Das Damara-Dikdik (Madoqua damarensis) ist eine Art der Dikdiks aus der Gruppe der Gazellenartigen. Sie kommt im nordwestlichen Namibia und im südwestlichen Angola vor und bewohnt dort trockene offene Wald- und Buschlandschaften. Im äußeren Erscheinungsbild ähneln die Tiere anderen Dikdiks, wodurch sie ein kleiner Kopf, langer Hals, kurzer Schwanz und lange Gliedmaßen charakterisieren. Typisch für Männchen sind kurze, spießartige Hörner. Als Artkennzeichen für das Damara-Dikdik können seine vergleichsweise großen Ausmaße, das graue Rückenfell und der helle vordere Rumpfabschnitt genannt werden. Die Lebensweise ist relativ gut untersucht. Die Tiere leben in Paaren und unterhalten jeweils ein Revier. Dessen Grenzen werden markiert und verteidigt. Als Nahrung dient weiche Pflanzenkost von Bäumen und Büschen, wobei während der Regenzeit auch Gräser einen Bestandteil bilden. Die Fortpflanzung erfolgt einmal jährlich, nach einer Tragzeit von rund 170 Tagen wird ein einzelnes Jungtier geboren. Die Aufzucht übernimmt ausschließlich das Muttertier. Das Damara-Dikdik wurde im Jahr 1880 wissenschaftlich beschrieben. Es galt aber in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Unterart des Kirk-Dikdiks, das im östlichen Afrika heimisch ist. In den 1990er Jahren deckten Chromosomenuntersuchungen auf, dass das Damara-Dikdik eine eigenständige Art darstellt. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird es daher wieder unabhängig geführt. Zur Bestandsentwicklung liegen nur wenige Informationen vor.

Merkmale Habitus mini|links|Damara-Dikdik, weibliches Individuum im Etosha-Nationalpark Das Damara-Dikdik gehört zu den größeren Vertretern aus der Verwandtschaftsgruppe um das Kirk-Dikdik (Madoqua kirkii). Es ist in seinen Ausmaßen vergleichbar zum Cavendish-Dikdik (Madoqua cavendishi). Die Gesamtlänge variiert von 58 bis 71 cm, mit inbegriffen ist dabei ein 3,2 bis 5,6 cm langer Schwanz. Die Schulterhöhe reicht von 38 bis 43 cm. Das Gewicht liegt bei 4,6 bis 5,5 kg. Weibliche Tiere sind zumeist größer als männliche, der Unterschied ist markanter als bei den Verwandten in Ostafrika. Insgesamt ähnelt das Damara-Dikdik den anderen Angehörigen der Gattung. Es besitzt einen kleinen Kopf, einen langen Hals und lange, schlanke Gliedmaßen. Auffallend ist außerdem die vergrößerte rüsselartige Nase.

Die Fellfärbung gleicht dem Cavendish-Dikdik und ist am Rücken eher grau. Der vordere Abschnitt zeigt sich jedoch deutlich heller. Die einzelnen Haare werden hier 2,5 bis 3,0 cm lang, etwas kürzer im Bereich des Halses. Sie haben weißliche bis fahlgelbliche Schaftringe, während die Spitzen schwärzlich sind, was den gesprenkelten Fellcharakter hervorruft. Die hinteren Abschnitte der Hinterbeine sind heller als die seitlichen. Dagegen heben sich der Bauch und die Beininnenseiten weißlich hervor. Die Füße tragen schwärzliche Hufe mit gummiartigen Schwielen an der Unter- und Hinterseite, welche den felsigen Untergrund ausgleichen. Abweichend von anderen Dikdiks fehlen dem Damara-Dikdik die Zwischenzehendrüsen, allerdings besteht dort noch eine markante Hautfalte. Die Hinterfußlänge reicht von 18,8 bis 21,6 cm.

Im Gesicht und auf der Stirn dominieren hell-rostbraune Farbtöne. Die einzelnen Haare erreichen Längen bis zu 4,5 cm und haben eine orange-braune Färbung. Sie liegen im Normalfall flach an, richten sich aber bei Erregung zu einem kleinen Kamm auf, der dann längs über die Stirn reicht. Die Ohren, die 7,8 bis 8,6 cm lang werden, zeigen sich auf der Rückseite rostbraun-gelblich, die Ränder sind dunkel und die Innenseiten hell gelblich weiß. Die Augen umgibt ein weißlicher Ring. Er fasst die dunkle, mondsichelartig geschlitzte Voraugendrüse mit ein, die bei männlichen Tieren größer ist als bei weiblichen. Wie bei allen Dikdiks verfügen nur die Männchen über kurze, spießartige Hörner, deren Länge bei 7,7 bis 8,8 cm liegt. Sie erheben sich oberhalb der Augen und sind rückwärts orientiert, wobei sie sich nur leicht aus der Ebene der Stirnlinie heben. Zur Spitze krümmen sie sich leicht nach vorn, der Abstand der Spitzen zueinander beträgt 3,7 bis 5,2 cm. Die Basis, die etwa 4,0 cm misst, ist wie bei den Dikdiks üblich kräftig geringelt. Insgesamt sind die Hörner dunkel gefärbt.

