittelalters sind der Dreikönigenschrein im Kölner Dom, der Karlsschrein und der Marienschrein im Aachener Dom, der Marburger Elisabethschrein und der Eibinger Hildegardisschrein sowie der St.-Maurus-Schrein, der sich seit 1888 auf der westböhmischen Burg Bečov (Petschau) befindet.

Lipsanothek Zur Beisetzung der Reliquien im Altar dienten rechteckige oder runde Kapseln oder Ampullen aus Metall, Stein, Elfenbein, Holz oder Glas, Lipsanotheken genannt. Sie konnten mit figürlichen Darstellungen oder Inschriften versehen sein.

Staurothek mini|Vierpassförmiges Kapselreliquiar (Kusstafel), Enkolpion, Niedersachsen, wohl Hildesheim, 2. Hälfte 12. Jahrhundert (Domschatz Halberstadt) mini|Vierpassförmiges Kapselreliquiar (Kusstafel), Enkolpion, Blick ins Innere mit Reliquien. Niedersachsen, wohl Hildesheim, 2. Hälfte 12. Jahrhundert (Domschatz Halberstadt)

Erste vom Typus des Schreins abweichende Formen des Reliquiars entwickelten sich vor allem in der Ostkirche, darunter die Staurothek, eine flache goldene Lade zur Unterbringung großer Kreuzreliquien – ein bekanntes Exemplar aus Byzanz, die Limburger Staurothek, befindet sich heute im Limburger Domschatz – und das Enkolpion, eine meist kreuzförmige Reliquienkapsel, die vom Priester an einer Kette um den Hals getragen wurde.

Reliquienkreuz, Kreuzreliquiar mini|„Meister des Reliquienkreuzes von Cosenza“ mit Darstellung des thronenden Christus und der vier Evangelisten aus dem 12. Jahrhundert (Kathedrale von Cosenza)

Im Westen übernahm man im Verlauf des Mittelalters zunächst die ostkirchlichen Reliquiartypen, von denen als diplomatische Geschenke sowie besonders infolge der Plünderung Konstantinopels durch venezianische Truppen im Jahr 1204 zahlreiche Exemplare nach Mitteleuropa gelangten. Daneben traten Behältnis-Variationen wie Reliquienkreuze auf.

Bedeutende Beispiele sind hier das „Adelheid-Kreuz“, größtes erhaltenes deutsches Reliquienkreuz des Hochmittelalters, das „Borghorster Stiftskreuz“, das „Kaiser-Heinrich-Kreuz (Fritzlar)“, das „Kreuz von Caravaca“, das als Gemmenkreuz gearbeitete „Reichskreuz“ in den römisch-deutschen Reichskleinodien oder das „Reliquienkreuz (London)“.

Weitere Reliquiare für Kreuzreliquien sind etwa der Talisman Karls des Großen oder das „Essener Kreuznagel-Reliquiar“.

„Sprechende Reliquiare“ mini|Armreliquiar des hl. Nikolaus, um 1225/30. Domschatz Halberstadt. Eines von sechs noch im dortigen Domschatz erhaltenen Armreliquiaren.

Unter den Pilgern des beginnenden Spätmittelalters wuchs der Wunsch danach, die Reliquien auf ihren Wallfahrten unmittelbarer in Augenschein nehmen zu können. Vielfach stellte sich gegenüber den geschlossenen Reliquienkästen ein gewisses Misstrauen ein, zumal Reliquienfälschungen Überhand nahmen. Daher wurde zunächst der Typus des sprechenden Reliquiars entwickelt – dabei handelt es sich um Behältnisse, die in ihrer äußeren Form dem Körperteil nachempfunden sind, dessen Überreste sich darin befinden.Arnold Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Primus-Verlag, Darmstadt, 2., überarb. Aufl. 2000, ISBN 3-89678-172-3, S. 693.

Reliquiare für Armknochen wurden als goldene Arme gestaltet. Bekannte Armreliquiare sind: Armreliquiar Karls des Großen (eines aus dem 12., das andere 15. Jh.) Armreliquiar des hl. Nikolaus von Myra, um 1225/30, Domschatz Halberstadt Armreliquiar des hl. Stephanus, 1205–1208, Domschatz Halberstadt Armreliquiar des hl. Quintin Armreliquiar der hl. Elisabeth (Elisabeth von Thüringen), Sayn Martini-Armreliquiar (Emmerich) Basilius-Armreliquiar, Essen Armreliquiar der Beatrix von Holte Armreliquiar des hl. Simon Zelotes, Abtei Sayn

Handreliquiare haben die Form einer Hand, etwa in der Kirche Saint-Quentin.

