Kanon ist ein Substantiv, das aus dem Altgriechischen über das Lateinische ins Deutsche entlehnt wurde und mehrere Bedeutungen hat, unter anderem:
Sammlung der in einer Religion als essentiell und verbindlich angesehenen Schriften: ursprünglich bezogen auf den Kanon der biblischen Bücher, dann auch Buddhistischer Kanon usw. von diesem Vorbild abgeleitete alltagssprachliche Bedeutung: Kanon der Literatur, Bildungskanon bzw. Filmkanon; Kanon der Messe (Canon Missae); Vorschrift des kirchlichen (kanonischen) Rechts; Musikstück, bei dem die Stimmen nacheinander mit derselben Melodie einsetzen (Kanon).
Sie alle beziehen sich auf das gleiche altgriechische Wort zurück; es bedeutet „Rohrstab, gerade Stange, Richtschnur, Regel, Modell“ (Plural: ). Die Entlehnung ins Deutsche erfolgte zu verschiedenen Zeiten: im 9./10. Jahrhundert althochdeutsch canon „kirchliche Rechtsvorschrift“,Althochdeutsches Wörterbuch Online. im 15. Jahrhundert canon im Sinne von Messkanon.Kanon, in: Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, , abgerufen am 20. Februar 2023.
Der folgende Artikel stellt die Begriffsgeschichte von kanṓn, lateinisch canon in der Antike und im christlichen Soziolekt seit der römischen Kaiserzeit im Besonderen dar.Vgl. Markus Asper: Kanon. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 4. Niemeyer, München 1998, Sp. 869–882 („In der Kaiserzeit ist K. in den Soziolekt der christlichen Kirche eingedrungen und hat dort noch einmal verschiedenste Bedeutungen erlangt, auf denen die heutigen Verwendungen des Wortes basieren.“)
Etymologie hochkant|mini|Schilfrohr (Arundo donax)
Das Substantiv kanṓn ist nach Hjalmar Frisk eine Ableitung von „Rohr (Arundo donax), Rohrgeflecht, Rohrmatte“, das seinerseits ein Lehnwort aus dem Babylonisch-Assyrischen (qanū „Rohr“) ist.Hjalmar Frisk: Griechisches etymologisches Wörterbuch, Band 1. Winter, Heidelberg 1960, S. 779 f. (online).
Es handelt sich um ein semitisches Primärnomen, das auch im Ugaritischen, Phönizisch-Punischen, Aramäischen usw. mit jeweils ähnlicher Bedeutung vorkommt. Häufig findet sich neben der konkreten Bedeutung „Schilfrohr“ eine Verwendung im technischen Bereich. Beispielsweise im Tanach bedeutet je nach Kontext Schilfrohr, Pfeilrohr, Würzrohr oder Halm, aber auch Messrute (), Waagbalken () oder Schaft (der Menora).Gesenius 18. Aufl., S. 1175 f.
Die Entlehnung ins Griechische erfolgte sehr früh. Im Mykenischen bezeichnete ko-no-ni-pi einen Teil eines Stuhls oder eines Trinkgefäßes.John Chadwick, Lydia Baumbach: The Mycenaean Greek Vocabulary. In: Glotta 41 (1963), S. 157–171, hier S. 207 f. In der Ilias begegnet kanṓn mehrfach mit der Bedeutung „Rohrstab (zum Festhalten des Schildes)“.
Im klassischen Griechisch trat das Material (Schilfrohr) in den Hintergrund und die Eigenschaft der Geradheit in den Vordergrund: Unter den verschiedenen Werkzeugen, die als kanṓn bezeichnet wurden, ist das Richtscheit des Zimmermanns und Bauhandwerkers am wichtigsten; dabei handelt es sich um eine Art hölzernes Lineal, das bei der Bearbeitung von Holz und Stein verwendet wurde.Theodor Zahn: Grundriß der Geschichte des neutestamentlichen Kanons, Leipzig 1901, S. 2 f. Das Richtscheit des antiken Bauhandwerkers verband Maß und Geradheit und bereitete damit die übertragene Verwendung des Begriffs kanṓn vor.Herbert Oppel: Κανών. Zur Bedeutungsgeschichte des Wortes und seiner lateinischen Entsprechungen (Regula–Norma), Leipzig 1937, S. 10, hier zitiert nach: Heinz Ohme: Kanon ekklesiastikos. Die Bedeutung des altkirchlichen Kanonbegriffes, Berlin/New York 1998, S. 21 f.