Schädel- und Gebissmerkmale Die Schädellänge beträgt 10,5 bis 12,0 cm. Im Bau ähnelt der Schädel dem der anderen Dikdiks. Der hintere Hirnschädel ist deutlich gewinkelt, die Seitenflächen weiten sich nach vorn. Die auf dem Schädeldach verlaufenden Knochenrippeln stehen weit auseinander. Die Tränengruben sind vergrößert und geben so Platz für die Voraugendrüse. Ebenso ist der Naseninnenraum voluminös, um die vergrößerte rüsselartige Nase aufzunehmen, was aber verhältnismäßig nicht ganz so deutlich ausfällt wie beim Cavendish-Dikdik. Dadurch zeigt sich das Nasenbein jedoch charakteristisch verkürzt. Das Gebiss setzt sich aus 32 Zähnen zusammen, die Zahnformel lautet: . Typischerweise kommt auf dem letzten unteren Molar eine kleine dritte Leiste vor, was ein Kennzeichen für die Verwandten des Kirk-Dikdiks bildet. Generell ist der vordere untere Schneidezahn moderat groß, die Backenzähne besitzen hohe (hypsodonte) Zahnkronen. Die Länge der oberen Zahnreihe variiert von 3,5 bis 4,1 cm.

Verbreitung und Lebensraum mini|hochkant|Verbreitungsgebiet des Kirk-Dikdik-Artkomplexes, das Vorkommen des Damara-Dikdiks ist gelb markiert Das Damara-Dikdik ist im südwestlichen Afrika heimisch. Es kommt im nördlichen und nordwestlichen Namibia vor, hauptsächlich im Kaokoland ostwärts bis Grootfontein und westwärts bis zu den Ausläufern der Namib etwa 45 km landein von der Atlantikküste. Die südliche Verbreitungsgrenze verläuft etwa im Bereich der Brukkaros-Berge. Nach Norden reicht der Lebensraum bis in das südwestliche Angola ungefähr bis auf Höhe von Lobito. Von den Verbreitungsgebieten der übrigen Dikdiks im östlichen und nordöstlichen Afrika ist das Damara-Dikdik rund 2000 km getrennt. Die Tiere bevorzugen trockene und offene Wald- sowie Buschlandschaften mit steinigem Untergrund und geringem Grasbewuchs. Die jährlichen Niederschläge liegen bei 75 bis 500 mm. In deutlich trockeneren Regionen hält sich das Damara-Dikdik häufiger in Flussniederungen auf. Mitunter sind die Habitate fleckenhaft verteilt wie etwa am Fischfluss.

Lebensweise Territorialverhalten mini|links|Paar des Damara-Dikdiks Die Lebensweise des Damara-Dikdiks ist im Vergleich zu anderen Vertretern aus dem Verwandtschaftskreis des Kirk-Dikdiks (Madoqua kirkii) relativ gut untersucht. Es ist überwiegend dämmerungs- und nachtaktiv mit nur wenigen täglichen Aktivitäten, die vor allem in der heißen Jahreszeit stark zurückgehen. Die Tiere leben in monogamen Paaren, bei hoher Populationsdichte bilden sich unter Umständen vorübergehend polygame Gruppen aus. Nach Beobachtungen in Namutoni im Etosha-Nationalpark entfallen von 323 Sichtungen des Damara-Diksdiks rund 47 % auf Paare mit oder ohne Nachwuchs. Hinzu kommen einzelne ausgewachsene Individuen in Begleitung mit Jungtieren. Der Rest umfasst solitäre männliche und weibliche Tiere, die teils nicht vollständig ausgewachsen sind. Einzelne Männchen durchwandern in der Regel eine Region auf der Suche nach einer Partnerin. Der Populationsaustausch in einer Region ist sehr hoch. In Namutoni verschwanden nach Untersuchungen über einen Zeitraum von zwei Jahren gut 72 % aller registrierten Individuen, davon 69 % der Weibchen und 85 % der Männchen. Möglicherweise geht dies auf den individuellen Tod zurück. Die enge Bindung der Familiengruppen ist auch anhand von DNA-Untersuchungen nachvollziehbar. Sie ergaben, dass die Nachkommen in allen analysierten Fällen direkt mit den Elterntieren verwandt und dadurch weder väter- noch mütterlicherseits Paarungsversuche außerhalb der Familiengruppe erkennbar waren. Beobachtungen zufolge allerdings nutzen Männchen, bei vorhandener Gelegenheit, auch die Möglichkeit, sich außerhalb der eigenen Familiengruppe fortzupflanzen. Im Fall des Todes eines Partners erfolgt der Ersatz bei verstorbenen Männchen relativ schnell und dauert nur zwei bis drei Tage, bei verstorbenen Weibchen kann bis zu einem Monat vergehen. Bemerkenswerterweise kommt es nicht zu einem Infantizid durch einen neuen männlichen Partner.