Fußreliquiare gestaltete man als goldene Beine, Schädel- bzw. Kopfreliquiare teils als Reliquienbüsten. Wichtige Beispiele für letztere sind die Karlsbüste im Aachener Domschatz, die Marsusbüste im Essener Domschatz und die Schädelreliquiare der Apostel Petrus und Paulus in der Lateranbasilika in Rom, der "Alexanderkopf" in Brüssel sowie der Pauluskopf in Münster.

Die besondere Form des Sitzreliquiars findet sich im Reliquiar der Fides von Conques.

Darüber hinaus ahmen Reliquiare die Gestalt von Gegenständen nach. Derart geformte Reliquiare sind Stab: Petrusstab Stuhl: Cathedra Petri (Kunstwerk), Truhe: Heiligengrabtruhe für Grabchristus bzw. Kruzifix in der Osterliturgie Becherreliquiar: Hedwigsglas der heiligen Hedwig, in dem Wasser zu Wein geworden war (Mindener Domschatz).

Ostensorium

mini|Reliquiar als Ostensorium mit einem Stück vom Tischtuch des letzten Abendmahls (→ Tuchreliquien (Reichskleinodien)), Hans Krug d. J. (* Nürnberg um 1485; † Kremnitz 1528), Weltliche Schatzkammer, Wien

Im Spätmittelalter ging man dazu über, aufwendig gefasste gläserne Behälter zu schaffen, in denen die Reliquien für den Betrachter sichtbar waren. Ein solches Schaugefäß wird je nach Ausführung als Reliquienmonstranz oder Ostensorium bezeichnet. Kleine Reliquiensplitter werden seit dem späten Mittelalter von kirchlichen Stellen in spezielle verglaste Kapseln von meist ovaler Form eingeschlossen und anschließend versiegelt oder verplombt, um die Echtheit der enthaltenen Reliquie zu dokumentieren und zu verhindern, dass kleine Reliquien verloren gehen können. Eine solche Kapsel wird als Theca bezeichnet; meist befindet sich in ihr neben der Reliquie ein Zettelchen mit erklärender Beschriftung, die sogenannte Cedula.

Osculatorium mini|Paxtäfelchen, Rheinland 15. Jahrhundert (Museum Schnütgen, Köln) Eine Sonderform des Reliquiars ist das Osculatorium, auch Paxtafel, Kusstafel oder Pacificale genannt. Dabei handelt es sich um eine flache Metallplatte mit eingesetzter Reliquienkapsel, die rückseitig mit einem Griff oder Henkel versehen ist. In der tridentinischen Messe wurde das Osculatorium vor der Kommunion als Friedenszeichen durch die Bankreihen gereicht und von jedem Gottesdienstbesucher symbolisch geküsst. Ein bekanntes erhaltenes Exemplar ist die Eberbacher Kusstafel. Die Paxtafel als Reliquiar ist eine seltene Form des Osularoriums.

Bursa Als Bursa wird eine seit dem Frühmittelalter zur Aufnahme von Reliquien bestimmte Stofftasche (Reliquienhülle) bezeichnet, wie sie beispielsweise für die einzelnen, bis zum heutigen Tage bei der Aachener Heiligtumsfahrt gezeigten Tuchreliquien verwendet wird. Auch die sogenannten Pilgertaschen, die besonders im Mittelalter breite Verwendung fanden, werden als Bursen bezeichnet. Eine ganz besonders wertvolle Reliquientasche stellt die in der Wiener Schatzkammer aufbewahrte Stephansbursa dar. Zu unterscheiden sind die textilen Bursen von schreinartigen Reliquiaren, sogenannten Bursenreliquiaren, die oft als aufwändige Goldschmiedearbeiten solchen Pilgertaschen nachempfunden wurden.Vgl. die Zusammenstellung der ca. 30 erhaltenen Exemplare bei Kristin Mannhardt: Das Hildesheimer Bursenreliquiar und der Typus der mittelalterlichen Reliquienbursen. In: Klaus Gereon Beuckers, Dorothee Kemper (Hrsg.): Typen mittelalterlicher Reliquiare zwischen Innovation und Tradition (= Objekte und Eliten in Hildesheim 1130 bis 1250. Band 2). Schnell & Steiner, Regensburg 2017, S. 47–80. In den Inventaren werden diese oft als capsa bezeichnet.

Phylakterion Kleine Kapseln mit Reliquien, die um den Hals oder vor der Brust getragen wurden, werden Phylakterion ( ‚Schutzmittel, Amulett‘) genannt. Ihnen wurde apotropäische Wirkung, Schutz vor Unheil und Gefahr, zugeschrieben.

Reliquienpyramide Reliquien von mehreren Heiligen werden mitunter in sogenannten Reliquienpyramiden aufbewahrt.Vgl. etwa Christine Demel u. a.: Leinach. Geschichte – Sagen – Gegenwart. Selbstverlag Gemeinde Leinach, Leinach 1999, S. 320–322 (Die Reliquienpyramiden der Peterskapelle in Leinach).

Liturgie und Brauchtum