Antike allgemein „Drei grundlegende semantische Cluster gingen aus dem Schilfrohr-Stamm kanon im Altgriechischen hervor: peinlich genaue, oft mathematische Exaktheit, Modelle oder Muster zur Nachahmung und Gesetze oder Dekrete.“Lorraine Daston: Rules. A Short History of What We Live By. Princeton University Press, 2022, S. 24.
Kanṓn und das Streben nach Exaktheit hochkant|mini|Doryphoros, römische Kopie aus Pompeji (Archäologisches Nationalmuseum Neapel)
Nach Herbert Oppel wurde der Begriff kanṓn im 5./4. Jahrhundert v. Chr. in verschiedenen Wissensgebieten für Innovationen gebraucht, mit denen man dem Ideal der Exaktheit () nahekommen konnte:Hier referiert nach: Heinz Ohme: Kanon ekklesiastikos. Die Bedeutung des altkirchlichen Kanonbegriffes, Berlin/New York 1998, S. 22–26.
in der Kunsttheorie war der Kanon des Polyklet eine Proportionslehre; wahrscheinlich bezeichnete kanṓn auch eine Statue, die diese Proportionen modellhaft veranschaulichte (den Doryphoros); in der Musiktheorie war der ein Instrument (Monochord) zur Messung der Intervalle; daher wurde die Musiktheorie der Pythagoreer als bezeichnet.
Kanṓn und die Nachahmung eines Vorbilds Aristoteles verwendete den Begriff kanṓn in einer neuartigen und dann im Hellenismus und der Frühen Kaiserzeit vorherrschenden Weise für einen vorbildhaften Menschen. Der Verständige, der durch sein Verhalten selbst zum „Maßstab“ für andere wird, war ein beliebtes Thema der Popularethik.Heinz Ohme: Kanon ekklesiastikos. Die Bedeutung des altkirchlichen Kanonbegriffes, Berlin/New York 1998, S. 26.
Dionysios von Halikarnassos empfahl seinen Lesern, die Rhetorik und guten Stil lernen wollten, sich an Vorbildern (kanónes) zu schulen, und bezeichnete Lysias als kanṓn des reinen attischen Stils, modern formuliert: als „Klassiker“. Listen der besten Lyriker, Tragiker, Redner usw. wurden in hellenistischer Zeit gern zusammengestellt, doch wurde eine solche Liste von Klassikern in der Antike nicht als (literarischer) Kanon bezeichnet. Diesen Begriff prägte vielmehr David Ruhnken 1768 in Anlehnung an den Kanon der biblischen Bücher.Franco Montanari: Kanon (I-VI). In: Der Neue Pauly, Band 6 (1999), Sp. 248–251.
Kanṓn und das Einhalten von Grenzen Die dritte antike Bedeutung des Begriffs verbindet sich nach Oppel mit der Vorstellung, dass das sittlich Gute etwas Umgrenztes sei und der Mensch durch Beachtung eines kanṓn die Möglichkeit habe, an dieser Grenzlinie entlangzugehen, ohne sie zu übertreten. „In diesem Sinne als ‚Richtschnur der Gerechtigkeit‘ hat κανών Eingang in die Staatslehre und die Sozialethik gefunden.“Heinz Ohme: Kanon ekklesiastikos. Die Bedeutung des altkirchlichen Kanonbegriffes, Berlin/New York 1998, S. 27. Hier schließen sich die in der Kaiserzeit gängigen Bedeutungen von kanṓn als grammatischer Regel und als (astronomischer, historischer usw.) Tabelle an.Heinz Ohme: Kanon I. (Begriff), Stuttgart 2004, Sp. 4. Beispielsweise wurden die „Handtafeln“ () des Claudius Ptolemäus zum Standardwerk der antiken und mittelalterlichen Astronomie.Lorraine Daston: Rules. A Short History of What We Live By. Princeton University Press, 2022, S. 26.
Judentum Septuaginta Kanṓn wird in der Septuaginta nie zur Übersetzung von verwendet und kommt überhaupt nur dreimal vor: Jdt 13,6 („Bettpfosten“), Mi 7,4 (dunkel. Übersetzungsvorschlag Septuaginta Deutsch: „Und ich werde hinwegnehmen ihre Güter wie der Kleiderwurm, der frisst und auf den (Web)balken geht …“), und 4 Makk 7,21. Man sieht hier, dass das 4. Buch der Makkabäer eine stoisch beeinflusste philosophische Abhandlung (Diatribe) ist:
Das ist nach Heinz Ohme der „unspezifische Sprachgebrauch der gehobenen jüdisch-hellenistischen Umgangssprache.“Heinz Ohme: Kanon ekklesiastikos. Die Bedeutung des altkirchlichen Kanonbegriffes, Berlin/New York 1998, S. 26.