Die Tiere sind stark territorial. Jedes Paar unterhält ein Revier, dessen Größe zwischen 0,3 und 12 ha schwankt. Die Größe ist nur bedingt abhängig vom Vegetationsstand und damit der Verfügbarkeit von Ressourcen. Die Grenzen werden durch Sekretabsetzungen mittels der Voraugendrüsen angezeigt, was bei Männchen mit 19 Markierungen je Stunde dreimal häufiger geschieht als bei Weibchen. Zusätzliche Duftmarken setzen die Tiere innerhalb ihres Territoriums. Zum Defäzieren nutzen sie bestimmte Latrinen. An Reviergrenzen zu benachbarten Paaren, wo die jeweiligen Halter die gleichen Plätze aufsuchen, können so im Laufe der Zeit Haufen von 2 m Durchmesser und 10 cm Höhe entstehen. Mitunter überdeckt das Damara-Dikdik auch die Fäkalien anderer Antilopen sowie von Elefanten und Nashörnern. Gemeinsame Aktivitäten der Partner beschränken sich auf rund 64 % der Tageszeit. Sie gehen während der trocken-heißen Jahreszeit zurück, womit womöglich Nahrungskonkurrenz vermieden wird. Die Distanzen zueinander belaufen sich auf durchschnittlich 7 m, männliche und weibliche Tiere kommen sich lediglich in der Ruhephase näher. Die Abstände zueinander schrumpfen aber während der Östrus-Phase der Weibchen auf rund 3 m. Das Männchen begleitet dann das Weibchen und verschleiert auch dessen Duftmarken mit seinen eigenen. Teilweise verhält sich das Männchen deutlich aggressiver gegenüber dem Weibchen. Insbesondere wenn der weibliche Partner das gemeinsame Territorium verlässt, versucht der männliche diesen wieder zurückzutreiben.

Größere Wanderungen finden überwiegend während der Regenzeit statt, die durch intensives Graswachstum verursacht werden. Bei Grasständen von mehr als 60 cm, die somit die Körperhöhe der Tiere übertreffen, suchen sie offenerer Gebiete auf. In Gefahr und Erregung richtet sich der Haarkamm auf der Stirn auf. Bedrohte Tiere fliehen mit vier oder fünf kräftigen Prellsprüngen, begleitet von einem lauten Pfeifen, das etwa nach „dsig-dsig“ klingt. Ein weiterer Pfeifton, erzeugt durch die Nasenlöcher, dient der Lautkommunikation untereinander. Daneben sind ein Trällern als Warnruf, ein Blöken als Fluchtruf sowie ein Schreien als Ausdruck von Schmerz bekannt.

Ernährung Die überwiegende Nahrung des Damara-Dikdiks besteht aus weicher Pflanzenkost (browsing) wie Blätter und Blüten von Bäumen und Sträuchern. Die Nahrung wird von den Pflanzen direkt oder als Laubfall vom Erdboden gefressen. Häufig bevorzugt werden nach Untersuchungen in Namutoni verschiedene Akaziengewächse und Vertreter der Gattung Spirostachys, welche das Damara-Dikdik ausgiebig beweidet. Außerdem sind unter anderem Albizia, Commiphora, Croton und Rhus von Bedeutung. Daneben fressen die Tiere Früchte, etwa Feigen oder jene des Zahnbürstenbaums. Die Bäume und Sträucher sind sowohl während der Regen- als auch der Trockenzeit von Bedeutung. In der feuchten Jahreszeit erweitern Gräser und Kräuter das Nahrungsspektrum. Erstere werden durch Süßgräser wie Enneapogon oder Borstenhirsen und Klettengräser vertreten, letztere durch Tagblumen, Prunkwinden und Gänsefüße. Insgesamt konsumiert das Damara-Dikdik 32 verschiedene Pflanzenarten in der Regen- und 22 in der Trockenzeit.