Philo von Alexandria Philo gebrauchte den Begriff kanṓn, um das Verhältnis zwischen den Zehn Geboten und den Einzelgesetzen des Pentateuch darzulegen. Die Zehn Gebote seien der kanṓn, die Einzelgebote deren Entfaltungen. Er prägte die (später von Autoren der Alten Kirche aufgegriffene) Formulierung „Normen der Wahrheit“. Diese Normen seien im Pentateuch enthalten und das Gegenteil zum Mythos.Heinz Ohme: Kanon ekklesiastikos. Die Bedeutung des altkirchlichen Kanonbegriffes, Berlin/New York 1998, S. 30–36.
Christentum Frühe Christen Paulus von Tarsos hochkant|mini|Autorenporträt des Paulus, aus einem karolingischen Manuskript der Paulusbriefe (St. Gallen, frühes 9. Jahrhundert, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, HB II 54)
Unter den Verfassern des Neuen Testaments verwendete nur Paulus den Begriff kanṓn. Dieser hat für die Komposition des Briefs an die Galater zentrale Bedeutung. Am Briefende fasste Paulus sein Evangelium in einem Satz zusammen, gefolgt von einem Segenswunsch nur für die Leser, die sich an diese grundlegende Norm (kanṓn) halten, d. h. einer indirekten Drohung an Leser, die Vorbehalte gegenüber Paulus hatten ().Heinz Ohme: Kanon ekklesiastikos. Die Bedeutung des altkirchlichen Kanonbegriffes, Berlin/New York 1998, S. 37–40.
Die übrigen drei paulinischen Verwendungen von kanṓn () finden sich in einem emotional-polemischen Kontext, innerhalb des sogenannten „Tränenbriefs“ (2 Kor 10–13): Paulus schrieb, Gott habe ihm im Zusammenhang der Gemeindegründung in Korinth ein „Maß des kanṓn“ zugemessen; der Apostel hoffte, „nach seinem eigenen kanṓn“ Lob zu empfangen, zumal er sich nicht „nach einem fremden kanṓn“ rühmen wollte. In der Exegese werden zwei Interpretationen vorgeschlagen, die auch für die Übersetzung der Textpassage Konsequenzen haben:
Kanṓn als das Umgrenzte, d. h. das Arbeitsgebiet des Paulus. Paulus betrachte Korinth als Teil seines Missionsgebiets. Hier lässt sich auf eine zeitgenössische römische Inschrift aus Pisidien verweisen, die für kanṓn „einen amtlichen Sprachgebrauch, in dem Versorgungsaufgaben und Leistungen bestimmten Gebieten zugeordnet sind“ belegt.Friedrich Wilhelm Horn: Wollte Paulus kanonisch wirken? In: Kanon in Konstruktion und Dekonstruktion, Berlin/Boston 2012, S. 400–422, hier S. 407. Vgl. Edwin Arthur Judge: The Regional kanon for Requisitioned Transport. In: Ders., The First Christians in the Roman World. Augustan and New Testament Essays (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 229): Mohr Siebeck, Tübingen 2008, S. 348–359. Kanṓn als Beurteilungsmaßstab. Gott habe Paulus erwählt und ihn durch besondere Charismen zur Mission qualifiziert, was an den Erfolgen dieser Mission in Korinth ablesbar sei.Heinz Ohme: Kanon ekklesiastikos. Die Bedeutung des altkirchlichen Kanonbegriffes, Berlin/New York 1998, S. 40–44. Vgl. Ernst Käsemann: Die Legitimität des Apostels. Eine Untersuchung zu II Korinther 10–13 (= Libelli. Band 33). WBG, Darmstadt 1966.
Friedrich Wilhelm Horn, der die erste Interpretationsmöglichkeit von 2 Kor 10, 13–16 befürwortet, fasst den Sprachgebrauch des Paulus so zusammen: „Er bindet sich an einen Kanon, der ein auch geographisch bestimmtes Missionskonzept beinhaltet, und er bindet seine Gemeinden an einen Kanon, der auf die Kirche bezogen ist, in der Juden und Heiden ohne Beachtung der sie trennenden identity markers verbunden sind.“Friedrich Wilhelm Horn: Wollte Paulus kanonisch wirken? In: Kanon in Konstruktion und Dekonstruktion, Berlin/Boston 2012, S. 400–422, hier S. 408.
Erster Clemensbrief Im Ersten Clemensbrief griff die Gemeinde von Rom regulierend in einen Konflikt innerhalb ihrer Schwestergemeinde in Korinth ein, und in diesem Kontext findet sich der früheste und sehr dezidierte christliche Gebrauch des Begriffs kanṓn außerhalb des Neuen Testaments.